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Ein Spaziergang in Seochon

On the Road 2021 SUMMER 69

Ein Spaziergang in Seochon Ein Spaziergang in Seochon In Seochon, einem der ältesten Viertel Seouls, wird durch ein Labyrinth jahrhundertealter Häuser und ein reiches künstlerisches Erbe eine bezaubernde urbane Oase der Ruhe und Besinnung aufrechterhalten. Wirft man einen Blick in die Seitenstraßen von Seochon, sieht man am Fuße des Berges Bugak-san den Gyeongbok-gung, den Haupt¬könisgpalast des Joseon-Reichs (1392-1910), und Cheong Wa Dae (Blaues Haus), den Amtssitz des Präsidenten. Diese Nähe zu Regierungsinstitutionen führte dazu, dass Seo¬chon jahrhundertelang eine Wohnenklave von Beamten und Gelehrten war, die zu Fuß zum Palast gingen. „Seochon“ bedeutet „Westliches Dorf“, referiert also auf seine Lage Richtung Palast. Das Viertel erstreckt sich ent¬lang des Fußes des Berges Inwang-san, der zu den Zeiten, als Seoul noch von Stadtmauern umgeben war, als Verteidi¬gungsbarriere fungierte. Während der COVID-19-Pandemie steigen diejenigen, die die Freuden des Solo-Wanderns ent¬deckt haben, zum Gipfel, um sich in den Anblick der unter ihren Augen entfaltenden Seouler Stadtlandschaft zu verlie¬ren. Neben dem für seine traditionellen Hanok-Häuser bekannten Viertel Bukchon (Nördliches Dorf) ist Seochon in jüngster Zeit zu einer der größten Touristenattraktio¬nen von Seoul aufgestiegen. Beide Orte sind voller char¬manter Gassen, gesäumt von Häusern im traditionellen Stil, von denen nicht wenige Hunderte von Jahren alt sind. Viele beherbergen heute stilvolle Cafés, Boutique-Cafés oder Gaststätten. In einem umfunktionierten traditionel¬len Hanok befindet sich der Daeo Bookstore, der älteste Gebrauchtbuchladen in Seoul, nur wenige Gehminuten von der U-Bahn-Station Gyeongbok-gung entfernt. Noch bedeu¬tender ist, dass Seochon und Bukchon ein distinktives Flair von Kunst und Kultur anhaftet. Die engen Gassen von Seochon atmen Warmherzigkeit und Ungezwungenheit des Goldenen Gässchens in Prag und die Atmosphähre der Pariser Hintergassen von Montmart¬re. Neben den umfunktionierten Hanok gibt es Galerien, in denen Tuschegemälde der Joseon-Zeit jetzt die Leinwände von Künstlern des 21. Jhs zieren. Ein beliebter Treffpunkt ist der Tongin Markt, wo zahlreiche Händler Alltagswa¬ren verkaufen und Restaurants mit allerlei köstlichen Spei¬sen locken. Der Markt ist berühmt für sein Lunchbox-Pro¬gramm: Man kann Münzen eintauschen, mit denen man eine große Auswahl an hausgemachten Beilagen sehr güns¬tig kaufen kann. Vom Gipfel des Berges Inwang-san kann man Seochon und das alte Seoul aus der Vogelperspektive betrachten. Seochon meint das Gebiet vom östlichen Fuß des Berges bis zu den Westmauern des Palastes Gyeongbok-gung, ein Viertel, wo im Joseon-Reich die niedrigen Hofbeamten lebten. Heute ist Seochon mit seiner Mischung aus Kunst, Kultur, Essen, Geschichte, Nostalgie und natürlicher Szenerie ein Muss für jeden Besucher. Das Suseongdong-Tal in Ogin-dong, ein malerische Oase berühmt für ihre schattenspendenden Bäume und das Geplätschere kühler Wasserläufe, ist seit jeher beliebt bei Künstlern. Die Seouler Stadtmauer wurde kurz nach der Gründung des Joseon- Reichs im 14. Jahrhundert erbaut. Der 18,6 km lange Verteidigungswall ist im Schnitt fünf bis acht Meter hoch. Der westliche Abschnitt führt über den Berg Inwang-san, an dessen Fuß sich das Viertel Seochon schmiegt. Berühmte Bewohner von einst Das Pak No-soo Museum wurde 2013 eröffnet. Pak lebte rund vierzig Jahre in diesem Haus und spendete an die 1.000 Kunstwerke, die hier aufbewahrt und ausgestellt werden. 1941 lebte Yun Dong-ju, ein Student am Yonhee College (Vorläufer der heutigen Yonsei-Universität), im Haus des Dichters Kim Song (1909-1988) und verfasste hier einige seiner wichtigsten Werke, darunter Die Nacht, in der ich Sterne zähle. Eine Tafel markiert die Stelle, an der das Haus einst stand. Kim Mi-gyeong nimmt ihre Tuschestifte mit auf Flachdächer und andere hochgelegene Orte, um die Straßen von Seochon zu malen. Nach einer 20-jährigen Karriere als Journalistin zog sie 2005 nach New York, um sich schließlich 2012 in Seochon niederzulassen, wo sie als die „Künstlerin auf dem Dach“ bekannt ist. Es war in Seochon, wo mehrere Prinzen geboren wurden und aufwuchsen, darunter Chungnyeong, der dritte Sohn von König Taejong, der später als König Sejong der Große regierte (1418-1450). Ihm ist die Einführung des koreani¬schen Alphabets Hangeul und die Vorantreibung der natur¬wissenschaftlichen Forschung zu verdanken. Prinz Anpyeong (1418-1453), König Sejongs dritter Sohn, lebte im Suseongdong-Tal im Viertel Ogin-dong, dem nördlichsten Teil dieser Nachbarschaft, die als Kulisse von An Gyeons Tuschemalerei Mongyudowondo (Traumreise ins Land der Pfirsichblüten, 1447) diente. Dieses berühmte Werk, das das taoistische Utopia darstellt, wurde von einem Traum des Prinzen inspiriert. Ein weiterer königlicher Bewohner von Seochon war König Sejongs zweitältester Bruder Prinz Hyoryeong (1396-1486), bekannt für seine Gelehrsamkeit und Tugend¬haftigkeit. Er entkam der Machtpolitik am Hofe, als sein jüngerer Bruder den Thron bestieg, und wurde für seine Bemühungen zur Wiederbelebung des Buddhismus verehrt. Es war auch in dieser Nachbarschaft, wo Jeong Seon (1676-1759) Inwangjesaekdo (Inwang-Gebirge nach dem Regen, 1751) malte, ein Meisterwerk der realen Land¬schaftsmalerei „Jingyeong“, die als Gipfel der Joseon- Kultur gilt. Dieses zum Nationalschatz Nr. 216 deklarierte Kunstwerk, das Teil der Privatsammlung von Lee Kun-hee (1942-2020), des Vorstandsvorsitzenden des Samsung-Kon¬zerns, war, wurde nach seinem Tod dem Staat gestiftet. Ab Mitte der Joseon-Zeit lebten in Seochon dann meist „Jungin“ (wörtlich: mittlere Menschen), also Angehöri¬ge der Schicht zwischen den adligen „Yangban“ und den einfachen Bürgern. Niederrangige Höflinge wie Dolmet¬scher und Übersetzer, Ärzte, Maler und andere ließen sich hier nieder. Damit wurde dieses Gebiet, das heute u. a. Sajik-dong, Ogin-dong und Hyoja-dong umfasst, zu einem Wohnviertel von Fachpersonen, die für die Verwaltung des Königshofs unerlässlich waren. Bukchon hingegen war ein Literati-Viertel, weshalb die Hanok dort vergleichsweise groß und stattlich sind. Im Gegensatz dazu sind die traditio¬nellen Häuser in Seochon klein und bescheiden, was auch die zahlreichen engen Gässchen, die sich wie Äderchen durch dieses Viertel ziehen, erklärt. Nach dem Untergang des Joseon-Reichs zogen in der daran anschließenden Zeit der japanischen Besatzung (1910- 1945) viele junge Künstler nach Seochon. Zu nennen sind allen voran die Dichter Yun Dong-ju (1917-1945) und Yi Sang (1910-1937), die Dichterin No Cheon-myeong (1911- 1957) und der Schriftsteller Yeom Sang-seop (1897-1963). In der Nachbarschaft lebten die Maler Gu Bon-ung (1906- 1953) und Lee Jung-seop (1916-1956) sowie die Malerin Chun Gyeong-ja (1924-2015). Ironischerweise ist Seochon auch das Viertel, wo sich die Luxusanwesen westlichen Stils der pro-japanischen Kolloborateure Lee Wan-yong (1858- 1926) und Yun Deok-yeong (1873-1940) befanden. Kunst und Kultur, die über die Zeiten hinweg verstanden und genossen wird, ist mit dem Schlüpfen eines Vogels ver¬gleichbar, bei dem die Schale aufgebrochen und aus dem Dunkel eine neue Welt erschaffen wird. Wie der Jungvogel sich durch die harte Schale picken muss, um zu leben, so stürzten sich die Künstler von damals in kreatives Schaf¬fen, um aus Armut und Verzweiflung der Zeit auszubre¬chen. Ihre Spuren zu entdecken und ihnen zu folgen war die geheime Mission meiner Wanderung durch Seochon. Der 1941 eingerichtete Tongin Markt war ursprünglich ein öffentlicher Markt für die in der Gegend lebenden Japaner. Er entwickelte sich nach dem Koreakrieg, als die Einwohnerzahl von Seochon rapide stieg, zu seiner heutigen Form Auf den Spuren von Dichtern und Künstlern Mein erstes Ziel ist der Hügel des Dichters in Cheongun-dong, wo sich die Cheongun Literature Library und das Yun Dong-ju Literature House befinden. Unterhalb der Hügel¬spitze erstreckt sich fächerartig der alte Seouler Stadtkern, in der Ferne ist jenseits des Namsan Seoul Tower und des Han-Flusses der 123-stöckige Lotte World Tower zu sehen. Verglichen mit der Cheongun Literature Library, deren lie¬bevoll restaurierte, anmutig dekorierten Hanok sich an den Berghang schmiegen, erinnert das Yun Dong-ju Literature House, ein Betonbau mit Eisentor, an ein kahles Gefängnis. Dieses Gebäude mit seinem Cafégarten und Sitzbänken im Freien rangierte 2013 in der von der Tageszeitung Dong-A Ilbo und der Architektur-Wochenzeitschrift SPACE gemein¬sam durchgeführten Umfrage zu „Koreas bester zeitgenös¬ sischer Architektur“auf einem der oberen Plätze. Auf der Betonwand des Videoraums entfaltet sich Yun Dong-jus Leben: die Zeit, in der er in seiner Pension in Seo¬chon Gedichte schrieb; die Jahre, die er während seines Stu¬diums in Japan wegen der Teilnahme an anti-japanischen Aktivitäten im Gefängnis in Fukuoka saß; und schließlich sein mysteriöser Tod im Gefängnis im Februar 1945, eini¬ge Monate vor der Befreiung Koreas im September. In sei¬nem Tagebucheintrag heißt es: „Ich schäme mich, dass ich nicht mit der Waffe in der Hand kämpfen kann und in einem dunklen Zimmerchen versteckt nur Gedichte schreibe. Und ich schäme mich umso mehr, weil die Gedichte so leicht aus mir herausfließen.“ Das Labyrinth der Gassen hinter mir lassend, mache ich mich auf den Weg zum Haus von Yi Sang, dieses jung ver¬storbenen, genialen Dichters. Es ist ein beliebter Startpunkt für Kunst- und Kultur-Erkundungstouren durch Seochon. Das ursprüngliche Haus, in dem Yi nach seiner Adoption im Alter von drei Jahren über zwei Jahrzehnte lang lebte, wurde nach seinem Tod abgerissen und durch einen Neu¬bau ersetzt, in dem hauptsächlich literarische Materialien wie handgeschriebene Manuskripte ausgestellt sind. Läuft man von hier aus ein Stück Richtung Suseongdong-Tal hin¬auf, findet man das Pak No-soo (1927-2013) gewidmete Kunstmuseum mit den Werken dieses modernen Künstlers, der Landschaftsmalereien von schlichter Schönheit schuf. Etwas weiter oberhalb befindet sich die Stelle des Hau¬ses, wo der Dichter Yun Dong-ju als Student in Vollpension wohnte. Endlich erreiche ich das Suseongdong-Tal am Ende von Seochon. Dort treffe ich auf eine Maske tragende Frau, die allein da sitzt und an einer Zeichnung arbeitet Es ist die seit einigen Jahren als „Seochons Dachkünstlerin“ bekann¬te Malerin Kim Mi-gyeong (geb. 1960). Nach zwanzig Jah¬ren als Journalistin kündigte sie 2013 ihren Zeitungsjob und zeichnet seitdem die „Dachlandschaft“ von Seochon. Vom Berg Inwang-san, von den Dächern der Hanok und der Häuser im japanischen Stil der Kolonialzeit sowie anderer Gebäude in der Gegend fängt Kim die Stadtland¬schaft des geschichtsreichen Seochon ein. Anfangs haben die Anwohner, die nicht wussten, dass sie Künstlerin ist, sie als „Landkarten zeichnende Spionin“ gemeldet, aber jetzt hängen ihre Werke in vielen Geschäften Seochons. Die von der Koreanischen Stiftung für eine sichere und gesunde Umwelt organisierte Ausstellung Aufzeichnungen über die Straßen konnte vom 30. April bis zum 16. Mai 2021 im Boan 1942, einem Mehrzweck- Kulturraum, besichtigt werden. Zu sehen waren an die 80 Fotos, die zeigten, auf welche Weise die COVID-19-Pandemie die Gesellschaft verändert hat. Boan Inn, in den 1940ern gebaut, war eine beliebte Unterkunft für viele Künstler und Schriftsteller. Bis 2004 als Gasthof betrieben, wurde das Gebäude vor kurzem renoviert und in „Boan 1942“ umbenannt. Heute finden dort Ausstellungen, Vorführungen und andere Events statt. Yun Dong-ju Haus der Literatur Haus von Yi Sang Sajik Park Königspalast Gyeongbok-gung Das Labyrinth neu abtasten Als letztes besuche ich Boan Inn in Tongui-dong, wo der Maler Lee Jung-seop, der Dichter Seo Jeong-ju (1915- 2000) und andere Schriftsteller und Künstler oft über¬nachteten. Das in seiner Originalform erhalten gebliebe¬ne Gebäude wurde zum „Boan 1942“, einer Kunstgalerie cum Kulturzentrum, umgestaltet. Hier war es, wo Seo und seine Dichterkollegen 1936 das private Literaturmagazin Siin-Burak (Dichterdorf) gründeten. Überall in dem alten Gemäuer atmet die Geschichte. Ich freue mich über die knarrende Holztreppe und voll gepackten, engen Ausstel-lungsräume, die ihren alten Charme behalten haben. Choe Seong-u, der das Gasthaus betreibt, ging mit dem Traum, Maler zu werden, nach Frankreich. Dort studierte er dann aber Kunstmanagement und verwandelte das alte Boan Inn nach seiner Rückkehr in ein multifunktionales Kultur¬zentrum. Er erweiterte den Raum, indem er direkt neben dem Gasthaus ein vierstöckiges Gebäude hochzog, wo er nicht nur Werke experimenteller junger koreanischer Künst¬ler ausstellt, sondern auch aktiv internationale Projekte för¬dert. Zur jährlichen Sonderausstellung sollen künftig auch ausländische Künstler eingeladen werden. Auf der 2. und 3. Etage des alten vierstöckigen Gasthauses befinden sich Gäs¬tezimmer und Arbeitsräume für die Residenzkünstler. In Seochon haben je nach Zeitalter Menschen unterschied¬licher Klassen gelebt, aber das, was sie miteinander verbun¬den hat, war stets Kunst und Kultur, die bis heute in allen Formen und Farben durch die sich schlängelnden Gassen pulsieren. Das größte Vergnügen eines Streifzugs durch die Gassen ist, dass einem, wenn man sich hin und wieder mal verirrt, die Augen für neue, unbekannte Wege geöffnet werden. Landet man mal in einer Sackgasse und muss umkehren, blickt man auf die Spuren, die man in seinem Leben hinter¬lassen hat, zurück. Auf diesem Ausflug wurden mir mehr¬mals die Augen geöffnet und oft warf ich einen Blick auf das Vergangene zurück. Kwon Oh-nam betreibt die Daeo Buchhandlung (Daeo Bookstore), die sie 1951 mit ihrem mittlerweile verschiedenen Ehemann eröffnete. Das Paar beschloss, einen Teil ihres traditionellen Hauses als Buchhandlung zu nutzen. Heute ist es der älteste Gebrauchtbuchladen in Seoul. Er dient auch als Buchcafé. Das Viertel Chebu-dong, berühmt für seine leckeren Speisen, zieht rund um die Uhr Besucher aller Altersgruppen an. Die kleinen Esslokale drängen sich dicht an dicht und bilden quasi eine Esslokal- Mauer in einem Gassen- Labyrinth. Lee San-ha Dichter Ahn Hong-beom Fotos

Verjüngte Berge

Image of Korea 2021 SUMMER 76

Verjüngte Berge Verjüngte Berge © Yang Su-yeol Manchmal, wenn ich mitten in der Nacht aufwache, steige ich – in der Dunkelheit liegend – den Bergpfad in meinem Herzen hinauf. Den Pfad, wo die Häuser allmählich dem Wald wei¬chen. Im Wald komme ich allmählich ins Schnaufen. Ich stelle mir vor: Lin¬ker Fuß, rechter Fuß. Abwechseln von Licht und Schatten. Beschleunigter Herzschlag, Stirn und Rücken nass von Schweißrinnsalen. Dann endlich der riesige Fels auf dem Gipfel. Das Gefühl der Befreiung, das die sanften Berg-brisen heranwehen. Und das majestätische Panorama, das sich vor mir auf¬tut. Mit über 4.000 Bergen oder „san“ ist in Korea der nächste Gipfel nie weit. Das gilt vor allem für Seoul, eine Metropole mit fast zehn Millionen Ein¬wohnern. Mit dem Nam-san im Zentrum, wird Seoul gleichsam von einem Wandschirm aus Bergen eingeschlossen, darunter der An-san, der Inwang-san, der Gwanak-san, der Buram-san, der Dobong-san und der Bukhan-san. Die Natur ist von jedem Punkt der Stadt aus innerhalb von nur einer Stunde zu erreichen. Ein Tagesausflug ist jederzeit ohne besondere Ausrüstung und im lockeren Outfit möglich. Die Bergpfade sind sicher, vor Verbrechen oder Angriffen wilder Tiere braucht man keine Angst zu haben. Entlang der gut instand gehaltenen, mit ausführlichen Orientierungshinweisen versehenen Wege stehen zudem Schutzhütten, von wo aus der Wandersmann die Natur und gleichzeitig den Ausblick auf die Stadt genießen kann. Im März dieses Jahres hatte der Bukhansan-Nationalpark 670.000 Besucher, 41% mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Mit dem Wandel der Zeiten hat sich auch das Bergwandern verändert: War Wandern lange das liebste Freizeitvergnügen von Menschen in den 40ern und 60ern, so sind jetzt junge, über Online-Communities oder Hobby-Platt¬formen organisierte Bergsteigenthusiasten in ihren 20ern und 30ern „auf dem Vormarsch“. Und die jungen Leute lassen weder ihr Modebewusstsein noch ihre Gewohnheiten im Umgang mit den Sozialen Medien zu Hause. Statt der bunten Nullachtfünfzehn-Outdoor-Bekleidung, die ihre Eltern und Gro߬eltern trugen, bevorzugen sie stylische Leggings und Berglaufschuhe. Und ihre Hiking-Selfies posten sie auf Instagram. Manche richten eigene Plattfor¬men zum Teilen ihrer Hobby-Erlebnisse ein, knüpfen neue Beziehungen oder beteiligen sich sogar an Clean-Hiking-Kampagnen zum Abfallsammeln in den Bergen. Zudem nutzten bzw. nutzen mehr und mehr Millennials Berge und Wäl¬der als Fluchtweg aus der sozialen Distanzierung und der zunehmenden Corona-Müdigkeit, denn die Pandemie erschwert Reisen ins Ausland und bindet einen an die eigenen vier Wände. Mit Stand von März 2020 sollen ca. 670.000 Menschen den Bukhansan-Nationalpark besucht haben – ein Zuwachs von 41 % gegenüber dem Vorjahrsmonat. Die Tendenz zu kontakt¬losen Ausflügen hat die Berglandschaft verjüngt. In der Dunkelheit liegend, beneide ich die jungen Wanderer, die bequem gekleidet alleine den Gipfel stürmen und die weite Welt vor sich sehen. Ich richte dem jünger gewordenen Berg meinen Gruß aus. Und dann beginne auch ich zu wandern. Linker Fuß, rechter Fuß… Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der National Academy of Art

