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Yeongju, wo die Welt beginnt und endet

On the Road 2022 SPRING 586

Yeongju, wo die Welt beginnt und endet Yeongju, wo die Welt beginnt und endet In Yeongju, wo zwei große Flüsse entspringen und die Erinnerung an Beginn und Ende zweier Nationen bewahrt werden, befinden sich eine geschwungene, niedrige Brücke, die das Abschiednehmen verlangsamt, und ein „schwebender“ Stein, um den sich eine geheimnisvolle Legende rankt. Folgt man der tiefen Geschichte, die in dieser von Gott gesegneten Natur schlummert, spricht einen ein Raum kostbar wie ein Juwel an. Das Museom Dorf in Yeongju, Provinz Gyeongsangbuk-do, liegt an der Stelle, wo zwei aus dem Berg Taebaek-san hinunterfließende Flüsse sich in den Fluss Nakdong-gang ergießen. Vor dem Bau einer modernen Brücke im Jahr 1970 war dieser Holzsteg die einzige Verbindung des auf drei Seiten von Wasserläufen und auf einer Seite von Bergrücken umgebenen Dorfes. Als ich die Landkarte vor mir ausbreitete, kam mir der Gedanke, dass die früheren Einwohner von Yeongju wohl glauben mussten, dass sie sich am Ende der Welt befänden. Die Stadt liegt im Norden der Provinz Gyeongsangbuk-do, die den südöstlichen Teil der Koreanischen Halbinsel einnimmt. Im Nordosten grenzt sie unmittelbar an die Provinz Gangwon-do, in der sich der Berg Taebaek-san erhebt, im Westen teilt sie eine lange Grenzlinie mit der Provinz Chungcheongbuk-do, wo der Berg Sobaek-san gen Himmel ragt. Die Einwohner von Yeongju dürften sich gefragt haben, was wohl jenseits der hohen Gipfel, die die Stadt nach Norden hin abriegeln, liegen mochte. Auch Auswärtige aus dem südlichen Küstengebiet der Koreanischen Halbinsel dürften, neugierig auf die Größe der Welt, ständig herbeigestörmt sein, und die Menschen haben hier wohl ihre Fantasien und Erfahrungen ausgetauscht. Ich versuchte mir den Wasserlauf vorzustellen, der denjenigen, die sich aus dem Süden auf den Weg nach Yeongju machten, als Richtungsweiser diente: Es ist der Nakdong-gang, der längste Fluss in Südkorea. Überzeugt davon, dass sich seine Quelle in Yeongju befinden muss, suchte ich nach entsprechenden Informationen. Wie vermutet heißt es im Annex Geographie der Annalen von König Sejong (1454), dass der Nakdong-gang sich aus drei Quellen speise: dem Teich Hwangji im Taebaek-san, Chojeom (das heutige Mungyeong Saeje) im Landkreis Mungyeong und Sobaek-san in Sunheung. „Sunheung“ ist der alte Name der Gegend um Yeongju. In Yeongju befand sich aber nicht nur die Quelle des Nakdong-gang, sondern auch eine der vielen kleinen Quellen des Flusses Han-gang. Geographisch gesehen war das eine unerwartete Information, da der Han-gang von Osten nach Westen fließt und Seoul in zwei Teile teilt. Als Quelle der beiden wichtigsten Flüsse im Süden der Koreanischen Halbinsel war Yeongju in vormodernen Zeiten gewissermaßen Anfang und Ende der Welt für die Koreaner. Spätnachmittags in Seoul aufgebrochen, kam nach zwei Stunden Autobahnbahnfahrt der Jungnyeong Tunnel in Sicht, ein 4.600 m langer Tunnel durch den Berg Sobaek-san, der die Provinz Chungcheongbuk-do im Süden mit der Provinz Gyeongsangbuk-do im Norden verbindet. Da ich wusste, dass Yeongju direkt jenseits des Tunnels liegt, wurde mir bewusst, dass ich auf dem Weg in eine andere Welt war. Museom Dorf entstand Mitte des 17. Jh. als die fruchtbaren Böden Siedler anzogen. Heute besteht es aus an die 40 Häusern im traditionellen Stil, in denen 100 Dörfler leben. Es ist eine Clan-Gemeinde, die meisten der Bewohner stammen entweder aus dem Kim-Clan von Yean oder dem Park-Clan von Bannam. Krummer Holzsteg Ich fuhr zum Museom Dorf im südlichen Teil von Yeongju. Im Inneren der Bucht, um die sich der Fluss in einem weiten Bogen herumwindet, liegt auf dem Stückchen Land, das sich beulenartig wölbt und den Flusslauf wegzuschieben scheint, ein altes Dorf. Ortschaften, die unter solch topografischen Voraussetzungen entstanden, werden „Muldori-Dorf" (wörtlich ein vom Fluss oder Bach umgebenes Dorf) genannt: Der Wasserlauf umschließt hufeisenförmig Vorderseite sowie rechte und linke Seite, die Rückseite wird vom Berg umarmt, sodass das Dorf fast einer Insel gleicht. Gründe dafür, warum auf diesem gottverlassenen Stückchen Erde eine Siedlung entstand, waren wohl der geomantische Glaube, dass eine solche Topografie positive Energie ausströmt, und die weitläufigen, fruchtbaren Böden, die vielen Menschen den Lebensunterhalt sichern. Was dem Dorf heutzutage zu breiter Bekanntheit verhalf, ist der Holzsteg, der quer über den Fluss führt und die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellt. Der Fluss ist zwar seicht genug, um ihn außer in der sommerlichen Monsunzeit problemlos zu Fuß durchqueren zu können, da man sich aber seine Kleider nicht nass machen möchte, wurde diese Brücke angelegt. Zwischen Holzsteg und Sandbank bzw. flachem Wasser dürfte nur ein knapper Meter Abstand sein. Die Breite beträgt rund zwei Spannen der Hand eines erwachsenen Mannes. Seltsamerweise verläuft die Brücke über dem Fluss nicht geradlinig, sondern windet sich in Form eines großen S. Trotz all meiner Bemühungen gelang es mir nicht, den Grund dafür herauszufinden, wichtiger ist ja ihr optischer Reiz. Dieser weckt den Wunsch, sie auf ein Foto zu bannen, um den Anblick noch lange in Erinnerung zu bewahren, sodass sich die Brücke bei vielen, sei es Frau oder Mann, alt oder jung, großer Beliebtheit erfreut und in mehreren Sendungen und TV-Serien erscheint. Kein Wunder, dass ein Gang über die Brücke auf der Checkliste unzähliger Besucher steht, mich eingeschlossen. Ich war schon früh angekommen, um die Landschaft in aller Ruhe auf mich wirken zu lassen, bevor das Menschengedränge beginnen würde. Diesen Gedanken hatte aber nicht nur ich: Ein junges Pärchen schlenderte gemächlich über den Steg. Während ich darauf wartete, dass sich die beiden aus dem Kamerawinkel entfernten, überlegte ich, warum man diesen Holzsteg wohl in Windungen angelegt hatte. Wenn in der Regenzeit die Strömung stärker wird, soll der Steg öfters einbrechen. Heute liegt nicht weit nördlich von hier eine Brücke, die breit genug für den Fahrzeugverkehr ist, aber davor dürfte dieser Holzsteg der einzige Verbindungsweg gewesen sein. Wenn damals Teile von der starken Strömung mitgerissen wurden, müsste die Neuanlegung recht umständlich gewesen sein, zumal es an der Technologie für den Bau einer stabilen Überführung, die der anschwellenden Strömung standhalten konnte, gefehlt haben dürfte. Von daher wäre es doch nur vernünftig gewesen, einen geraden Übergang anzulegen, der nicht jedes Mal wieder erneuert werden musste, von der Materialersparnis mal ganz zu schweigen. Ob es vielleicht bloß an der Ästhetik lag? Darüber mit schief geneigtem Kopf sinnierend überquerte ich den Steg. An einigen Stellen gab es kurze Stege gleich neben der eigentlichen Überführung. Solche Strukturen werden „Biggyeo-dari (wörtlich: Ausweich-Brücke)“ genannt. Sie ermöglichen es, zur Seite auszuweichen und Passanten aus der Gegenrichtung Platz zu machen. Einerseits bewunderte ich diese von einer vernünftigen Denkensart zeugende Struktur, andererseits verwirrte mich gerade deswegen die ineffektive Konstruktion des Stegs mit seiner langen S-Kurve. Unter den alten traditionellen Häusern des Dorfes gibt es 16 gut erhaltene Beispiele für typische Hanok-Häuser aus der späten Joseon-Zeit. Da das Dorf der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, ist die ruhige Atmosphäre eines traditionellen Gelehrten-Dorfes noch gut erhalten. Im Dorf angelangt, fielen zuerst die gut erhaltenen Hanok ins Auge. Noch Ende des 19. Jh. war das Museom Dorf eine größere Ortschaft mit rund 120 Haushalten und 500 Einwohnern. Das Dorf brachte zahlreiche Wissenschaftler und konfuzianische Gelehrte sowie fünf patriotische Unabhängigkeitskämpfer hervor, was mir Tiefblick und Gesinnung der ersten Siedler aufs Neue eindringlich bewusst machte. Erdpfade entlang der Steinmauern führten zur Museom Ausstellungshalle. Auf dem Hof stand ein Denkmal zu Ehren des Dichters Cho Chi-hun (1920-1968), in das eins seiner Gedichte eingraviert ist: Jeder koreanische Schüler dürfte einmal Chos Gedicht Seungmu (Der Tanz der Nonne) aufgesagt haben. Museom war der Heimatort der Familie von Chos Ehefrau, der Kalligraphin Kim Nan-hee (geb. 1922). Das Gedicht Byeolli (Abschied), das Cho während seines Aufenthaltes in Museom schrieb, wurde zum Andenken an ihn in Kims Schriftstil