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Landbahnhöfe, die Lichter der Erinnerung aufleuchten lassen

Image of Korea 2021 SPRING 50

Landbahnhöfe, die Lichter der Erinnerung aufleuchten lassen

Jüngst habe ich aus den Nachrichten erfahren, dass eine Hochgeschwindigkeitszugverbindung zwischen Seoul und Andong in Betrieb genommen wurde. Jetzt ist meine Heimatstadt Yeongju, die am nördlichen Rand der historischen Stadt Andong liegt, innerhalb von nur einer Stunde und vierzig Minuten zu erreichen. An einem kalten Wintermorgen vor etwa sechzig Jahren nahm ich, ein damals Dreizehnjähriger aus einem armen Bergdorf, am Bahnhof Yeongju zum ersten Mal allein den Zug. Der Bummelzug hielt an vielen mir unbekannten Stationen und kam erst in der Abenddämmerung in Seoul, der Endstation, an.

Was für eine enorme Veränderung, was für eine Entwicklung, dass dieser lange Weg jetzt in nur etwa anderthalb Stunden Fahrt zurückgelegt werden kann! Aber bei aller Bewunderung und Dankbarkeit für Bequemlichkeit, Komfort und Geschwindigkeit dieses neuen Verkehrsmittels existiert unterschwellig die Sehnsucht nach langsamen, vertrauten Landschaften, die sich über lange Zeiten hinweg auf dem tiefsten Boden des Lebens abgelagert haben.

© Ahn Hong-beom

Bei seiner ersten Zugfahrt klopfte das Herz des Jungen bange vor Aufregung und Neugier. Ein älterer Herr, der neben ihm saß, fragte, wohin er wolle und weshalb. Voller Stolz antwortete der Junge, dass er nach Seoul reise, um die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule zu machen. Der Zug war brechend voll, die Passagiere zwängten sich auf den Sitzen und drängten sich in den Gängen. Immer wenn der Zug in einen Tunnel fuhr, wurde es dunkel im Wagen, dann wieder hell. Der schwarze Rauch und die Asche, die aus der Lokomotive emporquollen, drangen durch die geöffneten Fenster herein.

Der Zug hielt an einem kleinen Landbahnhof. Der älteren Frau auf dem Platz mir gegenüber, die ihre gekochten Eier mit mir geteilt hatte, lief beim Dahindösen der Speichel aus dem Mund, aber plötzlich schreckte sie auf und raffte ihre Sachen zusammen. Die Rücken des aussteigenden Tantchens und eines jungen Schülers in Schuluniform, die sich allmählich von der Bedarfshaltestelle entfernen..., die Beete, auf denen einjährige Blumen wie Kosmen wild blühen und im Wind schwanken.... Solche Landbahnhof-Szenen wurden untrennbarer Bestandteil meiner Zugreisen.

Heute rasen die KTX-Hochgeschwindigkeitszüge an diesen kleinen Bahnhöfen vorbei. Viele Landbahnhöfe haben schon seit langem ihre Funktion eingebüßt, wurden stillgelegt und abgerissen. Andere hat man zu Cafés, Imbissstuben oder kleinen Museen umfunktioniert, die zu nostalgischen Reisen in die Vergangenheit einladen, wodurch sie als Tourismusattraktion wiedergeboren wurden.

Mitten in der Nacht aus leichtem Schlaf aufgewacht, nehme ich manchmal diesen Jungen, der ich einmal war, zu einem der Landbahnhöfe mit und setze ihn in die tiefe Dunkelheit. Dann entzünde ich ein schwaches Licht in jedem Wartesaal der kleinen Bahnhöfe meines verflossenen Lebens und stelle mir die Szenen aus dem Gedicht Am Bahnhof Sapyeong von Kwak Jae-gu (geb. 1954), vor.

Mit den wie Herbstblätter aussehenden Fenstern,
wohin rollt der Nachtzug noch einmal?
Die nostalgischen Momente ausrufend – ich
warf eine Handvoll Tränen ins Licht.

Gochang Keimzelle der Revolution

On the Road 2021 SPRING 48

Gochang Keimzelle der Revolution

Der Landkreis Gochang in der Provinz Jeollabuk-do erfreut die Besucher mit seinen fruchtbaren Böden und schönen Landschaften, stimmt sie aber gleichzeitig mit seinen herzzerreißenden Erinnerungen an den Donghak-Bauernaufstand Ende des Joseon- Reiches traurig.

Der KTX-Hochgeschwindigkeitszug, der vom Bahnhof Yongsan abfuhr, erreichte nach einer Stunde und vierzig Minuten den Bahnhof Songjeong in Gwangju. Mein Kollege holte mich am Bahnhof ab. Die Werbetafel am Verkehrskreisel Richtung Gochang begrüßte uns mit „Herzlich Willkommen in Gochang, der ersten Hauptstadt auf der Koreanischen Halbinsel – Heimat des zu allen vier Jahreszeiten schönen Berges Seonun-san und heilige Stätte der Donghak-Bauernrevolution“. So ist es. Gochang ist der Ort, wo die Fahne der Bauernrevolution (1894-1895) Donghak (wörtlich: Östliche Lehre) zum ersten Mal gehisst wurde und die sterblichen Überreste der geschlagenen Bauernrebellen begraben wurden. Neben der Werbetafel waren Banner zu sehen: „Gochang, Heimat von Wein aus wilden Brombeeren und Aal“ oder „Bitte beteiligen Sie sich an den Spendenaktionen für die Errichtung einer Statue von General Jeon Bong-jun“. Es gibt zwar schon mehrere, von staatlichen Einrichtungen finanzierte Statuen des Anführers der Bauernrevolution Jeon Bong-jun (1855-1895), doch diesmal wollen die Ortseinwohner selbst auf Basis freiwilliger Teilnahme eine Statue errichten.

An weiten Feldern vorbei hielt das Auto vor dem kleinen ziegelgedeckten traditionellen Haus von Song Du-ho (1892-1895) im zur Stadt Jeong-eup gehörenden Dorf Juksan in der Provinz Jeollabuk-do. Am Eingang zum Hof gab es statt eines Tors nur zwei Betonsäulen rechts und links, auf der rechten Hand war in großen Schriftzeichen zu lesen war: „Ort, an dem die Donghak-Bauernrevolution geplant wurde“. Hier keimten die ersten Samen der Bauernrevolution, die das Joseon-Reich (1392-1910) ins Wanken brachte. Die Rebellen gelobten einander, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Ergebnis ihrer Entschlossenheit war das Sabaltongmun (Reisschüssel-Rundschreiben). bei dem die Namen der 22 Hauptakteure am Rande einer umgedrehten Reisschale entlang geschrieben wurden, um ihre Identität geheim zu halten. Denn unter im Kreis Sitzenden lässt sich keine Rangfolge ausmachen. In dieser Hinsicht ist das Dokument mit dem Runden Tisch im mittelalterlichen Europa zu vergleichen.

Das Schriftstück beweist, dass der Donghak-Bauernauf-stand eine gut geplante Graswurzelbewegung einfacher Leute war, um die jahrelange Unterjochung zu beenden. Der darin enthaltene Vier-Punkte-Verhaltenskodex ist eine Art Kriegserklärung, die zum Sturm der Magistratur und zum Marsch nach Seoul aufruft. Es grenzt an ein Wunder, dass dieses streng geheime Schriftstück der Revolutionstruppen nicht verloren gegangen ist. Vergraben unter der Holzdiele des Hauses von Song Jun-seop, eines Nachfahren von Song Du-ho, wurde es vor 53 Jahren zufällig entdeckt. Nach dem Scheitern des Aufstands wurde Gochang von den Regierungstruppen als „Dorf der Landesverräter“ gebrandmarkt, die Dorfbewohner niedergemetzelt, ihre Häuser in Brand gesteckt. Jemand dürfte dieses Dokument im Stammbuch der Familie versteckt und vergraben haben, sodass es der Zerstörung entgehen konnte.

Direkt vor dem Haus der Konspirateure hatte der Großvater meines Kollegen gewohnt. Als er von einem Haus zum anderen schaute, traten ihm die Tränen in die Augen. Ich war in erster Linie hierher gekommen, um einem vor 126 Jahren enthaupteten Revolutionär zu gedenken. Ganz in der Nähe befindet sich die Gedenkstele zur Erinnerung an die Donghak-Bauernrevolution, die von den Nachfahren der Unterzeichner des Rundschreibens errichtet wurde. Nicht weit entfernt davon steht ein Steindenkmal für die Donghak-Bauernsoldaten, das zu Ehren der unzähligen namenlosen Helden, die für die Revolution ihr Leben ließen, aufgestellt wurde.

Bei der ersten Revolte in Gobu, die gegen die Regierung gerichtet war, konnten die Donghak-Truppen zwar noch den Sieg davontragen, aber der zweite Aufstand, der auch ein Kampf gegen die japanischen Machtbestrebungen war, wurde in Ugeumchi, einem Bergpass im Norden von Gongju, niedergeschlagen. Die Bauerntruppen mit ihren Bambusspeeren waren der Allianz aus mit modernen Gewehren ausgerüsteten Regierungstruppen und japanischen Truppen letztendlich nicht gewachsen.

Vor der Gedenkstele liegt ein Reisschüssel. Für Reis erhoben die hungernden Bauern ihre Spitz-hacken und Sicheln. Denn damals musste der Reis um des schieren Überlebens willen geteilt werden. Als ich meinen Blick über die weitläufigen Felder schweifen ließ, überlagerte sich das Bild der in Richtung Seoul marschierenden Bauerntruppen mit dem der auf Rom vorrückenden Spartakus-Sklaven. In beiden Fällen wurden die Revolutionäre enthauptet.

Die in Fels gehauene Statue eines sitzenden Buddha, die am Pfad, der hinauf zur Einsiedelei Dosol-am des in Gochang gelegenen Tempels Seonun-sa führt, datiert bis in die Zeit des Goryeo-Reichs (918-1392) zurück. Mit einer Höhe von 15,7 m und einer Breite von 8,5 m im Kniebereich gehört sie zu den größten buddhistischen Felsschnitzereien in Korea. In the 1890 er Jahren beteten die Krieger des Donghak- Bauernaufstandes vor dieser Statue um Schlachterfolg.

Geschenke des Meeres
Mein nächster Halt war der Tempel Seonun-sa, wo ich in die Stille eintauchen und mir quasi den Gedankenstaub von der Seele waschen wollte. Doch der Tempel war voller Frühlingsausflügler, die sich der Kamelienblüten hinter der Haupthalle erfreuten.

Der am Nordhang des Berges Seonun-san (Zen-Wolke) gelegene Seonun-sa soll laut Überlieferung im Jahr 577 von zwei Mönchen gegründet worden sein: Geomdan aus dem Baekje-Reich (18 v. Chr.–660 n. Chr.) und Uiun aus dem Silla-Reich (57 v. Chr.–676 n. Chr.). Da sich diese Reiche damals bekriegten, waren viele Menschen auf der Flucht. Die beiden Mönche taten sich zusammen und errichteten den Tempel als sicheren Hafen für die Geflüchteten. Sie versorgten die Hungernden mit Nahrung, nahmen Waisenkinder auf und unterrichteten sie. Das heißt, der Tempel war ursprünglich ein „Auffanglager für Flüchtlinge“. Dass rund 1.300 Jahre später die Bauerntruppen vor der Buddhastatue an der 2,5 Kilometer vor dem Tempel liegenden Einsiedelei Dosol-am für den Erfolg ihrer Rebellion beteten, ist in diesem historischen Kontext zu sehen.

Ich verließ den Tempel und fuhr zu dem weitläufigen Strand Myeongsasimni (wörtlich: Zehn Li langer, feinsandiger Strand). Der gegenüber dem Gyeokpo-Hafen in Buan liegende, über einen Kilometer lange Strand aus weißem Sand wird von einem Wald aus jahrhundertealten Kiefern gesäumt. Jedes Mal, wenn der neue Triebe hervorlockende Frühlingswind den Duft der Kiefern zu mir herübertrug, wurden meine Ohren von ihrem zarten Bouquet gereinigt. Die durch den Wald streichende Brise erinnerte an köchelndes Teewasser.

Jenseits des weißen Sandstrands erstreckt sich die unendliche Weite des Wattenmeers. Die koreanische Westküste ist weltweit für ihren großen Tidenhub bekannt. Jeden Tag wird das Land zum Meer und das Meer zum Land. Die Stelle, wo ich stand, war vor wenigen Stunden noch Meer gewesen, nun aber wieder zu Land geworden.

Das Wasser hier ist so salzig, dass Menschen mit Hautproblemen zum Baden hierher kommen und solche mit Neuralgien für heiße Sandbäder. Der Blick auf die Weiten des Watts erinnerte mich an denjenigen, der die Salzfelder an der Küste anlegte. Während des Imjinwaeran-Krieges (1592- 1598) gegen die japanischen Invasoren gingen den koreanischen Truppen die Proviantvorräte aus, weshalb Admiral Yi Sun-shin (1545-1598) an der Küste Sammelbecken zum Verdunsten von Meerwasser anlegen ließ. Er verkaufte das so in großen Mengen gewonnene Salz, um mit dem Erlös seine Armee mit mehreren Tausend Tonnen Reis zu versorgen. Der hervorragende Feldherr war auch ein kluger Geschäftsführer.

Die Umgebung rund um den Tempel Seonun-sa weist die höchste Kamelien-Konzentration in Korea auf. Die Kamelien blühen hier von Spätmärz bis Mitte April und schmücken das Tempelgelände mit ihren herrlichen roten Blüten und ihrer üppigen grünen Blätterpracht. Mit freundlicher Genehmigung des Landkreises Gochang

Der heutige Manseru (Pavillon der Ewigkeit) im Tempel Seonun-sa wurde 1620 als Vorlesungshalle errichtet. Als Daeyangnu, der durch ein Feuer zerstörte ursprüngliche Pavillon, 1752 wieder aufgebaut wurde, erfolgte eine Namensänderung in Manseru. Die Trägerbalken im Inneren und die Dachsparren bestehen aus Naturholz.

Gegrillter Aal
Hat man einmal seinen Fuß auf die Erde von Gochang gesetzt, muss man unbedingt gegrillten Pungcheon-Jang-eo (Aal aus Pungcheon) mit Bokbunja-Wein (Wein aus wilden Brombeeren) probieren. Gochang ist berühmt für seine Aale, die in Pungcheon, wo Meer- und Süßwasser aufeinander treffen, gefangen werden. Statt eins der von Touristen überlaufenen Restaurants suchte ich eine einsam am Feldrand gelegene, nur wenigen Feinschmeckern bekannte Speisegaststätte mit dem langen Namen „Hyeongje Susan Pungcheon Jangeo (Meeresfrüchte-Restaurant der Brüder – Pungcheon Aal)“ auf, die über einen großen Garten und ein geräumiges Interieur verfügt. Der vom Gastwirt höchstpersönlich über Holzkohlefeuer gebratene Aal war einmalig mariniert. Die Würzmarinade soll aus 200 Zutaten zubereitet werden, darunter Heilkräuter, Getreideenzyme und Kräuterlikör. Dazu serviert werden jeweils Beilagen der Saison aus Bioanbau. Auch der Hausmacherwein aus wilden Brombeeren war eine wahre Gaumenfreude. Die Kombination von Aal und Bokbunja-Wein ergab einen einzigartige Geschmacksharmonie, die mich sofort um Jahre jünger und kräftiger fühlen ließ.

Die Gerstenfelder der Hagwon-Farm ziehen jeden Frühling eine halbe Million Besucher an. Das Festival der grünen Gerstenfelder ist das größte Festival in der Region.

Die kleinen Totempfähle (Jangseung) dienen in den Gerstenfeldern von Gochang, die sich über eine Fläche von rund einer Million Quadratmetern erstrecken, als Wegweiser.

Als ich meinen Blick über die weitläufigen Felder schweifen ließ, überlagerte sich das Bild der in Richtung Seoul marschierenden Bauerntruppen mit dem der auf Rom vorrückenden Spartakus- Sklaven. In beiden Fällen wurden die Revolutionäre enthauptet.

Rund 1.600 Dolmen finden sich im Landkreis Gochang. Es ist die größte Sammlung von Megalithgräbern in Korea. Zusammen mit den Dolmenstätten von Hwasun und Ganghwa wurde die Gochang- Dolmenstätte im Jahr 2000 in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen.

Eine traditionelle Samulnori-Bauernband bei einer Aufführung im Hof vor der Stadtfestung Gochang. Vor der COVID-19-Pandemie fanden nicht nur hier von Frühling bis Herbst jedes Wochenende traditionelle Musik- und Tanzvorführungen statt, sondern auch im nahe gelegenen Geburtsort von Shin Jae-hyo (1812-1884), einem Meistersänger und Lehrer des traditionellen epischen Sologesangs Pansori.

Dolmengruppen
Am nächsten Tag machte ich mich nach einem morgendlichen Besuch des Dolmen-Museums auf den Weg ins Dorf Daesan-myeon auf, um mir die Dolmen in Natura anzusehen. Der Wanderweg, der vom Dorfeingang bis auf halbe Höhe des Dae-san (wörtlich: Bambus-Berg) führt, ist von Dolmen gesäumt, was den großen Berg an sich zum prähistorischen Freilandmuseum macht. Die einzelnen Dolmen sind nummeriert: je höher am Berg gelegen, desto niedriger die Nummer. Eigentlich wollte ich mir Dolmen Nr. 1 auf dem Berggipfel ansehen, gab aber irgendwann erschöpft auf.

60% aller Dolmen der Welt befinden sich auf der Koreanischen Halbinsel, wobei Gochang mit rund 1.600 Exemplaren das größte Cluster beherbergt. Darüber hinaus liefern die Gochang-Dolmen mit ihren einzigartigen und vielfältigen Strukturen wichtige Hinweise auf die Entwicklungsgeschichte des Dolmenbaus, weshalb sie 2000 zusammen mit den Dolmenstätten von Hwasun und Ganghwa in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen wurden. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass das gesamte Gebiet von Gochang eine Kulturerbestätte darstellt. In Anerkennung der schönen natürlichen Umgebung und der Biodiversität wurde der ganze Landkreis Gochang 2013 zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt.

Am Nachmittag schleppte ich mich auf müden Beinen zu den grünen Gerstenfeldern der Hagwon-Farm. Jeden April, wenn auch die Rapsfelder leuchtend gelb blühen, wird die ganze Gegend zu einem Touristenmagnet, der Zehntausende von Menschen anzieht. Als ich aus den Furchen frischgrüner Gerstensprossen herauskam, begann es plötzlich zu regnen. So wie die Blüten abfallen müssen, bevor die Früchte heranreifen können, so muss die Schönheit aufgegeben werden, damit ein neues Leben geboren werden kann. Mir erschienen die vom Frühlingsregen nass gewordenen Sprossen in den Feldern wie ein Naturwunder. Diese Reise war keine Reise zur Suche nach neuen Landschaften, sondern zum Finden neuer Arten des Betrachtens .

Gojeon-ri Salzdorf

Ramsar-Feuchtgebiete in Ungok

Gochang Dolmenmuseum

Gochang Pansori-Museum

ZUSAMMENARBEIT FÜR EIN VEREINTES KOREA

Tales of Two Koreas 2021 SPRING 43

ZUSAMMENARBEIT FÜR EIN VEREINTES KOREA

Ein nach Süden ausgerichtetes Haus, wieder – die Ende 2020 präsentierte Gemeinschaftsausstellung einer jungen, aus Nordkorea geflohenen Frau und ihrer Mentorin und Kunsttherapeutin zog viele Zuschauer an. Betont wurden die Bemühungen um gegenseitiges Verständnis zwischen Süd- und Nordkoreanern und ihr gemeinsamer Wunsch nach Wiedervereinigung.

Als nordkoreanischer Flüchtling vergleicht die Künstlerin Koi sich selbst mit einem Fisch, der aus seinem Fischglas gesprungen ist, um frei im breiten Fluss zu schwimmen. Der als „Bro-katkarpfen“ bekannte Koi wird im Fischglas nicht größer als fünf bis acht Zentimeter, während er im Fluss die beträchtliche Größe von 90 bis 120 Zentimetern erreichen kann. Ihr Künstlername „Koi“ steht für den kühnen Traum, den sie im „weiten und freien Land“ Südkorea zu verwirklichen versucht.