Fäden des Herzens, Sticken des Göttlichen

Guardian of Heritage 2021 SUMMER 68

Fäden des Herzens, Sticken des Göttlichen Fäden des Herzens, Sticken des Göttlichen Stickmeisterin Choi Yoo-hyeon hält seit sieben Jahrzehnten Nadel und Faden in der Hand. Sie wird dafür hochgeschätzt, dass sie die koreanische Stickerei durch großformatige Werke auf Basis buddhistischer Gemälde und originärer Techniken auf ein noch hochwertigeres Niveau gehoben hat. Sakyamuni Buddha (Ausschnitt) aus Buddhas der Drei Welten, 257 × 128 cm. Stickmeisterin Choi Yoo-hyeon begann Mitte der 1970er Jahre damit, buddhistische Gemälde nachzusticken. Buddhas der drei Welten, das den Buddha der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zeigt, ist ein Meisterwerk, dessen Fertigstellung über zehn Jahre beanspruchte. Jeder kann eine schöne und feine Stick-arbeit bewundern, aber die äußerst mühsame und langwierige Arbeit vor dem Stickrahmen, durch die ein Bild Stich für Stich gefertigt wird, kann nicht jeder machen. Das gilt insbesondere für tra¬ditionelle Stickereien, deren Herstellungs-verfahren wesentlich elaborierter ist und unterschiedliche Techniken verlangt, um die dem Werk zugrunde liegende Philosophie zum Ausdruck zu bringen. „Wie hätte ich mein ganzes Leben lang sticken können, wenn es nur schwierig und langweilig gewesen wäre? Es hat mir ein¬fach Freude und Spaß gemacht. Ich hatte auch den starken Wunsch, unsere langsam in Vergessenheit geratende traditionelle Stick-kunst mit meinen eigenen Händen wieder¬zubeleben“, antwortet Stickmeisterin Choi Yoo-hyeon auf die Frage, ob die Arbeit nicht zu mühsam sei. Fokussierung auf die Essenz der Tradition „Ich bin jetzt weit über 80. In meiner Kindheit war Nähen etwas Alltägliches. In jeder Familie wurden die Kleider selbst gemacht und die Wäsche für die Mitgift wurde zuhause handgefertigt und bestickt. Ich bin das jüngste Kind von sieben Geschwistern. Meine Mutter hat ständig gestickt, weshalb ich auch auf ganz natür¬liche Weise damit anfing. Als ich dann als Teenagerin einmal für eine Stickerei-Haus¬aufgabe gelobt wurde, war mein Interesse richtig geweckt. Es gab Zeiten, in denen ich pro Tag über zwanzig Stunden am Stück nur an meiner Stickerei gesessen habe, ohne mir Zeit zum Essen und Waschen zu nehmen.“ Mit 17 Jahren wurde Choi Schülerin von Kwon Su-san, eine der großen Stickmeis¬terinnen der Zeit, von der sie alle Techni¬ken von der Pike auf lernte. Als Choi das Sticken systematisch zu erlernen begann, befand sich die traditionelle Stickkunst Koreas in einer dunklen Zeit, da im Rahmen der beruflichen Ausbildung der japanische Stickstil gefördert wurde. An Frauenuniver¬sitäten oder Schneiderschulen wurden prak¬tische Techniken zur Herstellung von All¬tagsgegenständen gelehrt. Die Lehrerinnen waren meistens Frauen, die in Japan studiert hatten. Diese Tendenz setzte sich nach der Befreiung Koreas vom japanischen Koloni¬aljoch fort. Stickmeisterin Choi eröffnete Anfang der 1960er Jahre eine Stickakademie. Mit dem Ziel, die traditionelle Stickkunst wieder¬zubeleben, konzentrierte sie sich auf die Essenz der Handarbeit. Anfangs begnügte sie sich mit traditionellen Mustern auf All¬tagsgegenständen wie quader- oder zylin¬derförmige Kissenbezüge oder Sitzkissen. Im Laufe der Zeit ging sie dann dazu über, traditionelle Malereien in Stickbildform umzusetzen und alte Kunstwerke mit der Nadel neu zu interpretieren, wodurch sie schließlich ihre eigene, originäre Kunst¬welt schuf. „Das Sticken verlangt Handgeschick¬lichkeit und ein angeborenes Farbgefühl, aber wichtiger als alles andere ist ein gutes Designempfinden. Durch das einfache Nachahmen der Werke anderer kann man keine unverwechselbare Stilwelt entwi¬ckeln. Das ist auch der Grund, weshalb ich für meine eigenen Stickereien Anleihen bei Motiven der traditionellen koreanischen Keramik, Landschaftsmalerei oder Volks¬malerei mache.“ Lotus-Paradies. 270 × 300 cm. Seidenfäden auf Seide. Für dieses Stickgemälde, eine Stickversion des Mandalas im Tempel Yongmun-sa in der Provinz Gyeongsangbuk-do, erhielt Choi 1988 auf der 13. Ausstellung für traditionelles koreanisches Kunsthandwerk den Präsidentenpreis. Herausforderung und Erfüllung In den 1960er und 1970er Jahren, einer Zeit, in der die traditionelle koreanische Kultur allgemein wenig geschätzt wurde, sorgten Chois Werke mit ihrem erfrischen¬den neuen Ansatz dafür, dass immer mehr Menschen von der traditionellen Stickerei fasziniert wurden. Ihre Arbeiten waren ins-besondere unter ausländischen Touristen sehr beliebt. Allerdings hatte sie kein gro¬ßes Interesse am Verkauf ihrer Werke, denn für sie war die Entwicklung der traditionel¬len Stickkunst wichtiger als schnelle Profi¬te. Ab Mitte der 1970er Jahre konzentrier¬te sie sich zunehmend auf Forschung und Ausstellungen, wobei sie sich insbesondere der buddhistischen Malerei zuwandte, die für sie Inbegriff der traditionellen korea¬nischen Kunst war. Sie begann, „Subul (gestickter Buddha)“ anzufertigen. Ihre Arbeiten Palsangdo (Acht Szenen aus dem Leben Buddhas), die die acht Abschnitte aus Sakyamunis Leben zusammenfassend präsentiert, und Samsebuldo (Buddhas der Drei Welten), die den Buddha der Vergan¬genheit, den der Gegenwart und den der Zukunft zeigt, sind die Krönung ihrer sich über rund sieben Jahrzehnte erstreckenden Karriere als Stickmeisterin. Diese Werke weisen nicht nur eine beeindruckend bril¬lante Kombination traditioneller und kre¬ativer Techniken auf, sondern besitzen durch die Nutzung verschiedener Materia¬lien wie Seiden-, Baumwoll-, Schafwoll-und Kunstseidefäden auch eine diverse Textur. Beide Werke beanspruchten bis zur Fertigstellung jeweils zehn Jahre. „Wie ein Askese praktizierender Mönch habe ich mein ganzes Herz in jeden ein¬zelnen Stich fließen lassen“, erklärt Choi. „Nachdem ich im Tempel Tongdo-sa zum ersten Mal auf ein Original von Palsangdo gestoßen war, betete ich zehn Jahre lang darum, dieses Werk als Stickarbeit schaf¬fen zu dürfen.“ Mit Mühe und Not erhielt ich die Erlaubnis des Tempels und konn¬te mit der Arbeit beginnen. Es verflossen zwölf Jahre, bis das aus acht über zwei Meter hohen Teilen bestehende Stickwerk fertig war. Ich habe mit meinen Schülerin¬nen gemeinsam gearbeitet, sonst hätte es noch viel länger gedauert.“ Ihre große Leidenschaft und Beharr¬lichkeit als Künstlerin wurde mit vielen Preisen belohnt. Für Yeonhwajangsegye¬do (Lotus-Paradies), eine Stickversion des Mandalas des Tempels Yongmun-sa, erhielt sie 1988 auf der 13. Ausstellung für tradi¬tionelles koreanisches Kunsthandwerk den Präsidentenpreis. 1996 wurde sie schlie߬lich als Stickmeisterin zur Trägerin des Titels „Immaterielles Kulturgut Nr. 80“ ernannt. Damit wurde offiziell anerkannt, dass sie in ihrem Bereich das höchste Niveau erreicht hatte. Das Große Nirwana im Sala-Hain aus Palsangdo (Acht Szenen aus dem Leben Buddhas) 236 × 152 cm. Dieses auf dem gleichnamigen Gemälde im Tempel Tongdo-sa in Yangsan, Provinz Gyeongsangnam-do basierende Stickgemälde zeichnet sich durch eine elaborierte und realistische Darstellung aus. Zu sehen sind die acht Abschnitte aus dem Leben des Sakyamuni Buddha. Jeder Abschnitt enthält eine Reihe von Episoden mit zahlreichen Figuren auf einer einzigen Leinwand. Lauterkeit (Ausschnitt) aus dem achtteiligen Paravent Schriftzeiche der konfuzianischen Tugenden. 128 × 51 cm. Als Choi sich in den 1960er Jahren mit der traditionellen Stickkunst zu befassen begann, interessierte sie sich besonders für die Neuinterpretation von Volksmalereien, darunter auch piktographische Ideogramme. Bewahren und Tradieren Die traditionelle Stickerei Koreas geht bis auf die Zeit vor den Drei Königrei¬chen (57 v. Chr.-676 n. Chr.) zurück. Das Kapitel Östliche Barbaren aus Buch Wei von Sanguozhi (Chroniken der Drei Rei-che) enthält die älteste noch erhaltene Auf¬zeichnung über die koreanische Kultur. Dort wird berichtet, dass die Einwohner der Königreiche Buyeo (2. Jh., v. Chr.-494 n. Chr.). und Goguryeo (37 v. Chr.-668 n. Chr.) prachtvoll bestickte Gewänder trugen. In der Joseon-Zeit (1392-1910) war eine im Königspalast eigens eingerichtete Abteilung namens „Subang“ für Dekorstickereien auf Kleidung und Accessoires der königlichen Familie zuständig. Auch im gemeinen Volk pflegten und tradierten die einzelnen Fami¬lien ihren eigenen Stickstil. Die Philosophie von Stickmeisterin Choi lässt sich mit der Formel „Fäden des Her¬zens, Sticken des Göttlichen“ zusammen¬fassen, d. h. sie führt die Stickarbeit wie eine geistig-religiöse Übung aus. So laute¬te auch der Titel ihrer 2016 im Seoul Arts Center präsentierten Ausstellung. Choi erklärt dazu: „Jedes einzelne Werk durchläuft einen langwierigen und mühsamen Fertigungs¬prozess. Die Auswahl eines Originalgemäl¬des von hohem historischem und künstle¬rischem Wert, das sich sticktechnisch gut wiedergeben lässt, und die Anfertigung eines Entwurfs aus dem Grundgewebe sind schon keine leichten Arbeiten. Nicht weni¬ger schwierig und wichtig ist es jedoch, während des ganzen Schaffensprozesses mit dem Gesamtbild im Kopf immer wieder Entscheidungen zu treffen: Welche Farbe und Textur sollten Stoff und Fäden haben, wie soll die Farbzusammenstellung aus¬sehen, welche Sticktechniken eignen sich usw. Beim Arbeiten drehe ich die Fäden mit Blick auf die jeweilige Position innerhalb der Gesamtkomposition selbst zusammen, um die gewünschte Fadenstärke zu erhalten, machmal muss ich bereits Gesticktes wieder und wieder entfernen, bis ich endlich mit den angewendeten Techniken und Farbtö¬nen zufrieden bin.“ Sie kann keine noch so winzige Unper¬fektheit übergehen. Immer wieder betont sie die elementaren Grundsätze des Stickens und die Pflege der überlieferten Stickme¬thoden, um sie korrekt an die nächste Gene¬ration zu übermitteln. Zu diesem Zweck setzt sie sich als Endowed Chair Professorin am Korean Traditional Costume Research Institute der Pusan National University mit Leidenschaft für die Heranziehung zukünf¬tiger Fachkräfte ein. „Viele wissen, dass traditionelle Stick-arbeiten schön und wertvoll sind, aber nur wenige sind bereit, sticken zu lernen. Und davon geben wiederum viele auf halbem Wege auf“, sagt sie und fügt hinzu: „Auch nach Abschluss der Lehre braucht es enor¬me Durchhaltekraft und eine lange Zeit geduldigen Übens, bevor man als Stick-künstler anerkannt wird. Es ist ein so dor¬niger Weg, dass viele davor zurückschre¬cken.“ Bald wird ihre Autobiografie Geschich¬te der Stickerei von Choi Yoo-hyeon veröf¬fentlicht. Das Buch zeichnet chronologisch ihre lange Reise als Künstlerin nach, die bei praktischen Alltagsgegenständen begann und über Volksmalerei hin zu buddhistischen Werken führte. Sie stellt auch Lehrmate¬rialien für ihre Schüler zusammen. Neben ihrem kommentierten Portfolio von über 100, in mehreren Büchern veröffentlichten Werken, arbeitet sie an einer weiteren Buch-publikation, in der sie die von ihr entwickel¬ten, originären Methoden mit Namen ver¬sieht und im Detail erklärt. Außerdem steht das Bodhisattva Avalokitesvara, ihr letztes Großwerk, kurz vor der Vollendung, für das die Wandmalerei in der Halle Daegwang-jeon des Tempels Sinheung-sa als Vorlage diente. Dieses ausschließlich mit goldenen Fäden auf purpurnen Stoff gestickte Werk ist von einer Feinheit und Pracht, die durchaus als vollkommen bezeichnet werden kann − ein Meisterstück, an dem sie die letzten drei Jahre gearbeitet hat. „In Zukunft werde ich wohl kaum noch ein weiteres Werk von dieser Größe schaf¬fen. Meine Sehkraft hat nachgelassen und ich bin körperlich schwächer geworden, sodass es mir schon schwerfällt, zwei, drei Stunden am Tag zu sticken. Ich sollte mich auf die Heranziehung von Schülern konzent¬rieren. Was mir noch zu tun bleibt, ist so viel wie möglich an die nächste Generation wei¬terzugeben.“ Ihre Werke, die sie fast ein halbes Jahrhun¬dert selbst aufbewahrt hat, und ihre Samm¬lung von Hunderten von traditionellen und modernen Stickereien aus dem ganzen Land befinden sich derzeit im Kunstlager des Cen¬ter für Immaterielles Kulturerbe der Stadt Jeonju. Es ist Chois größter Wunsch, dass in naher Zukunft ein Stickerei-Museum errich¬tet wird, in dem diese Werke dauerhaft auf¬gehoben und ausgestellt werden können. Um größere Kunstfertigkeit zu erreichen, wendet Choi eine breite Palette verschiedener traditioneller und originaler Techniken an. Sie arbeitet mit Fäden unterschiedlicher Farben und Materialien wie Seide, Baumwolle, Wolle und Nylon, um delikate Texturen zu schaffen. Die letzten drei Jahre hat Choi am Bodhisattva Avalokitesvara gearbeitet, für das die Wandmalerei in der Halle Daegwang-jeon (Halle des Großen Lichts) des Tempels Sinheung-sa in der Provinz Gyeongsannam-do als Vorlage diente. Dieses ausschließlich mit Goldfäden auf purpurnen Stoff gestickte Werk strahlt Eleganz und Pracht zugleich aus. Choi Hye-jung Freiberufliche Schriftstellerin Ahn Hong-beom Fotos