in einen Felsblock eingraviert. Es erzählt von einer schüchternen, frisch verheirateten jungen Frau, die versteckt hinter einer der mächtigen Säulen der Holzdiele Maru ihrem sich auf eine weite Reise machenden Ehemann nachblickt, während ihre Tränen die Brustschleife ihrer Hanbok-Tracht nässen. Vielleicht überquerte auch der Mann dieser Frau über diesen Holzsteg den Fluss. Plötzlich erschien mir die S-Form des Holzstegs plausibel: Sie erzwang ein langsames Tempo, sodass diejenigen, die fortgehen mussten, nicht einfach davoneilen konnten. Ohne die Rückkehr versprechen zu können, überquerten sie schweren Herzens mit zögernden Schritten den Steg. Sie wollten wenigstens einmal zurückblicken, da sie aber befürchteten, dass dieser Anblick den Zurückbleibenden das Herz nur noch mehr zerreißen würde, schluckten sie ihre Tränen stumm hinunter. Die Zurückbleibenden versteckten sich hinter der Säule, um ihnen den Abschied erträglicher zu machen. Zumindest verlangsamte der sich weiträumig in geschwungenen Bögen erstreckende Holzsteg das Überqueren des Flusses, was für beide Seiten ein kleiner Trost war. Ich stellte mir die Szene im Gedicht vor, wie der Ehemann mit zaghaften Schritten die Brücke überquerte. Über seinem Kopf blühten und verwelkten weiße Wolken gleichgültig, von weither herbeigewehte Blättchen blieben nicht einmal einen Wimpernschlag lang an seinen Füßen haften. Offenes Königreich, geschlossenes Königreich Wieder in der Stadt, besichtigte ich das Zentrum von Yeongju. In der Nähe befindet sich das Geburthaus von Jeong Do-jeon (1342-1398), eines Gelehrten, der die Blaupause für das neu gegründete Joseon-Königreich (1392-1910) entwarf. Das Haus wird „Sampanseo Gotaek (wörtlich: Historisches Haus von drei Ministern)“ genannt, da hier von der späten Goryeo-Zeit (918-1392) bis zur frühen Joseon-Zeit drei Minister gewohnt hatten. Obwohl das Haus aufgrund von Hochwasserschäden hierher verlegt und restauriert wurde, entströmt ihm nach wie vor Status und Autorität eines mächtigen Familienclans. Auf einer hohen Klippe am Flussufer befindet sich eine auf Seocheon hinunterblickende, in den Fels gehauene Buddha-Triade, die den Skulpturstil der Zeit des Vereinigten Silla-Reichs (676-935) gut zum Ausdruck bringt. Obwohl diese buddhistischen Felsbilder zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung bereits beschädigt worden waren, ist der ihnen immanente starke Geist immer noch zu spüren. In der Innenstadt von Yeongju besichtigte ich die „Straße der modernen Geschichte und Kultur“, bevor ich den sanften Hügel hinauf zum Königsschrein Sungeunjeon (wörtlich: Halle zur Verehrung der Gnade) lief. Hier wird die Namenstafel von König Gyeongsun (reg. 927-935), dem letzten König des Vereinigten Silla-Reichs, aufbewahrt. Es heißt, dass der König auf dem Weg nach Gaeseong (Kaesong), wo er dem in der Nachfolge von Silla neu gegründeten Königreich Goryeo seine Unterwerfung erklären wollte, in Yeongju haltmachte, was seine besondere Beziehung zu diesem Ort erklärt. Erst vor kurzem war ich auf einen revolutionären Denker getroffen, der ein Königreich aus der Wiege hob, jetzt traf ich auf einen tragischen König, der sein nach tausend Jahren untergegangenes Reich einem neuen Herrscher übergeben musste. Diese Entscheidung soll unvermeidlich gewesen sein, um das Leben des einfachen Volkes zu schützen. Yeongju gedenkt der barmherzigen Liebe des Monarchen und verehrt ihn als Gottheit. Bereits früh am Morgen des nächsten Tages waren Leute auf dem Weg hinauf zum Tempel Buseok-sa unterwegs. Unter dem Namen „Sansa, buddhistische Bergklöster in Korea“ ist der Buseok-sa zusammen mit den Tempeln Tongdo-sa, Bongjeong-sa, Beopju-sa, Magok-sa, Seonam-sa und Daeheung-sa als UNESCO-Weltkulturerbe registriert. Die Leute waren gekommen, um sich einen mythischen Felsbrocken anzusehen: Der Überlieferung nach soll sich eine Frau, die in den Ehrwürdigen Mönch und Tempelgründer Uisang (625-702) verliebt war, in einen Drachen verwandelt haben und ihm ins Silla-Reich gefolgt sein, um ihm beim Tempelbau zu unterstützen. Als eine Räuberbande, die sich in der Nähe versteckt hielt, Uisang am Tempelbau zu hindern versuchte, soll sie in Form eines Felsbrockens die Räuber davongejagt und sich dann auf dem Tempelgelände niedergelassen haben. Im Jahr 676, als der Buseok-sa neben diesem legendären Felsbrocken errichtet wurde, war das Silla-Reich dermaßen mächtig und reich, dass es die rivalisierenden Königreiche Goguryeo (37 v. Chr.- 668 n. Chr.) und Baekje (18 v. Chr. - 660 n. Chr.) eroberte und die Zeit des Vereinigten Silla-Reichs einläutete. Dass der Buddhismus damals als Staatsreligion stark gefördert wurde, erklärt Größenordnung und Bedeutung des Tempels. Rund 250 Jahre später musste Silla einem neuen Reich weichen. Als ich schließlich in komplizierten Gedanken versunken die 108 Treppenstufen bewältigt hatte und vor der Murayangsujeon (Halle des ewigen Lebens), dem ältesten Holzbauwerk in Korea, stand, verschwanden die Gedanken an Aufstieg und Niedergang des Königreichs schlagartig. Links gegenüber der Halle befindet sich nämlich der schwebende Felsbrocken „Buseok“. Laut dem zur Zeit von König Yeongjo (reg. 1724-1776) kompilierten anthropogeographischen Werk Taengniji (Führer durch Korea, 1751) soll selbst ein Seil nirgendwo hängenbleiben, wenn man es unter dem Felsbrocken hin und herzieht. Um es wissenschaftlich zu erklären: Ein Teil der Granitklippe hinter dem Buseok-sa, die aus Abschalungsklüften bestand, soll sich abgespalten, am Hang entlang gerutscht und dann auf kleineren Steinen gelandet sein, sodass der Eindruck des „in der Luft Schwebens“ entsteht. Der Glockenpavillon des Tempels Buseok-sa bietet einen Panoramablick auf das Tempelgelände und die sich in der Ferne erhebenden Gipfel des Berges Sobaek-san. Der Tempel wurde kurz nach der Vereinigung der Drei Königreiche durch Silla-Reich (676) gebaut. 2018 wurde er zusammen mit sechs weiteren buddhistischen Bergklöstern in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Der Tempel Buseok-sa besitzt zwei berühmte Pavillons: den Anyangnu (Pavillon der friedlichen geistigen Stärkung) und Beomjongnu (Glockenpavillon), die sich auf der zur Haupthalle hochführenden Zentralachse des Tempelgeländes befinden. Hier werden zweimal pro Tag die vier Zeremonialobjekte Bronzeglocke, Holzfisch, wolkenförmige Metallplatte und Trommel aufgestellt und geschlagen, um für Frieden aller fühlenden Wesen zu beten. Ein Raum, der die Wiederholung des Kreislaufes in sich schließt Am Nachmittag überquerte ich den in Richtung der Gangwon-Provinz verlaufenden Pass Maguryeong und besuchte das Bergdorf in Namdae-ri, bevor ich in die Gegend unterhalb des Buseok-sa zurückkehrte und die konfuzianische Akademie Sosu Seowon besuchte. Namdae-ri ist der Ort, wo der Kindkönig Danjong (reg. 1452-1455), der sechste Herrscher des JoseonReichs, auf seinem Weg ins Exil verweilt haben soll, nachdem er von seinem Onkel, König Sejo (reg. 1455-1468), vom Thron gestoßen worden war. Gerade hier in der YeongnamRegion (Region im Süden des Passes Mungyeong Saejae) befindet sich die südöstliche Quelle des Han-Flusses. Sosu Seowon, die älteste private neokonfuzianische Akademie der Joseon-Zeit, gilt als renommiertestes lokales Bildungsinstitut zur Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern und zählt zu den neun Stätten, die unter dem Namen „Seowon in Korea“ in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurden. In dieser Akademie, der ersten, der der König einen Namen verlieh, werden zahlreiche konfuzianische Größen verehrt, darunter An Hyang (1243-1306), der den Neokonfuzianismus zur Zeit des Goryeo-Reichs auf der Koreanischen Halbinsel einführte. Der Fußweg um Sosu Seowon wird von mehreren hundert Rotkiefern gesäumt, die zwischen 300 und 1.000 Jahre alt sind. Sosu Seowon, 1542 gegründet, ist die älteste konfuzianische Privatakademie in Korea. 