Im Dezember 2008 verließ die damals 18-jährige Koi allein ihre Heimat in Cheongjin, Provinz Hamgyeongbuk-do, und floh auf Anraten eines engen Freundes, der bereits mit seiner Familie im Süden lebte, über die Grenze nach China. Ihre Eltern, die sie vor den harten Strafen im Falle eines Scheiterns warnten, konnten sie nicht umstimmen. Nach vielen Aufs und Abs bei ihrer Odyssee via China und Thailand betrat Koi schließlich im März 2009 ihr „Traumland“ Südkorea. Zurückbli-ckend sagt sie, sie sei sich der Risiken der Flucht, auf die sie sich als 18-Jährige einließ, genau so wenig bewusst gewesen wie das sprichwörtliche „neugeborene Kalb, das keine Angst vor dem Tiger hat“. Könnte sie noch einmal in die damalige Zeit zurückkehren, würde sie das Wagnis nicht einmal im Traum auf sich nehmen.

Koi, die in Nordkorea die Oberschule abgeschlossen hat, träumte davon, in Seoul Bildende Kunst zu studieren. Sie besuchte die Heavenly Dream School, eine alternative Schule für nordkoreanische Flüchtlinge in Seongnam, Provinz Gyeonggi-do, und büffelte für die Uniaufnahmeprüfung. 2012 wurde sie von der Fakultät für Textilkunst und Modedesign an der Hongik Universität angenommen. Sie war die erste nordkoreanische Studentin in dieser Fakultät.

Karte der Koreanischen Halbinsel, eingebettet in Sigma, Shin Hyung-mee und Koi. 2020. Acrylfarben auf Holz. 160 × 100 cm. Eine Kollaboration von der aus Nordkorea geflohenen Koi und Shin Hyung-mee, ihrer südkoreanischen Mentorin und Kunsttherapeutin, präsentiert im Rahmen der im November 2020 in Seoul ausgerichteten gemeinsamen Ausstellung Ein nach Süden ausgerichtetes Haus, wieder. Das mathematische Summenzeichen Sigma steht für die Ganzheit aller Einzelteile.

Unit Harmony. Koi. 2020. Spezialfasern. 100 × 100 cm. Dieses von Koi gefertigte Exponat bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass aus vielen Wünschen nach Wiedervereinigung irgendwann ein vereintes Korea wird. Die Künstlerin sagt, dass mit Wünschen beschrifteten Papierflieger sie zu diesem Werk inspirierten.

Zufall oder Schicksal
Während des Studiums lernte Koi in der Vereinigung junger Christen aus Nordkorea die Kunsttherapeutin und Künstlerin Shin Hyung-mee kennen. Shin erinnert sich noch lebhaft daran: „Schon bei unserer ersten Begegnung 2013 ist mir sofort aufgefallen, dass Koi sehr positiv und lebensbejahend eingestellt ist. Damals nahm ich an einer psychologischen Gruppenberatung für junge nordkoreanische Flüchtlinge teil, die von der Koreanischen Methodistischen Kirche gefördert wurde, wobei ich erfuhr, dass Koi inbrünstig auf eine persönliche Betreuung hoffte. Seitdem begleite ich sie als Mentorin. Koi ist stets dankbar für alles, was ich ihr gebe, und entwi-ckelt sich immer weiter.“

Die Ausstellung Ein nach Süden ausgerichtetes Haus, wieder, bei der die beiden Künstlerinnen unter dem Thema „Wiedervereinigung“ neun Werke präsentierten, fand vom 25. bis zum 30. November im Topohaus im Seouler Stadtviertel Insa-dong statt. Sie ist das Ergebnis ihrer besonderen Beziehung als Mentorin und Mentee und die erste Bühne, auf der Koi als Künstlerin auftrat. Die Ausstellung fand im Rahmen des Projekts zur Unterstützung der Content-Schaffung statt, das vom Vereinigungsministerium unterstehenden Kulturzentrum für interkoreanische Integration organisiert wurde. Shin und Koi präsentierten drei gemeinsame Werke und jeweils drei Einzelarbeiten. Die Exponate, die verschiedene Genres wie Malerei, Textilkunst, Installation sowie das Farbenprojekt umfassen, bringen den Wunsch der nordkoreanischen Flüchtlinge nach einem besseren Leben in Freiheit und Frieden im Süden zum Ausdruck. „Ein nach Süden aus-gerichtetes Haus“, der Titel der Ausstellung, symbolisiert ein warmes, sonniges Haus, nach dem man sich sehnt.

Ihr Gemeinschaftswerk Karte der Koreanischen Halbinsel, eingebettet in Sigma stellt mit einem farbigen Σ in Form des mathematischen Summenzeichens Sigma die Koreanische Halbinsel dar. Eingesetzt wurden dabei die im Rahmen des Projekts Sich mit Farben verständigen hergestellten Farben. Bei diesem Projekt haben 30 nordkoreanische Flüchtlinge und 29 Südkoreaner mit mit unterschiedlichen Farben ihre jeweilige Vorstellung von der Wiedervereinigung zum Ausdruck gebracht, ergänzt von Shins und Kois „Farben von Emotionen“, sodass insgesamt 101 Farben präsentiert wurden. Nach der Ausstellung wurden die Farben Einrichtungen, die sich für Wiedervereinigungsbildung engagieren, gestiftet, die sie künftig staffellaufartig weitergeben werden.

Der Weg zu einem nach Süden ausgerichteten Haus, den ich mit dir gehe, eine von Kois Arbeiten, ist eine Installation mit 50 Paar Sneakers, die den Eindruck erwecken, dass Koi sie früher in Nordkorea täglich getragen hätte.

„Ich habe handgeschriebene Nachrichten in jedes der 50 Paare gelegt, um meinen 50 nordkoreanischen Freunden Grüße zu senden. Darin enthalten sind die Sehnsucht nach meiner in Nordkorea zurückgelassenen Familie, meinen Freunden und der Wunsch nach Wiedervereinigung. Viele Besucher haben lange vor diesem Werk gestanden. Einige haben jeden Brief sorgfältig gelesen und waren zu Tränen gerührt, andere haben in ihren Kommentaren geschrieben, wie beeindruckt sie gewesen seien. Für mich persönlich ist es das wertvollste Werk.“

Unit Harmony, eine weitere Arbeit Kois, wurde von mit Wünschen beschrifteten Papierfliegern inspiriert, die man in die Luft aufsteigen lässt, damit die Wünsche in Erfüllung gehen. Jedes einzelne „Einheit“ symbolisiert einen unterschiedlichen, individuellen Traum. Das Werk steht für die Vision eines vereinten Koreas, aufgebaut auf den unzähligen Wünschen nach Wie-dervereinigung, ganz so, wie all die kleineren Träume zusammen für einen größeren Traum stehen.

Verständigung und Geduld
Langstreckenlaufbahn, eins der Solowerke Shins, symbolisiert die lange, anstrengende Reise der 46 Menschen, an die sie sich unter den vielen nordkoreanischen Flüchtlingen, die sie als Kunsttherapeutin kennenlernte, noch gut erinnert.

„Schon seit meiner Kindheit ist es für mich schwierig, lange Strecken zu laufen. Die nordkoreanischen Flüchtlinge haben bis zu ihrer Ankunft im Süden Momente der Gefahr und der Erleichterung erlebt. Daher wollte ich ihre diesbezüglichen Erfahrungen mit den Gefühlen beim Langstreckenlauf vergleichen.“

Sitz, ein weiteres Werk von Shin, steht für mes

Flüchtlinge, die tief in ihrem Herzen verankert bleiben.

Trotz ihrer besonderen Mentor-Mentee- Beziehung haben Shin und Koi während ihrer Zusammenarbeit immer wieder gemerkt, dass sich ihre Wertvorstellungen aufgrund der Unterschiede ihres Lebensumfeldes und ihrer Erfahrungen voneinander unterscheiden. Verständigung, Rücksichtnahme und Geduld waren erforderlich. Bei der Zusammenarbeit haben sie auch über die Integration ihrer unterschiedlichen kulturellen Hintergründe nachgedacht.

Koi sagt, dass sie durch die überraschend hohe Zahl der Besucher ermutigt worden sei.

„Ich bin eigentlich wegen COVID-19 von einer geringeren Besucherzahl ausgegangen, aber zu meiner Überraschung kamen unerwartet viele Menschen. Das hat mich davon überzeugt, dass mein Talent sinnvoll für die Wiedervereinigung Koreas genutzt werden könnte. Dass zwei Kunstschaffende aus dem Süden und Norden zusammenarbeiten, ist meiner Meinung nach schon ein erster Schritt in Richtung Wiedervereinigung.“

Die Ausstellung ging auf Shins Initiative zurück. Es war eine Fortsetzung der Ausstellung Ein nach Süden ausgerichtetes Haus, die 2008 als Kunsttherapie- und Integrationsprojekt für junge nordkoreanische Flüchtlinge von der Seoul Frauenuniversität und dem für Bildung und Erziehung zuständigen Amt Incheon Dongbu Office of Education veranstaltet wurde. In der vom National Unification Advisory Council (NUAC) betriebenen Pyeongwha Nanum Gallery (Galerie zum Friedensteilen) ist im Frühling 2021 eine weitere Ausstellung geplant.

Shin erklärt: „Wir haben die Ausstellung von vornherein nicht als einmalige Veranstaltung, sondern als fortlaufendes Programm konzipiert. Anlässlich der diesmaligen Ausstellung wollen wir eine Brückenrolle spielen, um daraus größere Projekte zu entwickeln, bei denen noch mehr Menschen mitwirken und sich verständigen, sodass sie sich mit einer positiveren Einstellung gegenüber der Wiedervereinigung auf natürliche Weise Nordkorea annähern können.“

„Insbesondere dadurch, dass zwei Kunstschaffende aus dem Süden und dem Norden in der Lage waren, zu kollaborieren, statt getrennt zu arbeiten, sollte doch schon ein erster Schritt in Richtung innerkoreanische Wiedervereinigung getan worden sein.“

Der Weg zu einem nach Süden ausgerichteten Haus, den ich mit dir gehe. Koi. 2020. Stoff, Handschrift, Installation von 50 Paar Sneakers. Jedes des 50 Sneaker-Paare, die identisch mit denen, die Koi in Nordkorea trug, sind, enthält einen Brief, in dem sie ihre Freunde im Norden grüßt.

Wenn die Kunsttherapeutin Shin Hyung-mee (links) und Koi, ihr Schützling aus Nordkorea, zusammenarbeiten, kommen oft die unterschiedlichen Wertvorstellungen an die Oberfläche. Kommunikation, Rücksichtnahme und Geduld sind ausschlaggebend für ihre Zusammenarbeit.

Schritte zum Traum
Zurzeit studiert Koi im Master-Studiengang Fashion Business an der Graduate School of Fashion der Hongik Universität und arbeitet bei einer modebezogenen Organisation. 2016 hatte sie in Common Ground, Südkoreas erstem, von der Kolon Group gesponserten Einkaufskomplex aus 2000 modularen Versandcontainern, zusammen mit neun jungen süd- und nordkoreanischen Künstlern eine Ausstellung geplant und daran teilgenommen. Ihr Traum ist es, eine einflussreiche Expertin in den Bereichen Modeindustrie, Kunst und Kultur zu werden, um eine nützliche Rolle nach der Vereinigung der beiden Koreas übernehmen zu können.

Seit 2004 unterhält Shin enge Beziehungen zu nordkoreanischen Flüchtlingen. Anlass dafür war, dass sie während ihrer Freiwilligenarbeit bei Ärzte ohne Grenzen einen Jungen aus Nordkorea kennenlernte. Als Kunsttherapeutin hat sie in Hanawon, einer staatlichen Einrichtung zur Integration nordkoreanischer Flüchtlinge, durch psychologische Beratung und Kommunikation die geistige Heilung nordkoreanischer Flüchtlinge unterstützt. Nach dem Bachelor-Studium in Bildender Kunst an der Ohio University schloss sie ein Masterstudium in Kunsttherapie an der Graduiertenschule der Seoul Frauenuniversität ab. Zurzeit macht sie ein Promotionsstudium in Klinischer Kunsttherapie an der Graduiertenschule der CHA Universität. In der Überzeugung, dass es eine wichtige staatliche und gesellschaftliche Aufgabe ist, nordkoreanischen Flüchtlingen zu einem neuen, besseren Leben im Süden zu verhelfen, bereitet sie diverse Aktivitäten vor, um in verschiedenen Bereichen der südkoreanischen Gesellschaft einen Bewusstseinswandel einzuleiten.

Modellbau – Präzision und Schönheit

Guardian of Heritage 2021 SPRING 58

Modellbau – Präzision und Schönheit

In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat Kee Heung-sung unzählige Modellbauten der Architektur aus Ost und West, aus Antike und Moderne angefertigt. Krönung seines unvergleichlichen Schaffens sind seine exquisiten Repliken traditioneller koreanischer Architektur.

Beim Betreten der Ausstellungshalle des Kee Heung Sung Museums, das sich etwa eine Autostunde von Seoul entfernt in Yangpyeong, Provinz Gyeonggi-do, befindet, tut sich dem Besucher eine Miniaturwelt auf. Geschaffen wurde sie von Direktor Kee Heung-sung. 1938 in Ongjin in der heute zu Nordkorea gehörenden Provinz Hwanghae-do geboren, entschied sich Kees Familie bei Ausbruch des Koreakriegs für den Süden. Schon in seiner Kindheit zeigte sich Kees Talent fürs Basteln und Zeichnen, nach 1967 machte er Karriere im Modellarchitekturbau. Damals suchte die Firma Korea Engineering Consultants Corp., die mit dem Entwurf eines Messegeländes beauftragt wurde, nach einem Modellbauer. Der Architekt Kim Swoo Geun (1931-1986), ein Pionier der modernen koreanischen Architektur, war damals Senior-Vizepräsident der Firma. Er soll über Kees Miniatur gestaunt und gesagt haben: „Woher stammt dieses teuflische Genie?“

„Mein Vater hoffte, dass ich im Tiefbauwesen arbeiten würde, weil dort nach der Wiedervereinigung mit einer enormen Nachfrage zu rechnen sei. An Architektur hatte ich gar nicht gedacht, weshalb es wirklich ein Riesenglück war, dass ich Meister Kim Swoo Geun kennenlernte.“

Kee Heung-sung betrachtet ein Miniaturmodell der neunstöckigen Holzpagode des Tempels Hwangnyong-sa, des größten buddhistischen Tempels im Königreich Silla (57 v. Chr.- 935 n- Chr.). Beim Bau von Modellen alter Strukturen verwendet er keine Nägel, sondern hält sich an die alte Technik der Schwalbenschwanzverbindung.

Talent, das seinesgleichen sucht
Kees Hände waren flink und genau. Während andere noch an den Skizzen arbeiteten, gab er seinem Modell bereits den letzten Schliff. Und so wurde Kee, der sich des vollen Vertrauens von Kim Swoo Geun erfreute, mit 31 Jahren zum Abteilungsleiter. In den 1970ern, als die Industrialisierung auf Hochtouren lief, fertigte er fast alle für staatliche Entwicklungsprojekte benötigen Architekturmodelle an. Seine Modelle sind gewissermaßen „Zeitzeugen“ der Wirtschaftsentwicklung Koreas.

Kee sagt: „Damals spielte ich bei den Briefings für den Staatspräsidenten quasi die Rolle des Relief Pitchers. Zeichenentwürfe als solche sind nur begrenzt nachvollziehbar, aber anhand meiner Modelle wurden die Projekte sofort verständlich.“

Aus seinen Händen gingen verschiedene Modelle für Regierungsprojekte hervor, so z. B. die Gyeongbu-Autobahn (Seoul- Busan) und der Masterplan für die Entwicklung von Yeoui-do, einer Insel im Han- Fluss, auf der sich die Nationalversammlung befindet. Kee erinnert sich: „Damals habe ich mich mit Leib und Seele auf die Arbeit konzentriert, ich habe die Nächte durchgearbeitet und nur zwischendurch mal ein Nickerchen auf dem Feldbett im Büro gemacht.“

Seine Fertigkeiten, die er anhand der Miniaturen für Projekte moderner Architektur perfektionierte, gelangten beim Nachbau traditioneller Bauwerke zu kunsttechnischer Reife. Entscheidender Anlass dafür war die vom Nationalmuseum in Auftrag gegebene Modellnachbildung der neunstöckigen Holzpagode im Tempel Hwangnyong-sa, der im 7. Jh. erbaut wurde. Dieser größte Tempel der Silla-Zeit (57 v. Chr.- 676 n. Chr.), der für Wohlergehen und Buddhas Schutz der Nation errichtet wurde, brannte 1238 während der Mongolen-Invasion bis auf die Grundfeste nieder. Anhand der Überreste und historischer Aufzeichnungen ermittelte Kee die Urform der ursprünglich ca. 80 Meter hohen Pagode und schuf ein originalgetreues, vier Meter hohes Modell.

„In den 1980er Jahren wurde nach dreijährigen Forschungen und Beratungen von Experten aus verschiedenen Bereichen wie Architektur, Archäologie und Kunstgeschichte ein Plan für die Wiederherstellung der Pagode angefertigt, danach dauerte es dann noch weitere fünf Jahre bis zur Fertigstellung des Modells“, sagt er und fügt hinzu: „Diese auf rein sachkundigen Ver-mutungen basierende Rekonstruktion war eine der anstrengendsten überhaupt, aber gerade deshalb bleibt sie in meiner Erinnerung.“ In der Ausstellungshalle im ersten Untergeschoss seines Museums steht eine weitere Replik der Holzpagode, die für die 1993 anlässlich der Verlegung des Nationalen Volksmuseums ausgerichtete Sonderausstellung Koreanische Architekturkultur – Kee Heung-sungs Welt der Architekturmodelle angefertigt wurde. Damals wurde Kee im In- und Aus-land für die „Wiederbelebung der prächtigen Baukunst von Silla“ mit Lob überschüttet.

Die eine Fläche von 1.200m2 umfassende Minia-turanlage im Volkskundemuseum Lotte World zählt ebenfalls zu seinen repräsentativsten Werken. Das prachtvolle Exponat im Maßstab 1:8 präsentiert die Nachbildung einer historischen Stadtszenerie mit traditionellen Bauwerken wie dem Gyeongbok-gung, dem Hauptpalast des Joseon-Reichs, öffentlichen Schulen (Hyanggyo) und buddhistischen Tempeln sowie Hunderten von Miniaturmenschen in farbenfroher Kleidung. Da dieses Werk Architektur und Lebensstil des vormodernen Koreas gut veranschaulicht, ist es ein Muss für ausländische Ehrengäste. Lu Xiaobo, damals Vizedekan der Academy of Arts and Design der Tsinghua Universität, soll bei seinem Besuch 2002 voller Erstaunen gesagt haben, er würde gern „dieses handwerk liche Geschick, das die Schönheit der traditionellen Architektur zum Leben erweckt, in China einführen“. Für dieses Modell habe er hölzerne Bauteile mit traditioneller fünffarbiger Dancheong-Dekomalerei geschmückt und winzige, Fingernagel große Dachziegel gebrannt, erzählt Kee. Er habe sich diesem Werk ganze zwei Jahre mit Leib und Seele gewidmet und die Fertigstellung hätte ihn „fast das Leben gekostet“. Die strapaziöse Arbeit ruinierte seine Gesundheit, sodass er sich einer Herzoperation unterziehen musste. Da er das Projekt mit einem Herzschrittmacher in der Brust zu Ende brachte, hat er im wahrsten Sinne des Wortes „unter Einsatz seines Lebens“ daran gearbeitet.

„In der traditionellen koreanischen Architektur sind Linien von essentieller Bedeutung. Die sanft nach oben geschwungenen Linien der Dachtraufen, die subtil von geraden Linien abweichen, müssen voller Feingefühl zum Ausdruck gebracht werden“, sagt Kee. „Bei der Arbeit an alten Gebäuden bewundere ich immer die Weisheit unserer Vorfahren. Moderne Bauten können es nicht damit aufnehmen. Traditionelle Bauwerke sind im Vergleich zu modernen viel schwieriger nachzubilden. Ein Lehrling braucht wenigstens fünf Jahre Erfahrung dafür.“

2004 dozierte Kee als Gastprofessor an der Akademie für Kunst und Design der Tsinghua Universität, wo er im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking und der Expo 2010 in Shanghai seinen Kunstsinn und seine Techniken vemittelte. Die Sonderausstellung Kee Heung-sungs Welt der Modelle, die im Juni 2004 in Peking stattfand, wurde in einer Sondersendung des staatlichen Fernsehens CCTV übertragen.