MINARI Aromatisch und knackig

Essential Ingredients 2021 SUMMER 89

MINARI Aromatisch und knackig MINARI Aromatisch und knackig Minari, eine Wasserfenchelart, ist ein duftendes, knackig schmeckendes Frühlingskraut. Durch den Film Minari des koreanisch-amerikanischen Regisseurs Lee Isaac Chung, der in letzter Zeit internationale Aufmerksamkeit auf sich zog, etablierte sich das Kraut als Symbol für Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der Koreaner. Die meisten wild wachsenden Gräser enthalten toxische Substanzen, die sie bitter schmecken lassen. Klein¬kinder haben eine instinktive Aversion gegen den bitteren Geschmack, was sie vor giftigen Pflanzen schützt. Die Esskultur der Menschheit hat sich auf Basis des Wissens zur Unterschei¬dung von essbaren und nicht-essbaren Pflanzen entwickelt. Die Wasserfenchelart Minari und der Wasser-schierling Dok-Minari (Gift-Minari) sehen ähnlich aus. Beide haben hohle Stängel und eingezackte Blätter. Aber wenn man genauer hinschaut, haben Minari-Blätter eine ovale Form wie ein senkrecht durchgeschnittenes Ei, während Wasserschierling-Blätter länglich und spitz wie ein Speer zulaufen. Obwohl sie zur selben Familie gehören, ist die eine Pflanze essbar, die andere aber nicht. Da Minari keine Giftstoffe enthält, kann man sie roh oder gekocht verzehren. Das Kraut gehört seit alters her zu den beliebtesten Nahrungsmitteln in Korea. In den 1920er Jahren war es so gefragt, dass der Marktpreis sogar in der Zeitung gelistet wurde. Diese Popularität ist nicht nur auf den im Vergleich zu anderen Kräutern besonders intensiven Duft und frischen Geschmack zurückzuführen, sondern auch auf den erfrischend knackigen Kaugenuss der leicht blanchierten Stängel, die wie die des Wasserspinats Gongsimchae hohl sind. Minari, eine kühl-erfrischende Sommerzutat mit leicht pfeffriger Geschmacksnote, ist reich an Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen. Nach dem Donguibogam, dem im Joseon-Reich des 17. Jhs verfassten Werk über die Traditionelle Östliche Medizin, löscht sie den Durst, macht den Kopf klar und hilft bei Kopfschmerzen und Erbrechen. Minari-Blätter haben sägeblattzahnartige Ränder. Die Form des Blattes erinnert an ein senkrecht halbiertes Ei. Die feuchten, widerstandsfähigen Minari-Stängel haben eine erfrischende, knackige Textur. Es gibt zwei Sorten von Minari: der im nassen Reisfeld wachsende Wasserfenchel hat hohle Stängel, während die Trockenfeld-Variante vergleichsweise solide Stängel aufweist. Besonderer Kaugenuss Schauen wir uns einmal das Rezept für Minari-Ganghoe (Minari-Röllchen mit Fleischfüllung) in dem Kochbuch Siuijeonseo (Handbuch des richtigen Kochens) von Ende des 19. Jhs an: Zuerst werden die von Wurzeln und Blättern befreiten Minari-Stängel blan-chiert. Eiweiß und Eigelb, aus denen jeweils ein dünnes Omelett gebacken wurde, Seogi- Pilze (Iwatake-Pilze), rote Chili und Rinder-bruststück werden in dünne Streifen gesch-nitten. Die Streifen werden zu kleinen Bün-deln, in deren Mitte ein Pinienkern platziert wird, angeordnet, mit den gedünsteten Minari umrollt und zu einem Bündel verschnürt. Die Bündel werden dann auf einem Teller auf-gereiht und mit einem Essig-Chilisoßen-Dipp serviert. A und O dieses Gerichts ist das frische und knackige Minari, das alle anderen Zutaten bündelt. Warum lieben wir diese kusprig-knackige Konsistenz? Der Neuroanthropologe John S. Allen nennt in seinem Buch The Omnivorous Mind (2012) drei Gründe: Erstens gehört der Mensch zu den Primaten, die seit frühester Zeit gerne Insekten essen. Zweitens verstärkte sich die Vorliebe für Nahrungsmittel mit knusprig-knackiger Textur durch die Nutzung des Feuers. Und drittens signalisiert Knackigkeit beim Kauen Frische. Die mit Feuchtigkeit gesättigten Zellwände von Frischgemüse zerplatzen beim Reinbeißen mit einem hellen Knacken und setzen Saft frei. Im Gegensatz dazu verliert lange gelagertes Gemüse an Feuchtigkeit, sodass es quabbelig und zäh wird. Saftige Minari-Stängel verlieren durch leichtes Blanchieren oder Rösten nicht an Konsistenz und schmecken auch als Minari- Kimchi oder in Sojasoße eingelegte Minari- Jangajji frisch und knackig. Das ist dem säuerlichen Geschmack der organischen Säuren zu verdanken, die die Zellwände straff-kräftig halten. Allerdings lässt sich die erfrischende Knackigkeit des Krautes am besten genießen, wenn man auf dem Feld frisch geerntete Minari roh probiert. Landesweit bekannt ist Minari aus Hanjae im Kreis Cheongdo-gun, Provinz Gyeongsangbuk-do. Hanjae steht für die Dörfer Chohyeon-ri, Eumji-ri, Pyeongyang-ri und Sang-ri, wo sich der Boden besonders gut für den Minari- Anbau eignet, da er aus wasserdurchlässigem, vulkanischem Gestein besteht. Minari lässt sich in die Sorten „Nassfeld-Minari“ und „Trockenfeld-Minari“ unterteilen. Der im nassen Reisfeld wachsende Wasserfenchel hat, wie oben beschrieben, hohle Stängel, während die Stängel von Trockenfeld-Minari voller sind. Bei „Hanjae-Minari“ handelt es sich um eine Sorte mit einem volleren Stängel, für die beide Anbaumethoden kombiniert werden. Diese Varietät schmeckt knackig-frisch und duftet angenehm. Im Frühling geerntete Minari genießt man am besten mit gegrilltem Schweinebauch als Ssam (Fleisch mit Knoblauchscheiben und Sojabohnenpaste eingerollt in Salatblätter). Verwendet man statt Salatblätter das rohe Minari-Kraut, überdeckt der frische Duft des Gemüses den Fettgeruch des Fleisches. Minari kann auch nach dem Anbraten des Fleisches auf die Grillplatte gegeben und zusammen mit den Fleischscheiben gebraten werden. Verführerischer Duft Der Duft von Minari stammt von einer Klasse flüchtiger Stoffe, den sog. Terpenen. Kaut man einige Minari-Stiele fühlt man sich plötzlich in einen dichten Wald voller Kiefern, Tannen und Zedern versetzt, weil die verschiedenen Terpene wie Pinen und Myrcen im Mund „explodieren“. Darüber hinaus enthält Minari auch Duftstoffe, die an Zi trusfrüchte, Limet tenschalen, Ingwer und Galgant erinnern. Gibt man Minari zu fischbasierten Gerichten, wird der unangenehme fischige Geruch reduziert. Dass Minari vor allem für Fischgerichte wie den scharfen Fischeintopf Maeuntang verwendet wird, hat also einen wissenschaftlich fundierten Grund. Der erfrischende Duft von Minari passt auch sehr gut zu Sojabohnenpaste, der er einen tiefen, gaumenschmeichelnden Geschmack verleiht. Schon immer haben viele Koreaner bei der Zubereitung von Doenjang-Jjigae (Soja-bohnenpasten-Eintopf) Minari hinzugefügt. Am 2. April 1939 stellte die Tageszeitung Chosun Ilbo dann ein Rezept für in Soja-bohnenpaste eingelegte Minari vor: „Wa-schen Sie die Minari gründlich und lassen Sie sie etwa eine Stunde in warmem Wasser weichen. Streichen sie eine Schale mit Sojabohnenpaste aus und breiten Sie eine dünne Schicht Minari darüber aus. Fügen Sie eine weitere Schicht aus Minari und Sojabohnenpaste hinzu und verschließen Sie die Schale mit einem Deckel. Zwei Tage später schmeckt das Gemüse herrlich. Je besser die Sojabohnenpaste, desto leckerer das Minari-Gericht.“ Die in Pflanzen enthaltenen Duftstoffe sind im Prinzip Abwehrwaffen gegen externe Invasoren wie Bakterien oder Insekten. Daher duften auf dem Feld wachsende Minari auch intensiver als im Wasser wachsende Minari, das wild in den Bergen oder Feldern wächst (Dol-Minari bzw. Stein-Minari), duftet intensiver als das Minari auf Reis-oder Ackerfeldern, da die wild wachsende Variante mehr Duftabwehrstoffe produzieren muss, um in einem unwirtlichen Umfeld zu überleben. Neben den Duftstoffen enthält Minari verschiedene antioxidative Stoffe, weshalb die entzündungshemmende, antioxidative und leberschützende Wirkung von Minari gezielt erforscht wird. Es ist auch bekannt, dass Minari Kugelfisch-Gerichten hinzufügt wird, um etwaige noch vorhandene Gift-stoffe zu neutralisieren. Dieser Effekt ist allerdings nicht wissenschaftlich belegt. Kor-rekter ist, zu sagen, dass Minari zur Gesch-macksverstärkung hinzugefügt wird. Minari Ganghoe, also Minari-Röllchen aus verschiedenen Zutaten wie gebratenen Eierstreifen, pfannengerührtem Rindfleisch und Pilzen, die mit blanchierten Minari-Stängeln zusammengebunden werden, dippt man vor dem Verzehr in rote Peperonipaste mit Essig. Das Gericht wurde im Joseon-Reich auf der Tafel des Königs und bei Hofbanketten serviert. © Institute of Korean Royal Cuisine Minari passt hervorragend zu saftigem Schweinebauch, sei es frisch oder zusammen mit dem Fleisch gegrillt. © Yu Eun-young Minari, auch bekannt als Wasserpetersilie, Wasserfenchel oder Asiatische Petersilie, ist sehr geruchsintensiv. Heutzutage ist es eine beliebte Pasta- Zutat. © 2bob.co.kr Pesto aus pürierten Minari wird nicht nur für Pasta verwendet, sondern schmeckt genau wie Basilikum-Pesto oder Spinat-Pesto auch gut als Brotaufstrich. © Vivian Dakyung Lee Starke Vitalität „Minari wächst überall gut.“ Das sagt die Großmutter zu ihrem Enkelkind in dem Film Minari – Wo wir Wurzeln schlagen (Originaltitel: Minari) von Regisseur Lee Isaac Chung. Es ist für eine koreanische Familie, die sich im fremden Arkansas niederlässt, nicht leicht, Wurzeln zu fassen. Das Leben von Zuwanderern, in dem sich Angst und Hoffnung überschneiden, lässt einen fragen, ob es möglich ist, in der Fremde so erfolgreich Wurzeln zu schlagen wie Minari. Auf den ersten Blick scheint das Kraut so widerstandsfähig, dass es quasi überall gut wächst. Aber Minari überlebt und gedeiht, indem es sich mühsam durch alle Gefahren seiner natürlichen Umgebung kämpft. Für diejenigen, die es noch nie probiert haben, könnten Minari und seine Liebhaber etwas befremdlich wirken. Aber es ist ein Gemüse, mit dem sich jeder schnell anfreunden kann. Möhren und Sellerie, die bei der Zubereitung von Mirepoix bzw. Sofrito verwendet werden, sind mit Minari verwandt. Jeder, der die Knackigkeit des Selleries mag, wird schnell eine Vorliebe für Minari entwickeln. Minari kann auch Basilikum als Zutat für Pesto ersetzen und harmoniert pfannengerührt mit Pastage-richten wie Aglio e Olio. Vergleicht man die Esskulturen verschiedener Regionen der Erde, entdeckt man mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Es ist diesen menschlichen Universalitäten zu verdanken, dass jeder das Leben der Migrantenfamilie in dem Film Minari nachvollziehen kann. Jeong Jae-hoon Apotheker, Food Writer Shin Hye-woo Illustrationen Shin Hye-woo Illustrator

Landbahnhöfe, die Lichter der Erinnerung aufleuchten lassen

Image of Korea 2021 SPRING 159

Landbahnhöfe, die Lichter der Erinnerung aufleuchten lassen Literature IMPRESSIONEN Landbahnhöfe, die Lichter der Erinnerung aufleuchten lassen Jüngst habe ich aus den Nachrichten erfahren, dass eine Hochgeschwindigkeitszugverbindung zwischen Seoul und Andong in Betrieb genommen wurde. Jetzt ist meine Heimatstadt Yeongju, die am nördlichen Rand der historischen Stadt Andong liegt, innerhalb von nur einer Stunde und vierzig Minuten zu erreichen. An einem kalten Wintermorgen vor etwa sechzig Jahren nahm ich, ein damals Dreizehnjähriger aus einem armen Bergdorf, am Bahnhof Yeongju zum ersten Mal allein den Zug. Der Bummelzug hielt an vielen mir unbekannten Stationen und kam erst in der Abenddämmerung in Seoul, der Endstation, an. Was für eine enorme Veränderung, was für eine Entwicklung, dass dieser lange Weg jetzt in nur etwa anderthalb Stunden Fahrt zurückgelegt werden kann! Aber bei aller Bewunderung und Dankbarkeit für Bequemlichkeit, Komfort und Geschwindigkeit dieses neuen Verkehrsmittels existiert unterschwellig die Sehnsucht nach langsamen, vertrauten Landschaften, die sich über lange Zeiten hinweg auf dem tiefsten Boden des Lebens abgelagert haben. © Ahn Hong-beom Bei seiner ersten Zugfahrt klopfte das Herz des Jungen bange vor Aufregung und Neugier. Ein älterer Herr, der neben ihm saß, fragte, wohin er wolle und weshalb. Voller Stolz antwortete der Junge, dass er nach Seoul reise, um die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule zu machen. Der Zug war brechend voll, die Passagiere zwängten sich auf den Sitzen und drängten sich in den Gängen. Immer wenn der Zug in einen Tunnel fuhr, wurde es dunkel im Wagen, dann wieder hell. Der schwarze Rauch und die Asche, die aus der Lokomotive emporquollen, drangen durch die geöffneten Fenster herein. Der Zug hielt an einem kleinen Landbahnhof. Der älteren Frau auf dem Platz mir gegenüber, die ihre gekochten Eier mit mir geteilt hatte, lief beim Dahindösen der Speichel aus dem Mund, aber plötzlich schreckte sie auf und raffte ihre Sachen zusammen. Die Rücken des aussteigenden Tantchens und eines jungen Schülers in Schuluniform, die sich allmählich von der Bedarfshaltestelle entfernen..., die Beete, auf denen einjährige Blumen wie Kosmen wild blühen und im Wind schwanken.... Solche Landbahnhof-Szenen wurden untrennbarer Bestandteil meiner Zugreisen. Heute rasen die KTX-Hochgeschwindigkeitszüge an diesen kleinen Bahnhöfen vorbei. Viele Landbahnhöfe haben schon seit langem ihre Funktion eingebüßt, wurden stillgelegt und abgerissen. Andere hat man zu Cafés, Imbissstuben oder kleinen Museen umfunktioniert, die zu nostalgischen Reisen in die Vergangenheit einladen, wodurch sie als Tourismusattraktion wiedergeboren wurden. Mitten in der Nacht aus leichtem Schlaf aufgewacht, nehme ich manchmal diesen Jungen, der ich einmal war, zu einem der Landbahnhöfe mit und setze ihn in die tiefe Dunkelheit. Dann entzünde ich ein schwaches Licht in jedem Wartesaal der kleinen Bahnhöfe meines verflossenen Lebens und stelle mir die Szenen aus dem Gedicht Am Bahnhof Sapyeong von Kwak Jae-gu (geb. 1954), vor. Mit den wie Herbstblätter aussehenden Fenstern, wohin rollt der Nachtzug noch einmal? Die nostalgischen Momente ausrufend – ich warf eine Handvoll Tränen ins Licht. Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der National Academy of Art

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Schmerz ruft grenzübergreifende Empathie hervor

Interview 2021 SUMMER 67

Schmerz ruft grenzübergreifende Empathie hervor CULTURE & ART --> Schmerz ruft grenzübergreifende Empathie hervor Die Übersetzungen von Keum Suk Gendry-Kims (geb. 1971) Graphic Novels finden weltweit Anerkennung. Das gilt besonders für Grass (2017), ein Werk, das sich mit dem Schmerz der sog. „Trostfrauen“ befasst, die im Krieg von der japanischen Armee systematisch sexuell versklavt wurden. Eine Szene aus Grass, einer Graphic Novel von Keum Suk Gendry-Kim, die das Schicksal der koreanischen Trostfrauen, die von Japan zur sexuellen Sklaverei gezwungen wurden, thematisiert Keum Suk Gendry-Kim taucht tief in das mensch¬liche Leid ein. Ihre Themen sind die Koreaner, ihre Kulissen die Ereignisse der koreanischen Geschichte. Der Schmerz, der in ihre Werke eingestanzt ist, ruft kulturübergreifendes Verständnis und Lob hervor. Ihr grafischer Roman Grass (2017) über eine der vom japani¬schen Militär vor und während des Zweiten Weltkriegs zur Prostitution gezwungenen „Trostfrauen“ fand unter ihren bisherigen Werken unbestritten die meiste Anerkennung.Die englische Ausgabe von Grass, 2019 von dem kana¬dischen Comicverlag Drawn and Quarterly veröffentlicht, sorgte schnell für Aufsehen. 2019 kürte die New York Times das Buch zu einem der „Best Comics of 2019“ und der Guardian lobte es als einen der „Best Graphic Novels of 2019“. 2020 gewann Grass zehn Auszeichnungen, darunter den Krause Essay Prize und den Harvey Award auf der New York Comic Con.Grass wurde kürzlich auf Portugiesisch und Arabisch her¬ausgebracht. Weitere Bücher von Gendry-Kim sind Jiseul (2014), das die Tragödie des gegen die Teilung Koreas gerichteten Jeju-Aufstands von 1948 schildert, und Alexan¬dra Kim, a Woman of Siberia (2020), das Leben und Zeiten dieser ersten koreastämmigen Bolschewikin nachzeichnet. The Waiting, ihr jüngstes, die Trennung einer Familie the¬matisierendes Werk, wurde bereits auf Französisch publi¬ziert und wird bald auf Englisch, Portugiesisch, Arabisch und Italienisch erscheinen. Letzten April traf ich Gendry- Kim in einem Café auf der Insel Ganghwa-do, wo sie jetzt lebt. Sie haben Malerei und Installationskunst studiert – wie kam es dann dazu, dass Sie sich einen Namen als Auto¬rin grafischer Romane machten? Nach meinem Studium der westlichen Malerei in Korea ging ich nach Frankreich, um Installationskunst an der École supérieure des arts décoratifs de Strasbourg zu studie¬ren. Um über die Runden zu kommen, übersetzte ich neben¬bei Werke koreanischer Cartoonisten und konnte mir in dem Bereich quasi einen Namen machen. Ich habe über 100 koreanische Comics übersetzt und ihnen dadurch zu einer französischen Leserschaft verholfen.Dann wurde ich eines Tages von einem koreanischen Zei¬tungsverlag vor Ort gefragt, ob ich mich nicht selbst im Comic-Zeichnen versuchen wolle. Zu der Zeit wurde mir durch das Übersetzen das Potential dieses Genres bewusst. Nur mit Bleistift und Papier seine Vorstellungen als Autor frei ausdrücken zu können, fand ich faszinierend. Also begann ich zu zeichnen, ein Werk nach dem anderen, und schon bald wurde daraus eine ganze Serie. Seitdem ich mit dem Comic-Zeichnen angefangen habe, habe ich mich intensiv mit der Frage herumgeschlagen, wie ich den Dia¬logfluss am besten vermitteln kann, sei es durch Sprechbla¬ sen oder andere Mittel. Welche Werke haben Sie beeinflusst? In Bezug auf die Handlung haben mich koreanische Autoren inspiriert. Ich denke da v. a. an Lee Hee-jae (geb. 1952) und Oh Se-young (geb. 1955), die die Vaterfiguren unserer Generation treffend darstellten. Was das Zeichnen betrifft, habe ich mich nie für besonders begabt gehalten, da die meisten meiner Kunstwerke eher abstrakt als figurativ waren und ich mehr im Bereich Installation und Skulptur gearbeitet, als gezeichnet habe. Zu den Künstlern, die defi¬nitiv meinen graphischen Malstil beeinflusst haben, zählen Edmond Baudoin und José Muñoz, der Der Fremde von Camus als grafischen Roman adaptierte, wobei mich insbe¬sondere das Gewicht seiner schwarzen Pinselstriche beein¬druckt hat. Auch die Arbeiten von Joe Sacco oder Jacques Tardi haben in mancher Hinsicht auf mich gewirkt. Welche Frühwerke stellen die Künstlerin Gendry-Kim am besten vor? Ich verwebe autobiografische Geschichten mit Din¬gen, die ich in meinem Alltagsleben empfinde, und den Geschichten von Menschen, die ich treffe. Dabei konzent¬riere ich mich gezielt auf Geschichten mit historischen und sozialen Bezügen, und versuche, sie mit dem von mir selbst Erlebtem zu verbinden.“ In Ihrem Frühwerk beschäftigten Sie sich mit Ihrem Vater, jetzt mit Ihrer Mutter. The Waiting (2020) erzählt von meiner Mutter. Vor zwan¬zig Jahren, als ich in Paris studierte, besuchte mich meine Mutter und erzählte mir etwas Tragisches: Ihre älteste Schwester, sei in Nordkorea. Vor langer Zeit hätte die Fami¬lie meiner Mutter eine große Reise von ihrem Heimatort Goheung in der Provinz Jeollanam-do in die Mandschu¬rei unternommen und auf dem Weg einen Zwischenhalt in Pjöngjang gemacht. Irgendetwas sei dort passiert, sodass meine Mutter in den Süden zurückkehrte, aber meine Tante im Norden blieb. Bevor Mutter mir davon berichtete, hatte ich keine Ahnung, dass es so eine Familiengeschichte gab.Als die Treffen der in Nord- und Südkorea getrennt leben¬den Familien stattfanden, traf es Mutter schwer, dass sie nicht auf der Prioritätenliste stehen konnte. Jemand muss¬te diese Geschichte erzählen und ich beschloss, dass ich es sein sollte. Zudem betrifft die Frage der getrennten Fami¬lien nicht nur meine Familie, es ist vielmehr ein universel¬les Problem der Menschheit, das an allen Kriegsorten der Welt aktuell ist. Letzten Endes wollte ich thematisieren, wie Kriege die Schwachen zu Opfern machen, sie aus ihrer Hei¬mat vertreiben und in alle Winde zerstreuen. Grass könnte man auch „Tragödie der Menschheit“ nen¬nen. Wenn ich mich recht zurückbesinne, so war der Auslöser für Grass eine Doku über das Leid der Trostfrauen aus den frühen 1990er Jahren. Zudem hatte ich danach die Gelegen¬heit, in Frankreich bei einer Veranstaltung über die Trost¬frauenfrage zu dolmetschen. Beim Lesen der Unterlagen für die Vorbereitung des Dolmetscheinsatzes konnte ich noch mehr erfahren. Resultat war, dass ich 2014 die grafische Erzählung Secret als Beitrag für das Internationale Comic¬festival von Angoulême einreichte. Ich wollte Leben und Leiden der Trostfrauen aus Sicht einer Trostfrau darstellen.Da Secret jedoch nur eine Kurzerzählung war, konnte ich dieses schwierige Thema nicht so eingehend, behandeln. Deshalb arbeitete ich weitere drei Jahre daran und quälte mich ab, einen grafischen Roman daraus zu machen. Ich näherte mich dem Thema der Trostfrauen im Rahmen der Frage der Gewalt gegenüber Schwachen, des Imperialis¬mus und der gesellschaftlichen Stratifikation. Als ich Frau Lee Ok-seon interviewte, die im Roman vorkommt, stimm¬te mich die Art und Weise, wie man sie zum Schweigen gebracht hatte, besonders traurig. Frau Lee war Opfer eines grausamen Krieges, ein Opfer, das seine Stimme nicht erhe¬ben konnte, und selbst nach Kriegsende durch die vorherr¬schende gesellschaftliche Stimmung zum Schweigen ver¬dammt war – gerade darüber wollte ich erzählen. Ihre Graphic Novels werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Allein Grass erschien in 14 Sprachen. Warum haben Ihre Werke eine so allgemeine Anziehungskraft? Die meisten Übersetzungen meiner Graphic Novels erschienen in Frankreich. Was die japanische Ausgabe von Grass betrifft, so war ich überrascht, dass die Menschen dort die Initiative ergriffen und Veröffentlichung und Ver¬breitung durch Crowdfunding unterstützt haben. Vor allem bin ich den Übersetzern dankbar. Meine Geschichten sind ungewöhnlich und erzählen von menschlichem Leid, was die Übertragung in eine andere Kultur und Sprache nicht einfach macht. Mein Dank gilt allen ÜbersetzerInnen, dar¬unter Mary Lou, die die italienische Übersetzung anfertigte, der koreastämmigen Kanadierin Janet Hong, die die Über¬tragung ins Englische übernahm, und Sumie Suzuki, die ins Japanische übersetzte. Dank all der Hilfe konnten Sinn und Bedeutung des Buches angemessen vermittelt werden. Haben Sie schon ein neues Werk in Planung? Jeden Tag gehe ich mit meinen Hunden spazieren. Es ist natürlich nicht allein deswegen, aber ich habe da so ein Konzept für ein Werk über die Beziehung zwischen Mensch und Hund im Kopf, die Grundskizze ist sogar schon fertig. Voraussichtliche Veröffentlichung ist Sommer 2021, der Titel: Hund. Gendry-Kims jüngste Graphic Novel beleuchtet die Beziehung zwischen Hunden und Menschen. Das Werk soll gegen Ende dieses Jahres von Maumsup Press in Seoul veröffentlicht werden und im Frühjahr 2022 von Futuropolis in Frankreich. Die Graphic Novels von Gendry-Kim (im Uhrzeigersinn von links): englische Ausgabe von Grass (Drawn & Quarterly, Kanada, 2019), koreanische Ausgabe von Grass (Bori Publishing, 2017), japanische Ausgabe von Grass (Korocolor Publishers, 2020), portugiesische Ausgabe von Grass (Pipoca & Nanquim, Brasilien, 2020), englische Ausgabe von The Waiting (Drawn & Quarterly, Kanada, Sept. 2021), französische Ausgabe von The Waiting (Futuropolis, Frankreich, 2021), koreanische Ausgabe von The Waiting (Ttalgibooks, 2020), koreanische Ausgabe von Alexandra Kim: Daughter of Siberia (Seohaemunjip, 2020). Kim Tae-hun JournalistHa Ji-kwon Wochenzeitschrift Weekly Kyunghyang Fotos