2019 wurde sie zusammen mit acht weiteren konfuzianischen Akademien in Korea in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Im Tempel Seonghyeol-sa, einem in den Bergen abgeschieden gelegenen ruhigen Tempel, befindet sich der schöne alte Bau Nahanjeon (Arhat-Halle). Seine Türen schmücken exquisite Schnitzereien von Lotusblüten und Lotusblättern, Kranichen, Fröschen und Fischen. Je mehr Orte ich in Yeongju besichtigte, desto stärker war ich von seiner Einzigartigkeit beeindruckt. Die Stadt war die Geburtsstätte eines der Gründerväter eines Reiches und zugleich die Gedenkstätte für den letzten König eines untergegangenen Reichs. Ihre prestigereiche konfuzianische Akademie brachte zahlreiche Wissenschaftler und Politiker hervor. Die Stadt war aber auch der Ort, an dem ein verbannter Kindkönig, der einem Machtkampf zum Opfer fiel, seine schmächtigen Fußspuren hinterließ. Ich hatte das Gefühl, einen großen, sich wiederholenden Kreislauf zu betrachten. Song Sang-do (1871-1946), eine weitere Persönlichkeit, auf die Yeongju stolz sein darf, gab mir die Gelegenheit, tiefer über Ursprung und Rückkehr zu sinnieren. In Giryeo Supil (Essays von Song Sang-do), einem 1955 unter seinem Beinamen Giryeoja veröffentlichten Buch, beschreibt Song in bemerkenswerter Detailliertheit etliche Koreaner, die während der Kolonialzeit (1910-1945) den japanischen Besatzern überall im Lande Widerstand leisteten. Song soll Yeongju jeden Frühling verlassen haben, um die Hinterbliebenen von Patrioten aufzusuchen sowie Materialien wie Zeitungsberichte über Widerstandskämpfe zu sammeln, bevor er im Winter entkräftet und erschöpft nach Yeongju zurückkehrte. Als Kolonialbürger riskierte er mit seinen Nachforschungen über die Widerstandsbewegungen sein Leben, weshalb er die Geschichten, die er hier und da erfuhr, in winzigen Lettern auf Papierstücke schrieb, die er zu Zöpfen flechtete und als Tragebänder für die traditionellen Rückentragetücher nutzte. Dank dieser geschickten Tarnung wurden die Aufzeichnungen bei Kontrollen nicht entdeckt. Die Geschichte von Song Sang-do machte mir bewusst, was für einer Einstellung es bedarf, wenn man mit einem ehrgeizigen Ziel in die Welt hinausgehen will. Da konnte auch ich bis zu einem gewissen Grad die eiserne Entschlossenheit derjenigen verstehen, die ihre Familienangehörigen in Museom Dorf zurückgelassen und den Holzsteg überquert hatten. Diese Entschlossenheit fußte auf Tolerieren und Annehmen. Ursprung von allem in der Welt und zugleich ein jenseitiger Raum, zu dem man zurückkehren kann, zu sein - das war der Geist, der Yeongju prägte. Als ich an meinem letzten Morgen die Vorbereitungen für die Rückkehr nach Seoul traf, begleitete mich der Gedanke an den Weg des Gelehrten, der sein ganzes Leben der Entfachung des Feuers widmete, das sein Land zum Erwachen bringen sollte. Aus einer Art Schuldgefühl heraus beschloss ich, statt der bequemen Autobahn die Route in Richtung des alten Jungnyeong-Passes zu nehmen. Während ich die steile, enge und kurvige Bergstraße entlang fuhr, wollte ich den resoluten Geist und die Energie der Gelehrten spüren, die sich von Yeongju aufmachten und ihren Fuß auf diesen steilen, gefährlichen Pass zu setzen wagten. An der Passspitze angekommen, fragte ich mich, ob ich mich bei der Rückkehr nach Seoul oder beim Aufbruch von Yeongju befand. Ich entschied mich für „Aufbruch von Yeongju“, da ich über meine Erfahrungen in Yeongju mit Stolz erzählen und sicher noch mehrmals zurückkommen werde. Kim Deok-hee Schriftsteller Ahn Hong-beom Fotos

Reise in die Raumzeit der Kontemplation

Image of Korea 2022 SPRING 579

Reise in die Raumzeit der Kontemplation Reise in die Raumzeit der Kontemplation   © Gian Der Eingang ist eng, der Flur dunkel. Der Lichtschein, der aus dem Dunkel sickert, gewinnt nicht an Stärke. Die Schritte der Zeit verlangsamen sich. Ein weißtrübes Licht rührt sich. Etwas, was riesig ausgedehnt und hart ist, liegt da: ein gewaltiger Stein oder eine Eismasse. Es verwandelt sich schleichend langsam in formloses Wasser; das Wasser steigt noch langsamer als Dampf auf, wird zur ganzen Welt und erhärtet sich dann wieder zu Stein. Durch die „Taufe“ dieses sanften kosmischen Kreislaufs, der durch das Videowerk von Jean-Julien Pous in Erinnerung gerufen wird, gelangen wir endlich in den „Raum der stillen Kontemplation“. Die fünf Sinne erwachen. Die Körperporen öffnen sich langsam, der Raum in unserem Inneren dehnt sich ins Unendliche aus. Wenn Erwachen und Stille eins werden, hebt sich kaum merklich allmählich der Boden, zwei mysteriöse Wesen steigen am ellipsengleichen Horizont auf, um sich an der Schnittstelle von Licht und Dunkelheit zu treffen. Im Raum dazwischen, der nah und doch fern ist, beginnt die Reise der Kontemplation. Hier findet sich das mysteriöse Lächeln, das zwei Bodhisattva-Skulpturen austauschen, die einander ähneln und auch wieder nicht ähneln. Die im November 2021 der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Halle wurde im Auftrag des Koreanischen Nationalmuseums entworfen, das inmitten der bewaldeten Grünflache des Yongsan-Parks liegt. Im Rücken des Museums erhebt sich der Berg Nam-san, davor fließt nicht weit entfernt der Han-Fluss. Konzipiert wurde der Raum von Architekt Choi Wook und einem Profiteam für Brand Story. Während man den Louvre zuallererst mit der Mona Lisa assoziiert, wird den Besuchern des Nationalmuseums in Seoul allen voran der „Raum der stillen Kontemplation“ mit seinen beiden vergoldeten Bronzestatuen im Gedächtnis bleiben. Leonardo da Vincis Porträt einer Frau (77 × 53 cm) datiert auf Anfang des 16. Jh., die beiden knapp meterhohen vergoldeten Bronzestatuen – Nationalschatz Nr. 78 und 83 – wurden vor fast 1.000 Jahren, also Ende des 6., Anfang des 7. Jh. gefertigt. Sie gelten als Höhepunkt der buddhistischen Kunst des Silla-Reiches. Diese Meisterwerke charakterisieren zwei, bereits im Namen implizierte Merkmale: Zum einen sitzen die beiden Bodhisattva im Gegensatz zu anderen generell stehenden, sitzenden oder liegenden Buddha-Statuen auf einem runden Hocker, den rechten Fuß über das linke Knie drapiert, d. h., sie nehmen eine einzigartige Haltung zwischen Sitzen und Stehen ein. Die rechte Hand halb erhoben und die Spitzen von Zeige- und Mittelfinger leicht ans Kinn gelegt, wirken sie tief in Gedanken versunken. Woran diese Maitreya wohl denken? Darüber können wir nur genauso spekulieren wie über Rodins Der Denker, der rund 1.300 Jahre später enthüllt wurde. Die Buddhisten vermuten, dass die Figuren über die vier Leiden des Lebens sinnieren: Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Aber auch buddhistische Statuen können sich nach hinreichend langer Zeit in einem Museum von religiösen Konnotationen befreien. Wahrhafte Kontemplation bedeutet sein Ich loszulassen und es gleichzeitig zu finden. Vielleicht drückt das rätselhafte Lächeln dieser beiden Bodhisattvas mit ihren halbgekreuzten Beinen subtile Schwingungen zwischen Loslassen und Entdecken aus, eine Verinnerlichung von tiefer und breiter Raumzeit der Besinnung. Kim Hwa-youngLiteraturkritiker, Mitglied der Korean National Academy of Arts

Wörter koreanischen Ursprungs im Oxford English Dictionary

Focus 2022 SPRING 606

Wörter koreanischen Ursprungs im Oxford English Dictionary Wörter koreanischen Ursprungs im Oxford English Dictionary In der jüngst aktualisierten Ausgabe des Oxford English Dictionary (OED, Sept. 2021), des renommiertesten Wörterbuches der englischen Sprache, hat sich die Zahl der Wörter koreanischen Ursprungs mehr als verdoppelt. Dieser Rekordanstieg spiegelt die phänomenale Entwicklung des kulturellen Profils Koreas in den letzten Jahrzehnten wider. Bei der jüngsten Aktualisierung des OED verdoppelten sich die Einträge von Stichwörtern koreanischen Ursprungs. Dieser bislang beispiellose Anstieg steht für das durch K-Pop-Superstargruppen, preisgekrönte Filme und TV-Serien sowie trendige Mode und gesundes Essen gewachsene globale Bewusstsein in Bezug auf die koreanische Kultur. © Shutterstock Im Mai 2021 erhielt ich eines Tages eine E-Mail von Professorin Jieun Kiaer von der University of Oxford. Eine E-Mail von ihr war an sich nichts Besonderes, weil wir in ständigem Kontakt stehen und fast jede Woche Forschungsgespräche über Skype führen. Diese Mail enthielt jedoch einen sehr interessanten Vorschlag. Anfang April war Professorin Kiaer von der Oxford University Press um eine Projektberatung gebeten worden und fragte mich, ob ich nicht auch mitmachen wolle. Es gab keinen Grund abzulehnen, denn es ging darum, Wörter koreanischen Ursprungs, die neu in das Oxford English Dictionary (OED) aufgenommen werden sollten, zu überprüfen und darüber zu beraten. Ich antwortete sofort, dass ich mitmachen wolle. Nachdem Professorin Kiaer meine Antwort erhalten hatte, schickte sie eine E-Mail an Dr. Danica Salazar, die Redakteurin des OED World English, in der sie mich als Beraterin empfahl. Dr. Salazar schrieb in ihrer Antwortmail, dass sie sich auf die Zusammenarbeit