Die im 7. Jahrhundert errichtete, Aufzeichnungen zufolge 80 m hohe Holzpagode des Tempels Hwangnyong-sa wurde im Maßstab 1:20 als Modell nachgebildet. Kee verbrachte drei Jahre mit seinen Nachforschungen über die seit langem zerstörte Pagode und fertigte Zeichnungen der vermuteten Struktur an, der Bau des Modells beanspruchte weitere fünf Jahre.

Die Balustrade, die rund um den umlaufenden Balkon der einzelnen Stockwerke führte, weist komplexe geometrische Gitterkonstruktionen auf. Pagode und Tempel brannten während der Mongolen-Invasion im 13. Jahrhundert bis auf die Grundfeste nieder.

„ Eine bloße Kopie der äußeren Merkmale wird den Betrachter nicht beeindrucken. Ein Modell sollte sowohl präzise als auch schön sein.“

Architekturmodellen gewidmetes Museum
Das Kee Heung Sung Museum wurde im November 2016 anlässlich seines 50-jährigen Berufsjubiläums eröffnet. Es war die Verwirklichung seines langjährigen Traums, seine Werke dauerhaft auszustellen und einen Raum zu schaffen, wo Architekturmodellbauer zum Austausch von Knowhow und Erfahrungen zusammenkommen können. Das Museum, das ein Untergeschoss und drei Obergeschosse umfasst, präsentiert rund tausend seiner Modelle. Im ersten Untergeschoss, das die Halle der traditionellen koreanischen Architektur beherbergt, fällt am Eingang sofort das alte Südtor Sungnyemun ins Auge. Das Modell bewahrt die ursprüngliche Gestalt dieses Nationalschatzes, der 2008 durch Brandstiftung zerstört wurde. Alle Einzelteile – angefangen bei den Pfeilern und Treppen innerhalb der Bauwerks bis hin zu den symbolischen Dachfirst-Figurinen – wurden originalgetreu nachgebaut. Selbst die Wallmauern an beiden Seiten des Tors wurden akribisch rekonstruiert: Kee schuf die Nachbildung unter Berücksichtigung der ursprünglichen Oberflächenmuster und Steinlängen und backte fingernagelgroße weibliche und männliche Dachziegel, die er einen nach dem anderen verlegte. „Als der Brand das Tor Sungnyemun zerstörte, bekam ich viele Anrufe“, erinnert sich Kee. „Meine Nachbildung soll für die Restaurierungsarbeiten sehr hilfreich gewesen sein, da sie den Zustand des Tors vor dem Feuer perfekt bewahrt.“

Die Ausstellungshalle im ersten Obergeschoss ist der modernen und zeitgenössischen Architektur gewidmet. Hier sind der alte Seouler Hauptbahnhof und das mittlerweile abgerissene Hauptverwaltungsgebäude aus der japanischen Kolonialzeit in ihrer ursprünglichen Form zu sehen. Neben Modellen von wichtigen Bauten wie dem Olympiastadion Seoul, dem als „63 Buil-ding“ bekannten Wolkenkratzer Hanwha 63 City, dem Jongno Tower und dem Seoul- World-Cup-Stadion sind auch Reproduktionen berühmter ausländischer Wahrzeichen zu sehen, darunter das Weiße Haus und das Empire State Building sowie die Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur. Kees Miniatur von Pjöngjang brachte ihm den Beinamen „Der Mann, der ganz Pjöngjang nach Seoul verlegte“ ein. Anlässlich des innerkoreanischen Gipfeltreffens im Jahr 2000 baute Kee auf einer fünf Meter langen und breiten Plattform ein Modell, dass die Hauptgebäude der nordkoreanischen Hauptstadt und die natürliche Umgebung zeigt. Der internationale Flughafen Sunan, der Turm der Juche-Ideologie, die Mansudae- Kongresshalle, der Kulturpalast des Volkes und das Koryo-Hotel ziehen besondere Aufmerksamkeit auf sich.

Das Sungnyemun war das Hauptor von Hanyang, der Hauptstadt des Joseon-Reichs, die mehr oder weniger dem alten Stadtkern von Seoul entspricht. Die zweistöckige Holzstruktur, fünf Joch breit und zwei Joch tief, wurde auf einem Unterbau aus Granit errichtet. Das 1398 gebaute Tor fiel 2008 einem Brand zum Opfer, die Restaurierung wurde 2013 abgeschlossen. Kees Modell gilt als getreueste Replik der Originalstruktur.

Kee achtete auf die kleinsten Details wie z. B. die Symbolfiguren auf den Dachfirsten, die maßstabgetreu proportinal verkleinert wurden. In der traditionellen Architektur dienten die Figuren nicht nur der Dekoration, sondern galten auch als Glücksbringer.

Ein unerfüllter Traum
Direktor Kee spielte auch eine entscheidende Rolle dabei, dass südkoreanische Unternehmen 2009 den Zuschlag für ein 40 Milliarden Dollar schweres AKW-Projekt in den Vereinten Arabischen Emiraten gewinnen konnten, da seine präzisen, im Maßstab 1:200 angefertigten Kraftwerkmodelle das technologische Know-how gut zur Geltung brachten.

Man mag sich vielleicht fragen, warum Modelle in einem Zeitalter, wo 3D-Bilder online visualisiert werden können, überhaupt noch notwendig sind. Kee betont daraufhin: „Architekturmodelle sind weiterhin unerlässlich, um vor Baubeginn zu veranschaulichen, wie der Bau nach seiner Fer-tigstellung aussehen wird, und zu prüfen, ob er sich harmonisch in die Umgebung einfügt. „Um die hinter dem Design stehenden Bauabsichten zu vermitteln, muss auch der Modellhersteller auf Grundlage des Entwurfs den Konstruktionsprozess der realen Bauarbeiten in all seinen Einzelschritten durchlaufen.“

Dasselbe gilt für die Reproduktion traditioneller architektonischer Strukturen, die ein mühsames, äußerst akribisches Prozedere verlangt: Aufstellung der Säulen auf den Grundsteinen, Bau der Stützkonstruktionen aus Balken und Dachsparren, Verlegen der Dachziegel sowie Einbau von Fenstern und Türen. All das erfordert höchste Sorgfalt. „Eine reine Kopie der äußeren Merkmale beeindruckt niemanden“, betont er. „Die Modelle müssen sowohl Präzision als auch Schönheit aufweisen.“

„Beim Bau traditioneller Architekturmodelle ist die Beschaffung von gutem Holz am schwierigsten. Da nach der Fertigung des Modells keine Risse im Holz entstehen dürfen, verwende ich nur qualitativ hochwertiges Rotkiefer-Holz aus der Region Chunyang, wie es bei echten Hanok-Häusern zum Einsatz kommt. Ich setze die Einzelteile nach den überlieferten Methoden ganz ohne Leim zusammen, um die Ästhetik der traditionellen Architektur in ihrer ursprünglichen Form zur Geltung zu bringen.“

Kees Traum von einem eigenen Museum hat sich noch nicht ganz erfüllt. Er plant, eine weitere Ausstellungshalle im Nebengebäude hinter dem Museum zu eröffnen, um die sich momentan im Lager befindlichen Werke zu präsentieren. In Planung ist auch der Bau eines weiteren Museums, das irgendwo in der Nähe von Songdo oder der Insel Deokjeok-do vor Incheon liegen soll, also näher an seinem Heimatort in Nordkorea.

„Der Bau von Architekturmodellen ist eine Methode, unser langsam zu verschwinden drohendes Kulturerbe zu bewahren, und Probleme, die in der Zukunft auftreten können, zu prognostizieren und dagegen vorzugehen. Über fünfzig Jahre bin ich den Weg des Modellbauers gegangen und ich fühle mich dazu berufen, ihn bis zu meinem Lebensende zu gehen.“

SEHANDO Die Odyssee eines Nationalschatzes

Focus 2021 SPRING 39

SEHANDO Die Odyssee eines Nationalschatzes

Sehando (Die Große Kälte, 1844), der Inbegriff der sog. koreanischen Literati-Gemälde (von konfuzianischen Gelehrten gemalte Bilder), kam letztes Jahr, am Ende eines langen und verschlungenen Weges durch die Geschichte, im Koreanischen Nationalmuseum an. Endlich fand das bis dahin im Privatbesitz befindliche Meisterwerk des Kalligraphen und Gelehrten Kim Jeong-hui (1786-1856) aus dem 19. Jh. seinen endgültigen Platz im öffentlichen Raum.

Am 8. Dezember 2020 wurden 13 Personen für ihre Verdienste um den Kulturgutschutz von der koreanischen Regierung ausgezeichnet. Unter den für ihren diesbezüglichen Beitrag Geehrten zog der Kunstsammler Son Chang-geun die größte Aufmerksamkeit auf sich. Nur er erhielt die höchste Auszeichnung, den Kul¬turverdienstorden Geumgwan, der normalerweise posthum verliehen wird. Das Amt für Kulturerbeverwaltung erklärte den Grund für die Ehrung wie folgt:

„Ohne jegliche Bedingung vermachte er seine lebenslang gesammelten Kulturgüter im Rang eines Nationalschatzes bzw. Wertvollen Kulturguts dem Staat. Zudem trug er im vergangenen Jahr zur Erhöhung des Kulturgenusses bei, indem er das unschätzbare nationale Kulturerbe Sehando zum Besitz des ganzen Volkes machte.“

Als Son 2018 seine hunderte Kunst- und Kulturobjekte umfassende Sammlung dem Koreanischen Nationalmuse¬um vermachte, hielt er im letzten Moment ein Bild zurück: Sehando. Seine Bindung an dieses Werk war einfach zu stark.

Sehando von Kim Jeong-hui (1786-1856). 1844. Tusche auf Papier. 23,9 × 70,4 cm. Koreanisches Nationalmuseum. Sehando, designiert als Nationalschatz, ist eine der berühmtesten Literati-Malereien aus dem Joseon-Reich. Kim Jeong-hui, ein herausragender Gelehrter und Kalligraph, hielt die Trostlosigkeit seines Exils auf der Insel Jeju-do fest. Links auf dem auf eine Schriftrolle aufgezogenen Bild ist Kims Kolophon zu sehen, in dem er die unerschütterliche Freundschaft seines Schülers Yi Sang-jeok durch ein Zitat aus den Gesprächen des Konfuzius lobt.

Meister Wandang, mit Bambushut auf dem Kopf, am Meer von Heo Ryeon (1808-1893). 19. Jh. Tusche und Farbe auf Papier. 79,3 × 38,7 cm. Amorepacific Museum of Art. Heo Ryeon, ein bekannter Landschaftsmaler aus der späten Joseon- Zeit, porträtierte seinen Lehrer Kim Jeong-hui, der auf der Insel Jeju-do in der Verbannung lebte. Das Motiv wurde entlehnt von Dongpo mit Bambushut und Holzpantinen, einem Porträt des chinesischen Dichters Su Shi, den Kim bewunderte.

Geschenk eines Meisters im Exil
Komplett entrollt ist die Schrift- und Bildrolle insgesamt 1.469,5 cm lang. Darin enthalten ist Sehando, ein etwa 70 cm langes Werk von Kim Jeong-hui, das 1974 zum Natio¬bannt nalschatz Nr. 180 deklariert wurde. Der restliche Teil der Bildrolle umfasst größtenteils Wertschätzungen verschiede¬ner Personen. Das Gemälde und die Rolle, die später auf¬gezogen wurde, müssen entsprechend getrennt verstanden werden. Wie entstand wohl eine Schriftrolle, bei der die Wertschätzungen länger als das Gemälde selbst sind?

Im späten 18. Jh., als Kim geboren wurde, war Joseon ein konfuzianisch geprägtes Reich, das noch unter starkem Einfluss von Quing-China (1644-1911) stand. Andererseits dämmerte jedoch allmählich die Moderne auf, als die kon¬fuzianische Silhak-Lehre vom Praktischen Wissen mit eini-gen Gelehrten im Mittelpunkt an Einfluss gewann.

Geboren in eine wohlhabende, entfernt mit dem Königs¬hof verwandte Familie, genoss Kim schon früh eine Ausbil¬dung im Praktischen Wissen und interessierte sich für ver¬schiedene Bereiche bis hin zum Studium von alten Doku¬menten und Epigraphen. Im Alter von 24 Jahren folgte er seinem Vater, der als Gesandter das Qing-Reich besuchte, und tauschte sich in Yanjing (das heutige Peking) mit gro¬ßen Gelehrten aus. Unter seinen Künstlernamen „Chusa“ oder „Wandang“ weithin bekannt, zeichnete er sich in Dichtung, Kalligrafie und Malerei aus, d. h. in allen Berei¬chen, in denen ein Literat bewandert sein musste, und schuf zudem den originären Kalligraphie-Stil „Chusache“.

Als im 19. Jh. nacheinander Kindkönige den Thron bestiegen, erlebte Joseon eine Zeit politischer Unruhen, in der die Machtausübung der königlichen Verwandten mütter¬licherseits ihren Höhepunkt erreichte. Neuartiges Gedan¬kengut wie die Silhak-Schule des Praktischen Wissens und Religionen wie der Katholizismus trafen auf Widerstand bei der konservativen Herrscherschicht, Verbannungen politi¬scher Gegner an abgelegene Orte waren an der Tagesord¬nung. Kim Jeong-hui wurde wie viele andere verleumdet und 1840 im Alter von 55 Jahren auf die Insel Jeju-do ver-bannt, den am weitesten entfernten und trostlosesten aller Exilorte. Seine schwere Zeit der Verbannung auf dieser kar¬gen Insel an der Südküste, wo er unter Hausarrest gestellt wurde, dauerte acht Jahre und vier Monate.

Während des ganzen Exils litt Kim unter Krankheiten und der Trauer nach dem Tod seiner Frau, widmete sich aber totz aller Verzweiflung der Kalligrafie und Malerei. Die Bücher und neuesten Nachrichten aus Yanjing, die sein Schüler, der Regierungsdolmetscher Lee Sang-jeok (1804- 1865), ihm auf seinen Reisen nach China beschaffte, dürf¬ten ein großer Trost gewesen sein.

Sehando ist die Zeichnung, die Kim Jeong-hui in die¬ser Zeit Lee Sang-jeok schenkte. In der Mitte befindet sich eine bescheidene Hütte, rechts und links symmetrisch flan¬kiert von einer knorrigen Kiefer und drei Morgenländischen Lebensbäumen, der Hintergrund ist völlig leer gelassen. An der linken Seite der Zeichnung ist ein Stück Papier ange¬klebt, auf dem Kim in Schönschrift seine Dankbarkeit mit einem Zitat aus dem 9. Kapitel des Buches Gespräche des Konfuzius zum Ausdruck bringt: „Erst nach großer Kälte erkennt man, dass Kiefern und Lebensbäume nicht verdor¬ren.“ Der Titel des Werks stammt aus den ersten zwei chi¬nesischen Zeichen des Zitats. Das einsame Leben im Exil auf Jeju-do metaphorisch als „große Kälte“ beschreibend, scheint Kim ausdrücken zu wollen, dass auch in Zeiten der Drangsal die Freundschaft mit seinem Schüler Yi Bestand habe.

Die horizontale, 14,7m lange Bildrolle Sehando enthält Kommentare von 16 chinesischen Gelehrten. Kim Jeong-hui schenkte die Rolle seinem Schüler Yi Sang-jeok, der sie nach Peking brachte und chinesische Gelehrte um Kommentierungen bat.
Die chinesischen Gelehrten würdigten den Symbolgehalt des Werkes und betonten die Wichtigkeit, seinen Prinzipien auch unter schwierigen Bedingungen treu zu bleiben.
Kim Jeong-hui hinterließ seinen Kommentar auf einem getrennten, links neben der Zeichnung angebrachten Stück Papier, um seine Gefühle als Exilant und seinen Dank gegenüber seinem Schüler Yi Sang-jeok zum Ausdruck zu bringen.
1914 schrieb Kim Jun-hak (1859-?), der dritte Besitzer des Werks, den Titel Wandangs Sehando in fünf klassischen chinesischen Zeichen auf ein weiteres Stück Papier, das er rechter Hand anbrachte. Unter dem Titel beschrieb er in einem Gedicht seine Empfindungen in Bezug auf die Malerei.



Eine lange Reise
Als Yi Sang-jeok von seinem Lehrer Sehando erhielt, war er in den Vorbereitungen für eine Dienstreise nach China. Tief ergriffen nahm er es mit nach Yanjing, wo er es bei einem Begrüßungsempfang chinesischen Gelehrten zeigte und um Bewertungen bat. 16 von ihnen verfassten Beurtei¬ lungen, die bis heute erhalten sind. Die meisten betonten sowohl die Schwierigkeit, den Prinzipien eines „Edelman¬nes“ treu zu bleiben, als auch die Bedeutsamkeit dieses Strebens.

Nach dem Tod von Yi, dem ersten Besitzer, erbte sein Schüler und dann dessen Sohn das Bild. Danach wechselte es noch mehrmals den Besitzer, bevor es während der japa¬nischen Besatzung im frühen 20. Jh. in die Hände des japa¬nischen Gelehrten Chikashi Fujitsuka (1879-1948) kam. Der Professor für chinesische Philosophie an der Kaiserli¬chen Universiät Gyeongseong (die heutige Seoul National¬universität) begeisterte sich für die Erforschung des Erbes von Kim Jeong-hui, der häufig in den Schriften von Gelehr¬ten aus Qing-China erwähnt wurde. Als Fujitsuka 1940 nach Japan zurückkehrte, nahm er das in seinem Besitz befindliche Bild und seine umfangreiche Materialsammlung über Kim Jeong-hui mit.

Um das Bild zurückzuholen, suchte 1944 der Kalligraph Son Jae-hyeong (1903-1981), der Kims Werke studierte, Fujitsuka auf. Zwei Monate lang beschwor Son Fujitsu¬ka täglich, das Werk zurückzugeben, bevor dieser endlich nachgab und es ihm im Dezember ohne etwas zu verlan¬gen mit folgenden Worten überreichte: „Wenn jemand des Behütens von Sehando würdig ist, dann Sie.“ Der Zeit¬punkt war ein glücklicher Zufall: Im März 1945, nur drei Monate später, bombardierten die Amerikaner Tokio, wobei ein Großteil von Fujitsukas Sammlung den Flammen zum Opfer fiel.

Am 15. August 1945 wurde die Koreanische Halbinsel nach 35 Jahren vom Kolonialjoch befreit. Son feierte das Ereignis, indem er drei renommierte Gelehrte um Kommen¬tare zu Sehando bat. Sie brachten ihre innere Bewegung über die wiedergewonnene Unabhängigkeit zum Ausdruck und lobten Son dafür, dass er Sehando zurückgeholt hatte. Als er das Bild damals auf die Seidenrolle, auf der es sich heute befindet, aufzog, ließ er große Flächen frei. Anschei¬nend hatte er auf weitere Kommentare gehofft, aber ein gro¬ßer Teil der Flächen ist bis heute leer geblieben.

Als Son dann 1971 für seine Kandidatur zur Nationalver¬sammlung Geldmittel benötigte, bot er seine Kalligraphie-und Gemäldesammlung, darunter auch Sehando, zum Ver¬kauf an. Die Werke gingen an Son Se-gi (1903-1983), einen aus Gaeseong (auch: Kaesong) stammenden Geschäfts-mann, der durch Ginseng-Handel zu Vermögen gekommen war. Die beiden Männer tragen zwar den gleichen Nach¬namen, sind aber nicht verwandt. Nach Sons Tod erbte sein ältester Sohn Son Chang-geun, der den Kulturverdienstor¬den erhielt, die Sammlung.

„E rst nach der großen Kälte weiß man, dass Kiefern und Lebensbäume nicht verdorren.“

Der französische Medienkünstler Jean-Julien Pous bietet in seinem Schwarzweiß-Video Winterzeit eine neue Interpretation von Sehando.

Im 20. Jh. fügten drei angesehene Koreaner auf dem Endteil der langen Rolle weitere Kommentare hinzu.
Ganz am Schluss finden sich lobende Worte von Jeong In-bo (1893-1950), einem koreanischen Historiker und Journalisten. Jeong artikuliert darin sein Mitgefühl für Kim Jeong-hui und auch seine Freude über die Wiedererlangung von Schriftrolle und Unabhängigkeit.
Der Politiker und Unabhängigkeitskämpfer Oh Se-chang (1864-1953) lobte den Mut des Kalligraphen Sohn Jae-hyeong, der Sehando vor Schaden bewahrte. Sohn ging 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, nach Tokio und bewegte den damaligen Besitzer Chikashi Fujitsuka dazu, das Werk an Korea zurückzugeben.
Zhang Mu (1805-1849), ein chinesischer Gelehrter und Autor von Aufzeichnungen über das Nomadenleben in der Mongolei hinterließ einen Kommentar in Form eines Briefes an Kim Jeong-hui.