NIKOS VOLLKOMMENE ZUFRIEDENHEIT

In Love with Korea 2021 SUMMER 73

NIKOS VOLLKOMMENE ZUFRIEDENHEIT CULTURE & ART--> NIKOS VOLLKOMMENE ZUFRIEDENHEIT Der langjährige Koch Nikolaos Kordonias serviert mit Freude die mediterrane Küche seiner Kindheit. Er kocht alles selbst in seinem Restaurant in Seoul, wo er sich nach vielen Jahren unterwegs, nach Arbeit in verschiedenen Küchen endgültig niedergelassen hat. In einer winzigen Gasse im Zentrum des alten Seoul, nur einen Straßenzug von Ikseon-dong entfernt, lockt unerwartet eine Oase griechischer Kultur. Niko Kit¬chen, das sich in einem traditionellen koreanischen Hanok- Haus befindet, präsentiert echte griechische Küche und baut so eine treue Kundschaft auf.Eigentümer und Maître de Cuisine Nikolaos Kordonias, besser bekannt als „Niko“, schwärmt von seiner Kindheit auf der ägäischen Insel Samothraki, der Heimat des mythi¬schen „Heiligtums der Großen Götter“, darunter auch die geflügelte Siegesgöttin Nike.Nikos Beschreibung seines antiken Geburtsortes ist idyl¬lisch und beschwört Bilder einer griechischen Insel voller weiß getünchter Villen herauf: „Wunderschön, ruhig, nette Leute. Der Lebensrhythmus ist gemächlich. Die Menschen sind entspannt, gelassen. Sie machen sich keine Sorgen. Sie haben ihre Häuser, ihre Arbeit. Sie erwarten nicht viel vom Leben. Aber sie haben ihre eigenen Maßstäbe und sie sind glücklich.“Und natürlich gibt es „sehr gutes Essen“. Das Gespräch verweilt bei biologischen Erzeugnissen, frischem Huhn und leckerem Fisch aus dem kobaltblauen Meer rund um Samo¬thrake. In seinen Kinderjahren faszinierte ihn das von Mut¬ter und Großmutter zubereitete Essen. „Es waren die Düfte, denke ich“, sagt Niko.All das prägt heute sein Leben und seine Arbeit. Als er 2004 nach Korea kam, fielen ihm sofort die Düfte verschie¬dener Gerichte auf. Schon bald folgte er bei seinen Spazier¬gängen seiner Nase. „Die Gerüche von den Essensständen, das Grillen von Spießen in den Straßen – das war anders. Es lag in der Luft – das Chili, das Kimchi“, erinnert er sich. Niko hatte damals ein Stellenangebot von Santorini ange¬nommen, einem mittlerweile geschlossenen griechischen Restaurant im Seouler Stadteil Itaewon, das für seine pul¬sierenden Straßen mit internationalem Flair bekannt ist. Er hatte keinerlei Vorstellung, wie Korea sein würde, keinerlei Erfahrung außer dem Taekwondo-Unterricht als Kind. Aber hierher zu ziehen war keine schwierige Sache, ans Umzie¬hen war er gewöhnt. Nachdem er auf Kreuzfahrtschiffen, die an den Häfen im Mittelmeer und in der Karibik anleg¬ten, gearbeitet hatte, lernte er an einem Kulinarik-Institut in New York und arbeitete mit Spitzenköchen in Manhattan. Danach verbrachte er etwa sechs Jahre in Kanada, wo ein Bekannter mehrere Restaurants besaß. Jeden Morgen öffnet Besitzer und Chefkoch Nikolaos Kordonias das Tor zu seinem in einem traditionellen Hanok-Haus in der Nähe des Königspalastes Changdeok-gung befindlichen Restaurants. Das Namensschild zeigt eine koreanische Transkription von „Niko Kitchen“. Korea zur Heimat machen Während Niko als Koch in Itaewon arbeitete, lernte er Seo Hyeon-gyeong kennen, die in dem Gebäude, in dem Santo¬rini untergebracht war, arbeitete. Sie begegneten sich beim Kommen und Gehen und heirateten schließlich. Niko ver¬gaß alle Gedanken an eine Rückkehr nach Griechenland und Seo legte ihren Plan, nach Japan zurückzukehren, wo sie viele Jahre gelebt hatte, auf Eis. „Manche Dinge sollen einfach sein“, sagt Niko mit Blick auf die Art und Weise, wie Seoul zu seiner Wahlheimat wurde.2018 eröffneten Niko und seine Frau Niko Kitchen. Er hatte zwar nicht speziell nach einem Hanok gesucht, aber der architektonische Stil gefiel ihm. Als er das Hanok über¬nahm, übernahm er auch die beiden Haechi-Steinstatuen (Haechi: mythisches, löwenartiges Wesen, das vor Unheil schützt). Sie stehen jetzt Wache in dem kleinen Hof voller blühender Kübelbäume.Niko Kitchen befindet sich in einer Gasse neben einer Straße, die einst von Soldaten des Joseon-Reichs (1392- 1910) für ihre Patrouillen rund um den königlichen Ahnen¬schrein Jongmyo benutzt wurde. Daneben liegt der Palast Changdeok-gung, eine UNESCO-Weltkulturerbestätte. In der Nähe befindet sich ein historischer buddhistischer Tem¬pel und nur wenige Schritte die Gasse entlang ist das Saek¬dong Museum, wo traditionelle koreanische Stoffe mit bun¬ten Streifen ausgestellt sind.Das Restaurant ist täglich geöffnet und Niko kocht alles selbst. Seine Frau nennt ihn einen Workaholic, aber Niko wirkt glücklich und zufrieden. „Das ist mein Leben und ich liebe es“, sagt er. „Ich liebe Essen. Ich liebe es, wenn das Essen den Leuten schmeckt, wenn sie lächeln und wieder¬kommen.“Zwischen Mittag- und Abendessen gönnt Niko sich eine Pause: Er schlendert durch Seoul, zu den Palästen und Tem¬peln, und auch zum Cheonggye-cheon, dem renaturierten Fluss durch die Innenstadt. Vor der COVID-19-Pandemie genoss er es, sich in einer Sauna zu entspannen, doch darauf muss er vorerst verzichten. Die Gäste genießen eine gemütliche Mahlzeit, nippen an ihrem Wein und entspannen sich. Das ist es, was Niko gerne sieht, und die Stimmung, die er liebt. Niko erledigt alle Kocharbeiten. Seine Menüs umfassen neben griechischer Hausmannskost auch einige spanische und italienische Gerichte. In Niko Kitchen gibt es nur vier, fünf Tische, weshalb sich eine vorherige Reservierung empfiehlt. Niko hofft, eines Tages ein größeres, ausschließlich auf griechische Küche spezialisiertes Restaurant eröffnen zu können. Von Feinschmeckern entdeckt Da Niko Kitchen an einem ruhigen Ort abseits des leb¬haften Treibens von Ikseon-dong liegt, gibt es wenig Lauf¬kundschaft. Dennoch ist es immer ausgebucht. Koreas uner¬sättlicher Appetit auf Kochsendungen führte zur Eröffnung des Restaurants, und Niko trat nicht nur als Gast, sondern auch als Juror in mehreren Fernsehshows auf, darunter Yeo¬giGO (GEHE hierhin) und O’live Show (auf dem Kabel¬sender Olive). Als die Medienaufmerksamkeit zunahm, erschienen Restaurantbesucher schon frühmorgens und bombadierten ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Anru¬fen und Mails. Niko weiß die Vorteile seiner TV-Präsenz zwar zu schätzen, möchte sich aber erst einmal seiner eige¬nen Küche widmen.Die Speisekarte basiert auf griechischer Hausmannskost. Moussaka, ein traditionelles Gericht mit Auberginen und Hackfleisch, ist ein Dauerbrenner bei den Gästen. Ande¬re Favoriten sind griechischer Salat mit Fetakäse, Burrata- Salat, Hähnchen-Souvlaki und Garnelen-Saganaki.Da griechisches Essen vielen Koreanern noch unbekannt sein kann, umfasst die Speisekarte auch Pizzen und Pasta, jedoch zubereitet á la Niko mit hausgemachtem Sauerteig. Er entschied sich für Fusionsküche, damit ihm die Hände nicht gebunden sind, und genießt die Freiheit, nach Lust und Laune auch spanische oder italienische Gerichte anzubieten.Gleichwohl bleibt der Schlüssel zu all seinen Menüs ein und derselbe: mediterraner Stil, gesund und mit frischen, natürlichen Zutaten zubereitet; meist vegetarisch, ohne Zucker und so wenig wie möglich frittiert. War die Beschaf¬fung griechischer Zutaten anfangs noch schwierig, so fin¬det er heute alles, was er braucht, online. Wenn schnell eine bestimmte Käsesorte oder eine andere Zutat besorgt werden muss, schaut er auf dem Weg zur Arbeit bei den Geschäften in Itaewon vorbei, wo er auch heute noch lebt. Wie die meisten Gaststätten, so erlitt auch Niko Kitchen während der COVID-19-Pandemie Verluste. Es hat sich mittlerweile aber vollständig erholt. Viele der Besucher sind Stammgäste, darunter auch Mitarbeiter der griechi¬schen Botschaft und sogar Mönche aus dem nahe gelegenen Tempel, dessen mit Szenen aus den buddhistischen Sutras bunt geschmückte Fassade über dem Eingangstor des Res¬taurants zu sehen ist. Die Gäste genießen eine gemütliche Mahlzeit, nippen an ihrem Wein und entspannen sich. Das ist es, was Niko gerne sieht, und die Stimmung, die er liebt. Griechischer Salad aus frischen Tomaten, Oliven, Gurken und Zwiebeln garniert mit Fetakrümeln ist eins der Spezialgerichte von Niko Kitchen. Erinnerungsstücke an Griechenland zieren Niko Kitchen. Magnete mit Fotos von berühmten griechischen Orten schmücken eine Seite des Kühlschranks. Blick in die Zukunft Wenn Niko über seine Wahlheimat sinniert, erwähnt er die gepflegten Gebäude und Straßen, das Fehlen von öffent¬lichen Schandflecken wie Graffiti sowie das gebildete und höfliche Volk. „Es ist wie ein Paradies, der perfekte Ort. Deshalb bin ich glücklich, hier zu sein“, erklärt er.Obwohl Niko sagt, dass er Griechenland nicht besonders vermisse, möchte er doch einmal nach Samothrake, sobald die Pandemie vorbei ist und die Welt zu heilen beginnt. Er will etwas entspannen, seine Familie und Freunde wieder¬sehen, gut essen und im Meer angeln. Er freut sich auch auf den nächsten Schritt in seinem Leben: die Eröffnung eines größeren Restaurants, das ausschließlich griechi¬sche Gerichte serviert und keine Fusionsküche. Er hat das Terrain mittlerweile sondiert und eine Vorstellung davon, was die Leute mögen und was nicht. All seine Erfahrungen und sein Wissen will er für Eines aufwenden: „Ich möchte Menschen glücklich machen – und dabei auch etwas Geld machen.“„Iss gut, und du fühlst dich gut“ – so Nikos einfache Phi¬losophie. Seine Frau pariert mit der aufschlussreichen Erwi¬derung, Niko möge Hamburger und gönne sich gelegent¬lich Kentucky Fried Chicken. Essen ist das, was ihn nach Korea gebracht hat, was ihn hier hält und was ihn glücklich macht. „Am Ende des Tages fühlt man sich erschöpft, wenn die Leute nicht zufrieden sind. Aber wenn sie zufrieden sind und lächeln, dann verschwinden alle Probleme mitsamt der Müdigkeit.“ Cho Yoon-jung Freiberufliche Schriftstellerin, ÜbersetzerinHeo Dong-wuk Fotos