freue und dankbar für meine Kooperationsbereitschaft sei. Zwei PDF-Dateien Nachdem ich mich als Beraterin zur Verfügung gestellt hatte, erhielt ich zwei PDF-Dateien mit Fragen. Die von Dr. Salazar erstellte erste Datei war ein zweiseitiges Dokument mit zwei Tabellen von Wörtern koreanischen Ursprungs, die in die Aktualisierung von September 2021 einfließen sollten. Die eine Tabelle enthielt eine Liste der neu einzutragenden Stichwörter und diesbezügliche Fragen, die andere bereits eingetragene, zu überarbeitende Stichwörter und Nachfragen. Die zweite Datei war ein sechsseitiges Dokument, das mir die für Etymologie zuständige Editorin Katrin Their schickte. Im OED, das in erster Linie ein akademisches Nachschlagwerk ist, sind die Einträge mit sprachwissenschaftlichen Informationen wie z. B. Etymologie und zahlreichen Beispielsätzen versehen. Es ist entsprechend schwierig und riskant, nur anhand englischer Dokumente die genaue Herkunft eines fremdsprachigen Wortes zu ermitteln, ohne die jeweilige Sprache zu kennen. Die Etymologie ist deshalb ein Bereich, in dem stets Linguisten zu Rate gezogen werden müssen, die die entsprechende Sprache als Muttersprache beherrschen. Frau Their stellte sehr konkrete Fragen und artikulierte deutlich, was überprüft werden sollte. Sie fragte, ob der auf dem ihr zugänglichen Datenmaterial basierende Inhalt richtig oder falsch sei, und wenn er falsch sei, was genau problematisch sei. Weiterhin hatte sie Detailfragen zu Wörtern, deren Herkunft schwer zu ermitteln ist, und zu damit verbundenen Themen. Ich war erstaunt, wie sie ohne jegliche Koreanischkenntnisse relevante Fragen zu Einzelheiten stellen konnte. In einigen Fällen gingen ihre Überlegungen aber auch in die falsche Richtung und es war mir eine Freude, ihr als Beraterin zur Seite stehen zu können. Als ich die Dateien öffnete, war das Erstaunlichste die Zahl der Stichwörter: Insgesamt sollten 26 neue Wörter aufgenommen werden. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die gleichzeitige Aufnahme von so vielen Wörtern koreanischen Ursprungs ins OED ein außergewöhnliches Ereignis ist. Man könnte einwendend fragen, wieso ich so viel Aufhebens von nur 26 von über 600.000 Stichwörtern mache. Blickt man jedoch auf die 142-jährige Geschichte der Veröffentlichung dieses Wörterbuchs zurück und prüft, wann wie viele Wörter koreanischen Ursprungs aufgenommen wurden, dann ist die Aufregung durchaus verständlich. aegyo, n. and adj. A. n. Cuteness or charm, esp. of a sort considered characteristic of Korean popular culture. Also: behaviour regarded as cute, charming, or adorable. Cf. KAWAII n. B. adj. Characterized by ‘aegyo’, cute, charming, adorable. banchan, n. In Korean cookery: a small side dish of vegetables, etc., served along with rice as part of a typical Korean meal. bulgogi, n. In Korean cookery: a dish of thin slices of beef or pork which are marinated then grilled or stir-fried. chimaek, n. In South Korea and Korean-style restaurants: fried chicken served with beer. Popularized outside South Korea by the Korean television drama My Love from the Star (2014). daebak, n., int., and adj. A. n. Something lucrative or desirable, esp. when acquired or found by chance; a windfall, a jackpot. B. int. Expressing enthusiastic approval: ‘fantastic!’, ‘amazing!’ C. adj. As a general term of approval: excellent, fantastic, great fighting, int. Esp. in Korea and Korean contexts: expressing encouragement, incitement, or support: ‘Go on!’ ‘Go for it!’ hallyu, n. The increase in international interest in South Korea and its popular culture, esp. as represented by the global success of South Korean music, film, television, fashion, and food. Also: South Korean popular culture and entertainment itself. Frequently as a modifier, as in hallyu craze, hallyu fan, hallyu star, etc. Cf. Korean wave n., K¬- comb. Form. K-, comb. form Forming nouns relating to South Korea and its (popular) culture, as K-beauty, K-culture, K-food, K-style, etc. Recorded earliest in K-POP n. See also K-DRAMA n. K-drama, n. A television series in the Korean language and produced in South Korea. Also: such series collectively. kimbap, n. A Korean dish consisting of cooked rice and other ingredients wrapped in a sheet of seaweed and cut into bite-sized slices. Konglish, n. and adj. A. n. A mixture of Korean and English, esp. an informal hybrid language spoken by Koreans, incorporating elements of Korean and English. In early use frequently depreciative. B. adj. Combining elements of Korean and English; of, relating to, or expressed in Konglish. In early use frequently depreciative. Korean wave, n. The rise of international interest in South Korea and its popular culture which took place in the late 20th and 21st centuries, esp. as represented by the global success of Korean music, film, television, fashion, and food ;= HALLYU n.; Cf. K- comb. form. manhwa, n. A Korean genre of cartoons and comic books, often influenced by Japanese manga. Also: a cartoon or comic book in this genre. Cf. MANGA n.² Occasionally also applied to animated film. mukbang, n. A video, esp. one that is livestreamed, that features a person eating a large quantity of food and talking to the audience. Also: such videos collectively or as a phenomenon. noona, n. In Korean-speaking contexts: a boy’s or man’s elder sister. Also as a respectful form of address or term of endearment, and in extended use with reference to an older female friend. oppa, n. 1.In Korean-speaking contexts: a girl’s or woman’s elder brother. Also as a respectful form of address or term of endearment, and in extended use with reference to an older male friend or boyfriend. 2.An attractive South Korean man, esp. a famous or popular actor or singer. samgyeopsal, n. A Korean dish of thinly sliced pork belly, usually served raw to be cooked by the diner on a tabletop grill. skinship, n. Esp. in Japanese and Korean contexts: touching or close physical contact between parent and child or (esp. in later use) between lovers or friends, used to express affection or strengthen an emotional bond. trot, n. A genre of Korean popular music characterized by repetitive rhythms and emotional lyrics, combining a traditional Korean singing style with influences from Japanese, European, and American popular music. Also (and in earliest use) as a modifier,as in trot music, trot song, etc. This genre of music originated in the early 1900s during the Japanese occupation of Korea. unni, n. In Korean-speaking contexts: a girl’s or woman’s elder sister. Also as a respectful form of address or term of endearment, and in extended use with reference to an older female friend or an admired actress or singer. Allmähliche Erweiterung Die erste Auflage des OED wurde 49 Jahre nach Beginn seiner Erstellung abgeschlossen. Die 1928 veröffentlichte 12-bändige Erstausgabe umfasste etwa 414.800 Stichwörter und mehr als 1,82 Millionen Belegzitate aus verschiedenen Quellen wie Literatur, Film und Lieder. Sie enthielt jedoch keinen einzigen aufs Koreanische bezogenen Eintrag. Die ersten Wörter mit Koreabezug wurden in den 1933 herausgegebenen Ergänzungsband zur Erstausgabe aufgenommen: „Korean“ und „koreanize“. Nach 43 Jahren Pause wurden 1976 weitere 6 Wörter hinzugefügt: „gisaeng“ (Professionelle Unterhaltungskünstlerin, die Gesang und Tanz darbietet), „Hangul“ (das koreanische Alphabet), „kimchi“ (Grundnahrungsmittel aus eingelegtem, fermentieren Chinakohl, gewürzt mit verschiedenen Würzzutaten), „kono“ (traditionelles koreanisches Strategie-Brettspiel), „myon“ (Verwaltungseinheit) und „makkoli“ (traditionell koreanischer trüber Reiswein). 1982 folgten 7 Einträge „taekwondo“ (traditionelle Kampfsportart), „won“ (koreanische Währungseinheit), „yangban“ (herrschende Schicht der traditionellen Gesellschaft), „ri“ (Verwaltungseinheit), „onmun“ (abwertende Bezeichnung für das koreanische Alphabet Hangeul) und „ondol“ (Fußbodenheizung der traditionellen Hanok-Häuser). Die 1989 erschienene 2. Auflage des OED enthielt demnach 15 Wörter koreanischen Ursprungs. Es dauerte weitere 21 Jahre, bis 2003 ein neues Wort hinzugefügt wurde: „hapkido“ (moderne Kampfkunstform). Danach kamen zeitversetzt folgende Einträge hinzu: „bibimbap“ (Reis mit diversen Gemüsen und Fleisch, gemischt mit Chilipaste); 2015: „soju“ (Koreanischer Branntwein) und „webtoon“ (digitale, auf Online-Plattformen serialisierte Comic-Folgen) (2011); „doen-jang“ (fermentierte Sojabohnenpaste), „gochujang“ (rote Chilipaste) und „K-Pop“ (2016); „chaebol“ (Familienkonglomerat); Juche (politische Ideologie in Nordkorea) (2017). Bis zur Aktualisierung des OED im September 2021 gab es also nur 24 Wörter koreanischen Ursprungs. Deshalb war es wirklich „daebak!