Interpretation eines zeitgenössischen französischen Künstlers
Ende November 2020 eröffnetete das Nationalmuseum in Erinnerung an die Spende der Sehando-Schriftrolle die Sonderausstellung After every winter comes spring. Win¬try days, memorable days. Das Gemälde war zwar bereits mehrmals ausgestellt worden, aber erstmals seit 2006 wurde die gesamte Schriftrolle präsentiert. In dieser bis 4. April 2021 angesetzten Ausstellung wurde das 7-minütige Schwarz-Weiß-Video Die Zeit der großen Kälte vorgestellt Es hält Einsamkeit u. a. mit Aufnahmen von Wind und Wel¬len der Insel Jeju-do, einer unermüdlich ihr Netz webenden Spinne und eines dichten Kiefernwalds fest.

Der Produzent dieses Kurzfilms, Medienkünstler Jean- Julien Pous, sagte in einem Interview mit der Tageszeitung JoongAng Ilbo: „Sehando ruft in mir viele Emotionen her¬vor, aber vielleicht ist das Gefühl der Einsamkeit am stärks¬ten. Er setzte hinzu: „Dieses Gefühl wird zweifellos durch die COVID-19-Pandemie verschärft, die uns in einer großen Stadt umso einsamer fühlen lässt.“

Man könnte sagen, dieses sich durch eine subtile Ästhe¬tik auszeichnende Video sei eine Bewertung von Sehando durch einen Franzosen im 21. Jh. Sehando, ein Kunstwerk, das auf seiner langen Reise von Korea nach China und Japan und wieder zurück nach Korea fast zwei Jahrhunderte lang viele Menschen inspiriert hat, wurde im digitalen Zeit¬alter in neuer Form interpretiert.

People

Campen im eigenen Auto

Lifestyle 2020 WINTER 39

Campen im eigenen Auto „Car-Camping“ ist eine neue Freizeitbeschäftigung in Korea, die Reiselustigen auch ohne die Anschaffung eines teuren Wohnmobils Campen ermöglicht, und zwar im eigenen Auto. Angesichts der mit COVID-19 aufgekommenen Notwendigkeit der sozialen Distanzierung erfreut sich diese Outdoor-Aktivität großer Beliebtheit in Korea. Ein Car-Camper am See Chungju. Car-Camping macht einfaches Entspannen fern von regulären Campingplätzen möglich, für die es oft Wartelisten gibt. © Lee Jung-hyuk „Schieben Sie zuerst die Vordersitze möglichst weit nach vorne. Dann klappen Sie die Sitze in der zweiten Reihe in dieselbe Richtung um“, erklärt ein YouTuber und zeigt dabei auf den Innenraum seines Stadtgeländewagens (SUV). In weniger als 30 Sekunden schafft er so mehr Platz und fügt hinzu: „Bevor ich die Isomatte ausrolle, messe ich zunächst Länge und Breite des frei gewordenen Raums, um zu sehen, ob ich mich auch hinlegen kann.“ Zwei Meter lang, einen Meter breit. Passt. „Jeder erwachsene Mann kann sich hier bequem hinlegen“, sagt er mit einem Lächeln. „Und auch mit Freund oder Freundin ist es noch gemütlich.“ Das im Juli letzten Jahres auf YouTube hochgeladene Video verzeichnete im Oktober 2020 bereits über 100.000 Aufrufe. „Car-Camping“ bedeutet Übernachten im Auto. Da denkt man zunächst einmal an ein Wohnmobil mit Bett und Kücheneinrichtung, doch bei diesem neuen Camping-Stil verreisen Sie mit nur minimaler Grundausstattung und übernachten im eigenen Wagen. SUVs bieten sich aufgrund ihres größeren Innenraums besonders dafür an. Wenn Sie die hinteren Sitze ausbauen, entsteht hinreichend Schlafraum für eine Übernachtung. Diese neue Form des Reisens mit leichtem Gepäck lockt mit echtem Abenteuerfeeling. Neue Freizeitkultur Laut einem Bericht der Korea Automobile Manufacturers Association stieg der Absatz von Pickups, die die Vorzüge von LKW und PKW kombinieren, von rd. 22.000 Einheiten im Jahr 2017 auf ca. 42.000 im Folgejahr. Nach Angaben der Korea Agency of Camping and Outdoor Industry wuchs das Volumen der heimischen Camping-Branche im gleichen Zeitraum von 2 Bio. Won (rd. 1,5 Mrd. €) um über 30% auf 2,6 Bio. Won (rd. 1,9 Mrd. €). Auch der Campingausrüstung-Markt verzeichnete 2020 ein explosives Wachstum. Eine Umsatzanalyse des Online-Einkaufszentrums SSG.com für den Zeitraum Juni/Juli zeigt, dass der Umsatz von Auto-Anbauzelten und Luftmatratzen gegenüber den beiden Vormonaten jeweils um satte 664% bzw. 90% stieg. Die Verkaufszahlen von Kühlboxen, einem weiteren wichtigen Camping-Zubehör, haben sich mehr als verzehnfacht. Einer Analyse der Discounter-Kette Lotte Mart zufolge stieg der Umsatz von Camping-Möbeln einschließlich Stühlen und Tischen im selben Zeitraum um 103,7% im Vergleich zum Vorjahr; bei Camping-Bettzeug wie Schlafsäcke und Luftmatratzen betrug der Anstieg 37,6%, bei Zelten 55,4% und bei Kochutensilien 75,5%. Das Übernachten im Auto ist seit etwa 2018 ein breites Gesprächsthema und ein entsprechend beliebter Stoff für Fernsehsendungen. Im März 2020 wurde in einer Folge von I Live Alone, einer repräsentativen Reality-Show des Senders MBC TV, ein junger Schauspieler gezeigt, der mit dem Mitglied einer Boygroup Car-Camping am Strand genoss. Er hatte die Rückbank komplett ausgebaut und schuf mit Glühbirnenketten eine heimelige Atmosphäre. Nach der Ausstrahlung tauchte „Car-Camping“ auf den Portalseite-Listen der Echtzeit-Suchbegriffe auf und in den Sozialen Medien wurden unzählige Beiträge mit begeisterten Reaktionen hochgeladen. Wenn Sie auf Instagram nach dem Hashtag „Car-Camping“ suchen, werden Hunderttausende von Treffern erscheinen. Das Innere eines SUV, ausgestattet nach dem Geschmack eines Campers. Eine Schlafmatte ist das A und O. Das Innere kann dann je nach Geschmack spartanisch oder auch aufwändig dekoriert sein. © Kim Nam-jun SUVs sind wegen ihres breiten Innenraums die bevorzugte Wahl für Car-Camping. Die Besitzer normaler PKWs klappen ihre Sitze zurück und machen es sich auf dem etwas engerem Raum bequem. © gettyimages Der größte Pluspunkt beim Car-Camping ist, dass man egal wo auch immer übernachten kann und sich nicht erst um einen Stellplatz auf einem ausgewiesenen Campingplatz oder im Erholungswald kümmern muss. Auf und los! Es gibt mehrere Gründe für das rasante Wachstum dieser Auto-orientierten Freizeitbeschäftigung. Zuallererst können Sie von jetzt auf gleich ohne groß zu planen starten. Am Freitag können Sie nach Arbeitsschluss beschließen, an den Strand zu fahren oder am nächsten Morgen irgendwo frische Waldluft zu genießen. Eine YouTuberin erhielt für ein einziges Video über Car-Camping mehr als 400.000 Aufrufe. Sie sagte, dass es für diejenigen, die bewusst Zeit alleine verbringen möchten, nichts Schöneres gibt als eine Nacht im Auto. Außerdem brauche man keine spezielle Ausrüstung. Ein paar Fertiggerichte und eine Flasche Wein, und schon ist alles bereit für einen Camping-Ausflug. Außerdem erübrigt es sich, einen Platz auf einem regulären Campingplatz zu reservieren, was wegen der hohen Nachfrage bei registrierten Campingplätzen mit langen Wartezeiten verbunden sein kann. Bei Car-Camping können Sie überall dort übernachten, wo Sie Ihr Fahrzeug parken dürfen. Der Ausbruch von COVID-19 dürfte zu diesem Camping-Boom beigetragen haben. Denn in der gegenwärtigen Situation, in der persönliche Kontakte möglichst vermieden werden sollten, hilft Car-Camping – sei es nun alleine oder mit der Familie – dem Corona-Stress zu entkommen. Ein Beweis dafür ist, dass die Mitgliederzahl des Car Camping Club, Koreas größter Online-Community von Car-Campern auf der Portalseite Naver, von rd. 80.000 Ende Februar 2020 auf ca. 170.000 Anfang September emporgeschnellt ist. Aber es gibt auch Kehrseiten. So sind Luftmatratzen nicht so bequem wie Standardmatratzen, weshalb die Übernachtung im Auto für empfindliche Schläfer nicht gerade ideal sein dürfte. Hinzu kommt, dass ein erholsamer Schlaf in der Regel eine ebene Oberfläche voraussetzt. Mit der 2020 erfolgten Überarbeitung des Kraftfahrzeugmanagement-Gesetzes ist in Korea die Umwandlung von PKWs in Camping-Fahrzeuge zwar erlaubt, aber es ist nicht immer einfach, für eine flache Oberfläche zu sorgen. Und natürlich ist das Übernachten im Auto keine attraktive Alternative für diejenigen, die aufs Duschen nicht verzichten wollen. Gesunde Campingkultur: eine Marktnische Im Sommer ist es im Wagen heiß, im Winter kalt, was die Bequemlichkeit beeinträchtigt. Es kann aber gefährlich sein, Klimaanlage oder Heizung im Auto lange Zeit eingeschaltet zu lassen. Möchte man solch wetterbedingten Unbequemlichkeiten entgehen, wird empfohlen, sich mit Ladegeräten oder Standheizungen auszurüsten. Darüber hinaus: Um sich im Camper vor unerwünschten Insekten zu schützen, ist die Anschaffung eines Moskitonetzes ratsam. Hat man erst einmal mit dem Kaufen der Grundausrüstung begonnen, wächst die Versuchung, mit dem Blick auf höherem Komfort für den nächsten Trip in noch hochwertigeres Equipment zu investieren. Ein YouTuber gestand, dass er wegen seiner Leidenschaft für High-End-Ausrüstung ganz mit dem Car-Camping aufgehört habe. Der größte Pluspunkt beim Car-Camping ist, dass man egal wo auch immer übernachten kann und sich nicht erst um einen Stellplatz auf einem ausgewiesenen Campingplatz oder im Erholungswald kümmern muss. Die meisten Car-Camper bevorzugen mit öffentlichen Toiletten ausgestattete Parks, Strände oder Flussufer.Dem Trend entsprechend gibt es viele beliebte Autocamping-Plätze. Doch immer mehr solche öffentlichen Plätze regulieren den Zugang aufgrund der Probleme, die freies Zelten und Kochen verursachen. So ist es z. B. vorgekommen, dass bei einem unerwarteten Ansturm illegal Müll entsorgt und die Umwelt geschädigt wurde. Wenn sich jedoch eine gesunde Kultur etabliert, kann Car-Camping sich zu einer vernünftigen und preisgünstigen Art des Reisens im Corona-Zeitalter entwickeln.

verliebt in korea Beleuchtung des koreanischen Films

In Love with Korea 2020 AUTUMN 48

verliebt in korea Beleuchtung des koreanischen Films Durch eine Verwechslung entdeckte der Ire Pierce Conran als Jugendlicher den koreanischen Film, was ihn schließlich nach Korea brachte, wo er aus seiner Leidenschaft einen Beruf machte. Heute produziert er Filme, verfasst Kritiken und schreibt für Fans des koreanischen Kinos in aller Welt. Pierce Conran ist ein Filmfan, der sich pro Jahr bis zu 800 Filme anschaut. Sein absoluter Favorit ist Bong Joon-hos Memories of Murder, der Film, der ihn nach Korea brachte. Der erste koreanische Film, den Pierce Conran sah, war alles andere als „Teenagerliebe auf den ersten Blick“. Beim Stöbern in einem DVD-Laden geriet er, angelockt von dem verfänglichen Titel und dem auffälligen Cover, an einen Film, von dem er dachte, es sei eine der „interessanten und angesagten“ japanischen Produktionen. Stattdessen sah er Teil 1 der blutigen Rache-Trilogie des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook (geb. 1963): Sympathy for Mr. Vengeance (2002). „Ich fand den Film gewalttätig und grausam. Ich wusste einfach nicht, was ich damit anfangen sollte“, meint Conran. „Ehrlich gesagt, verabscheute ich ihn so sehr, dass ich jedem, dem ich begegnete, davon erzählte.“ Doch dieser Film ließ Conran nicht los. Einige Wochen später musste er ihn sich einfach noch einmal ansehen. „Plötzlich begann er mir zu gefallen“, erinnert er sich. „Beim zweiten Schauen begriff ich langsam, dass ein Sinn, eine Absicht dahintersteckt. Ich konnte zwar die Intention des Regisseurs nicht ganz nachvollziehen, wollte aber unbedingt mehr darüber herausfinden.“ Mit einer Mischung aus Aversion gegenüber und Neugier auf Korea schaute sich Conran alle koreanischen Filme, die er auftreiben konnte, an. Seine jungen Jahre verbrachte der damals 16-Jährige im schweizerischen Fribourg, der Heimat des Gruyère-Käses. Die Nachbarn waren meist Bauern und morgens wurde er von Kuhglocken geweckt. Während seiner etwas einsamen Kindheit in dieser idyllischen Umgebung wurden Filme seine Freunde. Mit zwölf Jahren kehrte Conran nach Irland zurück, wo er ein Internat in Dublin besuchte und seine Freizeit im nahe gelegenen Kino verbrachte. Das war in den 1990ern, einer Zeit, in der der moderne asiatische Film international an Aufmerksamkeit zu gewinnen begann. Autor, Rundfunkjournalist, Produzent Ein Satz reicht, um einen Einblick in Conrans Arbeitsleben in Korea zu geben: „Grundsätzlich bemühe ich mich, bei allem, was mit koreanischem Kino zu tun hat, auf irgendeine Weise mitzumachen.“ Dieses Jahr war er z. B. Jury-Mitglied beim jährlich im Juli stattfindenden Bucheon International Fantastic Film Festival (BIFAN). Aufgabe Conrans ist es, Cineasten auf der ganzen Welt über koreanische Filme zu informieren. Seine Haupttätigkeit ist die Edition der englischsprachigen Ausgabe von KoBiz, der Website des Korean Film Council (KOFIC). Er schreibt Features, Beiträge über Neuigkeiten sowie Kolumnen und plant, einen diesbezüglichen YouTube-Kanal zu moderieren. Neben Schreib- und Produktionstätigkeiten tritt er regelmäßig in Sendungen des englischsprachigen Kabelfernsehkanals Arirang und des Hörfunksenders TBS (Traffic Broadcasting System) auf. Zudem schreibt er für die kanadische Website ScreenAnarchy, die sich hauptsächlich mit Indie-Filmen befasst, und ist für die US-Filmproduktions- und Vertriebsgesellschaft XYZ Films mit Hauptsitz in Los Angeles tätig. Die Filmproduktion ist sein Zweitjob. Zurzeit produziert Conran ein Stück von Regisseur Lee Sang-woo, dessen Werke als „Inbegriff des koreanischen Indie-Films“ gelten. Mit Streifen wie z. B. Mutter ist eine Hure (2011), Vater ist ein Hund (2012) und Ich bin Abfall (2016) thematisiert der Filmemacher die Schattenseiten der Gesellschaft. Die jüngste Conran-Lee-Kollaboration ist ein 2019 erschienener Teil der Horror-Anthologie Deathcember, an der verschiedene Regisseure aus aller Welt beteiligt waren. Conran und Lee hatten sich 2012 beim Cinema Digital Seoul Film Festival (CinDi) kennengelernt und Lee hatte damals eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Zu der Zeit machte sich Conran in der koreanischen Filmszene langsam einen Namen. Vor Abschluss seines M. A.-Studiums in Französischer Literatur und Filmwissenschaft am Trinity College Dublin hatte er 2010 den Blog Modern Korean Cinema gestartet und sprang zwischen Bloggen und Verfassen seiner Masterarbeit über Memories of Murder (2003) von Bong Joon-ho hin und her. Diese Bemühungen führten zu Vortragseinladungen zu Konferenzen und zahlreichen internationalen Veranstaltungen. Bloggen war zudem eine Möglichkeit, online mit Fans des koreanischen Films zu kommunizieren, darunter mit Filmkritiker Darcy Paquet, den mittlerweile jeder Koreaner kennt, da er die englischen Untertitel für den Oscar-gekrönten Film Parasite (2019) von Bong Joon-ho verfasste. Als Paquet vorschlug, Conran solle doch nach Korea kommen, bedurfte es keiner großartigen Überredungskünste, denn Conran hatte schon längst einen Koreaaufenthalt beschlossen. 2012 kam er in Korea an, wo er anfangs in einem Englisch-Hakwon (privates Lerninstitut) unterrichtete. Aber schon wenige Monate später bekam er den Editor-Job für KoBiz. Danach ging alles sehr schnell. Pierce Conran ist zwar in erster Linie Filmkritiker, steht aber auch hin und wieder vor der Kamera. So hatte er einen Kurzauftritt als Journalist in Yeon Sang-hos im Juli 2020 herausgekommenen Film Peninsula, der Fortsetzung des Zombie-Blockbusters Train to Busan (2016). © Next Entertainment World Tiefer eintauchen Für Conran sind diese rasanten Veränderungen zwar reines Glück, Grundstein dafür waren aber seine Fimleidenschaft und sein „Hang zur Besessenheit“. Kurz gesagt: Seine Begeisterung ließ ihn neue Chancen ergreifen. „Meine enthusiastische Haltung hat mein Leben in vielerlei Hinsicht verändert, v. a. im privaten Bereich,“ fügt er hinzu. „Ich hatte ohne Zweifel großes Glück, aber ab und zu mache ich mir Sorgen, dass jemand mir den Zauberteppich unter den Füßen wegziehen könnte. Mal ganz ehrlich: Zurückzuführen ist das alles doch auch darauf, dass ein westlicher Weißer eine positive Meinung über den koreanischen Film hatte. Das hat sich zu meinem Vorteil ausgewirkt, dessen bin ich mir völlig bewusst.“ In seinem Privatleben spielte die Ehe mit der Regisseurin Lee Kyung-mi eine bedeutende Rolle. In einem Zeitungsartikel wurde Conran als „Seongdeok“ bezeichnet, was so viel wie „erfolgreicher Fan“ bedeutet und auf Anhänger von K-Pop-Stars referiert, die ihr Idol persönlich treffen konnten. Lachend sagt er: „Ich war ein großer Fan von Kyung-mis Crush and Blush von 2008 und freute mich schon auf ihren nächsten Film.“ Sie lernten sich auf einer Party kennen, wo ein befreundeter Regisseur Lee zu ihm herüberbrachte und dann laut gerufen haben soll: „Darf ich vorstellen: Lee Kyung-mis neuer Freund!“ Trotz dieses etwas peinlichen Beginns – seiner Erinnerung nach hatte er damals, sich die Arme reibend, „Oh, hallo“ gesagt und dann einfach da gestanden, als die Leute Fotos schossen – nahmen die Dinge einen natürlichen Lauf und 2018 heirateten die beiden. Neben seinen zahlreichen Tätigkeiten unterstützt Conran seine Frau auf vielfältige Weise beim Filmemachen. In ihrem Beitrag zur vierteiligen Netflix-Anthologie Persona (2018) spielte er den Part des potentiellen Freundes der Protagonistin, die von K-Pop Star IU gespielt wird. Das Mädchen verspricht ihm ein Date unter der Bedingung, dass er dafür zuerst die neue Freundin (gespielt von Bae Doona) ihres Vaters verführt. Conran hat zwar keine Absicht, Schauspieler zu werden, erklärt aber: „Ich liebe es einfach, am Set dabei zu sein. Auf diesem Level mitmachen zu dürfen, ist für mich aufregend.“ Er ist auch in Peninsula (2020) zu sehen, der im Sommer 2020 erschienenen Fortsetzung von Yeon Sang-hos Zombie-Thriller Train to Busan aus dem Jahr 2016. “Korean cinema is so great because it effectively tries to expunge all the bad things, the tribulations of generations through 20th century history and modern social ills.” --> In die Zukunft Aus Conrans Sicht hat die Einstellung zum koreanischen Film im Laufe der letzten Jahre Veränderungen erfahren, wofür Parasite ausschlaggebend war. Das Niveau, die einzigartigen Themen und der hohe Produktionswert koreanischer Filme hätten international schon immer ziemlich hohes Ansehen genossen, aber während in der Vergangenheit glänzende Kritiken oft noch etwas gezwungen anmuteten, so sei es heute ganz anders. „Koreanisches Kino hat unendlich viel Potenzial,“ meint Conran. „Genrefilme liegen weltweit im Trend, was sich vorteilhaft für Korea auswirkt.“ Zudem etablieren sich Streaming-Dienste immer mehr, ein Trend, der durch die soziale Distanzierung infolge der COVID-19-Pandemie noch weiter verstärkt wird. Conran glaubt, dass die koreanische Unterhaltungsindustrie, die ihr Potenzial mit TV-Serien hinreichend bewiesen hat, große Vorteile besitzt. Was ihm Sorgen bereitet, ist jedoch die Begrenztheit der Inhalte: „Was Handlung und Musik betrifft, so finden sich heutzutage überall methodische Anlehnungen an z. B. Bong Joon-ho, Park Chan-wook und Christopher Nolan. Vor 15 Jahren gab es zwar viele Flops bzw. Herumexperimentiererei, das war aber hoch spannend. Heute sind die Filme zu aufpoliert und viele ähneln einander.“ Conrans Filmgeschmack ist breit gefächert, aber er hat eine besondere Vorliebe für Genrefilme mit unklaren oder starken Botschaften. Memories of Murder ist sein absoluter Favorit. Dieser von ihm als „perfekt“ bewertete Film ist auch das Werk, das ihn fesselte und nach Korea brachte. Was er an koreanischen Filmen am meisten liebt, hat eigentlich viel mit dem zu tun, was ihm an seiner Wahlheimat nicht so gefällt. „Als ich zum ersten Mal nach Korea kam, fand ich alles spannend und aufregend, alles war einfach toll. Aber dann war das plötzlich mein Alltagsleben und es gab Aspekte, die mir missfielen.“ Damit meint er z. B. Geschäftspraktiken, patriarchalische Strukturen und verschiedene soziale Probleme. „Das Großartige an koreanischen Filmen ist, dass sie versuchen, alles Schlechte, all das Leid, das die einzelnen Generationen in der Geschichte des 20. Jhs erleben mussten, und alle Übel der modernen Gesellschaft überwinden zu helfen.“ So haben sich Conrans Gefühle gegenüber Korea mit der Zeit verändert. „Als ich durch meine Heirat in eine neue Familie aufgenommen wurde, haben sich mein Verständnis und meine Liebe zu Korea weiter vertieft. Das hat mir geholfen, mein Koreanisch zu verbessern, auch wenn es langsam vorangeht,“ sagt Conran. Er hofft, sich in Zukunft stärker auf die Filmproduktion konzentrieren zu können, und weiß, dass sein Koreanisch dafür gut sein muss. Der vollkommene Filmenthusiast und begeisterte Sammler von Blu-rays scheint wirklich glücklich zu sein, weil er das macht, was er liebt. „Ich schaue mir sehr viele Filme an. Eigentlich viel zu viele, so an die 800 pro Jahr,“ sagt er und scheint von der Zahl selbst überrascht zu sein. Lächelnd fügt er hinzu: „Das ist mein Beruf.“