Campen im eigenen Auto

Lifestyle 2020 WINTER 172

Campen im eigenen Auto „Car-Camping“ ist eine neue Freizeitbeschäftigung in Korea, die Reiselustigen auch ohne die Anschaffung eines teuren Wohnmobils Campen ermöglicht, und zwar im eigenen Auto. Angesichts der mit COVID-19 aufgekommenen Notwendigkeit der sozialen Distanzierung erfreut sich diese Outdoor-Aktivität großer Beliebtheit in Korea. Ein Car-Camper am See Chungju. Car-Camping macht einfaches Entspannen fern von regulären Campingplätzen möglich, für die es oft Wartelisten gibt. © Lee Jung-hyuk „Schieben Sie zuerst die Vordersitze möglichst weit nach vorne. Dann klappen Sie die Sitze in der zweiten Reihe in dieselbe Richtung um“, erklärt ein YouTuber und zeigt dabei auf den Innenraum seines Stadtgeländewagens (SUV). In weniger als 30 Sekunden schafft er so mehr Platz und fügt hinzu: „Bevor ich die Isomatte ausrolle, messe ich zunächst Länge und Breite des frei gewordenen Raums, um zu sehen, ob ich mich auch hinlegen kann.“ Zwei Meter lang, einen Meter breit. Passt. „Jeder erwachsene Mann kann sich hier bequem hinlegen“, sagt er mit einem Lächeln. „Und auch mit Freund oder Freundin ist es noch gemütlich.“ Das im Juli letzten Jahres auf YouTube hochgeladene Video verzeichnete im Oktober 2020 bereits über 100.000 Aufrufe. „Car-Camping“ bedeutet Übernachten im Auto. Da denkt man zunächst einmal an ein Wohnmobil mit Bett und Kücheneinrichtung, doch bei diesem neuen Camping-Stil verreisen Sie mit nur minimaler Grundausstattung und übernachten im eigenen Wagen. SUVs bieten sich aufgrund ihres größeren Innenraums besonders dafür an. Wenn Sie die hinteren Sitze ausbauen, entsteht hinreichend Schlafraum für eine Übernachtung. Diese neue Form des Reisens mit leichtem Gepäck lockt mit echtem Abenteuerfeeling. Neue Freizeitkultur Laut einem Bericht der Korea Automobile Manufacturers Association stieg der Absatz von Pickups, die die Vorzüge von LKW und PKW kombinieren, von rd. 22.000 Einheiten im Jahr 2017 auf ca. 42.000 im Folgejahr. Nach Angaben der Korea Agency of Camping and Outdoor Industry wuchs das Volumen der heimischen Camping-Branche im gleichen Zeitraum von 2 Bio. Won (rd. 1,5 Mrd. €) um über 30% auf 2,6 Bio. Won (rd. 1,9 Mrd. €). Auch der Campingausrüstung-Markt verzeichnete 2020 ein explosives Wachstum. Eine Umsatzanalyse des Online-Einkaufszentrums SSG.com für den Zeitraum Juni/Juli zeigt, dass der Umsatz von Auto-Anbauzelten und Luftmatratzen gegenüber den beiden Vormonaten jeweils um satte 664% bzw. 90% stieg. Die Verkaufszahlen von Kühlboxen, einem weiteren wichtigen Camping-Zubehör, haben sich mehr als verzehnfacht. Einer Analyse der Discounter-Kette Lotte Mart zufolge stieg der Umsatz von Camping-Möbeln einschließlich Stühlen und Tischen im selben Zeitraum um 103,7% im Vergleich zum Vorjahr; bei Camping-Bettzeug wie Schlafsäcke und Luftmatratzen betrug der Anstieg 37,6%, bei Zelten 55,4% und bei Kochutensilien 75,5%. Das Übernachten im Auto ist seit etwa 2018 ein breites Gesprächsthema und ein entsprechend beliebter Stoff für Fernsehsendungen. Im März 2020 wurde in einer Folge von I Live Alone, einer repräsentativen Reality-Show des Senders MBC TV, ein junger Schauspieler gezeigt, der mit dem Mitglied einer Boygroup Car-Camping am Strand genoss. Er hatte die Rückbank komplett ausgebaut und schuf mit Glühbirnenketten eine heimelige Atmosphäre. Nach der Ausstrahlung tauchte „Car-Camping“ auf den Portalseite-Listen der Echtzeit-Suchbegriffe auf und in den Sozialen Medien wurden unzählige Beiträge mit begeisterten Reaktionen hochgeladen. Wenn Sie auf Instagram nach dem Hashtag „Car-Camping“ suchen, werden Hunderttausende von Treffern erscheinen. Das Innere eines SUV, ausgestattet nach dem Geschmack eines Campers. Eine Schlafmatte ist das A und O. Das Innere kann dann je nach Geschmack spartanisch oder auch aufwändig dekoriert sein. © Kim Nam-jun SUVs sind wegen ihres breiten Innenraums die bevorzugte Wahl für Car-Camping. Die Besitzer normaler PKWs klappen ihre Sitze zurück und machen es sich auf dem etwas engerem Raum bequem. © gettyimages Der größte Pluspunkt beim Car-Camping ist, dass man egal wo auch immer übernachten kann und sich nicht erst um einen Stellplatz auf einem ausgewiesenen Campingplatz oder im Erholungswald kümmern muss. Auf und los! Es gibt mehrere Gründe für das rasante Wachstum dieser Auto-orientierten Freizeitbeschäftigung. Zuallererst können Sie von jetzt auf gleich ohne groß zu planen starten. Am Freitag können Sie nach Arbeitsschluss beschließen, an den Strand zu fahren oder am nächsten Morgen irgendwo frische Waldluft zu genießen. Eine YouTuberin erhielt für ein einziges Video über Car-Camping mehr als 400.000 Aufrufe. Sie sagte, dass es für diejenigen, die bewusst Zeit alleine verbringen möchten, nichts Schöneres gibt als eine Nacht im Auto. Außerdem brauche man keine spezielle Ausrüstung. Ein paar Fertiggerichte und eine Flasche Wein, und schon ist alles bereit für einen Camping-Ausflug. Außerdem erübrigt es sich, einen Platz auf einem regulären Campingplatz zu reservieren, was wegen der hohen Nachfrage bei registrierten Campingplätzen mit langen Wartezeiten verbunden sein kann. Bei Car-Camping können Sie überall dort übernachten, wo Sie Ihr Fahrzeug parken dürfen. Der Ausbruch von COVID-19 dürfte zu diesem Camping-Boom beigetragen haben. Denn in der gegenwärtigen Situation, in der persönliche Kontakte möglichst vermieden werden sollten, hilft Car-Camping – sei es nun alleine oder mit der Familie – dem Corona-Stress zu entkommen. Ein Beweis dafür ist, dass die Mitgliederzahl des Car Camping Club, Koreas größter Online-Community von Car-Campern auf der Portalseite Naver, von rd. 80.000 Ende Februar 2020 auf ca. 170.000 Anfang September emporgeschnellt ist. Aber es gibt auch Kehrseiten. So sind Luftmatratzen nicht so bequem wie Standardmatratzen, weshalb die Übernachtung im Auto für empfindliche Schläfer nicht gerade ideal sein dürfte. Hinzu kommt, dass ein erholsamer Schlaf in der Regel eine ebene Oberfläche voraussetzt. Mit der 2020 erfolgten Überarbeitung des Kraftfahrzeugmanagement-Gesetzes ist in Korea die Umwandlung von PKWs in Camping-Fahrzeuge zwar erlaubt, aber es ist nicht immer einfach, für eine flache Oberfläche zu sorgen. Und natürlich ist das Übernachten im Auto keine attraktive Alternative für diejenigen, die aufs Duschen nicht verzichten wollen. Gesunde Campingkultur: eine Marktnische Im Sommer ist es im Wagen heiß, im Winter kalt, was die Bequemlichkeit beeinträchtigt. Es kann aber gefährlich sein, Klimaanlage oder Heizung im Auto lange Zeit eingeschaltet zu lassen. Möchte man solch wetterbedingten Unbequemlichkeiten entgehen, wird empfohlen, sich mit Ladegeräten oder Standheizungen auszurüsten. Darüber hinaus: Um sich im Camper vor unerwünschten Insekten zu schützen, ist die Anschaffung eines Moskitonetzes ratsam. Hat man erst einmal mit dem Kaufen der Grundausrüstung begonnen, wächst die Versuchung, mit dem Blick auf höherem Komfort für den nächsten Trip in noch hochwertigeres Equipment zu investieren. Ein YouTuber gestand, dass er wegen seiner Leidenschaft für High-End-Ausrüstung ganz mit dem Car-Camping aufgehört habe. Der größte Pluspunkt beim Car-Camping ist, dass man egal wo auch immer übernachten kann und sich nicht erst um einen Stellplatz auf einem ausgewiesenen Campingplatz oder im Erholungswald kümmern muss. Die meisten Car-Camper bevorzugen mit öffentlichen Toiletten ausgestattete Parks, Strände oder Flussufer.Dem Trend entsprechend gibt es viele beliebte Autocamping-Plätze. Doch immer mehr solche öffentlichen Plätze regulieren den Zugang aufgrund der Probleme, die freies Zelten und Kochen verursachen. So ist es z. B. vorgekommen, dass bei einem unerwarteten Ansturm illegal Müll entsorgt und die Umwelt geschädigt wurde. Wenn sich jedoch eine gesunde Kultur etabliert, kann Car-Camping sich zu einer vernünftigen und preisgünstigen Art des Reisens im Corona-Zeitalter entwickeln.

verliebt in korea Beleuchtung des koreanischen Films

In Love with Korea 2020 AUTUMN 218

verliebt in korea Beleuchtung des koreanischen Films Durch eine Verwechslung entdeckte der Ire Pierce Conran als Jugendlicher den koreanischen Film, was ihn schließlich nach Korea brachte, wo er aus seiner Leidenschaft einen Beruf machte. Heute produziert er Filme, verfasst Kritiken und schreibt für Fans des koreanischen Kinos in aller Welt. Pierce Conran ist ein Filmfan, der sich pro Jahr bis zu 800 Filme anschaut. Sein absoluter Favorit ist Bong Joon-hos Memories of Murder, der Film, der ihn nach Korea brachte. Der erste koreanische Film, den Pierce Conran sah, war alles andere als „Teenagerliebe auf den ersten Blick“. Beim Stöbern in einem DVD-Laden geriet er, angelockt von dem verfänglichen Titel und dem auffälligen Cover, an einen Film, von dem er dachte, es sei eine der „interessanten und angesagten“ japanischen Produktionen. Stattdessen sah er Teil 1 der blutigen Rache-Trilogie des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook (geb. 1963): Sympathy for Mr. Vengeance (2002). „Ich fand den Film gewalttätig und grausam. Ich wusste einfach nicht, was ich damit anfangen sollte“, meint Conran. „Ehrlich gesagt, verabscheute ich ihn so sehr, dass ich jedem, dem ich begegnete, davon erzählte.“ Doch dieser Film ließ Conran nicht los. Einige Wochen später musste er ihn sich einfach noch einmal ansehen. „Plötzlich begann er mir zu gefallen“, erinnert er sich. „Beim zweiten Schauen begriff ich langsam, dass ein Sinn, eine Absicht dahintersteckt. Ich konnte zwar die Intention des Regisseurs nicht ganz nachvollziehen, wollte aber unbedingt mehr darüber herausfinden.“ Mit einer Mischung aus Aversion gegenüber und Neugier auf Korea schaute sich Conran alle koreanischen Filme, die er auftreiben konnte, an. Seine jungen Jahre verbrachte der damals 16-Jährige im schweizerischen Fribourg, der Heimat des Gruyère-Käses. Die Nachbarn waren meist Bauern und morgens wurde er von Kuhglocken geweckt. Während seiner etwas einsamen Kindheit in dieser idyllischen Umgebung wurden Filme seine Freunde. Mit zwölf Jahren kehrte Conran nach Irland zurück, wo er ein Internat in Dublin besuchte und seine Freizeit im nahe gelegenen Kino verbrachte. Das war in den 1990ern, einer Zeit, in der der moderne asiatische Film international an Aufmerksamkeit zu gewinnen begann. Autor, Rundfunkjournalist, Produzent Ein Satz reicht, um einen Einblick in Conrans Arbeitsleben in Korea zu geben: „Grundsätzlich bemühe ich mich, bei allem, was mit koreanischem Kino zu tun hat, auf irgendeine Weise mitzumachen.“ Dieses Jahr war er z. B. Jury-Mitglied beim jährlich im Juli stattfindenden Bucheon International Fantastic Film Festival (BIFAN). Aufgabe Conrans ist es, Cineasten auf der ganzen Welt über koreanische Filme zu informieren. Seine Haupttätigkeit ist die Edition der englischsprachigen Ausgabe von KoBiz, der Website des Korean Film Council (KOFIC). Er schreibt Features, Beiträge über Neuigkeiten sowie Kolumnen und plant, einen diesbezüglichen YouTube-Kanal zu moderieren. Neben Schreib- und Produktionstätigkeiten tritt er regelmäßig in Sendungen des englischsprachigen Kabelfernsehkanals Arirang und des Hörfunksenders TBS (Traffic Broadcasting System) auf. Zudem schreibt er für die kanadische Website ScreenAnarchy, die sich hauptsächlich mit Indie-Filmen befasst, und ist für die US-Filmproduktions- und Vertriebsgesellschaft XYZ Films mit Hauptsitz in Los Angeles tätig. Die Filmproduktion ist sein Zweitjob. Zurzeit produziert Conran ein Stück von Regisseur Lee Sang-woo, dessen Werke als „Inbegriff des koreanischen Indie-Films“ gelten. Mit Streifen wie z. B. Mutter ist eine Hure (2011), Vater ist ein Hund (2012) und Ich bin Abfall (2016) thematisiert der Filmemacher die Schattenseiten der Gesellschaft. Die jüngste Conran-Lee-Kollaboration ist ein 2019 erschienener Teil der Horror-Anthologie Deathcember, an der verschiedene Regisseure aus aller Welt beteiligt waren. Conran und Lee hatten sich 2012 beim Cinema Digital Seoul Film Festival (CinDi) kennengelernt und Lee hatte damals eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Zu der Zeit machte sich Conran in der koreanischen Filmszene langsam einen Namen. Vor Abschluss seines M. A.-Studiums in Französischer Literatur und Filmwissenschaft am Trinity College Dublin hatte er 2010 den Blog Modern Korean Cinema gestartet und sprang zwischen Bloggen und Verfassen seiner Masterarbeit über Memories of Murder (2003) von Bong Joon-ho hin und her. Diese Bemühungen führten zu Vortragseinladungen zu Konferenzen und zahlreichen internationalen Veranstaltungen. Bloggen war zudem eine Möglichkeit, online mit Fans des koreanischen Films zu kommunizieren, darunter mit Filmkritiker Darcy Paquet, den mittlerweile jeder Koreaner kennt, da er die englischen Untertitel für den Oscar-gekrönten Film Parasite (2019) von Bong Joon-ho verfasste. Als Paquet vorschlug, Conran solle doch nach Korea kommen, bedurfte es keiner großartigen Überredungskünste, denn Conran hatte schon längst einen Koreaaufenthalt beschlossen. 2012 kam er in Korea an, wo er anfangs in einem Englisch-Hakwon (privates Lerninstitut) unterrichtete. Aber schon wenige Monate später bekam er den Editor-Job für KoBiz. Danach ging alles sehr schnell. Pierce Conran ist zwar in erster Linie Filmkritiker, steht aber auch hin und wieder vor der Kamera. So hatte er einen Kurzauftritt als Journalist in Yeon Sang-hos im Juli 2020 herausgekommenen Film Peninsula, der Fortsetzung des Zombie-Blockbusters Train to Busan (2016). © Next Entertainment World Tiefer eintauchen Für Conran sind diese rasanten Veränderungen zwar reines Glück, Grundstein dafür waren aber seine Fimleidenschaft und sein „Hang zur Besessenheit“. Kurz gesagt: Seine Begeisterung ließ ihn neue Chancen ergreifen. „Meine enthusiastische Haltung hat mein Leben in vielerlei Hinsicht verändert, v. a. im privaten Bereich,“ fügt er hinzu. „Ich hatte ohne Zweifel großes Glück, aber ab und zu mache ich mir Sorgen, dass jemand mir den Zauberteppich unter den Füßen wegziehen könnte. Mal ganz ehrlich: Zurückzuführen ist das alles doch auch darauf, dass ein westlicher Weißer eine positive Meinung über den koreanischen Film hatte. Das hat sich zu meinem Vorteil ausgewirkt, dessen bin ich mir völlig bewusst.“ In seinem Privatleben spielte die Ehe mit der Regisseurin Lee Kyung-mi eine bedeutende Rolle. In einem Zeitungsartikel wurde Conran als „Seongdeok“ bezeichnet, was so viel wie „erfolgreicher Fan“ bedeutet und auf Anhänger von K-Pop-Stars referiert, die ihr Idol persönlich treffen konnten. Lachend sagt er: „Ich war ein großer Fan von Kyung-mis Crush and Blush von 2008 und freute mich schon auf ihren nächsten Film.“ Sie lernten sich auf einer Party kennen, wo ein befreundeter Regisseur Lee zu ihm herüberbrachte und dann laut gerufen haben soll: „Darf ich vorstellen: Lee Kyung-mis neuer Freund!“ Trotz dieses etwas peinlichen Beginns – seiner Erinnerung nach hatte er damals, sich die Arme reibend, „Oh, hallo“ gesagt und dann einfach da gestanden, als die Leute Fotos schossen – nahmen die Dinge einen natürlichen Lauf und 2018 heirateten die beiden. Neben seinen zahlreichen Tätigkeiten unterstützt Conran seine Frau auf vielfältige Weise beim Filmemachen. In ihrem Beitrag zur vierteiligen Netflix-Anthologie Persona (2018) spielte er den Part des potentiellen Freundes der Protagonistin, die von K-Pop Star IU gespielt wird. Das Mädchen verspricht ihm ein Date unter der Bedingung, dass er dafür zuerst die neue Freundin (gespielt von Bae Doona) ihres Vaters verführt. Conran hat zwar keine Absicht, Schauspieler zu werden, erklärt aber: „Ich liebe es einfach, am Set dabei zu sein. Auf diesem Level mitmachen zu dürfen, ist für mich aufregend.“ Er ist auch in Peninsula (2020) zu sehen, der im Sommer 2020 erschienenen Fortsetzung von Yeon Sang-hos Zombie-Thriller Train to Busan aus dem Jahr 2016. “Korean cinema is so great because it effectively tries to expunge all the bad things, the tribulations of generations through 20th century history and modern social ills.” --> In die Zukunft Aus Conrans Sicht hat die Einstellung zum koreanischen Film im Laufe der letzten Jahre Veränderungen erfahren, wofür Parasite ausschlaggebend war. Das Niveau, die einzigartigen Themen und der hohe Produktionswert koreanischer Filme hätten international schon immer ziemlich hohes Ansehen genossen, aber während in der Vergangenheit glänzende Kritiken oft noch etwas gezwungen anmuteten, so sei es heute ganz anders. „Koreanisches Kino hat unendlich viel Potenzial,“ meint Conran. „Genrefilme liegen weltweit im Trend, was sich vorteilhaft für Korea auswirkt.“ Zudem etablieren sich Streaming-Dienste immer mehr, ein Trend, der durch die soziale Distanzierung infolge der COVID-19-Pandemie noch weiter verstärkt wird. Conran glaubt, dass die koreanische Unterhaltungsindustrie, die ihr Potenzial mit TV-Serien hinreichend bewiesen hat, große Vorteile besitzt. Was ihm Sorgen bereitet, ist jedoch die Begrenztheit der Inhalte: „Was Handlung und Musik betrifft, so finden sich heutzutage überall methodische Anlehnungen an z. B. Bong Joon-ho, Park Chan-wook und Christopher Nolan. Vor 15 Jahren gab es zwar viele Flops bzw. Herumexperimentiererei, das war aber hoch spannend. Heute sind die Filme zu aufpoliert und viele ähneln einander.“ Conrans Filmgeschmack ist breit gefächert, aber er hat eine besondere Vorliebe für Genrefilme mit unklaren oder starken Botschaften. Memories of Murder ist sein absoluter Favorit. Dieser von ihm als „perfekt“ bewertete Film ist auch das Werk, das ihn fesselte und nach Korea brachte. Was er an koreanischen Filmen am meisten liebt, hat eigentlich viel mit dem zu tun, was ihm an seiner Wahlheimat nicht so gefällt. „Als ich zum ersten Mal nach Korea kam, fand ich alles spannend und aufregend, alles war einfach toll. Aber dann war das plötzlich mein Alltagsleben und es gab Aspekte, die mir missfielen.“ Damit meint er z. B. Geschäftspraktiken, patriarchalische Strukturen und verschiedene soziale Probleme. „Das Großartige an koreanischen Filmen ist, dass sie versuchen, alles Schlechte, all das Leid, das die einzelnen Generationen in der Geschichte des 20. Jhs erleben mussten, und alle Übel der modernen Gesellschaft überwinden zu helfen.“ So haben sich Conrans Gefühle gegenüber Korea mit der Zeit verändert. „Als ich durch meine Heirat in eine neue Familie aufgenommen wurde, haben sich mein Verständnis und meine Liebe zu Korea weiter vertieft. Das hat mir geholfen, mein Koreanisch zu verbessern, auch wenn es langsam vorangeht,“ sagt Conran. Er hofft, sich in Zukunft stärker auf die Filmproduktion konzentrieren zu können, und weiß, dass sein Koreanisch dafür gut sein muss. Der vollkommene Filmenthusiast und begeisterte Sammler von Blu-rays scheint wirklich glücklich zu sein, weil er das macht, was er liebt. „Ich schaue mir sehr viele Filme an. Eigentlich viel zu viele, so an die 800 pro Jahr,“ sagt er und scheint von der Zahl selbst überrascht zu sein. Lächelnd fügt er hinzu: „Das ist mein Beruf.“