“, wie Dr. Salazar es ausdrückte, dass 26 Wörter auf einmal hinzugefügt wurden. „Daebak“ gehört tatsächlich zu den neu aufgenommenen Stichwörtern. Das zeigt, dass dieses Wort, das „unerwartetes Glück“ oder „etwas Großartiges“ bedeutet, auch im Ausland weithin bekannt ist. Zudem wurden „hallyu“ und dessen englisches Synonym „Korean wave“ gleichzeitig eingetragen und auch die Aufnahme von Wörtern wie „K-drama“, „mukbang“ (Internet-Video-Trend aus Südkorea, sich beim Essen zu filmen) und „oppa“ (wörtlich Großer/Älterer Bruder: Bezeichnung für einen Mann, der älter als die Sprecherin ist), zeigt deutlich, dass der internationale Status koreanischer Popkultur-Contents signifikant gestiegen ist. Eine weitere interessante Tatsache ist, dass Wörter wie „fighting“ (Interjektion, die Ermutigung oder Unterstützung ausdrückt) und „skinship“ (körperlicher Kontakt), die bisher als „Konglish“ („einkoreanisiertes“ englisches Wort) verachtet waren, zusammen mit dem Nomen „Konglish“ (Mischung aus Koreanisch und Englisch) aufgenommen wurden. Verschiedene Fragen Die von OED-Seite kommenden Nachfragen waren unterschiedlicher Natur. Einige bezogen sich auf neu einzutragende Wörter, bei anderen ging es um 12 bereits eingetragene Wörter, die einer Nachbesserung bedurften. Zum Beispiel wurde um Informationen über die Silbengrenze des Wortes „gisaeng“ im Ergänzungsband von 1976 gebeten oder nach der Herkunft des Wortes „kimchi“ gefragt. Die meisten Fragen bezogen sich auf die Wortstruktur. So wollte man wissen, in welche semantische Segmente einzelne Wörter eingeteilt werden und was jeweils der Ursprung dieser Segmente ist. Es kam z. B. die Frage, ob „ban“ in „banchan“ (Beilage zum Essen) und „bab“ (gekochter Reis) in „kimbap“ (Seetangreisrolle) miteinander verwandt seien. Sie baten mich auch zu überprüfen, ob ihre Analysen der einzutragenden Wörter richtig seien, fragte nach dem Gebrauch einiger Wörter im Koreanischen und ob es diesbezüglich Unterschiede zwischen Nord- und Südkorea gebe. Interessant waren Fragen wie z. B., ob „noona“ (Bezeichnung eines Jungen/Mannes für die leibliche ältere Schwester) auch „feste Freundin“ bedeuten kann, so wie „oppa“ „fester Freund“ meinen kann. Im Zuge meiner Nachforschungen als Beraterin stieß ich auch auf mir bislang Unbekanntes. So z. B. bei der Frage, ob in einem „PC bang“ (Internetcafé) auch Essengerichte verkauft würden. Da meines Wissens PC bangs nur Snacks wie Instantnudeln in Plastikbechern anboten, fragte ich mich, ob man diese Cup-Nudeln überhaupt als „Gericht“ bezeichnen kann. Bei der Recherche fand ich dann aber heraus, dass PC bangs heutzutage eine derartige Essensvielfalt im Angebot haben, dass das neue Kofferwort „PCtaurant“ (PC+Restaurant) entstand. Daher speicherte ich die gefundenen Bilder in einer Datei und schickte sie zusammen mit Anmerkungen zurück. Bei der Beantwortung der Fragen wurden Materialien verschiedenster Art berücksichtigt, angefangen bei Blogbeiträgen bis hin zu wissenschaftlichen Arbeiten. So wurden mir viele interessante Fakten bewusst, über die ich vielleicht einfach hinweggegangen wäre, wenn man mich nicht als Beraterin gezielt danach gefragt hätte. Nachdem ich die Materialien einigermaßen geordnet hatte, erarbeitete ich in Abstimmung mit Professorin Kiaer abschließende Antworten, die wir an den Verantwortlichen von Oxford weiterleiteten. Nach einigen weiteren Fragen kam die Beratung zum Abschluss.   dongchimi, n. In Korean cuisine: a type of kimchi made with radish and typically also containing napa cabbage, spring onions, green chilli, and pear, traditionally eaten during winter. Cf. KIMCHI n.     galbi, n. In Korean cookery: a dish of beef short ribs, usually marinated in soy sauce, garlic, and sugar, and sometimes cooked on a grill at the table.     hanbok, n. A traditional Korean costume consisting of a long-sleeved jacket or blouse and a long, high-waisted skirt for women or loose-fitting trousers for men, typically worn on formal or ceremonial occasions. © MBC     japchae, n. A Korean dish consisting of cellophane noodles made from sweet potato starch, stir-fried with vegetables and other ingredients, and typically seasoned with soy sauce and sesame oil. Cf. cellophane noodle n.     PC bang, n. In South Korea: an establishment with multiple computer terminals providing access to the internet for a fee, usually for gaming.     tang soo do, n. A Korean martial art using the hands and feet to deliver and block blows, similar to karate. © International Tang Soo Do Federation   Kriterien für die Stichwortaufnahme Bei der Arbeit stellten sich mir einige Fragen: Warum gab es bisher nur so wenige Wörter koreanischen Ursprungs im OED? Und warum lag die Zahl der Neueinträge beim diesmaligen Update über der der bereits vorhandenen koreanischen OED-Einträge? Wie und von wem wird entschieden, welche Wörter aufgenommen werden? Wie ist es zu verstehen, dass so viele Wörter auf einmal hinzugefügt wurden? Und wie wird es wohl in Zukunft sein? Kurz gesagt: Die jüngsten 26 Neueinträge belegen den weltweiten Einfluss der Popkultur-KoreawelleHallyu. Die durch K-Pop-Fans bekannt gewordenen Wörter „oppa“, „unni (Eonni)“ und „noona (Nuna)“, die als Bezeichnung für die Mitglieder beliebter Idolgruppen gebraucht werden, und „aegyo“ (Ausdruck für liebreizend-süßes Verhalten), das die Fans von ihren Idolen erwarten, sind zu universalsprachlichen Ausdrücken geworden, die aufgrund ihrer breiten Anwendung ins OED aufgenommen wurden. „K drama“, „mukbang“ und „trot“ (älteste Form koreanischer Popmusik) haben Eingang ins Englische gefunden und neben „webtoon“, das 2015 hinzugefügt wurde, bekam auch „manhwa“ (koreanische Cartoons und Comichefte) einen Eintrag. Interessanterweise wurden auch „mukbang“ und „chimaek“ (englisch-koreanische Wortschöpfung aus „chicken (frittiertes Hähnchen)“ und „maekju (Bier)“), die als Slangwörter nicht in koreanischen Wörterbüchern stehen, ins OED aufgenommen. Die Tatsache, dass vor dem Aufkommen von Hallyu nur 24 Wörter im 600.000 Stichwörter umfassenden OED einen Koreabezug hatten und Wörter koreanischen Ursprungs in englischsprachigen Quellen kaum zu finden waren, weist auf den geringen Einfluss der koreanischen Kultur in der englischsprachigen Welt hin. Natürlicherweise waren koreanische Wörter in gewisser Hinsicht unterrepräsentiert. Voraussetzung für die Aufnahme eines Wortes ist jedoch, dass es dem Redakteur oft ins Auge fällt, dass es in wissenschaftlichen Quellen über einen bestimmten Zeitraum hinweg kontinuierlich auftaucht und dass es in dem zu erwartenden Kontext verwendet wird. Wie sieht es dann in Zukunft aus? Die 26 neuen Stichwörter sind nur der Anfang. Diese Neueinträge sind darauf zurückzuführen, dass die Wörter bereits seit mindestens 15 bis 20 Jahren im ständigen Gebrauch waren. Der Einfluss der koreanischen Popkultur nimmt nun weitaus größere Ausmaße als zu dem Zeitpunkt an, als diese neu aufgenommenen Wörter erstmals ins Auge fielen. Insbesondere koreanische Kulturcontents wie Squid Game (Netflix-Serie aus Südkorea), die sich in jüngster Zeit über die globalen Medienplattformen verbreiten, bringen Menschen auf der ganzen Welt die koreanische Sprache unmittelbar zu Gehör. Auf diese Weise wird sich Koreanisch noch weiter verbreiten. Shin Ji-young Professorin für Koreanische Sprache und Literatur, Korea University

Die Süße gemischter Zeiten

On the Road 2021 WINTER 854