Interview Aus Weggeworfenem neuen Wert schaffen

Interview 2020 AUTUMN 37

Interview Aus Weggeworfenem neuen Wert schaffen Zwei junge Designer mit Schwerpunkt Textildesign gründeten 2010 das Designstudio Fabrikr. In dem Bemühen, über die Grenzen von Materialien hinauszugehen, bewegen sie sich frei zwischen Möbel- und Raumdesign. Die Gründer des Designstudios Fabrikr, Kim Sung-jo (links) und Kim Dong-kyu, im von Fabrikr designten Café Onion in Seongsu-dong. Sie begannen mit Möbeln und expandierten dann zu Raumdesign. Nach der Gründung ihres Designstudios Fabrikr im Jahr 2010 präsentierten die Designer Kim Dong-kyu und Kim Sung-jo ihr erstes Werk: den Stuhl Monster, hergestellt durch Beschichten von weggeworfenen Stoffen und Holz mit Epoxidharz. Nachdem das Duo zunächst aus Weggeworfenem Möbel kreiert hatte, richtete es seinen Blick auf aufgegebene Räume: Aus Fabriken, Postämtern, öffentlichen Badehäusern und traditionellen Hanok-Häusern wurden Cafés, Optikergeschäfte, Ausstellungsräume für bestimmte Marken und mehr. Es war aber nicht nur die Nutzungart des Raums, die sich änderte. Viele tranken dort Kaffee, lasen Bücher und genossen es, dort zu sein. Sie verliebten sich in die Räumlichkeiten. Wenn Sie die Gefühls- und Gedankenwelt junger Menschen im geschäftigen Seoul verstehen möchten oder einfach neugierig auf die neuesten angesagten Hotspots sind, tun Sie gut daran, sich die Räume anzusehen, die die Handschrift von Fabrikr tragen. Denn diese Orte sind die Antworten auf Ihre Fragen. Warum interessieren Sie sich für Aufgegebenes? Kim Dong-kyu: Wir haben beide Textildesign studiert. Zunächst wollten wir die Grenzen der Faser als Material überschreiten und aus verschiedenen Stoffen Möbel und alle möglichen Objets herstellen. Materialien kaufen und daraus etwas machen: Das ist einfach. Wir fanden die Idee viel attraktiver, weggeworfenen Dingen durch unsere Hände neues Leben einzuhauchen, indem wir sie zu etwas anderem werden lassen. Quantum Project: Sound Holic Exit (2014). Musikinstrumente, Mobiliar, Neonlicht. 9,5 × 20 × 3,2 m (Breite, Tiefe, Höhe). © Fabrikr Quantum Project: Coral Wave (2014). Prismenfilm, Draht, Spiegel. 9,5 × 15 × 3,2 m (Breite, Tiefe, Höhe). Im Flagship Store der Brillenmarke Gentle Monster in Seogyo-dong, Mapo-gu, befinden sich im zweiten und dritten Stock Verkaufsräume, aber das Erdgeschoss ist ein sich entwickelnder Projektraum. Ein ganzes Jahr lang präsentierte Fabrikr alle 15 Tage ein völlig neues Raumkonzept. © Fabrikr Sie haben einmal gesagt, dass „Upcycling“ und „Weggeworfenem neuen Wert verleihen“ unterschiedlich sind. Was ist der Unterschied? Kim Dong-kyu: Die Schweizer Marke Freitag hat Taschen durch die Verwendung von wasserdichtem Industrieabfall entwickelt und ist heute auf der ganzen Welt beliebt. Aber da bei einer Upcycling-Marke enorm viel Arbeit in den Produktionsprozess gesteckt werden muss, ist das Endprodukt nur entsprechend teuer. Wenn sich das Produkt trotzdem immer noch gut verkauft, beweist das eine entsprechend gute Produktplanungskompetenz. Für die Vermarktung ist zwar auch das Brand-Storytelling wichtig, aber das Produkt an sich muss hinreichend überzeugend sein, damit der Kunde bereit ist, Geld dafür auszugeben. Wir dachten, dass uns in diesem Bereich immer noch etwas fehlt. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Aufmerksamkeit auf das weggeworfene Material an sich zu richten und auf das Ziel, ihm mehr Wert zu verleihen. Aus diesem Grund haben wir statt kommerzieller Produkte Objets geschaffen, also Werke, die unsere Geschichten erzählen können. Anfangs haben Sie sich auf Material und Arbeitsweise konzentriert, aber jetzt scheint es keine Grenzen zu geben. Kim Dong-kyu: An den Grundlagen hat sich nichts geändert. Wir haben einfach beschlossen, keine Grenzen zu setzen, und die Ausdrucksmethoden verwendet, die uns zur Verfügung standen, um Möbel, Installationsstücke und Räume zu gestalten. Jetzt denken wir auch an Architektur. Wir wollen uns immer wieder neue Herausforderungen vornehmen und sie auf unsere eigene Art und Weise lösen. Kim Sung-jo: Ob es sich nun um ein Möbelstück oder einen Raum handelt: der eigentliche Planungs- und Designprozess ist der gleiche. Der Unterschied ist nur, was an erster Stelle steht: der Gegenstand oder die Geschichte, die wir erzählen möchten. Sei es ein ausgemusterter Stuhl, ein ausgemustertes Stück Stoff oder ein aufgegebener Raum: Sobald wir uns für ein Objekt entschieden haben, überlegen wir, mit welcher Geschichte wir es füllen können. Der einzige Unterschied wäre, dass wir bei Möbeln nur unseren eigenen Vorstellungen folgen, während wir bei einem Raum versuchen, die Geschichten der Menschen, die ihn nutzen werden, einzufangen. Bei der Raumgestaltung denken wir darüber nach, wie sich die Menschen bewegen und welche Wege sie einschlagen sollen. Es gibt Momente, in denen wir uns wie Amateure vorkommen, denn wenn wir eine gute Idee haben, ändern wir sogar mitten im Projekt noch einmal die Richtung, ohne lange darüber nachzudenken. Aber letztendlich liegt meiner Meinung nach gerade darin unsere Stärke. Betrachtet man Ihre Arbeiten, scheinen Sie eine besondere Vorliebe für Epoxidharz zu haben. Kim Sung-jo: Epoxidharz besitzt bestimmte Materialeigenschaften, die für unsere Projekte und für die Blickwinkel, die uns interessieren, besonders gut geeignet sind. Es vermag die Vergangenheit festzuhalten, ist verfeinert und zugleich futuristisch, fühlt sich aber im Gegensatz zu Glas weich und warm an. Uns gefällt auch, wie sich seine Farbe im Laufe der Zeit ändert. Und dass es zunächst flüssig ist und dann fest wird, ist ebenfalls interessant. Zudem ist es ein Material, das ganz natürlich mit dem ursprünglich vorhandenen Objekt verschmilzt, sodass sich unmöglich sagen lässt, wann das Endstück hergestellt wurde. Ein Beispiel dafür ist unser Stuhl Chaeum. Die gebrochene Armlehne wurde durch einen schienenartigen Teil aus Epoxidharz ersetzt. Hätten wir das ursprüngliche Holz verwendet, wäre es eine „Restaurierung“ gewesen, aber durch die warme, künstliche Epoxid-Armlehne haben wir eine neue, futuristische Optik geschaffen.Kim Dong-kyu: Ich glaube, Epoxidharz hat etwas Koreanisches. Es hat etwas Mondänes, ohne provozierend zu wirken, harmoniert mit allem, was es umgibt, strahlt aber auch Kraft aus. Wir verwenden Epoxid seit fast zehn Jahren und es ist so überzeugend, dass wir noch nichts gefunden haben, was es ersetzen könnte. Ihr erstes Raumprojekt scheint Fabrikr ins öffentliche Bewusstsein gerückt zu haben. Kim Sung-jo: 2011 hat Gentle Monster uns kontaktiert und mitgeteilt, dass sie in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern Brillen herstellen. Zwei Jahre später haben sie uns dann damit beauftragt, für die Eröffnung ihres Flagship-Stores in Nonhyeon-dong im Hof eine Installation anzubringen. Zunächst hatten wir die Idee, nur ein Bootswrack vom Daecheon-Strand zu nutzen, aber nach weiteren Diskussionen haben wir das Konzept auf den gesamten Raum ausgeweitet. Wir dachten, es wäre interessanter, wenn das Boot nicht einfach Schauobjekt wäre, sondern als Eingang zum Ausstellungsraum fungieren würde, als Tür, die in eine völlig andere Welt führt. Der Gentle Monster-Store in Hongdae ist das Ergebnis intensiver Überlegungen, wie sich Markenbekanntheit durch den Raum steigern lässt. Wir haben eine ganze Reihe von Materialien, Stilen und Auslagemethoden eingesetzt, um das Store-Konzept ein ganzes Jahr lang alle fünfzehn Tage neu zu gestalten. Dadurch wurde Gentle Monster unter der jüngeren Generation sehr bekannt und bei einem Besuch des Ladens ging es nicht mehr nur um den Kauf von Brillen, sondern um ein kulturelles Erleben des Raums an sich. 1. “MONSTER” (2010). Fabric, Formica, wood. 60 × 60 × 85 cm (WDH). © Fabrikr 2. “CHEUM” (2013). Abandoned chair with epoxy. 64 × 54 × 100 cm (WDH). © Fabrikr --> Ihr nächstes Projekt, Café Onion, hat jetzt drei Filialen und alle werden heiß geliebt. Kim Sung-jo: Das Gebäude der Filiale in Seongsu-dong stammt ursprünglich aus den 1970er Jahren und beherbergte zunächst eine Reparaturwerkstatt, dann einen Supermarkt und schließlich ein Hostel. Es gab daher je nach Verwendungszweck alle Arten von ungenehmigten Renovierungen und Erweiterungen, deren Spuren noch an Wänden und Böden zu sehen waren. Für uns waren es Designinspirationen. Das Seongsu-Café machte schnell von sich reden, sodass eine zweite Filiale eröffnet wurde. Der CEO von Onion wollte das Onion über ein einfaches Café hinaus zu einer Kulturmarke entwickeln, deshalb hat man die Filiale in Mia-dong absichtlich in einem Postgebäude untergebracht. Dahinter steht das Konzept eines „Platzes“, auf dem die Menschen zusammenkommen und kommunizieren. Für uns ist die Mia-Filiale von Onion so etwas wie ein Installationskunstwerk. Die jüngst in Anguk-dong eröffnete Onion-Filiale demonstriert die Kraft des Hanok. Kim Sung-jo: Koreas Café-Markt gilt als der drittgrößte der Welt. Die Branche ist so erfolgreich, dass ausländische Touristen Café-Touren in Korea unternehmen. In puncto Design gibt es ja einiges zu sehen. Nach dem Mia-Store wollte Onion ein Café schaffen, das die Stadt Seoul repräsentieren kann. Wir haben lange nach dem richtigen Platz gesucht und schließlich ein altes Hanok in Anguk-dong entdeckt. Wir haben so viele bautechnische Merkmale wie möglich bewahrt, z. B. die Maru-Holzdielen, Holzsäulen und Ziegeldächer. Die Gründer des Designstudios Fabrikr, Kim Sung-jo (links) und Kim Dong-kyu, im von Fabrikr designten Café Onion in Seongsu-dong. Sie begannen mit Möbeln und expandierten dann zu Raumdesign. Die Mia-Niederlassung von Café Onion, die eine in Vergessenheit geratene Ecke des Postamtes im Seouler Viertel Gangbuk wiederbelebt, spielt mit dem Konzept „öffentlicher Platz“. Der Akzent liegt dabei auf dem Nacktbeton. Es gibt nur wenige Tische. © hugefabio An welchem Material oder Thema sind Sie derzeit besonders interessiert? Kim Sung-jo: Als wir mit dem Café-Onion Projekt anfingen, haben wir das Licht neu und tiefer betrachten gelernt. Uns wurde bewusst, welch wichtige Rolle das Licht in einem der Ruhe und Entspannung dienenden Raum spielt. Daher interessieren wir uns zurzeit sehr für die Arbeiten des amerikanischen Installationskünstlers James Turrell, der das Licht und seine Wirkung erforscht. Gibt es Bereiche, in die Sie noch vorstoßen möchten, oder Projekte, die Sie übernehmen möchten? Kim Sung-jo: Das ist noch alles offen. Wir interessieren uns über Architektur hinaus dafür, ein ganzes „Gebiet“ zu schaffen, andererseits denken wir auch an Objekte, die kleiner als Möbel sind. Wenn man arbeitet, ohne über Schranken und Beschränkungen nachzudenken, kann man weiter und umfassender denken. Was besitzt für Fabrikr den höchsten Wert? Kim Dong-kyu: Es ist schwierig, das in einem einzigen Satz präzise zu formulieren. Das, was mir gerade in den Sinn kommt, sind „Menschen“ und „Zeit“. Kim Sung-jo: Die Übernahme der künstlerischen Leitung für Onion hat uns bewusst gemacht, dass die Kollaboration mit einer Marke größere Projekte ermöglichen kann. Uns wurde klar, dass wir einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben können. Es gibt immer noch zu wenige koreanische Marken, die sich im Kulturbereich einen Namen gemacht haben. Eine Marke, die die koreanische Kultur repräsentieren kann: Das ist das Ziel von Onion und Fabrikr. Und wir lernen viel, während wir unser Team aufbauen, große Träume träumen und unsere Kräfte sammeln. Gibt es einen Raum oder ein Reiseziel, das Sie in letzter Zeit beeindruckt hat? Kim Dong-kyu: Vor zwei Jahren, als wir Onions Anguk-Filiale aufbauten, haben wir viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, was genau etwas „koreanisch“ macht. Da stießen wir zufällig auf An einer Entasis-Säule von Muryangsu-jeon (Halle des Ewigen Lebens) gelehnt, ein Buch des Kunsthistorikers Choi Sun-u, und besuchten den Tempel Buseok-sa. Dort haben wir zum ersten Mal Anmut und Eleganz der koreanischen Architektur und Tradition nachempfunden. Die Art und Weise, wie die architektonischen Strukturen in der Natur angeordnet waren, und wie sie sich je nach Blickwinkel veränderten, war eindrucksvoll und bewegend. Seit der Eröffnung 2016 ist Café Onion in Seongsu-dong – erbaut aus den Überresten einer stillgelegten Fabrik aus den 1970ern – eine der Hauptstationen entlang der verschiedenen Café-Pilgerrouten in Seoul. Die nackten Wände, die in dem zum Café umgestalteten Innenraum die Spuren der verflossenen Zeit konservieren, schaffen eine urbane Sensivität, die die Besucher zu rühren vermag.