Interview Aus Weggeworfenem neuen Wert schaffen

Interview 2020 AUTUMN 170

Interview Aus Weggeworfenem neuen Wert schaffen Zwei junge Designer mit Schwerpunkt Textildesign gründeten 2010 das Designstudio Fabrikr. In dem Bemühen, über die Grenzen von Materialien hinauszugehen, bewegen sie sich frei zwischen Möbel- und Raumdesign. Die Gründer des Designstudios Fabrikr, Kim Sung-jo (links) und Kim Dong-kyu, im von Fabrikr designten Café Onion in Seongsu-dong. Sie begannen mit Möbeln und expandierten dann zu Raumdesign. Nach der Gründung ihres Designstudios Fabrikr im Jahr 2010 präsentierten die Designer Kim Dong-kyu und Kim Sung-jo ihr erstes Werk: den Stuhl Monster, hergestellt durch Beschichten von weggeworfenen Stoffen und Holz mit Epoxidharz. Nachdem das Duo zunächst aus Weggeworfenem Möbel kreiert hatte, richtete es seinen Blick auf aufgegebene Räume: Aus Fabriken, Postämtern, öffentlichen Badehäusern und traditionellen Hanok-Häusern wurden Cafés, Optikergeschäfte, Ausstellungsräume für bestimmte Marken und mehr. Es war aber nicht nur die Nutzungart des Raums, die sich änderte. Viele tranken dort Kaffee, lasen Bücher und genossen es, dort zu sein. Sie verliebten sich in die Räumlichkeiten. Wenn Sie die Gefühls- und Gedankenwelt junger Menschen im geschäftigen Seoul verstehen möchten oder einfach neugierig auf die neuesten angesagten Hotspots sind, tun Sie gut daran, sich die Räume anzusehen, die die Handschrift von Fabrikr tragen. Denn diese Orte sind die Antworten auf Ihre Fragen. Warum interessieren Sie sich für Aufgegebenes? Kim Dong-kyu: Wir haben beide Textildesign studiert. Zunächst wollten wir die Grenzen der Faser als Material überschreiten und aus verschiedenen Stoffen Möbel und alle möglichen Objets herstellen. Materialien kaufen und daraus etwas machen: Das ist einfach. Wir fanden die Idee viel attraktiver, weggeworfenen Dingen durch unsere Hände neues Leben einzuhauchen, indem wir sie zu etwas anderem werden lassen. Quantum Project: Sound Holic Exit (2014). Musikinstrumente, Mobiliar, Neonlicht. 9,5 × 20 × 3,2 m (Breite, Tiefe, Höhe). © Fabrikr Quantum Project: Coral Wave (2014). Prismenfilm, Draht, Spiegel. 9,5 × 15 × 3,2 m (Breite, Tiefe, Höhe). Im Flagship Store der Brillenmarke Gentle Monster in Seogyo-dong, Mapo-gu, befinden sich im zweiten und dritten Stock Verkaufsräume, aber das Erdgeschoss ist ein sich entwickelnder Projektraum. Ein ganzes Jahr lang präsentierte Fabrikr alle 15 Tage ein völlig neues Raumkonzept. © Fabrikr Sie haben einmal gesagt, dass „Upcycling“ und „Weggeworfenem neuen Wert verleihen“ unterschiedlich sind. Was ist der Unterschied? Kim Dong-kyu: Die Schweizer Marke Freitag hat Taschen durch die Verwendung von wasserdichtem Industrieabfall entwickelt und ist heute auf der ganzen Welt beliebt. Aber da bei einer Upcycling-Marke enorm viel Arbeit in den Produktionsprozess gesteckt werden muss, ist das Endprodukt nur entsprechend teuer. Wenn sich das Produkt trotzdem immer noch gut verkauft, beweist das eine entsprechend gute Produktplanungskompetenz. Für die Vermarktung ist zwar auch das Brand-Storytelling wichtig, aber das Produkt an sich muss hinreichend überzeugend sein, damit der Kunde bereit ist, Geld dafür auszugeben. Wir dachten, dass uns in diesem Bereich immer noch etwas fehlt. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Aufmerksamkeit auf das weggeworfene Material an sich zu richten und auf das Ziel, ihm mehr Wert zu verleihen. Aus diesem Grund haben wir statt kommerzieller Produkte Objets geschaffen, also Werke, die unsere Geschichten erzählen können. Anfangs haben Sie sich auf Material und Arbeitsweise konzentriert, aber jetzt scheint es keine Grenzen zu geben. Kim Dong-kyu: An den Grundlagen hat sich nichts geändert. Wir haben einfach beschlossen, keine Grenzen zu setzen, und die Ausdrucksmethoden verwendet, die uns zur Verfügung standen, um Möbel, Installationsstücke und Räume zu gestalten. Jetzt denken wir auch an Architektur. Wir wollen uns immer wieder neue Herausforderungen vornehmen und sie auf unsere eigene Art und Weise lösen. Kim Sung-jo: Ob es sich nun um ein Möbelstück oder einen Raum handelt: der eigentliche Planungs- und Designprozess ist der gleiche. Der Unterschied ist nur, was an erster Stelle steht: der Gegenstand oder die Geschichte, die wir erzählen möchten. Sei es ein ausgemusterter Stuhl, ein ausgemustertes Stück Stoff oder ein aufgegebener Raum: Sobald wir uns für ein Objekt entschieden haben, überlegen wir, mit welcher Geschichte wir es füllen können. Der einzige Unterschied wäre, dass wir bei Möbeln nur unseren eigenen Vorstellungen folgen, während wir bei einem Raum versuchen, die Geschichten der Menschen, die ihn nutzen werden, einzufangen. Bei der Raumgestaltung denken wir darüber nach, wie sich die Menschen bewegen und welche Wege sie einschlagen sollen. Es gibt Momente, in denen wir uns wie Amateure vorkommen, denn wenn wir eine gute Idee haben, ändern wir sogar mitten im Projekt noch einmal die Richtung, ohne lange darüber nachzudenken. Aber letztendlich liegt meiner Meinung nach gerade darin unsere Stärke. Betrachtet man Ihre Arbeiten, scheinen Sie eine besondere Vorliebe für Epoxidharz zu haben. Kim Sung-jo: Epoxidharz besitzt bestimmte Materialeigenschaften, die für unsere Projekte und für die Blickwinkel, die uns interessieren, besonders gut geeignet sind. Es vermag die Vergangenheit festzuhalten, ist verfeinert und zugleich futuristisch, fühlt sich aber im Gegensatz zu Glas weich und warm an. Uns gefällt auch, wie sich seine Farbe im Laufe der Zeit ändert. Und dass es zunächst flüssig ist und dann fest wird, ist ebenfalls interessant. Zudem ist es ein Material, das ganz natürlich mit dem ursprünglich vorhandenen Objekt verschmilzt, sodass sich unmöglich sagen lässt, wann das Endstück hergestellt wurde. Ein Beispiel dafür ist unser Stuhl Chaeum. Die gebrochene Armlehne wurde durch einen schienenartigen Teil aus Epoxidharz ersetzt. Hätten wir das ursprüngliche Holz verwendet, wäre es eine „Restaurierung“ gewesen, aber durch die warme, künstliche Epoxid-Armlehne haben wir eine neue, futuristische Optik geschaffen.Kim Dong-kyu: Ich glaube, Epoxidharz hat etwas Koreanisches. Es hat etwas Mondänes, ohne provozierend zu wirken, harmoniert mit allem, was es umgibt, strahlt aber auch Kraft aus. Wir verwenden Epoxid seit fast zehn Jahren und es ist so überzeugend, dass wir noch nichts gefunden haben, was es ersetzen könnte. Ihr erstes Raumprojekt scheint Fabrikr ins öffentliche Bewusstsein gerückt zu haben. Kim Sung-jo: 2011 hat Gentle Monster uns kontaktiert und mitgeteilt, dass sie in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern Brillen herstellen. Zwei Jahre später haben sie uns dann damit beauftragt, für die Eröffnung ihres Flagship-Stores in Nonhyeon-dong im Hof eine Installation anzubringen. Zunächst hatten wir die Idee, nur ein Bootswrack vom Daecheon-Strand zu nutzen, aber nach weiteren Diskussionen haben wir das Konzept auf den gesamten Raum ausgeweitet. Wir dachten, es wäre interessanter, wenn das Boot nicht einfach Schauobjekt wäre, sondern als Eingang zum Ausstellungsraum fungieren würde, als Tür, die in eine völlig andere Welt führt. Der Gentle Monster-Store in Hongdae ist das Ergebnis intensiver Überlegungen, wie sich Markenbekanntheit durch den Raum steigern lässt. Wir haben eine ganze Reihe von Materialien, Stilen und Auslagemethoden eingesetzt, um das Store-Konzept ein ganzes Jahr lang alle fünfzehn Tage neu zu gestalten. Dadurch wurde Gentle Monster unter der jüngeren Generation sehr bekannt und bei einem Besuch des Ladens ging es nicht mehr nur um den Kauf von Brillen, sondern um ein kulturelles Erleben des Raums an sich. 1. “MONSTER” (2010). Fabric, Formica, wood. 60 × 60 × 85 cm (WDH). © Fabrikr 2. “CHEUM” (2013). Abandoned chair with epoxy. 64 × 54 × 100 cm (WDH). © Fabrikr --> Ihr nächstes Projekt, Café Onion, hat jetzt drei Filialen und alle werden heiß geliebt. Kim Sung-jo: Das Gebäude der Filiale in Seongsu-dong stammt ursprünglich aus den 1970er Jahren und beherbergte zunächst eine Reparaturwerkstatt, dann einen Supermarkt und schließlich ein Hostel. Es gab daher je nach Verwendungszweck alle Arten von ungenehmigten Renovierungen und Erweiterungen, deren Spuren noch an Wänden und Böden zu sehen waren. Für uns waren es Designinspirationen. Das Seongsu-Café machte schnell von sich reden, sodass eine zweite Filiale eröffnet wurde. Der CEO von Onion wollte das Onion über ein einfaches Café hinaus zu einer Kulturmarke entwickeln, deshalb hat man die Filiale in Mia-dong absichtlich in einem Postgebäude untergebracht. Dahinter steht das Konzept eines „Platzes“, auf dem die Menschen zusammenkommen und kommunizieren. Für uns ist die Mia-Filiale von Onion so etwas wie ein Installationskunstwerk. Die jüngst in Anguk-dong eröffnete Onion-Filiale demonstriert die Kraft des Hanok. Kim Sung-jo: Koreas Café-Markt gilt als der drittgrößte der Welt. Die Branche ist so erfolgreich, dass ausländische Touristen Café-Touren in Korea unternehmen. In puncto Design gibt es ja einiges zu sehen. Nach dem Mia-Store wollte Onion ein Café schaffen, das die Stadt Seoul repräsentieren kann. Wir haben lange nach dem richtigen Platz gesucht und schließlich ein altes Hanok in Anguk-dong entdeckt. Wir haben so viele bautechnische Merkmale wie möglich bewahrt, z. B. die Maru-Holzdielen, Holzsäulen und Ziegeldächer. Die Gründer des Designstudios Fabrikr, Kim Sung-jo (links) und Kim Dong-kyu, im von Fabrikr designten Café Onion in Seongsu-dong. Sie begannen mit Möbeln und expandierten dann zu Raumdesign. Die Mia-Niederlassung von Café Onion, die eine in Vergessenheit geratene Ecke des Postamtes im Seouler Viertel Gangbuk wiederbelebt, spielt mit dem Konzept „öffentlicher Platz“. Der Akzent liegt dabei auf dem Nacktbeton. Es gibt nur wenige Tische. © hugefabio An welchem Material oder Thema sind Sie derzeit besonders interessiert? Kim Sung-jo: Als wir mit dem Café-Onion Projekt anfingen, haben wir das Licht neu und tiefer betrachten gelernt. Uns wurde bewusst, welch wichtige Rolle das Licht in einem der Ruhe und Entspannung dienenden Raum spielt. Daher interessieren wir uns zurzeit sehr für die Arbeiten des amerikanischen Installationskünstlers James Turrell, der das Licht und seine Wirkung erforscht. Gibt es Bereiche, in die Sie noch vorstoßen möchten, oder Projekte, die Sie übernehmen möchten? Kim Sung-jo: Das ist noch alles offen. Wir interessieren uns über Architektur hinaus dafür, ein ganzes „Gebiet“ zu schaffen, andererseits denken wir auch an Objekte, die kleiner als Möbel sind. Wenn man arbeitet, ohne über Schranken und Beschränkungen nachzudenken, kann man weiter und umfassender denken. Was besitzt für Fabrikr den höchsten Wert? Kim Dong-kyu: Es ist schwierig, das in einem einzigen Satz präzise zu formulieren. Das, was mir gerade in den Sinn kommt, sind „Menschen“ und „Zeit“. Kim Sung-jo: Die Übernahme der künstlerischen Leitung für Onion hat uns bewusst gemacht, dass die Kollaboration mit einer Marke größere Projekte ermöglichen kann. Uns wurde klar, dass wir einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben können. Es gibt immer noch zu wenige koreanische Marken, die sich im Kulturbereich einen Namen gemacht haben. Eine Marke, die die koreanische Kultur repräsentieren kann: Das ist das Ziel von Onion und Fabrikr. Und wir lernen viel, während wir unser Team aufbauen, große Träume träumen und unsere Kräfte sammeln. Gibt es einen Raum oder ein Reiseziel, das Sie in letzter Zeit beeindruckt hat? Kim Dong-kyu: Vor zwei Jahren, als wir Onions Anguk-Filiale aufbauten, haben wir viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, was genau etwas „koreanisch“ macht. Da stießen wir zufällig auf An einer Entasis-Säule von Muryangsu-jeon (Halle des Ewigen Lebens) gelehnt, ein Buch des Kunsthistorikers Choi Sun-u, und besuchten den Tempel Buseok-sa. Dort haben wir zum ersten Mal Anmut und Eleganz der koreanischen Architektur und Tradition nachempfunden. Die Art und Weise, wie die architektonischen Strukturen in der Natur angeordnet waren, und wie sie sich je nach Blickwinkel veränderten, war eindrucksvoll und bewegend. Seit der Eröffnung 2016 ist Café Onion in Seongsu-dong – erbaut aus den Überresten einer stillgelegten Fabrik aus den 1970ern – eine der Hauptstationen entlang der verschiedenen Café-Pilgerrouten in Seoul. Die nackten Wände, die in dem zum Café umgestalteten Innenraum die Spuren der verflossenen Zeit konservieren, schaffen eine urbane Sensivität, die die Besucher zu rühren vermag.