Die Süße gemischter Zeiten Die Süße gemischter Zeiten Die weiten Ebenen rund um das an der Ostküste in der Provinz Jeollabuk-do gelegene Gunsan machten das einst arme Fischerdorf zu einem landesweit wichtigen Getreide-Umschlagplatz. In dieser Hafenstadt, die zu einem Zentrum sowohl des Aufblühens als auch der Plünderung wurde, sind viele Spuren der Vergangenheit erhalten. Das für die heutige Zeit ungewöhnliche Image von Gunsan, wo immer noch unzählige Geschichten unter der Oberfläche schwelen, hat der Geschwindigkeit, mit der sich moderne Städte verändern, sanft und stetig getrotzt. Im frühen 20. Jh. gelangten fremde Kulturen, allen voran die japanische, via Gunsan an der Ostküste ins Land. Der Kontakt hat unauslöschliche Spuren hinterlassen, einige davon ernüchternd. Aber das hebt Gunsans Einmaligkeit und macht es zu einem beliebten Touristenziel. Wenn etwas gemischt wirkt, sagen die Koreaner oft, „Das ist ja wie eine Schüssel Jjamppong !“ – eine rote Nudelsuppe aus pfannengerührten Gemüsen, Meeresfrüchten und Fleisch, die die chinesische, japanische und koreanische Küche vereint. In Gunsan, das für sein Jjamppong berühmt ist, existieren Vergangenheit und Gegenwart wohlgemischt nebeneinander. Vielleicht war es daher natürlich, dass ich beim Aufbruch dorthin an Jjamppong denken musste. Als ich in Iksan vom Hochgeschwindigkeitszug in den Lokalzug umstieg, roch ich etwas Ungewöhnliches. Es war, als rieche es in dem alten Zug, bei dem die Farbe außen abgeblättert war, nach einer Mischung verschiedener Zeiten. In dem ächzenden und rumpelnden Abteilwagen hatte ich das Gefühl, auf die Zeitmaschine aus meiner Vorstellung getroffen zu sein. Vielleicht wollte ich deswegen in Gunsan als erstes das Eisenbahndorf in Gyeongam-dong besuchen. Der 1909 von einem japanischen Mönch gegründete Tempel Dongguk-sa ist der einzige noch erhaltene Tempel japanischen Stils in Korea. Die Baumaterialien stammen aus Japan, und auch heute noch ist die Originalform der einzelnen Gebäude wie der Haupthalle, der eher eine Aura strenger Schlichtheit statt Dekorativität anhaftet, gut erhalten. Dieses Gebäude diente von 1908 bis 1993 als Hauptflügel des Alten Zollhauses, über die der Seeexport abgewickelt wurde. Heute beherbergt es eine Ausstellungshalle. Als eins der drei Hauptbeispiele für klassische westliche Architektur in Korea ist der Bau als Modernes Kulturerbe registriert. EINE ZEITREISE Das Eisenbahndorf liegt in der Nähe von Bahnschienen, auf denen keine Züge mehr fahren und die Zeit angehalten wurde. Einst fuhren Züge durch das Stadtzentrum, irgendwann rollten sie mit Holz und Papier beladen zwischen der Gunsan-Bahnstation und einer Papierfabrik. Als der Zugbetrieb vor langer Zeit eingestellt wurde, blieb die Zeit dort auch stehen. Schuluniformen der 1960/70er Jahre, Knabbereien und allerlei Schnickschnack aus der Vergangenheit sind immer noch zu finden. Da wegen der Covid-19-Pandemie heutzutage kaum noch Touristen kommen, war es ruhig, und ich war dermaßen bezaubert davon, so leicht in die Vergangenheit hineingezogen zu werden, dass ich eine ganze Weile einfach nur an den Bahngleisen entlang lief. Der Geruch der sich verflüchtigenden Zeit kitzelte an meiner Nasenspitze. Es roch nach dem Holz, das auf den rostigen Bahngleisen zurückgeblieben ist, oder nach Papier. Nach dem Verlassen des Eisenbahndorfs wollte ich mir zunächst eine Schüssel Jjamppong gönnen, bevor ich die Stadt richtig erkundete. In Gunsan gibt es mehrere landesweit berühmte Jjamppong-Restaurants. Ich ging ins Binhaewon. Untergebracht in einem zum Kulturerbe erklärten Gebäude mit 70 Jahren Tradition, ist die dort servierte Jjamppong mild genug für diejenigen, die nicht scharf essen können. Mit dem ersten Löffel der lange geköchelten, herzhaften Brühe aus frischen Meeresfrüchten fühlte ich mich irgendwie getröstet. Es war der Geschmack der verdichteten Zeit. Das Antiquierte des Ortes verstärkte die Atmosphäre, das Essen war Balsam für die Seele. Wenn der Geruch der ersten Stunde der vielen Zeitschichten in Gunsan der des Papiers war, so war der zweite der von Jjamppong. Gunsan ist seit langem eine Stadt, die das meiste Getreide im Land produziert und vor Vitalität sprüht. Frisch gestärkt beschloss ich, in die Modern History Culture Street zu gehen, ein Viertel mit Gebäuden aus der frühen Moderne, um die besagte Vitalität in ihrer alten Version zu erleben. Bei der Besichtigung der Gunsan Modern Architecture Exhibition Hall, des Modern Art Museum und des Modern History Museum faszinierte mich, dass diese Vitalität der Vergangenheit noch zu spüren war und dass den Hinterlassenschaften der Geschichte und Zeit ein ihnen eigentümlicher künstlerischer Wert innewohnt. Wie kann etwas, das mit der Zeit abgenutzt und verblasst ist, noch so schön sein? Der Anblick, bei dem die Landschaft der Moderne mit der der Gegenwart geteilt wird, glich einem Modell von Raum und Zeit, in dem mehrere Dimensionen und Zeiten vermischt sind. An der im neuzeitlichen Stil gehaltenen Straße war auch unerwartete architektonische Schönheit zu spüren. Ich konnte das Streben nach Ästhetik statt nach reiner Funktionalität vage nachempfinden. Das Gebäude mit der anmutigsten architektonischen Schönheit war das Alte Zollhaus. Durch Gunsan fließt der ins Gelbe Meer mündende Fluss Geum-gang, ganz in der Nähe befanden sich die Speicher, in denen die Getreide für den Schiffstransport gelagert wurden. Diese erstmals in der Goryeo-Zeit (918-1398) errichteten Lager dienten während der japanischen Kolonialzeit als regelrechte Sammelstellen für den Einzug der in Form von Getreide entrichteten Abgaben. Als ich vor dem Zollhaus stand, das damals ausschließlich als Lager für die Getreide-Schiffstransporte ins japanische Kaiserreich diente, regten sich in mir gemischte Gefühle. Entworfen von einem Deutschen, erbaut von Japanern mit roten Ziegeln aus Belgien, mit Fenstern im romanischen Stil, einem Eingang im britischen Stil und einem Dach im japanischen Stil ist es in der Tat ein Paradebeispiel für „Jjamppong-Architektur“. WIDERSPRÜCHLICHE HARMONIE Nicht weit von der Modern History Culture Street liegt der Tempel Dongguk-sa, ein während der Kolonialzeit errichteter buddhistischer Tempel im japanischen Stil. Schon auf den ersten Blick kommt der kleine Tempel mit seinem stark japanischem Ambiente fremd vor. Die schlichte, in japanischen Minimalismus gekleidete Haupthalle Daeung-jeonk, „frisiert“ mit dem 100-jährigen Bambuswald am Fuß des Berges Wolmyeong-san, ergab ein perfektes Styling. Im Hof des Tempels steht Sonyeosang, wörtlich „Statue eines Mädchens“, besser bekannt als „Friedensstatue“. Es ist ein Mahnmal in Erinnerung an die koreanischen Mädchen und Frauen, die von der japanischen Armee zwangsverschleppt und in die Prostitution gezwungen wurden. Damals beuteten die japanischen Landbesitzer die Gunsaner Pachtbauern aus, um an mehr Reis zu kommen.Die unterdrückten Bauern revoltierten gegen ihr unerträgliches Leiden. Auf dem abgeschiedenen Hof dieser religiösen Einrichtung, die solch harte Zeiten überlebt hat, fühlte ich paradoxerweise ein seltsames Gefühl der Befreiung, als wäre sogar der vergebliche Hass der Vergangenheit verflogen und das Nirwana erreicht. Vielleicht erschienen mir deshalb all die im Tempel erhalten gebliebenen Dinge nicht widersprüchlich, sondern eher in harmonischem Einklang miteinander. In diesem als Gyeongam-dong Eisenbahndorf bekannten Viertel Gunsans lassen unzählige Esswaren und Spiele aus der Vergangenheit süße Erinnerungen aufkommen. Derzeit stehen die Leute für „Dalgona“ Schlange, den aus der Netflix Blockbuster-Serie Squid Game bekannten Honeycomb Toffee. Ein ähnliches Gefühl hatte ich im japanischen Herrenhaus Hirotsu Haus im Viertel Sinheung-dong. Es ist zwar nur eine Familienresidenz, die einst von wohlhabenden Japanern bewohnt wurde, aber gleichzeitig auch ein attraktiver Ort, der die Stürme der Zeit überstand. Der Bilderbuchgarten und die breiten Fenster des Hauptgebäudes spiegeln das menschliche Streben nach Schönheit gut wider. Die alten Mauern, engen Gassen und angerosteten Haupttore im benachbarten Stadtviertel Wolmyeong-dong versetzen einen in verschwommene Erinnerungen an die vergangenen Zeiten. Angesichts all der Spuren, die die Zeitläufte überdauert haben, dachte ich über die Bedeutung von lange erhaltenen Dingen nach. Die Stille des Unveränderten in einem Universum, das sich schneller als die Lichtgeschwindigkeit ausdehnt und verändert, ist gewiss beruhigend. Trunken von der schillernden Pracht der Zeitreise machte ich mich auf den Weg zur Lee Sung Dang, Koreas ältester Bäckerei. Sie richtete sich einst an japanische Kunden, die als Erste auf den Geschmack von westlichem Brot gekommen waren, und wurde nach dem Untergang des japanischen Kaiserreichs von einem Koreaner übernommen. Als ich ein Teilchen mit Rote-Bohnen-Füllung und ein anderes mit Gemüse-Füllung, für die die Bäckerei berühmt ist, probierte, vermischten sich der Geschmack der Vergangenheit und der der Gegenwart wie Jjamppong auf meiner Zunge. In Gunsan entführt einen selbst ein gewöhnliches Gebäckstück auf eine Zeitreise. Und obwohl ich eigentlich kein Liebhaber von Süßem bin, ließ ich mir gleich mehrere schmecken. LITERARISCHE AUFZEICHNUNGEN „Was ist das für ein elendes Land? Was hat es jemals für mich getan? Warum versucht es, mein Land, das die Japaner zurückgelassen haben, zu verkaufen? Soll das ein Land für das Volk sein?