Während Sie schlafen

Lifestyle 2020 SUMMER 39

Während Sie schlafen „Early-Morning-Express“ (meist bis 22.00 Uhr bestellt, zwischen 02.00 und 07.00 Uhr geliefert) und „Bullet-Express“ (bis 15.00 Uhr bestellt, am selben Tag geliefert) gehören derzeit für die großstädtischen Haushalte zum Alltag. Das nachts bestellte Essen steht am Folgetag auf dem Frühstückstisch. Vor noch nicht allzu langer Zeit kauften viele Leute einmal pro Woche bei einem großen Einzelhändler ein. Diese meist am Wochenende stattfindenden Großeinkäufe glichen Familienausflügen, bei denen man sich mit allem Lebensnotwendigen für eine Woche eindeckte und den Kühlschrank auffüllte. Was den Early-Morning-Express-Lieferdienst betrifft, so hatte ihn ein Start-up-Unternehmen 2015 eingeführt, was dann zu einem ungeahnten Aufschwung von Lieferdiensten dieser Art führte. Denn einmal auf den Geschmack dieses bequemen Serviceangebots gekommen, erscheint der zeitaufwändige Akt des Einkaufens als unbequem. Daran liegt es wohl, dass die zuvor noch ständig wachsende Zahl der Supermarkt-Filialen nach und nach abnimmt und eine nach der anderen sich gezwungen sieht, den Betrieb einzustellen. Die Beschäftigten dieses Logistikzentrums haben rund um die Uhr alle Hände voll zu tun mit dem Sortieren von Bestellungen und dem Verpacken von Waren. © Market Kurly Vom Essen bis hin zur Wäsche Sollte früher alles fürs Frühstück Notwendige bereits am Abend zuvor zubereitungsfertig im Kühlschrank liegen, so ist das heute nicht mehr nötig. Man kann sich nach dem Abendessen mit der Familie über den Essensplan für den nächsten Morgen austauschen und die Lebensmittel in der Frühe liefern lassen. Bestellungen sollten in der Regel möglichst bis etwa 22.00 Uhr getätigt werden (bei manchen Händlern aber auch bis Mitternacht), damit die Lieferung am Tag darauf zwischen zwei und sieben Uhr früh ankommt. Lieferbar sind nicht nur verarbeitete, lange haltbare Lebensmittel, sondern auch Frischkost wie Obst oder Fleisch bis hin zu sofort genießbaren Fertiggerichten. Der Express-Versand ist nicht auf Lebensmittel beschränkt. Ein koreanisches Modeunternehmen bietet z.B. einen Lieferservice an, bei dem Kunden, die vor 10.00 Uhr bestellen, ihre Ware noch am Nachmittag desselben Tages bekommen. Auch immer mehr Kosmetikmarken werben mit ihrem „Bullet-Express“ (bis 15.00 Uhr bestellt, am selben Tag geliefert). Die Liefergeschwindigkeit hängt also nicht mehr von der Art des Produktes ab. Zu reinigende Wäschestücke wie z.B. Anzüge oder Hemden braucht man nur in einer Papiertüte vor die Tür zu stellen, sie werden dann noch im Morgengrauen abgeholt. Am übernächsten Tag hängen sie in der Frühe gereinigt am Haustürknopf. Ein Auftrag per Smartphone-App erledigt das alles ganz einfach. Neben Kleidung aller Art kann man auch Bettdecken, Schuhe und Taschen reinigen oder reparieren lassen. Arbeitsrechtliche Fragen und Arbeitsbedingungen rücken mittlerweile verstärkt in den Fokus, da immer mehr Shopper die von ihnen bestellten Lebensmittel und auch andere Artikel vor der Morgendämmerung zugestellt bekommen möchten. © Coupang Nicht nur die Bequemlichkeit der Lieferdienste erwies sich jüngst als unschätzbarer Pluspunkt, sondern auch die Kontaktlosigkeit. In Zeiten der Covid-19-Pandemie, in der soziale Distanz wichtig geworden ist, ist das nicht weiter verwunderlich, denn die Lieferdienste machen Supermarktbesuche und direkten Kontakt mit dem Lieferpersonal unnötig. Lieferarbeiter Wie sind solche Expresslieferungen möglich geworden? Da besteht eindeutig ein Zusammenhang mit der „ppalli-ppalli (schnell-schnell)“-Mentalität der Koreaner. Die rasche Industrialisierung, die Korea in den 1960/70er Jahren erlebte, verlangte schnelles Handeln und schnelle Antworten, Eigenschaften, die dann quasi zur zweiten Natur wurden. Es dürfte kaum Länder geben, in denen die Behörden so zügig ihre Arbeit erledigen wie in Südkorea. Diese Eigenschaft ist besonders bei Katastrophen bzw. in Krisenzeiten relevant und manifestierte sich z.B. auch darin, wie medizinisches Personal, Regierungsstellen und die allgemeine Öffentlichkeit auf den Ausbruch der Corona-Pandemie reagierten. Es gibt jedoch auch eine Kehrseite. Aufgrund der Besessenheit, dass selbst nicht dringend Notwendiges schnellstmöglich geliefert werden sollte, ist die Belastung der Logistikarbeiter enorm. Sie spielten eine Hauptrolle bei der Verbreitung der Early-Morning- und Bullet-Express-Services, müssen jedoch schlechte Arbeitsbedingungen hinnehmen, damit die Verbraucher bequeme Dienstleistungen zu günstigen Preisen genießen können. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, berechnen die Lieferunternehmen für kleine bis mittelgroße Bestellungen die sehr geringe Gebühr von 2.500 bis 3.000 Won (rd. 1,85-2,22 €), größere Bestellungen werden kostenlos geliefert. Trinkgeld ist in Korea nicht üblich, den Arbeitern bleibt also nur ihr Lohn. Jüngst wurde das Problem der Supergeschwindigkeit, mit der die Logistikarbeiter die Bestellungen der Superexpressdienste ausliefern müssen, zur Sprache gebracht und Forderungen nach angemessener Bezahlung wurden laut. Seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie stellen die Lieferanten die Pakete immer öfter vor die Haustür oder hängen sie an den Türknauf, um direkten Kontakt mit den Kunden zu vermeiden. © SSG.COM Die Logistikunternehmen bemühen sich neuerdings um sparsames Verpacken und die Entwicklung ökofreundlicher, wiederverwertbarer Materialien, da das Verpackungsaufkommen zu einem gesellschaftlichen Problem geworden ist. © Market Kurly Übermäßige Verpackungen Kern des Early-Morning-Express ist sicherlich die schnelle Lieferung frischer Lebensmittel. Um Frische zu garantieren, werden Styroporkisten mit zusätzlichem Polstermaterial gefüllt. In der Frühphase der Expresslieferdienste wurde das Problem der übermäßigen Verpackung angesichts der Erleichterungen, die der Lieferdienst mit sich brachte, schlichtweg übersehen. Als dann jedoch Unbequemlichkeiten im Alltag wie z.B. das getrennte Sammeln des Verpackungsmaterials fürs Recycling entstanden, rückte die Thematik verstärkt in den Fokus. In den Haushalten, die diesen Lieferservice oft in Anspruch nehmen, stapelten sich nämlich nicht biologisch abbaubare Styroporkartons, Füllmaterial etc. und das Entsorgen schien kein Ende zu nehmen. Heutzutage werden daher möglichst wiederverwertbare Materialien verwendet und man ist um minimalistischeres Verpacken bemüht. So werden z.B. Papierbeutel mit gefrorenem Wasser statt Kühlkissen benutzt und Klebeband aus Papier statt aus Kunststoff. Einige Firmen entlasten ihre Kunden, indem sie die Verpackungen wieder abholen. Solche Veränderungen, die mit dem hauptsächlich für Lebensmitteleinkäufe genutzten Early-Morning-Service aufkamen, breiten sich heutzutage auf andere Branchen aus. Beispielsweise stellte eines der führenden koreanischen Kosmetikunternehmen Verpackungskartons her, die sich an der Produktgröße orientieren, um beim Versand weitgehend auf Polstermaterial verzichten zu können. Diese Firma ersetzte auch Luftpolsterfolien aus Kunststoff durch Polster aus recycelbarem Papier. Das bedeutet zwar höhere Kosten für die Unternehmen, aber weniger Abfall. Kontaktlose Lieferdienste Weltweit hat die Covid-19-Pandemie die Menschen in vielen Ländern zu Hamsterkäufen verleitet, aber Korea war eine Ausnahme. Das ist nicht nur eine Frage des Bürgerbewusstseins, sondern hängt auch eng mit dem Vorhandensein stabiler Logistik- und Lieferketten zusammen. Da alles, was man möchte, in kürzester Zeit bis an die Türschwelle gebracht wird, muss man sich nicht im Großmarkt mit Vorräten für mehrere Wochen eindecken. Aber nicht nur die Bequemlichkeit der Lieferdienste erwies sich jüngst als unschätzbarer Pluspunkt, sondern auch die Kontaktlosigkeit. In Zeiten der Covid-19-Pandemie, in der soziale Distanz wichtig geworden ist, ist das nicht weiter verwunderlich, denn die Lieferdienste machen Supermarktbesuche und direkten Kontakt mit dem Lieferpersonal unnötig. Kontaktfreie Lieferungen sind auch deshalb möglich, weil Waren in der Regel nicht verloren gehen. Ist der Kunde nicht zu Hause, können die Lieferanten die bestellte Ware beim Hausmeister der Wohnhochhausanlage abgeben oder einfach vor die Haustür stellen. In Korea verschwinden nur selten Dinge, selbst dann nicht, wenn man z.B. in einem Café Laptops oder persönliche Gegenstände einfach auf dem Tisch liegen lässt und zur Toilette geht. Geschäfte stellen ihre Produkte unbesorgt vor dem Ladeneingang aus. Ohne diese grundlegende Atmosphäre des Vertrauens in der Gesellschaft wäre es schwierig gewesen, die Early-Morning-Lieferungen als neuen Lebensstil zu etablieren. Denn wer würde diesen Service überhaupt nutzen, wenn er vor lauter Sorge, dass die morgens früh an die Wohnungstür gelieferte Ware gestohlen werden könnte, nachts kaum ein Auge zumachen könnte?

Im Nachleuchten des Karma Anton Scholz

In Love with Korea 2020 SPRING 39

Im Nachleuchten des Karma Anton Scholz Heute, drei Jahrzehnte nachdem er mit Taekwondo begann, ist Anton Scholz ein gefragter Koreaexperte, der sich als Journalist, Geschäftsmann und TV-Berühmtheit aus Gwangju einen Namen gemacht hat. Mit 16 klopfte Anton Scholz an die Tür eines Taekwondo-Studios. Man mag es Schicksal nennen oder eine durch sein Asieninteresse motivierte Handlung. Er sagte, es war sein Karma. Heute, 32 Jahre später, ist Scholz einer der bekanntesten Korea-Experten Deutschlands. „Schon in meiner Jugend habe ich mich sehr für die Östliche Welt interessiert, für ihre Philosophie, Religion und Kultur“, sagte er in Erinnerung an seine Teenagerjahre in Hamburg. „Mein Taekwondo-Meister, Sim Bu-yeong, hat seinen Schülern nicht nur Kampftechniken beigebracht, sondern auch, wie man nach dem Do strebt, also dem Weg der geistigen Kultivierung.“ Das Taekwondo-Training weckte sein Interesse am Buddhismus. 1994, sechs Jahre nach dem folgenreichen Klopfen an der Tür des Taekwondo-Studios, erhielt Scholz von einem buddhistischen Mönch aus Korea, der Deutschland besuchte, einen Rat. Er folgte diesem Rat und reiste zum ersten Mal nach Korea. „Eigentlich wollte ich nach einem Jahr oder so wieder zurück, aber jetzt habe ich schon fast die Hälfte meines Leben hier verbracht“, erzählte er. Während der ersten Jahre seines Aufenthaltes lernte er Koreanisch an der Seoul Nationaluniversität und beschäftigte sich eingehend mit Ostasienstudien, insbesondere mit Themen wie Meditation, den Acht Trigrammen der Weissagung („Bagua“ auf Chinesisch, „Palgwae“ auf Koreanisch) aus dem altchinesischen I Ching (Buch der Wandlungen) und der taoistischen Gedankenwelt von Lao-Tse. Danach kehrte er nach Deutschland zurück, um an der Universität Hamburg zu studieren, einer der wenigen deutschen Hochschulen, die zu der Zeit Koreanistik als Studienfach anboten. Im ersten Jahr war er der einzige, der im Hauptfach Koreanistik studierte. Im Studiengang „Ostasien“ waren Japanologie und Sinologie beliebter. Nach seiner Rückkehr nach Korea arbeitete Anton Scholz abwechselnd bzw. gleichzeitig als Berater, Journalist und Universitätslektor. Ein Großteil seiner Arbeit besteht darin, Ausländern bei Geschäftsunternehmungen in Korea zu unterstützen und Koreaner in Bezug auf Deutschland zu beraten. Anton Scholz vor seinem Haus, das er vor drei Jahren in Jangdeok-dong, Gwangju, baute. Scholz, der von 2003 bis 2011 an der Chosun University unterrichtete, ließ sich zu der Zeit mit seiner Familie in Gwangju nieder. Kulturelle Brücke Scholz gründete eine One-Stop-Service-Agentur, die ausländischen Unternehmen bei Niederlassung und Aufnahme von Geschäftsaktivitäten in Korea behilflich ist. Seine Agentur hat auch internationalen Teilnehmern der Yeosu Expo 2012, der Leichtathletik-WM 2011 in Daegu und der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft Korea/Japan 2002 zur Seite gestanden. Scholz eröffnete zudem ein Medienunternehmen, das sich um Dolmetsch- und Übersetzungsdienstleistungen sowie Unterbringung und Transport für ausländische Journalisten kümmerte. Von 2003 bis 2011 unterrichtete Scholz an der Chosun University Deutsch und Interkulturelle Kommunikation. Während dieser Zeit ließ er sich mit seiner Familie in der im Südwesten Koreas gelegenen Stadt Gwangju, wo die Universität ihren Sitz hat, nieder. Scholz, der auch als offizieller Producer für die öffentliche Rundfunkanstalt ARD arbeitete, ist derzeit als freier Journalist tätig. Er tritt regelmäßig als Podiumsdiskutant in Fernsehdebatten und Talkshows auf und verfasst Meinungskolumnen für Zeitungen. Auf seiner Visitenkarte steht „Ehrenamtlicher Repräsentant der Freien Hansestadt Hamburg“. „Mein Glück liegt in der Arbeit. Ich bedauere oft, dass ein Tag nur 24 Stunden hat“, meinte Scholz. Die Verbindung dieses Mannes, der sich selbst als „Workaholic“ bezeichnet, mit Korea, einem Land, das für seine langen Arbeitszeiten bekannt ist, war wohl vom Schicksal bestimmt. Wenn die innerkoreanischen Beziehungen weltweites Interesse auf sich ziehen und internationale TV-Nachrichtenteams ihn um Hilfe bitten, hat er alle Hände voll zu tun. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Fernsehteams bietet Scholz eine weitere Chance, als inoffizieller Botschafter zu agieren, so z.B. 2002, als Korea und Japan die Fußball-WM gemeinsam ausrichteten. Damals bemerkten Teammitglieder gewisser Rundfunk- und Fernsehsender, dass sie Japan bevorzugen würden, und klagten darüber, dass die Koreaner sich oft nicht an Vereinbarungen hielten und ihr Verhalten zu wünschen übrig ließe. „Ich machte ihnen verständlich, dass dieser Eindruck auf einem Missverständnis beruhe“, sagte Scholz. „An den Wochenenden habe ich ihnen dann historische Stätten gezeigt und die koreanische Kultur erklärt. Nach der WM meinten meine deutschen Freunde, dass ihnen Korea jetzt besser gefalle.“ Scholz, der freiberuflich als Journalist und Berater tätig ist, am Computer in seinem Arbeitszimmer. Als bekannter Koreaexperte agiert er als inoffizieller Botschafter des Landes. Offene Kritik Scholz zögerte nicht, sein Gastland zu kritisieren, insbesondere die Medien und das Bildungssystem. Er äußerte Bedenken in Bezug auf die Nachrichtenberichterstattung, bei der bestimmte Reporter bestimmten Regierungsbehörden oder Chaebeol (auch „Jaebeol“. Familienkonglomerate) fest zugeteilt werden. Seine Kritik läuft darauf hinaus, dass „die Medien den Quellen zu nahe stehen und Außenseitern gegenüber zu verschlossen sind“. Ein weiterer Problempunkt sei der Wahrheitsgehalt von Presseberichten. Scholz verwies auf die Berichterstattung über die 550 jemenitischen Flüchtlinge, die 2018 auf der Insel Jeju-do ankamen. Das Asylgesuch der Flüchtlinge löste Kontroversen in der koreanischen Gesellschaft aus und entfachte Debatten darüber, ob die Regierung ihnen legalen Flüchtlingsstatus zuerkennen solle. „Die Gegner verbreiteten Falschnachrichten, um eine ablehnende Stimmung in Bezug auf die Flüchtlinge zu verbreiten“, sagte Scholz. „Selbst einige etablierte Medien brachten diese Storys ohne vorherigen Faktencheck auf ihren Social-Media-Seiten. Später stellten sich nicht wenige dieser Geschichten als falsch heraus.“ Die Diskussion über die Integrität der Nachrichtenmedien führte natürlich zu Jürgen Hinzpeter (1937-2016). Der deutsche Fernsehjournalist hatte die brutale Niederschlagung des Gwangju-Aufstands für Demokratie durch Regierungstruppen im Mai 1980 gefilmt. Seinem Mut ist es zu verdanken, dass die Welt über die Lage in der südkoreanischen Stadt, die vom Rest des Landes durch die Verhängung des Kriegsrechts isoliert worden war, erfuhr. „Ich habe Respekt vor Hinzpeter. Er war ein großer Journalist“, sagte Scholz. „Ich glaube, auch heute gibt es noch viele Reporter, die ihr Leben für berichtenswerte Themen riskieren.“ Scholz arbeitete an einem Dokumentarfilm über Hinzpeter mit. Er hatte auch eine kleine Rolle in dem Film A Taxi Driver (2017), der die Geschichte von Kim Man-seop erzählt. Der Filmcharakter basiert auf dem mittlerweile verstorbenen Taxifahrer Kim Sa-bok, der Hinzpeter bei seiner Berichterstattung über Gwangju zur Seite stand. Anton Scholz (zweiter von links) bei der Teilnahme an der Sektion „Wirtschaftskrieg: Was ist zu gewinnen?” des im Juni 2019 im Hotel Shilla Seoul veranstalteten 10. EDAILY Strategy Forum. © EDAILY Anton Scholz bei einem Auftritt in der KBS-Talkshow Journalism Talk Show J in der Diskussionsrunde zum Thema „Ex-Präsident Roh Moo-hyun und Medienreform”. Scholz, allgemein anerkannt wegen seiner scharfsinnigen Analysen und offenen Bemerkungen, ist häufig zu Gast in TV-Sendungen über aktuelle Themen. Foto aus Journalism Talk Show J Ratschläge für die Wiedervereinigung Zum Thema der Wiedervereinigung Deutschlands übergehend betonte Scholz, dass West- und Ostdeutschland nachdrücklich auf die Wiedervereinigung hingearbeitet hätten, wobei ihnen eine gute Portion Glück und perfektes Timing zur Hilfe kamen. „Ich glaube, dass Süd- und Nordkorea es ebenfalls schaffen können, auch wenn die Situation auf der koreanischen Halbinsel, die von Großmächten mit unterschiedlichen Interessen umgeben ist, komplizierter sein dürfte.“ Eine Wiedervereinigung der beiden Koreas dürfte schwer in absehbarer Zeit zu erreichen sein. Scholz verwies dennoch darauf, dass die beiden Koreas sich wie China und Hongkong auf das Prinzip „ein Land, zwei Systeme“ oder andere Wiedervereinigungsszenarien einigen könnten. Die deutsche Lösung sollte nicht die einzige Option sein, betonte er. In diesem Zusammenhang äußerte er sein Bedauern über die Neigung der Koreaner, kritische Ratschläge einfach abzutun. „Viele Koreaner sagen: ‚Sie können unsere Situation nicht verstehen‘. In Wirklichkeit verstehen viele Ausländer die koreanische Situation durchaus gut, doch die Koreaner scheinen recht unwillig, unterschiedliche Meinungen und Lösungsvorschläge anzunehmen“, sagte Scholz. Bezüglich des koreanischen Bildungssystems findet Scholz, dass der Fokus falsch gesetzt wird: „Mir scheint, dass in Sachen Bildung statt Qualität eher Quantität betont wird, sodass den Schülern nicht genügend Raum für Kreativität bleibt.“ „Abgesehen vom Friedensnobelpreis ging bislang kein anderer Nobelpreis an Korea. Dafür gibt es einen Grund: Die Kinder müssen mehr spielen und weniger pauken. Lernen sollte also stärker auf echtes Lernen fokussiert sein und nicht auf reines Auswendiglernen für eine Prüfung.“ Nach Jahrzehnten in Korea genießt Scholz seine zweite Heimat, ist aber auch offen für neue Herausforderungen, die sich ergeben, neue Türen, an die er klopfen könnte. „Die Zukunft wird es zeigen“, meinte er.