Review

Sterne, die in der Dunkelheit gemeinsam funkelten

Art Review 2021 SUMMER 76

Sterne, die in der Dunkelheit gemeinsam funkelten Von den 1930er bis in die 1950er Jahre herrschte Armut in Korea. Nichtsdestotrotz verfolgten Schriftsteller und Künstler beharrlich ihre Träume, wobei sie von Freunden und Kollegen unterstützt wurden. Eine seltene, vom National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA) kuratierte Ausstellung im Seouler Königspalast Deoksu-gung zeichnet nach, wie diese kreativen Köpfe durch Kameradschaft und Kooperation zahlreiche Hindernisse überwanden. Stillleben mit einer Puppe von Gu Bon-ung, 1937. Öl auf Leinwand. 71.4 × 89.4 cm. Leeum, Samsung Museum of Art. Als Impressionismus-zentrierter Akademismus in war, wurde Gu Bon-ung vom Fauvismus angezogen. Wie an dem französischen Kunstmagazin Cahiers d’Art im Gemälde zu erkennen, schätzten Gu und seine Freunde die zeitgenössischen Kunsttrends der westlichen Länder. Die 1930er Jahre, in denen die japanische Kolo¬nialherrschaft zunehmend brutaler wurde, waren zwar ein dunkler Abschnitt der Geschichte, aber zugleich auch eine Zeit, in der die koreanische Gesellschaft im Zuge der Modernisierung bis dahin ungeahnte Umbrü¬che erlebte. Vor allem veränderte sich vieles in der Haupt¬stadt Gyeongseong (heute: Seoul). Auf gepflasterten Stra¬ßen fuhren Straßenbahnen und Autos, prachtvolle Kaufhäu¬ser wurden errichtet. Die Straßen wimmelten von „modern girls“ mit hochhackigen Schuhen und „modern boys“ in schicken Anzügen.Gyeongseong, wo Verzweiflung angesichts der Reali¬tät und neuzeitliche Romantik ineinander flossen, war aber auch eine Stadt der Künstler und Schriftsteller. Sie versam¬melten sich damals in den als „Dabang“ bekannten Cafés. Die sich in den Gassen der Stadtmitte aneinander reihenden Dabang waren aber mehr als nur Kaffeestuben. Künstler und Schriftsteller diskutierten dort über die neuesten Trends der europäischen Kunstszene wie die Avantgarde, während sie in einem für die Zeit exotisch anmutenden Interieur von Kaf¬feeduft umgeben die Lieder von Enrico Caruso genossen. Caruso und Avantgarde-Kunst Selbst Armut und Verzweiflung im kolonialisierten Land konnten den Kunstgeist nicht brechen. Hinter der Leiden¬schaft für das künstlerische Schaffen, das inmitten des Lei¬dens aufblühte, standen Freundschaft und Kollaboration von Künstlern, die die Schmerzen des Zeitalters teilten und nach einem Weg zum gemeinsamen Überleben suchten.Encounters Between Korean Art and Literature in the Modern Age, eine Ausstellung in den Hallen des MMCA im Königspalast Deoksu-gung, die diese Zeiten der „paradoxen Romantik“ porträtierte, lockte trotz der Unbequemlichkeiten infolge der COVID-19-Pandemie zahlreiche Besucher an. Wie der Titel schon verrät, beleuchtete diese Ausstellung, auf der rund 50 repräsentative Künstler der Moderne vorge¬stellt wurden, wie sich Maler, Dichter und Novellisten über Genregrenzen hinweg austauschten, gegenseitig beeinfluss¬ten und ihre künstlerischen Ideale entfalteten.Die Ausstellung umfasste vier Themen. In Ausstellungs¬halle 1 wurden unter dem Thema „Zusammenfluss der Avantgarde“ die Beziehung zwischen der Dabang-Kaffee¬stube „Jebi (Schwalbe)“, die der Dichter, Novellist und Essayist Yi Sang (1910-1937) betrieb, und den Künstlern, die dort Stammgäste waren, beleuchtet. Yi Sang, der Archi¬tektur studiert hatte, arbeitete eine Weile als Bauzeichner im japanischen Generalgouvernement in Gyeongseong, gab diese Stelle aber wegen Lungentuberkulose auf und eröff¬nete die Kaffeestube. Weit bekannt für seine ausgeprägt sur¬realistischen Werke wie die Erzählung Flügel und das expe¬rimentelle Gedicht Krähenperspektive, gilt Lee als einer der Pioniere der modernen koreanischen Literatur der 1930er Jahre.Die nackten Wänden der Kaffeestube Jebi sollen nur ein Selbstporträt Yi Sangs und einige Malereien seines Kind¬heitsfreunds Gu Bon-ung (1906-1953) geschmückt haben. Dieser bescheidene Ort ohne optischen Reiz war der Treff¬punkt armer Künstler. Neben Gu gehörten zu den Stamm¬gästen auch Pak Tae-won (1910-1986), der eng mit Yi befreundet war, und der Dichter und Literaturkritiker Kim Gi-rim (1908-?). Sie trafen sich im Jebi und unterhiel¬ten sich nicht nur über Literatur und Kunst, sondern auch über die neuesten Trends in anderen Sparten wie Film und Musik. Für sie war das Jebi nicht nur ein sozialer Treff¬punkt, sondern ein Inkubator des Schaffens, wo sie die neu¬esten Geistesströmungen aufsaugen und Nährboden für ihre Kunst finden konnten. Auf besonderes Interesse stie¬ßen die Gedichte von Jean Cocteau und die avantgardisti¬schen Filme von René Clair. Yi Sang hängte Aphorismen von Cocteau an die Wand, während Pak Tae-won Conte, aus einem Film gewonnen: Der letzte Milliardär verfasste, eine Parodie auf Clairs Le Dernier milliardaire (Der letzte Mil¬liardär) (1934), in der er die Realität unter der Kolonialherr¬schaft satirisierte.Die Spuren, die sie jeweils im Leben der anderen hinter¬lassen haben, und die engen Beziehungen, die sich in ihren Werken widerspiegeln, sind äußerst fesselnd. Die Figur in Gu Bon-ungs Porträt eines Freundes (1935), die einen etwas „schrägen“ Eindruck hinterlässt, ist Yi Sang. Trotz des Altersunterschieds von vier Jahren waren die beiden schon als Schulkinder Busenfreunde. Kim Gi-rim sparte nicht mit Lob für den fauvistischen Stil außergewöhnlicher Art von Gu Bon-ung. Es war auch Kim, der um den mit nur 27 Jah¬ren verstorbenen Yi Sang am tiefsten trauerte, seine Werke sammelte und 1949 eine Auswahl davon veröffentlichte. Zuvor hatte Yi den Einband für Kim Gi-rims erste Gedicht¬sammlung Wetterkarte (1936) designt. Auch die Illustratio¬nen für Paks Novelle Ein Tag im Leben des Schriftstellers Kubo (1934), die in der Tageszeitung Joseon Jungang Ilbo als Serie erschien, stammen von ihm. Der originäre literari¬sche Stil Pak Tae-wons und Yi Sangs surrealistische Illustra¬tionen schufen Werke von einer originellen Eigenwilligkeit, die sich bei den Lesern großer Beliebtheit erfreuten. Selbstporträt von Hwang Sul-jo (1904-1939). 1939. Öl auf Leinwand. 31.5 × 23 cm. Privatsammlung. Hwang Sul-jo, der derselben Künstlergruppe wie Gu Bon-ung angehörte und einen einzigartigen Malstil kultivierte, war versiert in verschiedenen Stilen und Genres, darunter Stillleben, Landschaften und Porträts. Das Selbstporträt stammt aus dem Jahr, in dem er im Alter von 35 Jahren starb. Ausstellungshalle 2 zeigte Kunstdruckarbeiten aus den 1920ern bis in die 1940er. Zu sehen waren Bücher mit schönen Einbänden sowie meist von Zeitungsverlagen publizierte Magazine mit den Werken verschiedener Illustratoren. Cheongsaekji (Blaues Magazin), Ausgabe 5, Mai 1939 (links); Ausgabe 8, Februar 1940 (rechts) Cheongsaekji, erstmals im Juni 1938 veröffentlicht und mit der achten Ausgabe im Februar 1940 eingestellt, war ein umfassendes, von Gu Bon-ung ediertes und veröffentlichtes Kunstmagazin. Es deckte viele Bereiche ab, darunter Literatur, Theater, Film, Musik sowie die Schönen Künste, und brachte qualitativ hochwertige Beiträge berühmter Schriftsteller. Begegnung von Poesie und Malerei Das Illustrieren von serialisierten Erzählungen ermöglich¬te den Künstlern zumindest für eine gewisse Zeit ein regel¬mäßiges Einkommen und trug zudem dazu bei, das Image der Zeitung als eines Mediums, das populär und künstle¬risch zugleich ist, zu propagieren.In Ausstellungshalle 2, die an eine ruhige Bibliothek erinnerte, war eine Printmediensammlung aus Zeitungen, Magazinen und Büchern aus den 1920ern bis in die 1940er zu sehen. Unter dem Titel „Ein Museum aus Papier“ bot diese Sektion die seltene Gelegenheit, durch zwölf u. a. von Ahn Seok-ju (1901-1950) illustrierte, in Zeitungen veröf¬fentlichte Fortsetzungsromane zu blättern.Damals publizierten Zeitungsverlage auch Magazine, und durch sie entstand das neue Genre „Hwamun“, i. e. Gedich¬te mit Illustrationen. Repräsentativstes Beispiel dafür ist das berühmte, von Baek Seok (1912-1996) verfasste und von Jeong Hyeon-ung (1911-1976) illustrierte Gedicht Ich, Natascha und der weiße Esel, das wie folgt beginnt: „Heute Nacht schneit es dick und dick.“ Die Illustration mit ihren markanten orangefarbenen und weißen Leerstel¬len gibt quasi die „Klangfarbe“ des Gedichts wieder, dem ein seltsames mit Wärme eingefangenes Gefühl der Leere anhaftet. Das Werk erschien in Yeoseong (Frauen), dem von der Tageszeitung Chosun Ilbo herausgegebenen, von Baek und Jeong gemeinsam zusammengestellten und redigierten Magazin für Literatur und Kunst. Baek Seok, der lyrische Gedichte mit starkem Lokalkolorit schrieb, und Jeong Hyeon-ung, der sich als Illustrator einen Namen machte, lernten sich als Arbeitskollegen in einem Zeitungsverlag kennen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine besondere Freundschaft zwischen den beiden, die im 44 45 Büro nebeneinander saßen. Jeong warf öfters bewun¬dernde Blicke auf Baek. „Er ist so schön wie eine Statue“, heißt es in Jeongs kurzem Text Mr. Baek Seok (1939), der zusammen mit seiner Zeichnung von Baek im Magazin Munjang (Satz) veröffentlicht wurde. Ihre Freundschaft blieb bestehen, auch nach¬dem beide beim Yeseong-Verlag aufgehört hatten. 1940 zog Baek in die Mandschurei, von wo aus er seinem Freund das Gedicht An Jeong Hyeong-ung – aus dem Norden schickte. 1950, nach der Teilung Koreas, ging Jeong in den Norden, wo er Baek wie-dersah. Er kompilierte Baeks Gedichte und ver¬öffentlichte sie in einem Sammelband. Auf dem Rückendeckel ist auch ein Porträt von Baek Seok zu sehen, der älter und besonnener als der „Mr. Baek Seok“ von 1939 erscheint. Ich, Natascha und der weiße Esel von Baek Seok und Jeong Hyeon-ung. Adanmungo. Dieses von Jeong Hyeon-ung illustrierte Gedicht von Baek Seok erschien 1938 in der Märzausgabe von Yeoseong (Frauen), einer von der Zeitung Chosun Ilbo herausgegebenen Zeitschrift. Es veranschaulicht den häufigen Austausch zwischen Schriftstellern und Malern, der durch das neu aufgekommene Genre „Hwamun“ (illustrierte Schriften) entstand. Familie von Dichter Ku Sang von Lee Jung-seop (1916-1956). 1955. Bleistift und Öl auf Papier. 32 × 49.5 cm. Privatsammlung. Lee Jung-seop, der während des Koreakrieges im Hause des Dichters Ku Sang Zuflucht fand, porträtierte die glückliche Familie Kus, der seine Frau und seine beiden Söhne, die zu der Zeit in Japan waren, vermisste. Cover der Zeitschrift Hyeondae Munhak (Contemporary Literature), die im Januar 1955 gegründet wurde. Die Illustrationen stammen von bekannten Künstlern wie Kim Whanki, Chang Uc-chin und Chun Kyung-ja. Bilder und Schriften der Künstler Ausstellungshalle 3 war der Zeit zwischen den 1930er und 1950er Jahren gewidmet und legte unter dem Titel „Kameradschaft unter Künstlern und Schriftstellern der Moderne“ den Fokus auf die per¬sönlichen Bande zwischen Künstlern und Schrift¬stellern. Im Mittelpunkt des privaten Beziehungsge¬flechts stand Kim Gi-rim, der auch zu den Künstlern der nächsten Generation Kontakte pflegte. Er nutz¬te gezielt seinen Beruf als Zeitungsjournalist, um vielversprechende Künstler zu entdecken und ihre Werke durch seine Rezensionen der Öffentlichkeit vorzustellen. Eine solche Rolle spielte auch Kim Gwang-gyun (1914-1993), ein Dichter und gleichzeitig Geschäfts¬mann, der künstlerische Talente sponserte. Es ist daher kaum erstaunlich, dass nicht wenige Exponate in dieser Halle aus Kims Privatsammlung stammten. Das Bild, vor dem viele Besucher stehen blieben, war Die Familie von Dichter Ku Sang (1955) von Lee Jung-seop (1916-1956). In diesem Werk wirft Lee einen neidischen Blick auf die Familie von Ku Sang. Lee Jung-seop lebte damals nämlich alleine, weil er seine Frau während des Koreakrieges aufgrund der schwierigen Lebensumstände zu ihren Eltern nach Japan geschickt hatte. Er hatte gehofft, durch den Verkauf seiner Werke genügend Geld zu verdie¬nen, um die Familie wieder vereinen zu können, aber diese mit Mühe und Not zusammengestellte einzige Soloausstel¬lung brachte nicht genügend ein, was – wie unschwer an dem Werk zu erkennen ist – Lee in tiefe Verzweiflung stürz¬te. Die neben dem Werk ausgestellten Briefe seiner japa¬nischen Frau an Ku Sang, in denen sie sich besorgt nach seinem Befinden erkundigt, ließen noch einmal auf das tra-gische Schicksal der Familie zurückblicken und auf den frü¬hen, einsamen Tod eines von Armut und Krankheit gezeich¬neten Kunstgenies.In der letzten Halle wurden zum Thema „Schriften und Bilder von schreibenden Malern“ sechs Maler vorge¬stellt, die auch als Schriftsteller außergewöhnliches Niveau erreichten. Dazu gehören Chang Uc-chin (1918-1990), der die Schönheit einfacher und purer Dinge schätzte, Park Ko-suk (1917-2002), der sein Leben lang die Berge lieb¬te, und Chun Kyung-ja (1924-2015), die nicht nur wegen ihres originären, farbenfrohen Malstils beliebt war, sondern auch wegen ihrer Essays, die ihre innere Welt unumwunden offenbarten.Am Ende der Ausstellungshalle fesselten vier „Dot-Wer¬ke“ von Kim Whanki (1913-1974) die Aufmerksamkeit der Besucher. Ging man näher an diese Werke heran und betrach¬tete den Mikrokosmos aus unendlich vielen Minipunkten, zogen einem die Namen aller Schriftsteller und Maler, denen man auf dieser Ausstellung begegnet war, durch den Kopf. Es schien, als ob all diese Talente, die in einem dunklen Zeit¬alter wie Sterne am Himmel gefunkelt hatten, nun endlich an einem Ort zusammengerufen worden wären. 2. 18-II-72 #221 von Kim Whanki. 1972. Öl auf Leinwand. 49 × 145 cm. Privatsammlung. Kim Whanki, wohlbewandert in Literatur und mit vielen Dichtern befreundet, veröffentlichte in verschiedenen Zeitschriften Essays. Die lyrischen abstrakten Punktgemälde, die charakteristisch für die späte Periode von Kims Schaffen sind, erschienen Mitte der 1960er Jahre, als er in New York war. Frühe Hinweise auf diese Bilder finden sich in seinen Briefen an den Dichter Kim Gwang-seop (1906-1977).

Abstraktion des Alltags

Art Review 2021 SPRING 210

Abstraktion des Alltags Die Installationskünstlerin Haegue Yang (geb. 1971), die von ihren Standorten Berlin und Seoul aus international tätig ist, interpretiert alltägliche Haushaltsgegenstände auf unterschiedlichste Weise. Ihre jüngste Ausstellung im National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA) in Seoul beleuchtet die fortwährende Erweiterung ihrer Genre-herausfordernden Kühnheit, die sie beim Nachsinnen über neue thematische Herausforderungen entwickelt. Haegue Yang verwendet in ihren Werken oft alltägliche Gegenstände wie Wäscheständer, Jalou-sien und Glühbirnen. Für ihre wegweisende, 2009 im Koreanischen Pavillon der der Biennale di Venezia vorgestellte Installation Sallim (dt.: Haushaltsführung) schuf sie eine Küche aus Stahlgerüst, Ventilatoren und Strickgarn. Seitdem sind ihre Arbeiten an verschiedenen Orten weltweit zu sehen, darunter auf der Documenta in Kassel und im Centre Georges-Pompidou in Paris. Yangs Multimedia-Installationen bestehen normalerweise aus gewöhnlichen Haushaltsobjekten, die sie – auf verschiedenste Weise abgeändert und ergänzt – oft vor digitalen Tapeten mit Grafikdesign präsentiert. Ihre jüngsten Werke, für die sie Images, die in keinerlei Bezug zueinan-der stehen, auf komplizierte Weise miteinander verwoben hat, erscheinen manchmal geradezu „intellektuell überanspruchsvoll“. Daher auch die Kritik, dass die Bilderdichte zu hoch sei, um sie auf einen Blick aufnehmen zu können. Yang erklärt dazu diese spezifische Qualität sei ein charak-teristisches Merkmal ihrer Arbeiten. Haegue Yang nahm im Januar 2019 an der Eröffnungsausstellung der Taipei Dangdai Kunstmesse im Taipei Nangang Exhibition Center teil. Durch den Einsatz unterschiedlicher Medien wie Installation, Skulptur, Video, Fotografie und Klangbilder bringt sie bestimmte historische Figuren oder Alltagsobjekte in einer abstrakten, Gestaltungssprache zum Ausdruck. Silo of Silence – Clicked Core, 2017. Aluminium-Jalousien, pulverbeschichtetes Aluminium, hängende Stahlstrukturen, Stahldrahtseile, Drehbühne, LED Röhren, Kabel. 1105 × 780 × 780 cm. Das KINDL – Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Berlin lädt jedes Jahr einen Künstler dazu ein, ein Werk in der 20m hohen Halle des Boiler House zu präsentieren. Diese Installation von Hague Yang wurde von September 2017 bis Mai 2018 ausgestellt. Ein Objekt, verschiedene Interpretationen Ihre jüngste Ausstellung MMCA Hyundai Motor Series 2020: Haegue Yang – O2 & H2O (29. 9. 2020 - 28. 2. 2021) im Nationalmuseum\ für Moderne und Zeitgenössische Kunst ist keine Ausnahme. Beim Betreten der Ausstellungshalle ist als erstes die großformatige Installation Silo of Silence-Clicked Core (2017) zu sehen, deren Titel schon rätselhaft anmutet. Das Exponat hat die Form eines elf Meter hohen Mobiles aus Jalousien und Beleuchtungskörpern. Dunkelblaue und schwarze Jalousien kreisen in ihren jeweiligen Bahnen. Die Besucher können das Exponat von weitem und von unten betrachten, was ein Raumerlebnis der ganz besonderen Art ermöglicht. Die Jalousien sind dieselben, die Yang bereits für ihr bekanntestes Werk, die Serie Sol LeWitt Upside Down (2020) verwendete, das weiter hinten in der Halle zu sehenist. Dieses aus weißen Jalousien bestehende Exponat ist stark minimalistisch geprägt, wie schon der im Werktitel enthaltene Name des amerikanischen Konzeptkünstlers Sol LeWitt andeutet. Der Besucher mag sich daher vielleicht fragen, welche Bedeutung dem Wiederaufgreifen des minimalistischen Stil der Vergangenheit zukommt. Was die Jalousien betrifft, sagte Yang einmal, dass „einige sie als westlich, andere als östlich bezeichnen.“ Je nach Perspektive mag der Betrachter sie mit einem Büroraum im westlichen Stil oder mit asiatischen Bambusrollos assoziieren. Auch in anderen Werken manifestiert sich Yangs Absicht, zu zeigen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung ein und desselben Objekts je nach Kontext sein kann. Ein Blick auf Ornamente und Abstraktion, Yangs erste Soloaustellung in Lateinamerika, 2017 veranstaltet in der Kunstgallerie Kurimanzutto in Mexico City. Zu sehen waren folgende Werke: The Intermediate – UHHHHH Creature Extended W. 2017. Kunststroh, pulverbeschichtete hängende Stahlstruktur, pulverbeschichteter Stahlrahmen, Stahlseile, Neoseul, Bupo. 580 × 750 × 60 cm. Big-eyed Tongue-tied Mountains beneath Solar and Lunar Orbs – Trustworthy #315. 2017. Verschiedene Sicherheitsumschläge, Millimeterpapier, Origamipapier und Sandpapier auf Pappe, gerahmt, selbstklebender Vinyl Film. 11 Teile. 86.2 × 86.2 cm; 57.2 × 57.2 cm; 29.2 × 29.2 cm. Sol LeWitt Upside Down – K123456, Expanded 1078 Times, Doubled and Mirrored. 2017. Aluminium- Jalousien, pulverbeschichtete Aluminium- Hängestruktur, Stahldratseile, fluoreszierende Röhren, Kabel. 878 × 563 × 1088 cm. Ineinander fließende Grenzen In Halle 5 ist an exponiertester Stelle die Serie Sonic Domesticus (2020) installiert. Die hauptsächlich aus Kunststroh und Kunststoffschnüren gefertigten Werke wirken auf den ersten Blick wegen der daran angebrachten Metallglöckchen wie bizarre Kreaturen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als Bügeleisen, Computermäuse, Haartrockner und Kochtöpfe. Mit ihren Jalousien-Werken, die die Grenzen zwischen Ost und West ins Visier nehmen, erkundet die Künstlerin die Grenzen zwischen Lebendigem und Leblosem. Aus einem Fön wird eine Krabbe, aus zwei aufeinander gestapelten Computermäusen ein Insektenkörper. Zwei zusammengefügte Bügeleisen bilden eine Schere. Die Exponate stehen auf Rädern und produzieren Geräusche, wenn sie bewegt werden. An der Wand auf der rechten Seite der Serie sind in nonagonaler Anordnung vier Arten von Türknäufen angebracht. Der angestrebte Effekt ist hier ähnlich: Ein an der Wand befestigter Türknauf verliert in einem fremden Kontext seine ursprüngliche Funktion des Öffnens einer Tür. Durch diese sich je nach Kontext verändernde Bedeutung von Objekten scheint die Künstlerin das Interesse der Besucher wecken zu wollen. Diese Strategie wurde jedoch schon vor hundert Jahren von dadaistischen Künstlern angewandt. Lange bevor Yang aus zwei Bügeleisen die Form einer Schere kreierte, schuf bereits 1921 der bildende Künstler Man Ray (1890-1976) Cadeau, ein Werk, bei dem er Reißnägel an die Sohle eines Glätteisens gepinnt hatte, um dessen Funktion und Bedeutung nichtig zu machen. Geht man noch weiter zurück, erinnert Yangs Werk auch an Marcel Duchamps Fountain (1917), ein in ein Kunstmuseum gebrachtes Urinal. Zweifelsohne sticht heutzutage in internationalen Kunstkreisen die Tendenz hervor, unabhängig vom kunstgeschichtlichen Zeitalter freie Ideenanleihen zu machen. Beispielsweise übernimmt und abstrahiert die britische Malerin Cecily Brown (geb. 1969) Gemälde aus der Zeit vor dem 19. Jh., und David Hockney (geb. 1937) spielt offen auf die Werke seines Idols Picasso an. In Bezug auf Yang, die Konzeptkunst adaptiert, fragt man sich dann: Wie sieht wohl die ihr ureigene künstlerische Stimme aus? Hatte Yang in der Vergangenheit die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen belebten und unbelebten Objekten erforscht, so scheint sie jetzt die Trennung von Realem und Virtuellem, zwischen Echtem und Unechtem zu hinterfragen. Auf der MMCA Hyundai Motor Series 2020: Haegue Yang – O2 & H2O, zu sehen vom 29. September 2020 bis 28. Februar 2021, stellte Yang neue Kunstformen vor, darunter eine Replikation ihrer Stimme mittels Künstlicher Intelligenz und eine digitale Collage auf Bannern. (Links) Genuine Cloning. 2020. KI (Typumwandlung), Haegue Yangs Stimme, Lautsprecher. Variable Abmessungen. Technologie von Neosapience. (Rechts) Five Doing Un-Doing. 2020. Wasserbasierter Tintenstrahldruck auf Polyester-Bannern, Werbeballons, Ösen, Stahldrahtseile, Hanji-Maulbeerbaumpapier. Variable Abmessungen. Graphiken von Yena Yoo. In dieser Werkserie hat Yang hybride Gefäße geschaffen, indem sie Alltagsgegenstände wie Bügeleisen, Haartrockner, Computermäuse und Töpfe zusammengesetzt oder miteinander verbunden hat. Sonic Domesticus. 2020. Pulverbeschichteter Stahlrahmen, pulverbeschichtete Netze, pulverbeschichtete Griffe, Formgießer, Schwarzkupfer und kupferbeschichtete Glocken, Rotstahl und Stahlglocken, Metallringe, Plastikschnüre. Von links: “Sonic Domesticus – Scissor Pressing.” 208 × 151 × 86 cm. “Sonic Domesticus – Blow-Dry Crawl.” 155 × 227 × 115 cm. “Sonic Domesticus – Clam Tongs.” 291 × 111 × 97 cm. “Sonic Domesticus – Pot Atop.” 224 × 176 × 122 cm. Realität und Abstraktion Diese Stimme manifestiert sich vielleicht am deutlichsten in Five Doing Un-Doing, einer Collage mit digitalen Bildern auf Bannern, und Genuine Cloning, einer Sammlung von Lautsprechern, aus denen eine KI-generierte Stimme dringt. In Bezug auf Five Doing Un-Doing erklärt die Künstlerin, dass für dieses Werk „die intensiven, an politische Propaganda erinnernden lauten Grafiken und die übertriebene Typografie“ charakteristisch seien. Auf den fünf Bannern stehen die Namen der fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser), symbolisiert durch die Farben der fünf Himmelsrichtungen (blau, rot, gelb, weiß und schwarz). Der untere Rand der Banner ist geschmückt mit quasten-artigen, aus dem traditionellen Maulbeerbaumpapier Hanji nachgebildeten schamanistischen Utensilien. Diese Installation scheint im engen Zusammenhang mit dem Ausstellungstitel O2 & H2O zu stehen. Yang erklärt, sie habe den Fokus auf die Symbolisierung der überall im Alltag vor-handenen Elemente Luft und Wasser als „O2“ und „H2O“ gelegt. Man könnte es so verstehen, dass sie die Realität, abstrahiert auf fünf Elemente, auf ihre ganz eigene Weise zum Ausdruck gebracht hat. Genuine Cloning ist eine Installation aus zwischen fünf Bannern aufgehängten Lautsprechern. Daraus fließt die mittels KI-Technologie geklonte Stimme der Künstlerin. Hatte Yang in der Vergangenheit die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen belebten und unbelebten Objekten erforscht, so scheint sie jetzt die Trennung von Realem und Virtuellem, zwischen Echtem und Unechtem zu hinterfragen. Zwischen Berlin und Seoul Haegue Yang, 1971 in Seoul geboren, zog 1994 nach Frankfurt, wo sie die Städelschule, eine Hochschule für Bildende Künste, abschloss. Seit 2005 lebt und arbeitet sie zwar in Berlin, eröffnete aber 2014 auch ein Kunstatelier in Seoul und pendelt seitdem zwischen den beiden Städten. 2018 erhielt sie als erste asiatische Künstlerin den Wolfgang-Hahn-Preis, was für einige Furore sorgte. Im letzten Jahr waren ihre Werke trotz der Covid19-Pandemie in vielen Ecken und Enden der Welt zu sehen: so z. B. in der anlässlich der Wiedereröffnung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York veranstalteten Ausstellung Handles (21. 10. 2019 - 28. 2. 2021) und in der Ausstellung Strange Attractors (24. 10. 2020 - 3. 5. 2021) in der Tate St Ives im britischen Cornwall. Die MMCA Hyundai Motor Series, die 2014 mit den Skulpturen und Installationen der Künstlerin Lee Bul ihren Anfang nahm, ist ein jährlich veranstaltetes Event des MMCA zur Unterstützung führender Künstler. Die diesmalige Ausstellung ist Yangs erste Soloausstellung im MMCA.