“ „Warte doch, die Regierung wird schon dafür sorgen, dass dir kein Unrecht geschieht.“ „Vergiss es, ab heute bin ich ein Bürger ohne Land. Verdammt! Das Land muss doch seinen Bürgern etwas bieten, wofür sie dankbar sein können, sodass sie ihm vertrauen und sich ihm verbunden fühlen können! Was ist das für ein Land, das nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit den Bürgern Grund und Boden wegnimmt und verkauft?“ So eine sprachlich modernisierte Version der Erzählung Geschichte des Reisfeldes (1946) von Chae Man-sik (1902-1950). Aus Chaes zahlreichen Werken fiel mir aus heiterem Himmel gerade diese Passage vor dem Chae Man-sik Literaturhaus ein – wahrscheinlich wegen der besonderen Historizität von Gunsan, die mich seit meiner Ankunft verfolgte. Mehr als 200 im Laufe von drei Jahrzehnten verfasste Werke wie Erzählbände, Romane, Theaterstücke, Rezensionen und Essays finden sich im Chae Man-sik Literaturhaus und geben einen tiefen Einblick in die Schaffenswelt des Schriftstellers. Der in Gunsan geborene Autor hatte eine besondere Begabung, die Zeit vor und nach der Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialherrschaft zu satirsieren. In Geschichte eines Reisfeldes, eins von Chaes Hauptwerken, wird der Vater des Protagonisten fälschlicherweise von den Behörden beschuldigt, am Donghak Bauernaufstand (1894) teilgenommen zu haben. Das Werk beginnt mit der Frage „Nimmst du deine Strafe an? Oder willst du deine Felder aufgeben?“. Die Hauptfigur verliert mehr als die Hälfte seiner Reisfelder, die seine Vorfahren im Schweiße ihres Angesichts erworben hatten, und ist nicht zu trösten. Erschöpft von seinem Leben als Pachtbauer, das er nach der Kolonialisierung zu führen gezwungen war, verkauft er sein letztes Stück Land an die Japaner in dem Glauben, es nach der Befreiung zurückzubekommen. Als es schließlich soweit ist, wird das Land jedoch von der koreanischen Regierung beschlagnahmt und verkauft, sodass es für immer verloren ist. Für jemanden, dem sein Leben lang das, was ihm gehörte, immer nur weggenommen wurde, ist die Befreiung kein Grund zur Freude. Anhand dieser Figur, die nie ein Land hatte, dass er „mein Land“ nennen konnte, porträtiert Chae eindringlich das Chaos der Übergangszeit sowie Misstrauen und Ressentiments, die die Menschen der Zeit empfunden haben müssen. Diese herausragende Kunstfertigkeit ist wohl einer der Gründe, warum die von Chae Man-sik hinterlassenen Werke als Kulturerbe von Gunsan gelten. Darüber hinaus war Chae einer der wenigen koreanischen Literaten, der wirklich „bereute“, die japanische Macht unterstützt zu haben. Nach der Befreiung veröffentlichte er die Novelle Sünder des Volkes (zwei Teile, erschienen 1948 und 1949), in der er zu seinen pro-japanischen Aktivitäten stand und sie deutlich bereute. Dieser Schlussstrich trug dazu bei, dass seine Werke nicht abgetan wurden, sondern zusammen als Modernes Kulturerbe Gunsans bis heute überlebten. In allen Ecken und Enden Gunsans sind verschiedene Zeitschichten miteinander verwoben: ein untergegangenes Land, die Zeit unter japanischer Kolonialherrschaft, die Neuzeit nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit und die durch Industrialisierung geprägte Moderne. Die Art und Weise, wie sich die alten Zeiten miteinander vermischen und doch unversehrt bleiben, hinterlässt einen einzigartigen Eindruck. Bevor ich zur Gunsan-Bahnstation zurückkehrte, schaute ich kurz bei Jungdong Hotteok vorbei, wo seit sieben Jahrzehnten die aus der chinesischen Qing-Dynastie (1616-1636) stammenden Weizenmehl-Pfannkuchen mit süßer Sirup-Füllung verkauft werden. Meistens werden Hotteok in Öl ausgebraten, aber hier werden sie im Steinofen gebacken, weshalb sie süß, aber nicht fetttriefend sind. Angenehm gesättigt und entspannt lenkte ich meine Schritte in Richtung Bahngleise, um in die Realität zurückzukehren. Dieser in der Geschichte hinterlassene saubere, süße Geschmack: Das war der Geschmack von Gunsan. Auf der 2,5 km langen Strecke der Gyeongam-dong Eisenbahndorf fahren keine Züge mehr. Stattdessen wandern in alte Schuluniformen gekleidete Touristen die von alten Häusern und Läden gesäumten Gleise entlang und erinnern sich an ihre Schulzeit. Bei ihrem Bummel durch die Stadt treffen die Touristen oft auf lyrisch anmutende Wandmalereien, die die sich windenden Gassen schmücken. Während berühmte Touristenattraktionen mit originellen Fotozonen locken, lassen viele der einfachen Wandbilder warme Gefühle aufkommen. Die Chae Man-sik Literaturhaus, das Leben und Werk eines der bedeutendsten koreanischen Schriftsteller des 20. Jh. gewidmet ist, umfasst neben einem Ausstellungsraum, einer Bibliothek und einem audiovisuellen Raum auch noch einen Fußweg zur Erkundung der Literatur und einen Park. Jjamppong, eine scharfe Nudelsuppe, die die chinesische, japanische und koreanische Küche vereint, ist das Spezialgericht von Binhaewon. Dieses chinesische Restaurant befindet sich in einem einzigartigen, für sein altmodisches Flair bekannten Gebäude, das als Modernes Kulturgut gelistet wurde. Es ist auch bekannt als Drehort von The Thieves (2012), einer der erfolgreichsten Streifen in der Geschichte des koreanischen Films. In Jungdong Hotteok werden die süßen Pfannkuchen gebacken und nicht fritiert. Gefüllt mit einer Sirup-Mischung aus Gunsans berühmter Klebgerste, schwarzen Bohnen, schwarzem Reis und schwarzen Sesamkörnern schmecken sie leicht und lecker. Park SangSchriftsteller Fotos Ahn Hong-beom

Jenseits von Vorurteilen und Diskriminierung

Tales of Two Koreas 2021 WINTER 840

Jenseits von Vorurteilen und Diskriminierung Jenseits von Vorurteilen und Diskriminierung Der von Hochschulstudenten moderierte Podcast Sabujak versteht sich als Brücke zwischen den Bürgern aus Nordund Südkorea. Eine Besonderheit des Radiopodcasts ist, dass die Anonymität der Teilnehmer gewahrt bleibt, was die Hemmschwelle der nordkoreanischen Flüchtlinge senkt und es ihnen erleichtert, in ehrlichen Gesprächen auf die südkoreanische Gesellschaft zuzugehen. "Um ehrlich zu sein: Ich komme aus Nordkorea." Das zu sagen, erfordert viel Mut von einem im Süden ansässig gewordenen nordkoreanischen Flüchtling, denn in der südkoreanischen Gesellschaft herrschen immer noch Vorurteile und Diskriminierung. Nach einem 2019 von der National Human Rights Commission of Korea veröffentlichten Bericht zur Verbesserung der Schutzmaßnahmen für nordkoreanische Flüchtlinge gaben 80% der Befragten an, dass sie Distanzierung oder Diskriminierung von Südkoreanern erfahren haben, als ihre Identität als nordkoreanischer Flüchtling bekannt wurde. Sabujak ist ein Radiopodcast, der vor drei Jahren von südkoreanischen Universitätsstudenten ins Leben gerufen wurde, um solche Vorurteile und Diskriminierung zu bekämpfen. Der ungewöhnliche Sendetitel ist eine Abkürzung für „freundliches, leichtes Geplaudere mit nordkoreanischen Freunden“. Die meisten Gäste bei Sabujak bevorzugen Anonymität. Aber einige sind auch einverstanden, unter ihrem echten Namen aufzutreten oder ihr Gesicht zu zeigen. Park Ye-yong, Vorsitzende der Unified Korea Cooperative, erschien in drei Teilen eines vom 11. bis 13. Oktober 2021 ausgestrahlten Programms unter ihrem Spitznamen „Gimchaek Teolgae (Haarkrabbe aus Gimchaek)“. Von links: Sabujak-Mitarbeiterinnen Park Se-ah und Ahn Hye-soo sowie Park Ye-young. © Sabujak INTERESSANTE SPITZNAMEN Eingeladen werden Gäste nordkoreanischer Herkunft, die über das Leben von Flüchtlingen aus dem Norden „unverblümt und schlicht“ erzählen sollen. Hauptziel ist dabei, durch ehrliche Gespräche Vorurteile gegenüber nordkoreanischen Flüchtlingen zu beseitigen und die psychische Distanz zwischen Nord- und Südkoreanern zu verringern. Die Studenten streben eine Gesellschaft an, in der die Reaktion auf den Satz „Ich komme aus Nordkorea“ z. B. einfach „Aja? Ich komme aus Daegu.