Review

Abstraktion des Alltags

Art Review 2021 SPRING 49

Abstraktion des Alltags Die Installationskünstlerin Haegue Yang (geb. 1971), die von ihren Standorten Berlin und Seoul aus international tätig ist, interpretiert alltägliche Haushaltsgegenstände auf unterschiedlichste Weise. Ihre jüngste Ausstellung im National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA) in Seoul beleuchtet die fortwährende Erweiterung ihrer Genre-herausfordernden Kühnheit, die sie beim Nachsinnen über neue thematische Herausforderungen entwickelt. Haegue Yang verwendet in ihren Werken oft alltägliche Gegenstände wie Wäscheständer, Jalou-sien und Glühbirnen. Für ihre wegweisende, 2009 im Koreanischen Pavillon der der Biennale di Venezia vorgestellte Installation Sallim (dt.: Haushaltsführung) schuf sie eine Küche aus Stahlgerüst, Ventilatoren und Strickgarn. Seitdem sind ihre Arbeiten an verschiedenen Orten weltweit zu sehen, darunter auf der Documenta in Kassel und im Centre Georges-Pompidou in Paris. Yangs Multimedia-Installationen bestehen normalerweise aus gewöhnlichen Haushaltsobjekten, die sie – auf verschiedenste Weise abgeändert und ergänzt – oft vor digitalen Tapeten mit Grafikdesign präsentiert. Ihre jüngsten Werke, für die sie Images, die in keinerlei Bezug zueinan-der stehen, auf komplizierte Weise miteinander verwoben hat, erscheinen manchmal geradezu „intellektuell überanspruchsvoll“. Daher auch die Kritik, dass die Bilderdichte zu hoch sei, um sie auf einen Blick aufnehmen zu können. Yang erklärt dazu diese spezifische Qualität sei ein charak-teristisches Merkmal ihrer Arbeiten. Haegue Yang nahm im Januar 2019 an der Eröffnungsausstellung der Taipei Dangdai Kunstmesse im Taipei Nangang Exhibition Center teil. Durch den Einsatz unterschiedlicher Medien wie Installation, Skulptur, Video, Fotografie und Klangbilder bringt sie bestimmte historische Figuren oder Alltagsobjekte in einer abstrakten, Gestaltungssprache zum Ausdruck. Silo of Silence – Clicked Core, 2017. Aluminium-Jalousien, pulverbeschichtetes Aluminium, hängende Stahlstrukturen, Stahldrahtseile, Drehbühne, LED Röhren, Kabel. 1105 × 780 × 780 cm. Das KINDL – Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Berlin lädt jedes Jahr einen Künstler dazu ein, ein Werk in der 20m hohen Halle des Boiler House zu präsentieren. Diese Installation von Hague Yang wurde von September 2017 bis Mai 2018 ausgestellt. Ein Objekt, verschiedene Interpretationen Ihre jüngste Ausstellung MMCA Hyundai Motor Series 2020: Haegue Yang – O2 & H2O (29. 9. 2020 - 28. 2. 2021) im Nationalmuseum\ für Moderne und Zeitgenössische Kunst ist keine Ausnahme. Beim Betreten der Ausstellungshalle ist als erstes die großformatige Installation Silo of Silence-Clicked Core (2017) zu sehen, deren Titel schon rätselhaft anmutet. Das Exponat hat die Form eines elf Meter hohen Mobiles aus Jalousien und Beleuchtungskörpern. Dunkelblaue und schwarze Jalousien kreisen in ihren jeweiligen Bahnen. Die Besucher können das Exponat von weitem und von unten betrachten, was ein Raumerlebnis der ganz besonderen Art ermöglicht. Die Jalousien sind dieselben, die Yang bereits für ihr bekanntestes Werk, die Serie Sol LeWitt Upside Down (2020) verwendete, das weiter hinten in der Halle zu sehenist. Dieses aus weißen Jalousien bestehende Exponat ist stark minimalistisch geprägt, wie schon der im Werktitel enthaltene Name des amerikanischen Konzeptkünstlers Sol LeWitt andeutet. Der Besucher mag sich daher vielleicht fragen, welche Bedeutung dem Wiederaufgreifen des minimalistischen Stil der Vergangenheit zukommt. Was die Jalousien betrifft, sagte Yang einmal, dass „einige sie als westlich, andere als östlich bezeichnen.“ Je nach Perspektive mag der Betrachter sie mit einem Büroraum im westlichen Stil oder mit asiatischen Bambusrollos assoziieren. Auch in anderen Werken manifestiert sich Yangs Absicht, zu zeigen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung ein und desselben Objekts je nach Kontext sein kann. Ein Blick auf Ornamente und Abstraktion, Yangs erste Soloaustellung in Lateinamerika, 2017 veranstaltet in der Kunstgallerie Kurimanzutto in Mexico City. Zu sehen waren folgende Werke: The Intermediate – UHHHHH Creature Extended W. 2017. Kunststroh, pulverbeschichtete hängende Stahlstruktur, pulverbeschichteter Stahlrahmen, Stahlseile, Neoseul, Bupo. 580 × 750 × 60 cm. Big-eyed Tongue-tied Mountains beneath Solar and Lunar Orbs – Trustworthy #315. 2017. Verschiedene Sicherheitsumschläge, Millimeterpapier, Origamipapier und Sandpapier auf Pappe, gerahmt, selbstklebender Vinyl Film. 11 Teile. 86.2 × 86.2 cm; 57.2 × 57.2 cm; 29.2 × 29.2 cm. Sol LeWitt Upside Down – K123456, Expanded 1078 Times, Doubled and Mirrored. 2017. Aluminium- Jalousien, pulverbeschichtete Aluminium- Hängestruktur, Stahldratseile, fluoreszierende Röhren, Kabel. 878 × 563 × 1088 cm. Ineinander fließende Grenzen In Halle 5 ist an exponiertester Stelle die Serie Sonic Domesticus (2020) installiert. Die hauptsächlich aus Kunststroh und Kunststoffschnüren gefertigten Werke wirken auf den ersten Blick wegen der daran angebrachten Metallglöckchen wie bizarre Kreaturen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als Bügeleisen, Computermäuse, Haartrockner und Kochtöpfe. Mit ihren Jalousien-Werken, die die Grenzen zwischen Ost und West ins Visier nehmen, erkundet die Künstlerin die Grenzen zwischen Lebendigem und Leblosem. Aus einem Fön wird eine Krabbe, aus zwei aufeinander gestapelten Computermäusen ein Insektenkörper. Zwei zusammengefügte Bügeleisen bilden eine Schere. Die Exponate stehen auf Rädern und produzieren Geräusche, wenn sie bewegt werden. An der Wand auf der rechten Seite der Serie sind in nonagonaler Anordnung vier Arten von Türknäufen angebracht. Der angestrebte Effekt ist hier ähnlich: Ein an der Wand befestigter Türknauf verliert in einem fremden Kontext seine ursprüngliche Funktion des Öffnens einer Tür. Durch diese sich je nach Kontext verändernde Bedeutung von Objekten scheint die Künstlerin das Interesse der Besucher wecken zu wollen. Diese Strategie wurde jedoch schon vor hundert Jahren von dadaistischen Künstlern angewandt. Lange bevor Yang aus zwei Bügeleisen die Form einer Schere kreierte, schuf bereits 1921 der bildende Künstler Man Ray (1890-1976) Cadeau, ein Werk, bei dem er Reißnägel an die Sohle eines Glätteisens gepinnt hatte, um dessen Funktion und Bedeutung nichtig zu machen. Geht man noch weiter zurück, erinnert Yangs Werk auch an Marcel Duchamps Fountain (1917), ein in ein Kunstmuseum gebrachtes Urinal. Zweifelsohne sticht heutzutage in internationalen Kunstkreisen die Tendenz hervor, unabhängig vom kunstgeschichtlichen Zeitalter freie Ideenanleihen zu machen. Beispielsweise übernimmt und abstrahiert die britische Malerin Cecily Brown (geb. 1969) Gemälde aus der Zeit vor dem 19. Jh., und David Hockney (geb. 1937) spielt offen auf die Werke seines Idols Picasso an. In Bezug auf Yang, die Konzeptkunst adaptiert, fragt man sich dann: Wie sieht wohl die ihr ureigene künstlerische Stimme aus? Hatte Yang in der Vergangenheit die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen belebten und unbelebten Objekten erforscht, so scheint sie jetzt die Trennung von Realem und Virtuellem, zwischen Echtem und Unechtem zu hinterfragen. Auf der MMCA Hyundai Motor Series 2020: Haegue Yang – O2 & H2O, zu sehen vom 29. September 2020 bis 28. Februar 2021, stellte Yang neue Kunstformen vor, darunter eine Replikation ihrer Stimme mittels Künstlicher Intelligenz und eine digitale Collage auf Bannern. (Links) Genuine Cloning. 2020. KI (Typumwandlung), Haegue Yangs Stimme, Lautsprecher. Variable Abmessungen. Technologie von Neosapience. (Rechts) Five Doing Un-Doing. 2020. Wasserbasierter Tintenstrahldruck auf Polyester-Bannern, Werbeballons, Ösen, Stahldrahtseile, Hanji-Maulbeerbaumpapier. Variable Abmessungen. Graphiken von Yena Yoo. In dieser Werkserie hat Yang hybride Gefäße geschaffen, indem sie Alltagsgegenstände wie Bügeleisen, Haartrockner, Computermäuse und Töpfe zusammengesetzt oder miteinander verbunden hat. Sonic Domesticus. 2020. Pulverbeschichteter Stahlrahmen, pulverbeschichtete Netze, pulverbeschichtete Griffe, Formgießer, Schwarzkupfer und kupferbeschichtete Glocken, Rotstahl und Stahlglocken, Metallringe, Plastikschnüre. Von links: “Sonic Domesticus – Scissor Pressing.” 208 × 151 × 86 cm. “Sonic Domesticus – Blow-Dry Crawl.” 155 × 227 × 115 cm. “Sonic Domesticus – Clam Tongs.” 291 × 111 × 97 cm. “Sonic Domesticus – Pot Atop.” 224 × 176 × 122 cm. Realität und Abstraktion Diese Stimme manifestiert sich vielleicht am deutlichsten in Five Doing Un-Doing, einer Collage mit digitalen Bildern auf Bannern, und Genuine Cloning, einer Sammlung von Lautsprechern, aus denen eine KI-generierte Stimme dringt. In Bezug auf Five Doing Un-Doing erklärt die Künstlerin, dass für dieses Werk „die intensiven, an politische Propaganda erinnernden lauten Grafiken und die übertriebene Typografie“ charakteristisch seien. Auf den fünf Bannern stehen die Namen der fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser), symbolisiert durch die Farben der fünf Himmelsrichtungen (blau, rot, gelb, weiß und schwarz). Der untere Rand der Banner ist geschmückt mit quasten-artigen, aus dem traditionellen Maulbeerbaumpapier Hanji nachgebildeten schamanistischen Utensilien. Diese Installation scheint im engen Zusammenhang mit dem Ausstellungstitel O2 & H2O zu stehen. Yang erklärt, sie habe den Fokus auf die Symbolisierung der überall im Alltag vor-handenen Elemente Luft und Wasser als „O2“ und „H2O“ gelegt. Man könnte es so verstehen, dass sie die Realität, abstrahiert auf fünf Elemente, auf ihre ganz eigene Weise zum Ausdruck gebracht hat. Genuine Cloning ist eine Installation aus zwischen fünf Bannern aufgehängten Lautsprechern. Daraus fließt die mittels KI-Technologie geklonte Stimme der Künstlerin. Hatte Yang in der Vergangenheit die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen belebten und unbelebten Objekten erforscht, so scheint sie jetzt die Trennung von Realem und Virtuellem, zwischen Echtem und Unechtem zu hinterfragen. Zwischen Berlin und Seoul Haegue Yang, 1971 in Seoul geboren, zog 1994 nach Frankfurt, wo sie die Städelschule, eine Hochschule für Bildende Künste, abschloss. Seit 2005 lebt und arbeitet sie zwar in Berlin, eröffnete aber 2014 auch ein Kunstatelier in Seoul und pendelt seitdem zwischen den beiden Städten. 2018 erhielt sie als erste asiatische Künstlerin den Wolfgang-Hahn-Preis, was für einige Furore sorgte. Im letzten Jahr waren ihre Werke trotz der Covid19-Pandemie in vielen Ecken und Enden der Welt zu sehen: so z. B. in der anlässlich der Wiedereröffnung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York veranstalteten Ausstellung Handles (21. 10. 2019 - 28. 2. 2021) und in der Ausstellung Strange Attractors (24. 10. 2020 - 3. 5. 2021) in der Tate St Ives im britischen Cornwall. Die MMCA Hyundai Motor Series, die 2014 mit den Skulpturen und Installationen der Künstlerin Lee Bul ihren Anfang nahm, ist ein jährlich veranstaltetes Event des MMCA zur Unterstützung führender Künstler. Die diesmalige Ausstellung ist Yangs erste Soloausstellung im MMCA.

Park Re-hyun: Leben und Kunst

Art Review 2020 WINTER 38

Park Re-hyun: Leben und Kunst „Ein Leben wie eine pausenlose Achterbahnfahrt und ein Dokument des Siegs des Menschen durch Kunst und Liebe.“ So beschrieb die Künstlerin Park Re-hyun (1920-1976) ihr eigenes Leben. Das Nationalmuseum für Moderne und Zeitgenössische Kunst gedenkt ihres 100. Geburtstags mit einer beeindruckenden Retrospektive. Die Ausstellung Park Re-hyun Retrospective: Triple Interpreter in der Deoksugung-Zweigstelle des Nationalmuseums für Moderne und Zeitgenössische Kunst (24. 9. 2020–3. 1. 2021) beleuchtet die Kunstwelt der Malerin anhand der Werke aus drei Jahrzehnten. Die vierteilige Retrospektive zeigt figurative Werke der 1940-50er Jahre hauptsächlich mit Frauen als Motiv, Stücke aus gemeinsamen Ausstellungen mit ihrem Mann Kim Ki-chang (1913–2001), schriftliche Zeugnisse, die Einblick in ihre private Gedankenwelt geben, abstrakte Gemälde der 1960er und Druckgrafiken der 1970er Jahre.„Triple Interpreter“ im Ausstellungstitel referiert auf Parks Rolle als „Dolmetscherin“ für Koreanisch, Englisch und Lippenlesen für ihren hörbehinderten Mann. Die Ausstellung bietet die seltene Gelegenheit, sich näher mit Parks intensiv gelebtem Leben sowie Kunstschaffen, das oft vom Leiden ihres Mannes, eines ebenfalls gefeierten Künstlers, überschattet wurde, zu befassen. Park Re-hyun erforschte bei ihrem Unterfangen, Gemälde von typisch koreanischem und gleichzeitig modernem Design zu schaffen, zahlreiche Materialien und Techniken. Ihre bahnbrechenden Druckarbeiten sind Resultat eines leidenschaftlichen Strebens nach einer eigenen, profunden Kunstwelt. Work. 1966-1967. Tusche und Farbe auf Papier. 169 × 135 cm. Museum SAN. Park schuf dieses Werk um die Zeit, als sie sich der abstrakten Malerei zu widmen begann. Mutige Veränderungen Mit Kunst begann die 1920 geborene Park Re-Hyun während der japanischen Kolonialherrschaft (1910-1945). Am Gyeongseong College of Education (heute: College of Education, Seoul National University) studierte sie Malerei bei Keishiro Eguchi. 1940 schrieb sie sich an der Frauenakademie für Kunst in Tokio ein, womit sie sich ernsthaft auf eine Laufbahn als Künstlerin vorzubereiten begann. Ihr Debütwerk ist Make-up, für das sie 1943 bei der 22. Chosen Art Exhibition (Joseon Kunstausstellung) mit dem Preis des Generalgouverneurs ausgezeichnet wurde. Die in starken Farbkontrasten gehaltene Darstellung eines Mädchens im schwarzen Kimono vor einem roten Schminktischchen folgt zwar dem üblichen japanischen Stil, lässt aber bereits die Anfänge ihrer sinnlichen und kühnen Kompositionen, die all ihren Werken eigen sind, erkennen. 1950, als der Koreakrieg ausbrach, zog Park mit ihrem Mann nach Gunsan, eine am Westmeer gelegene Hafenstadt im Südwesten Koreas, wo ihre Eltern lebten. In den vier Jahren bis zu ihrem Umzug nach Seoul konnte sich das Paar trotz des Kriegsgeschehens der Kunst widmen und neue gestalterische Ansätze erforschen. Produkte ihres Schaffens in dieser Zeit sind Early Morning (1956) und Open Stalls (1956), für die Park bei zwei nationalen Ausstellungen jeweils mit dem Präsidentenpreis geehrt wurde. Bis Mitte der 1950er Jahre waren Frauen das Hauptmotiv ihrer Werke. Im Zuge von Parks Erfahrungen mit Krieg und Flüchtlingsleben nahmen die weiblichen Gestalten in ihren Bildern immer ärmere und einfacherer Züge an. Verglichen mit ihrem Debütwerk Make-up weisen die 13 Jahre später entstandenen Bilder Early Morning und Open Stalls große Veränderungen auf, was angesichts der Umbrüche in ihrem Leben nur verständlich ist: Geografischer Raum, ihre private Situation nach der Heirat und die politische Lage in der Heimat – alles hatte sich verändert. Die beachtenswerteste Veränderung betraf jedoch ihre Haltung zur Kunst und ihren Malstil. „Ich kam dazu, die Verschmelzung von Form und Farbe und die durch Änderung der Farben zu erreichende formbezogene Einheit auf der Leinwand in Betracht zu ziehen und manchmal über durch bestimmte Linien andeutbare Plastizität nachzudenken.“ Diese Passage stammt aus ihrem Essay Abstrakte östliche Malerei, das sie 1965 für eine Monatszeitschrift verfasste. Die darin enthaltenen Überlegungen übersetzte sie in einen prägnanten, plastischen Ausdruck von Objekten durch eine angemessene Konvergenz von Linien und Farben. Dieser neue Stil hatte sich bereits in ihrem Werk Schwestern (1955) abzuzeichnen begonnen: Vordergründig betrachtet scheint es sich um eine einfache Darstellung von zwei Mädchen zu handeln, aber bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Farben von Haut und Jeogori (Bolero-artiges Hanbok-Oberteil) der älteren Schwester nicht zu unterscheiden sind und auch nicht klar ist, wo der Rock der Jüngeren beginnt und endet. In der traditionellen koreanischen Malerei wird Tusche hauptsächlich für die Umrisse des Objekts gebraucht, aber Park verwendete die dunklen Pinselstriche völlig unkonventionell sowohl für Umrisse, als auch zum Kolorieren. Der von ihr selbst benutzte Terminus „Plastizität“ referiert auf den Kubismus, der seit Mitte der 1950er Jahre von der koreanischen Kunstszene aufgenommen wurde. Park betrachtete z. B. Picasso als Künstler, der „die sich stets verändernde Frische der Jugend zum Ausdruck bringt“. Als Hommage an den im April 1973 verstorbenen Maler fertigte sie eine Druckgrafik-Collage mit Bildern seiner Werke und Nachrufen an. Makeup. 1943. Tusche und Farbe auf Papier. 131 × 154,7 cm. Privatsammlung. Dieses Werk brachte Park während ihres Studiums in Tokio an der privaten Frauenakademie für kunst in Tokio eine Auszeichnung bei der Chosen [Joseon] Kunstausstellung ein. Open Stalls. 1956. Tusche und Farbe auf Papier. 267 × 210 cm. Nationalmuseum für Moderne und Zeitgenössische Kunst. Für diese Arbeit, die einen neuen, kubistisch beeinflussten Stil vorstellt, wurde Park 1956 bei der Nationalen Kunstausstellung mit dem Präsidentenpreis ausgezeichnet. Abstraktion und Druckgrafik Bis in die späten 1950er Jahre wurden die Objekte in Parks Malereien immer einfacher. Im Januar 1960 besuchte sie als Mitglied von Baegyanghoe (Baegyang: Weiße Sonne), einer Künstlergruppe, die für die gemeinsame Erkundung neuer Richtungen der koreanischen Malerei gegründet worden war, Taiwan, wo die für sie erste Auslandsausstellung Korean Contemporary Artists stattfand. Diese Gruppenausstellung wurde im folgenden Jahr auch in Tokio und Osaka präsentiert. Ihre Besuche im Ausland in dieser Zeit führten sie zu der Erkenntnis, dass viele ihrer Zeitgenossen traditionellen Stilrichtungen skeptisch gegenüberstanden und sich nach neuen Ausdrucksformen sehnten. In den 1960er Jahren war der beherrschende Stil der koreanischen Malerei die sog. art informel, die „Informelle Kunst“. Es war eine Richtung der europäischen Kunst, die aus der Rebellion gegen den akademischen Stil der geometrischen Abstraktion entstand. Der Informalismus betonte die lyrische Seite der Abstraktion und nutzte gezielt die spezifische Textur dicker Ölfarbe als Ausdrucksmittel. Park schloss sich diesem Trend an, begann aber gleichzeitig, unter Ausnutzung der speziellen Eigenschaften der in der traditionellen koreanischen Malerei eingesetzten Materialien Werke ganz eigener Note zu schaffen. Dieser Wandel war deutlich erkennbar in den Exponaten der sechsten genneinsamen Ausstellung mit ihrem Mann, die im Dezember 1962 stattfand. In vielen der präsentierten Werke hatten die Objekte ihre konkreten Formen verloren und waren rotbraunen Farbklumpen gewichen. Verglichen mit den Arbeiten anderer Künstler ihrer Zeit, deren informalistische Experimente sich meist in rhythmischen, über die Leinwand gezogenen Linien ausdrückten, stachen ihre originären Werke zweifelsohne hervor.Park zerknitterte das ihr als Leinwand dienende Papier und fuhr mit Tusche darüber, um Abdrücke auf den Falten zu hinterlassen. Sie goss Farben auf das Papier, ließ sie zerfließen und kleksen, um später Effekte mit vermischter Tusche und Farbe zu erzeugen. Solche Experimente führte sie von 1961 bis etwa 1963 durch. 1966 begann sie dann damit, feine, sich unzählig wiederholende Tuschelinien hinzuzufügen, wodurch ein höherer Grad der Vollendung erreicht wurde, der z. B. in einer Reihe ihrer Arbeiten der sog. Straw Mat Series zum Ausdruck kommt. Besonders in Work (1966-1967) ist klar zu erkennen, dass Park zwar den Informalismus annahm, aber nicht die von anderen Künstlern angewandten prächtigen, dynamischen Linien. Stattdessen malte sie feine Linien auf dünn-feines, aber belastbares traditionelles koreanisches Papier, in das sie die Tinte sickern ließ. Damit war aber ihre Reise noch nicht zu Ende. 1969 ging sie nach New York, um am Pratt Graphics Center weiter zu studieren und am Bob Blackburn Printmaking Workshop Program teilzunehmen. Ihre älteste Tochter besuchte zur selben Zeit das Pratt Institute. Zunächst verwendete sie hauptsächlich Ätztechniken, um ihre früheren Werke im asiatischen Malstil in Druckgrafiken umzuwandeln. Nach Symbol of Joy (1970-1973) erforschte sie eigens die besonderen Eigenschaften der Druckgrafik und schuf später den plastischen Textureffekt, der sich deutlich von asiatischen Malereien unterschied. Im Gegensatz zur Malerei kann der Künstler bei der Druckgrafik die Eigenschaften des Materials taktil erkunden, weshalb Parks charakteristisch subtiler Touch sofort im Endergebnis zu erkennen gewesen sein dürfte. Der ganze Arbeitsprozess wird ihr viel Freude bereitet haben. Besonders in Work (1966-1967) ist klar zu erkennen, dass Park zwar den Informalismus annahm, aber nicht die von anderen Künstlern angewandten prächtigen, dynamischen Linien. Recollection. 1970-1973. Kupferplattendruck. Ätzlavierung. 60,8 × 44 cm. Privatsammlung. Dieser Kupferplattendruck kombiniert die unterschiedlichsten Motive, darunter die Maske eines weiblichen Charakters aus einem traditionellen Maskentanz, eine Gebärmutter, Korn und antike Goldohrringe. Park thematisierte geschickt ihre unterschiedlichen Interessensgebiete wie Geschichte, Leben und Erde. Kim Ki-chang und Park Re-hyun sorgten mit ihrer Heirat im Jahr 1947 für Aufsehen. Ab dem Jahr darauf gaben die beiden Künstler insgesamt zwölf gemeinsame Ausstellungen. Kim erweiterte den Horizont der koreanischen Malerei mit seinem idiosynkratischen Stil, der Traditionelles und Modernes, Abstraktes und Figuratives umfasste. Zeit der Ruhe Park Re-hyun hat über drei Jahrzehnte lang ihre eigene Kunstwelt durch das ständige Ausprobieren von etwas Neuem aufgebaut. Es ist aber auch ein Faktum, dass sie in der Öffentlichkeit besser als „Kim Ki-changs Frau“ bekannt war. 1943, als sie ihn kennen lernte, hatte sich Kim – bei der Joseon Kunstaustellung mehrere Mal mit dem Großen Preis ausgezeichnet – bereits einen Namen als Künstler gemacht. Ihre Hochzeit drei Jahre später sorgte in der koreanischen Kunstszene für einiges Aufsehen, da Kim, wie er es einmal selbst formulierte „schwerhörig, arm und nur wenig gebildet“ war, während sie, die älteste Tochter eines Landbesitzers, die beste Bildung der Zeit genossen hatte. Vielleicht traf Park diese Entscheidung, weil sie tief im Inneren spürte, dass sie ihr Leben als Künstlerin mit Kim an ihrer Seite würde fortsetzen können. Es war auch ihr Ehemann, der ihren Künstlernamen wählte. Sein Künstlername „Unbo“ enthielt das chinesische Schriftzeichen für „Wolken“, weshalb er seiner Frau einen dazu passenden Namen geben wollte. Er entschied sich für „Uhyang“ , was „Regen im Heimatort“ bedeutet, also Regen, der den Samen zum Keimen bringt und zu einer reichen Ernte verhilft.Während Park Re-hyun vier Kinder aufzog, brachte sie ihrem Mann fünf Jahre lang das Lippenlesen bei, bis er sich alleine verständigen konnte. Dieser Wille und diese Hingabe machten sie eher als lebendiges Symbol der „weisen Ehefrau und guten Mutter“ denn als hervorragende Künstlerin bekannt. Als eine Frauengruppe ihr in Anerkennung ihrer Hingabe als Mutter und Ehefrau 1974 den Sin-Saimdang-Preis verlieh, erklärte Park, ihr Leben sei wie eine Achterbahnfahrt gewesen und ein Dokument des Sieges des menschlichen Geistes durch Kunst und Liebe, die ihren Mann schließlich zum „Reden“ gebracht habe. Die Kunst war für sie vielleicht eine kostbare Nische, wo sie eine Weile Ruhe finden konnte, ein Ort der Zuflucht, wo sie in ihrer eigenen Welt versinken konnte.