Park Re-hyun: Leben und Kunst

Art Review 2020 WINTER 173

Park Re-hyun: Leben und Kunst „Ein Leben wie eine pausenlose Achterbahnfahrt und ein Dokument des Siegs des Menschen durch Kunst und Liebe.“ So beschrieb die Künstlerin Park Re-hyun (1920-1976) ihr eigenes Leben. Das Nationalmuseum für Moderne und Zeitgenössische Kunst gedenkt ihres 100. Geburtstags mit einer beeindruckenden Retrospektive. Die Ausstellung Park Re-hyun Retrospective: Triple Interpreter in der Deoksugung-Zweigstelle des Nationalmuseums für Moderne und Zeitgenössische Kunst (24. 9. 2020–3. 1. 2021) beleuchtet die Kunstwelt der Malerin anhand der Werke aus drei Jahrzehnten. Die vierteilige Retrospektive zeigt figurative Werke der 1940-50er Jahre hauptsächlich mit Frauen als Motiv, Stücke aus gemeinsamen Ausstellungen mit ihrem Mann Kim Ki-chang (1913–2001), schriftliche Zeugnisse, die Einblick in ihre private Gedankenwelt geben, abstrakte Gemälde der 1960er und Druckgrafiken der 1970er Jahre.„Triple Interpreter“ im Ausstellungstitel referiert auf Parks Rolle als „Dolmetscherin“ für Koreanisch, Englisch und Lippenlesen für ihren hörbehinderten Mann. Die Ausstellung bietet die seltene Gelegenheit, sich näher mit Parks intensiv gelebtem Leben sowie Kunstschaffen, das oft vom Leiden ihres Mannes, eines ebenfalls gefeierten Künstlers, überschattet wurde, zu befassen. Park Re-hyun erforschte bei ihrem Unterfangen, Gemälde von typisch koreanischem und gleichzeitig modernem Design zu schaffen, zahlreiche Materialien und Techniken. Ihre bahnbrechenden Druckarbeiten sind Resultat eines leidenschaftlichen Strebens nach einer eigenen, profunden Kunstwelt. Work. 1966-1967. Tusche und Farbe auf Papier. 169 × 135 cm. Museum SAN. Park schuf dieses Werk um die Zeit, als sie sich der abstrakten Malerei zu widmen begann. Mutige Veränderungen Mit Kunst begann die 1920 geborene Park Re-Hyun während der japanischen Kolonialherrschaft (1910-1945). Am Gyeongseong College of Education (heute: College of Education, Seoul National University) studierte sie Malerei bei Keishiro Eguchi. 1940 schrieb sie sich an der Frauenakademie für Kunst in Tokio ein, womit sie sich ernsthaft auf eine Laufbahn als Künstlerin vorzubereiten begann. Ihr Debütwerk ist Make-up, für das sie 1943 bei der 22. Chosen Art Exhibition (Joseon Kunstausstellung) mit dem Preis des Generalgouverneurs ausgezeichnet wurde. Die in starken Farbkontrasten gehaltene Darstellung eines Mädchens im schwarzen Kimono vor einem roten Schminktischchen folgt zwar dem üblichen japanischen Stil, lässt aber bereits die Anfänge ihrer sinnlichen und kühnen Kompositionen, die all ihren Werken eigen sind, erkennen. 1950, als der Koreakrieg ausbrach, zog Park mit ihrem Mann nach Gunsan, eine am Westmeer gelegene Hafenstadt im Südwesten Koreas, wo ihre Eltern lebten. In den vier Jahren bis zu ihrem Umzug nach Seoul konnte sich das Paar trotz des Kriegsgeschehens der Kunst widmen und neue gestalterische Ansätze erforschen. Produkte ihres Schaffens in dieser Zeit sind Early Morning (1956) und Open Stalls (1956), für die Park bei zwei nationalen Ausstellungen jeweils mit dem Präsidentenpreis geehrt wurde. Bis Mitte der 1950er Jahre waren Frauen das Hauptmotiv ihrer Werke. Im Zuge von Parks Erfahrungen mit Krieg und Flüchtlingsleben nahmen die weiblichen Gestalten in ihren Bildern immer ärmere und einfacherer Züge an. Verglichen mit ihrem Debütwerk Make-up weisen die 13 Jahre später entstandenen Bilder Early Morning und Open Stalls große Veränderungen auf, was angesichts der Umbrüche in ihrem Leben nur verständlich ist: Geografischer Raum, ihre private Situation nach der Heirat und die politische Lage in der Heimat – alles hatte sich verändert. Die beachtenswerteste Veränderung betraf jedoch ihre Haltung zur Kunst und ihren Malstil. „Ich kam dazu, die Verschmelzung von Form und Farbe und die durch Änderung der Farben zu erreichende formbezogene Einheit auf der Leinwand in Betracht zu ziehen und manchmal über durch bestimmte Linien andeutbare Plastizität nachzudenken.“ Diese Passage stammt aus ihrem Essay Abstrakte östliche Malerei, das sie 1965 für eine Monatszeitschrift verfasste. Die darin enthaltenen Überlegungen übersetzte sie in einen prägnanten, plastischen Ausdruck von Objekten durch eine angemessene Konvergenz von Linien und Farben. Dieser neue Stil hatte sich bereits in ihrem Werk Schwestern (1955) abzuzeichnen begonnen: Vordergründig betrachtet scheint es sich um eine einfache Darstellung von zwei Mädchen zu handeln, aber bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Farben von Haut und Jeogori (Bolero-artiges Hanbok-Oberteil) der älteren Schwester nicht zu unterscheiden sind und auch nicht klar ist, wo der Rock der Jüngeren beginnt und endet. In der traditionellen koreanischen Malerei wird Tusche hauptsächlich für die Umrisse des Objekts gebraucht, aber Park verwendete die dunklen Pinselstriche völlig unkonventionell sowohl für Umrisse, als auch zum Kolorieren. Der von ihr selbst benutzte Terminus „Plastizität“ referiert auf den Kubismus, der seit Mitte der 1950er Jahre von der koreanischen Kunstszene aufgenommen wurde. Park betrachtete z. B. Picasso als Künstler, der „die sich stets verändernde Frische der Jugend zum Ausdruck bringt“. Als Hommage an den im April 1973 verstorbenen Maler fertigte sie eine Druckgrafik-Collage mit Bildern seiner Werke und Nachrufen an. Makeup. 1943. Tusche und Farbe auf Papier. 131 × 154,7 cm. Privatsammlung. Dieses Werk brachte Park während ihres Studiums in Tokio an der privaten Frauenakademie für kunst in Tokio eine Auszeichnung bei der Chosen [Joseon] Kunstausstellung ein. Open Stalls. 1956. Tusche und Farbe auf Papier. 267 × 210 cm. Nationalmuseum für Moderne und Zeitgenössische Kunst. Für diese Arbeit, die einen neuen, kubistisch beeinflussten Stil vorstellt, wurde Park 1956 bei der Nationalen Kunstausstellung mit dem Präsidentenpreis ausgezeichnet. Abstraktion und Druckgrafik Bis in die späten 1950er Jahre wurden die Objekte in Parks Malereien immer einfacher. Im Januar 1960 besuchte sie als Mitglied von Baegyanghoe (Baegyang: Weiße Sonne), einer Künstlergruppe, die für die gemeinsame Erkundung neuer Richtungen der koreanischen Malerei gegründet worden war, Taiwan, wo die für sie erste Auslandsausstellung Korean Contemporary Artists stattfand. Diese Gruppenausstellung wurde im folgenden Jahr auch in Tokio und Osaka präsentiert. Ihre Besuche im Ausland in dieser Zeit führten sie zu der Erkenntnis, dass viele ihrer Zeitgenossen traditionellen Stilrichtungen skeptisch gegenüberstanden und sich nach neuen Ausdrucksformen sehnten. In den 1960er Jahren war der beherrschende Stil der koreanischen Malerei die sog. art informel, die „Informelle Kunst“. Es war eine Richtung der europäischen Kunst, die aus der Rebellion gegen den akademischen Stil der geometrischen Abstraktion entstand. Der Informalismus betonte die lyrische Seite der Abstraktion und nutzte gezielt die spezifische Textur dicker Ölfarbe als Ausdrucksmittel. Park schloss sich diesem Trend an, begann aber gleichzeitig, unter Ausnutzung der speziellen Eigenschaften der in der traditionellen koreanischen Malerei eingesetzten Materialien Werke ganz eigener Note zu schaffen. Dieser Wandel war deutlich erkennbar in den Exponaten der sechsten genneinsamen Ausstellung mit ihrem Mann, die im Dezember 1962 stattfand. In vielen der präsentierten Werke hatten die Objekte ihre konkreten Formen verloren und waren rotbraunen Farbklumpen gewichen. Verglichen mit den Arbeiten anderer Künstler ihrer Zeit, deren informalistische Experimente sich meist in rhythmischen, über die Leinwand gezogenen Linien ausdrückten, stachen ihre originären Werke zweifelsohne hervor.Park zerknitterte das ihr als Leinwand dienende Papier und fuhr mit Tusche darüber, um Abdrücke auf den Falten zu hinterlassen. Sie goss Farben auf das Papier, ließ sie zerfließen und kleksen, um später Effekte mit vermischter Tusche und Farbe zu erzeugen. Solche Experimente führte sie von 1961 bis etwa 1963 durch. 1966 begann sie dann damit, feine, sich unzählig wiederholende Tuschelinien hinzuzufügen, wodurch ein höherer Grad der Vollendung erreicht wurde, der z. B. in einer Reihe ihrer Arbeiten der sog. Straw Mat Series zum Ausdruck kommt. Besonders in Work (1966-1967) ist klar zu erkennen, dass Park zwar den Informalismus annahm, aber nicht die von anderen Künstlern angewandten prächtigen, dynamischen Linien. Stattdessen malte sie feine Linien auf dünn-feines, aber belastbares traditionelles koreanisches Papier, in das sie die Tinte sickern ließ. Damit war aber ihre Reise noch nicht zu Ende. 1969 ging sie nach New York, um am Pratt Graphics Center weiter zu studieren und am Bob Blackburn Printmaking Workshop Program teilzunehmen. Ihre älteste Tochter besuchte zur selben Zeit das Pratt Institute. Zunächst verwendete sie hauptsächlich Ätztechniken, um ihre früheren Werke im asiatischen Malstil in Druckgrafiken umzuwandeln. Nach Symbol of Joy (1970-1973) erforschte sie eigens die besonderen Eigenschaften der Druckgrafik und schuf später den plastischen Textureffekt, der sich deutlich von asiatischen Malereien unterschied. Im Gegensatz zur Malerei kann der Künstler bei der Druckgrafik die Eigenschaften des Materials taktil erkunden, weshalb Parks charakteristisch subtiler Touch sofort im Endergebnis zu erkennen gewesen sein dürfte. Der ganze Arbeitsprozess wird ihr viel Freude bereitet haben. Besonders in Work (1966-1967) ist klar zu erkennen, dass Park zwar den Informalismus annahm, aber nicht die von anderen Künstlern angewandten prächtigen, dynamischen Linien. Recollection. 1970-1973. Kupferplattendruck. Ätzlavierung. 60,8 × 44 cm. Privatsammlung. Dieser Kupferplattendruck kombiniert die unterschiedlichsten Motive, darunter die Maske eines weiblichen Charakters aus einem traditionellen Maskentanz, eine Gebärmutter, Korn und antike Goldohrringe. Park thematisierte geschickt ihre unterschiedlichen Interessensgebiete wie Geschichte, Leben und Erde. Kim Ki-chang und Park Re-hyun sorgten mit ihrer Heirat im Jahr 1947 für Aufsehen. Ab dem Jahr darauf gaben die beiden Künstler insgesamt zwölf gemeinsame Ausstellungen. Kim erweiterte den Horizont der koreanischen Malerei mit seinem idiosynkratischen Stil, der Traditionelles und Modernes, Abstraktes und Figuratives umfasste. Zeit der Ruhe Park Re-hyun hat über drei Jahrzehnte lang ihre eigene Kunstwelt durch das ständige Ausprobieren von etwas Neuem aufgebaut. Es ist aber auch ein Faktum, dass sie in der Öffentlichkeit besser als „Kim Ki-changs Frau“ bekannt war. 1943, als sie ihn kennen lernte, hatte sich Kim – bei der Joseon Kunstaustellung mehrere Mal mit dem Großen Preis ausgezeichnet – bereits einen Namen als Künstler gemacht. Ihre Hochzeit drei Jahre später sorgte in der koreanischen Kunstszene für einiges Aufsehen, da Kim, wie er es einmal selbst formulierte „schwerhörig, arm und nur wenig gebildet“ war, während sie, die älteste Tochter eines Landbesitzers, die beste Bildung der Zeit genossen hatte. Vielleicht traf Park diese Entscheidung, weil sie tief im Inneren spürte, dass sie ihr Leben als Künstlerin mit Kim an ihrer Seite würde fortsetzen können. Es war auch ihr Ehemann, der ihren Künstlernamen wählte. Sein Künstlername „Unbo“ enthielt das chinesische Schriftzeichen für „Wolken“, weshalb er seiner Frau einen dazu passenden Namen geben wollte. Er entschied sich für „Uhyang“ , was „Regen im Heimatort“ bedeutet, also Regen, der den Samen zum Keimen bringt und zu einer reichen Ernte verhilft.Während Park Re-hyun vier Kinder aufzog, brachte sie ihrem Mann fünf Jahre lang das Lippenlesen bei, bis er sich alleine verständigen konnte. Dieser Wille und diese Hingabe machten sie eher als lebendiges Symbol der „weisen Ehefrau und guten Mutter“ denn als hervorragende Künstlerin bekannt. Als eine Frauengruppe ihr in Anerkennung ihrer Hingabe als Mutter und Ehefrau 1974 den Sin-Saimdang-Preis verlieh, erklärte Park, ihr Leben sei wie eine Achterbahnfahrt gewesen und ein Dokument des Sieges des menschlichen Geistes durch Kunst und Liebe, die ihren Mann schließlich zum „Reden“ gebracht habe. Die Kunst war für sie vielleicht eine kostbare Nische, wo sie eine Weile Ruhe finden konnte, ein Ort der Zuflucht, wo sie in ihrer eigenen Welt versinken konnte.

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