kunstkritik Musik, die in die Welt reicht

Art Review 2020 AUTUMN 31

kunstkritik Musik, die in die Welt reicht Indem junge Künstler der traditionellen koreanischen Musik zeitgenössische Elemente hinzufügen, rufen sie eine neue Richtung der Koreawelle Hallyu ins Leben, die sich deutlich von K-Pop unterscheidet. Das wachsende Ansehen, das sie genießen, ist dem Format der Meister, die vor ihnen auf der Weltbühne auftraten, und den Bemühungen der Veranstalter hinter den Kulissen zu verdanken. Vor einer Weile begleitete ich eine Gruppe von Musikern zu einem Auftritt im Ausland. Wir beschlossen, nach der Aufführung einen Ausflug zu machen. Ein Frühlingstag in der Wüste. Wenigstens für diesen einen Tag wollten wir ganz frei sein und auch Kunst und Bühne vergessen. Vor uns hin summend, machten wir uns auf den Weg zu einem „kühlen Bach“. Als wir die Füße ins Wasser tauchten, waren wir überrascht, wie warm es war. Das machte uns noch einmal bewusst, dass wir uns in einer arabischen Region befanden. Gerade in dem Moment drangen rhythmische Klänge vom anderen Bachufer zu uns herüber. Wir blickten auf und sahen einige Jungs, die etwas Trommelähnliches trugen, auf dem sie einen Beat spielten. Gleich vergaßen wir unsere Absicht, die Musik einen Tag lang Musik sein zu lassen. Einer nach dem anderen näherten wir uns den Jungs und ehe wir es uns versahen, sangen und tanzten wir schon zu ihrem Trommelrhythmus. Wir kannten zwar nur zwei arabische Ausdrücke – „as-salam aleikum“ (Friede sei mit dir) und „shukran“ (danke) – aber das reichte, um zu kommunizieren und zusammen zu lachen. Als Teil des achten, 2005 veranstalteten Seoul International Dance Festivals wurde im CJ Towol Theater des Seoul Arts Center The Perfect and Precious Dances by Virtuosos gezeigt. Sechs Tanzveteranen zeigten die Schönheit und Kraft, die dem traditionellen koreanischen Tanz innewohnt. Hier sind vier von ihnen: von links, Kim Su-ak (1926-2009), Kim Deok-myeong (1924-2015), Kang Seon-yeong (1925-2016) und Lee Mae-bang (1927-2015). © NewsBank Kim Hae-sook bei der Aufführung von Gayageum Sanjo zusammen mit dem Streichquartett der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar beim Rudolstadt Festival im Juli 2014. Sie war die erste prominente Persönlichkeit aus Korea auf dem deutschen Weltmusikfestival. © Jeonju International Sori Festival Virtuosen auf der Weltbühne The Perfect and Precious Dances by Virtuosos (koreanisch: „Jeonmuhumu“. Die Koreanische Bezeichung bedeutet: 1. vollkommenster Tanz, wahrer Meister, 2. nie da gewesen und nie wiederkehrend) war eine im Jahr 2015 präsentierte Darbietung von sechs Tänzern mit einem Durchschnittsalter von 80 Jahren. Die für ihre Bravour bekannten GroßmeisterInnen tanzten zur Musik einer Gruppe renommierter InstrumentalistInnen, die in einer langen Reihe auf einer Matte auf der Bühne saßen. Inszeniert wurde die Vorstellung von Jin Ok-sub (geb. 1965), Regisseur im Bereich der Traditionellen Darstellenden Künste und Vorsitzender der Korea Cultural Heritage Foundation. Die Aufführung war Teil des 8. Seoul International Dance Festival, auch bekannt als SIDance. Im Publikum war auch Gisèle Depuccio, Stellvertretende Direktorin des Festivals Montpellier Danse. Sie beschloss an Ort und Stelle, die Virtuosen für das Jahr darauf nach Frankreich einzuladen, und zwar für eine Aufführung unter dem Titel Trésors vivants (Lebende Schätze). Da sich 2006 das 120-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und Korea jährte, stimmte das Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus bereitwillig zu, die Flug- und Frachtkosten der Darsteller zu übernehmen, während die Hauptgeschäftsstelle des Festivals die hohen Buchungsgebühren und sonstige Ausgaben tragen wollte. Es sollte zwei Aufführungen geben: eine in der Opéra Comédie in Montpellier, die andere im Théâtre national de la Danse et de l'Image de Châteauvallon in Toulon. Doch die Zeit verfloss zu schnell für die Tänzer. Im Laufe des darauffolgenden Jahres traten einige von der Bühne des Lebens ab, die Röcke ihrer langen Roben elegant hinter ihnen herschwebend. Das Team schaffte es dann doch noch ins Flugzeug, da man einige Mitglieder ersetzen konnte, wodurch das Durchschnittsalter leicht sank. Nach ihrem Auftritt in der Opéra Comédie am Place de la Comédie in Montpellier war der Theatervorplatz voll mit Zuschauern, die nicht nach Hause wollten. Die Darsteller waren erschöpft, fühlten sich aber verpflichtet, mit der Menge zu feiern. Die koreanische Perkussion-Gruppe Noreum Machi (Spielmeister; wörtlich: Spielvollender), die als unterstützende Instrumentalisten teilnahm, spielte einige Madang-Nori-Stücke (Madang: Hof; Nori: Spiel. Volkstümliche Tänze, Musik, Theater usw. werden sprachlich und begrifflich als „Spiel (Nori/Noreum)“ verstanden.). Es war eine Galavorstellung und sowohl die lokale Presse als auch Le Monde interviewten Lee Yun-seok (geb. 1949), Tänzer und zugleich Bauer, der zu Hause gelegentlich das Gießen seiner Weinreben unterbrach, um draußen in den leeren Reisfeldern zu tanzen, bevor er dann wieder zu seinem Gewächshaus zurückkehrte. Korrespondenten der Agence France-Presse (AFP) schickten fleißig Fotos von Kim Deok-myeongs (1924-2015) maskulinem Kranichtanz an die Redaktionen. Zu Tränen gerührt, meinte einer der Theatermitarbeiter: „Jang Geum-dos (geb. 1929) Salpuri (traditioneller exorzistischer Tanz) hätte die Seele meiner toten Mutter getröstet.“ Gayageum Sanjo: École Choi Ok-Sam, 2012 produziert von Ocora Radio France. Harmonia Mundi veröffentlichte das Album in über 60 Ländern und stellte so die Sanjo- Instrumentalmusik der Welt vor. Chant Arirang et Minyo, 2014 von Ocora Radio France veröffentlicht, enthält Aufnahmen von Lee Chun-hee, einem Meistersänger von Gyeonggi Minyo, in der Region Gyeonggi-do tradierten Volksliedern. Lee Chun-hee singt bei einem gemeinsamen Konzert von Meistermusikern, das im April 2011 im Palast Deoksu-gung von der Korea Cultural Heritage Foundation veranstaltet wurde. © Yonhap News Agency Die Fusion-Gugak Band Jambinai spielt im April 2017 im Palác Akropolis in Prag. In der vordersten Reihe: von links, Kim Bo-mi auf der Fidel Haegeum, Lee Il-woo auf der Gitarre und Shim Eun-yong auf der sechssaitigen Zither Geomungo. Im Hintergrund ist Yoo Byeong-gu auf der Bassgitarre zu sehen. © Song Jun-ho Eine Szene aus Nordkoreanischer Tanz, 2018 von der Ahn Eun-me Company im Arko Arts Theater in Seoul uraufgeführt. Das Stück wurde 2019 vom Pariser Théâtre de la Ville als saisonales Event gewählt und auch als Schlussshow des Festival Pays de Danses, das im Februar 2020 vom belgischen Théâtre de Liège veranstaltet wurde. © Gadja Productions Internationale Glaubwürdigkeit Auf der E-Commerce-Website Amazon finden sich Meisteralben, die bei Fans traditioneller koreanischer Volksmusik begehrt sind. Das renommierte Plattenlabel Ocora Radio France produzierte 2012 Coreé: Gayageum Sanjo - École Choi Ok-sam, in dem das Solostück für Gayageum (zwölfsaitige Zither) von Kim Hae-sook (geb. 1955) gespielt wird. Das Maison des Cultures du Monde (Französisches Zentrum für das Immaterielle Kulturerbe) veröffentlichte Alben von zwei weiteren Instrumentalisten: 2012 von Kim Young-gil (geb. 1961) auf der Aejang (siebensaitige Zither) und 2013 von Lee Jae-hwa (geb. 1954) auf der Geomungo (sechssaitige Zither). Die Platten erhielten positive Kritiken von englischen und deutschen Musikrezensenten, weshalb man ruhig behaupten kann, dass die Musik dieser Meister die Ohren eines Weltklasse-Publikums betört hat. Im selben Jahr, 2012, als das koreanische Volkslied Arirang von der UNESCO in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde, trat aus diesem Anlass Lee Chun-hee, Meistersängerin des Gyeonggi Minyo (Genre der traditionellen Volkslieder aus der Provinz Gyeonggi-do) im UNESCO-Hauptquartier in Paris auf. 2014 wurde sie dann zum Festival de l’Imaginaire – einer Traumbühne für die meisten koreanischen Künstler – eingeladen, um bei der Eröffnung aufzutreten. Wenn sich lange Jahre harter Arbeit und Training auszahlen und man es an die Spitze schafft, wird wohl sogar das Geräusch des Atmens zur Kunst. Viele talentierte Jungmusiker würden für so eine Chance, die Lee quasi in den Schoß fiel, ihr Leben geben. Künstlerisches Können alleine reicht jedoch selten für den Sprung auf die begehrtesten Bühnen der Welt. Es war Kim Sun-kook, der einzige koreanische Musikproduzent von Radio France und CEO der Just Music & Publishing, Inc., der den koreanischen Künstlern die Türen sowohl zum Rudolstadt Festival, dem Folk-Roots-Weltmusik-Festival Deutschlands, als auch zum Festival l’Imaginaire öffnete. Kim weigerte sich aber bescheiden, die Lorbeeren dafür einzuheimsen: „Ich freue mich, wenn den Meistern, die ihr Leben ihrer Kunst gewidmet haben, die gebührende Anerkennung gezollt wird.“ Die koreanische Musikszene feuert weiter aufsteigende Talente an und internationale Musikagenten, die sie schnell erkennen, zählen inmitten der COVID-19-Pandemie die Tage, bis die Künstler wieder fliegen dürfen. Star-Künstler Jedes Jahr finden auf der ganzen Welt zahlreiche Musikveranstaltungen statt und noch bis vor einigen Monaten bereitete es einiges Kopfzerbrechen, wie die bei Auslandsengagements anfallenden Reisekosten all der inländischen Gruppen aufgebracht werden sollten. Dass immer mehr koreanische Musiker auf internationalen Bühnen auftreten und zahlreiche einheimische Musiktermini in verschiedene Sprachen übersetzt werden, ist den jungen Künstlern zu verdanken, die Traditionen fortsetzen und mit einem modernem Touch versehen. Insbesondere die Band Jambinai versetzte die Weltmusikindustrie in Staunen, indem sie die traditionelle koreanische Musik Gugak (wörtlich: Musik des Landes) mit an Heavy Metal erinnernden Rockrhythmen mischte. Die eher als „Trendsetter, denn Trendfolger“ bekannte Gruppe ist öfter im Ausland statt in ihrer Heimat anzutreffen. Die Art und Weise, wie Jambinai die Distributionsmärkte strategisch nutzte oder Verträge mit bekannten Musiklabels abschloss, eröffnete ihren jüngeren Künstlerkollegen und auch der koreanischen Musikszene als socher neue Perspektiven in Bezug auf den internationalen Austausch. Auf dem Rücken des Erfolgs der Band tun sich auch andere Musiker mit Branchenexperten zusammen, um einen systematischen Ansatz für globale PR-Arbeit zu verfolgen. Unter den Weltmusik-Genres aus Korea besitzt allen voran Fusion Gugak das höchste Potential für den Sprung auf die Weltbühne, weshalb es auch entsprechend aktiv ist. Die koreanische Künstlerin, die die internationale Gemeinschaft der Darstellenden Künste mit besonders offenen Armen empfängt, ist Ahn Eun-me (geb. 1962). Nach dem Studium des Traditionellen Koreanischen Tanzes setzte sie ihr Studium in New York fort und debütierte schließlich als zeitgenössische Tänzerin. Ihre Darstellungen sind eine lebendige Mischung aus spektakulären Farben und energischen Bewegungen. Jedes Werk hat seine Geschichte und sie geht stets auf das Publikum zu, um ihre Botschaft zu vermitteln: „Lasst uns jetzt alle zusammen glücklich sein!“ Wahrscheinlich ist es diese Message, die den französischen Veranstalter Jean-Marie Chabot hart arbeiten lässt, um Ahn zu internationalem Erfolg zu verhelfen. Chabot sagt, Ahn auf der Bühne zu sehen wärme sein Herz und mache ihn glücklich. Lee Hee-moons (geb. 1976) Karriere als Schüler der Meistersängerin Lee Chun-hee begann damit, dass er das Volkslied-Genre mit eigenwilligen Elementen des Tanzes und der Philosophie von Ahn Eun-me verband. Das „Idol aus Joseon“ sorgte mit seiner „sehenden Musik“ für Furore. Er ist ein Sänger, der seinem Publikum „Lasst uns spielen!“ zuruft, aber auch ein Schauspieler, der sich die fabulöse Pracht, die Ahn Eun-me auf der Bühne zeigt, zu eigen gemacht hat. Lee, der in Netzstrümpfen, Paillettenkleidern und rosa, gelben oder blauen Perücken auftritt, zieht auf der Bühne eine harte Show ab, die das Publikum zum Glühen bringt. Er war Leadsänger der Gruppe SsingSsing, als sie zum globalFEST 2017 in New York eingeladen wurde und als einzige asiatische Gruppe Aufmerksamkeit auf sich zog. Seine radikal innovative Darbietung dort brachte ihm den Spitznamen „Lady Gaga des Minyo“ ein und National Public Radio (NPR) nannte SsingSsing eine der Spitzenentdeckungen des Festivals. 2019 wurde SsingSsing die erste Gruppe aus Korea, die bei Tiny Desk Concerts von NPR auftrat – eine Videoserie, bei der Stars wie Adele und John Legend zu Gast waren – und SsingSsing Show verzeichnete mehr als fünf Millionen Aufrufe (Stand August 2020). Sänger Lee Hee-moon (Mitte) bildete die Projektgruppe OBANGSINGWA (OBSG; bedeutet „Zusammen mit den Gottheiten von fünf Richtungen“) zusammen mit dem Folksong-Duo NomNom und der Band Heosongsewol (Verlorene Zeit). Lee und Shin Seung-tae (links) von NomNom waren Mitglieder der Gruppe SsingSsing, die 2019 mit ihrem Auftritt bei den NPR’s Tiny Desk Concerts in Washington D.C. für einiges Aufsehen sorgten. © Kwak Ki-gon Auf die digitale Bühne Die koreanische Musikszene feuert weiter aufsteigende Talente an und internationale Musikagenten, die sie schnell erkennen, zählen inmitten der COVID-19-Pandemie die Tage, bis die Künstler wieder fliegen dürfen. Die weltweite Epidemie stellte die Welt über Nacht auf den Kopf und uns damit vor die Frage, auf welche digitalen Plattformen wir die wunderschöne Musik und faszinierenden Tänze, die wir mit der ganzen Welt teilen möchten, hochladen sollen. Wir haben weder die finanziellen Mittel, um mit Netflix zu konkurrieren, noch die Technologie, um die neue Mediengeneration zu begeistern, die jetzt auf Extended Reality (XR) steht. Ebenfalls nicht abzuschätzen ist, wie lange das Publikum noch geduldig auf Offline-Auftritte zu warten bereit ist. Gleichwohl lassen wir den Künstlern Zeit, die Korea in der Welt bekannter gemacht haben, sich immer noch nach Publikumsapplaus sehnen und auch heute dafür Mikrophon und Instrumente nicht aus der Hand lassen, bis sie endlich wieder auf Live-Bühnen das Publikum des Globalen Dorfes für sich einnehmen können.

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