“ lautet und der Unterschied als selbstverständlich akzeptiert wird. Den Teilnehmern, die aus Sorge um ihre Familie im Norden das Medienrampenlicht meiden, werden Spitznamen gegeben, wie z. B. „Gyeongseong Songi-Beoseot (Königsausternpilz aus Gyeongseong)“ oder „Hyesan Gamja-Bap (Kartoffelreis aus Hyesan)“. Der erste Spitzname kommt daher, dass jemand aus Gyeongseong in der nordkoreanischen Provinz Hamgyeongbuk-do die Pilze aus der dortigen Heimat vermisst, der zweite beruht darauf, dass jemand aus Hyesan in der Provinz Ryanggang-do gerne Kartoffelreis isst. Die Moderatoren nutzen ebenfalls Spitznamen wie „Busan Dwaeji-Gukbap (Schweinefleischsuppe mit Reis aus Busan)“. Das Konzept ermöglicht es den Gästen, ihren Heimatort auf diese Weise bekanntzugeben und offener zu sprechen. Diese Rücksichtnahme macht es einfacher, Teilnehmer zu gewinnen. Denn vor dem Auftritt scheuen sich die meisten Nordkoreaner, ihren Heimatort zu verraten, aber im Laufe des Gesprächs fühlen sie sich bei den Erinnerungen an ihre Heimat glücklich. Für manchen ist der Bildschirm-Auftritt Motivation, sich selbstbewusster im Süden zu geben und offener über seinen Hintergrund zu sprechen. „Die Gäste sagen mir nach der Aufnahme: ‚Bis jetzt war ich bemüht, die Erinnerungen an Nordkorea zu vergessen und zu leugnen, aber durch das Gespräch heute habe ich besser gelernt, das Ich von damals zu akzeptieren.‘ Ich freue ich mich darüber, dass unsere Sendung einen positiven Einfluss hat, auch wenn er klein ist“, sagt Park Sea, die im dritten Jahr in der Abteilung für Erziehungswissenschaften an der Yonsei Universität studiert. Dank ihrer während der Oberschulzeit gemachten Erfahrungen mit der Betreuung nordkoreanischer Flüchtlinge entwickelte sie Interesse an der Thematik und bewarb sich später für die Sendung. Ein weiteres Ziel der Sendung ist, die persönliche Geschichte festzuhalten. Die meisten Gäste sind gewöhnliche Leute. Der Podcast will die Geschichten von Menschen aufzeichnen, die nie die Gelegenheit hatten, im Rampenlicht der Gesellschaft zu stehen. Außerdem will er bewusst machen, dass die Mitglieder der nordkoreanischen Gesellschaft Menschen wie du und ich sind, die ganz gewöhnlich ihren Alltagsgeschäften nachgehen. Politische und religiöse Fragen werden zwar als Gesprächsthemen ausgeschlossen, können aber hin und wieder auf besonderen Wunsch eines Gastes angesprochen werden. DIE ANFÄNGE Der Podcast wurde 2018 von Park Byeong-seon gestartet, der damals Student an der School of Business der Yonsei University war. Derzeit macht er bei der Sendung nicht mit, da er mittlerweile bei einem Beratungsunternehmen arbeitet. Er erklärt: „Begonnen habe ich in der Hoffnung, dass die Südkoreaner Flüchtlingen aus dem Norden freundlicher und ohne Distanz begegnen, wenn sie ihre Geschichten im Podcast hören. Ich dachte, dass wir über Diskriminierung und Vorurteile gegenüber nordkoreanischen Flüchtlingen nicht einfach hinwegsehen sollten, wenn wir wissen, dass sie in unserer Gesellschaft existieren. Also habe ich beschlossen, eine Sendung zu schaffen, die die Geschichten dieser Menschen erzählt, so wie sie sind.“ Nach fünfmonatiger Vorbereitungszeit im Rahmen von Projekt Jieum, einer zum internationalen Hochschulverband Enactus gehörenden Studierendengruppe der Yonsei Universität, wurde Sabujak im August 2018 zum ersten Mal ausgestrahlt. Enactus ist eine international aktive gemeinnützige Organisation, die 1975 vom National Leadership Institute gegründet wurde. Jieum, dessen Name „wahre Freunde“ bedeutet, hat ab August 2020 seine Mitgliederbasis durch einen Zusammenschluss mit mehreren Hochschulen erweitert, darunter die Catholic University, die Universitäten Sogang, Sungshin, Ewha und Chung-Ang sowie die Seoul Nationaluniversität. Sabujak ist bemüht, Einzelheiten zu den aus Nordkorea geflüchteten Gästen so offen wie möglich und ohne Übertreibungen oder Generalisierungen zu präsentieren. Die Podcasts werden im Studio Bombyeot (Frühlingssonne) in der Nähe der Hongik Universität aufgenommen. Das Fotos zeigt Sabujak-Mitglieder im Studio. Von links: Ahn Seong-hyeok, Ahn Hye-soo und Park Se-ah. © Han Sang-mo. Eingeladen werden Gäste nordkoreanischer Herkunft, die über das Leben von Flüchtlingen aus dem Norden „unverblümt und schlicht“ erzählen sollen. Hauptziel ist dabei, durch ehrliche Gespräche Vorurteile gegenüber nordkoreanischen Flüchtlingen zu beseitigen und die psychische Distanz zwischen Nord- und Südkoreanern zu verringern. BESONDERE GÄSTE Derzeit übernehmen abwechselnd neun Studierende in Dreier-Teams die Podcast-Moderation. Es gibt keine feste Rollenverteilung, jeder übernimmt mehrere Aufgaben wie z. B. Besetzung, Moderation, Schnitt oder Produktionsleitung. Aufgezeichnet wird im Studio Bombyeot (Frühlingssonne) in der Nähe der Hongik Universität. Außer in der vorlesungsfreien Zeit wird fast jede Woche an der Produktion gearbeitet. Das Gespräch mit dem eingeladenen Gast wird in drei Teile von jeweils 12 bis 15 Minuten geschnitten und hochgeladen. In Teil 1 geht es um Gerichte und Leben im Heimatort, in Teil 2 um die Flucht aus Nordkorea und in Teil 3 um Einleben und Alltag im Süden. Anfangs konzentrierte man sich noch darauf, die „ungehörten Stimmen“ zu Wort kommen zu lassen, heute wird stärker auf Narrative über die Gemeinschaft zwischen Nord- und Südkoreanern geachtet. Nach dem Casting der Gäste wird der Ablauf der Sendung zwar in Vorgesprächen konzipiert, ein festgelegtes Skript gibt es jedoch nicht. Um eine natürliche Atmosphäre zu schaffen, gibt es im Vorfeld einen Video-Chat mit den Gästen. Die ersten Gäste waren überwiegend Studierende, mit denen die Kontaktaufnahme für die Poduzenten aufgrund des ähnlichen A lters leichter war. Heutzutage ist es jedoch durch Mundpropaganda und höhere Bekanntheit des Podcasts möglich geworden, Gäste unterschiedlicher Altersgruppen zu rekrutieren. Unter ihnen hinterließ ein Geschäftsmann einen tiefen Eindruck beim Team. Schon mit fünfzehn war er als Flüchtlingsschmuggler aktiv und stand auf der landesweiten Fahndungsliste der nordkoreanischen Ministeriums für Staatssicherheit. Im Schutze der Anonymität konnte er seine Geschichte frei erzählen. Ein weiterer beeindruckender Gast war „Gilju Wanja (Maultasche aus Gilju)“. Geboren und aufgewachsen ist der Oberschüler in Gilju, Provinz Hamgyeongbuk-do, wo sich das Atomtestgelände Punggye-ri befindet. 2013 floh der damals Vierzehnjährige aus dem Norden, im Jahr darauf kam er nach Südkorea. In seltenen Fällen traten Gäste auch unter ihrem richtigen Namen auf. Die erste war Kim Jeong-a (aus Cheongjin, Provinz Hamgyeongbuk-do), eine ehemalige nordkoreanische Offizierin. Als sie darüber berichtete, wie sie wegen Konflikten mit ihren Adoptiveltern als „Kkotjebi“ (nordkoreanische Kinder, die ohne festen Wohnsitz auf der Suche nach Essen umherirren) lebte und von ihrem verstorbenen Bruder erzählte, kamen ihr mehrmals die Tränen. Na Min-hui, die als Arbeiterin ins Ausland entsandt wurde und danach nach Südkorea kam, hat ebenfalls eine bemerkenswerte Geschichte. Als Tochter einer wohlhabenden Familie der Pjöngjanger Oberschicht genoss sie ein komfortables Leben und arbeitete in Europa, wo sie harte Währung für das nordkoreanische Regime verdiente. Ju Seong-ha, der jetzt als Reporter für die renommierte Tageszeitung Dong-A Ilbo in Seoul tätig ist, trat ebenfalls mit eigenem Namen auf. Beeindruckend war auch Park Ye-yeong, Vorsitzende der United Korea Cooperative, die sowohl unter ihrem Spitznamen „Gimchaek Teolgae (Haarkrabbe aus Gimchaek)“ als auch unter ihrem Echtnamen zu Gast war. „Frau Parks Worte, mit denen sie uns südkoreanischen Studenten für das Interesse an der Wiedervereinigung und den Podcast dankte, waren eine große Motivation“, erinnert sich Ahn Hyesu, eine Jura-Studentin im vierten Jahr an der Sungshin Women’s University, deren Großvater aus der nordkoreanischen Provinz Hwanghae-do stammt. Sie bewarb sich für das Podcast-Team, weil sie viel über die Sendungen gehört hatte. Seit der dritten, im September 2019 gestarteten Staffel gehören auch aus Nordkorea geflüchtete Studierende zum Team, darunter Ahn Seong-hyeok, ein Politologie-Student im vierten Jahr an der Yonsei Universität, und Park Beom-hwal, ein Sportpädagogik-Student im zweiten Jahr an der Seoul Nationaluniviersität. Ahn flüchtete zusammen mit seinen Eltern aus Cheongjin, Provinz Hamgyeongbuk-do, und kam im Dezember 2011 nach Südkorea. Derzeit ist er der Leiter des Podcasts. „Ich bin dem Team auf Empfehlung eines Freundes beigetreten. Es freut mich sehr von den Gästen zu hören, dass dank unserer Sendung alte Erinnerungen wieder aufleben können, was sonst wegen ihres hektischen Alltags kaum der Fall ist“, sagt Ahn. Das Feedback der Podcast-Hörer ist wichtigstes Kommunikationsmittel. Die Hörer posten Kommentare oder Botschaften auf Instagram. Das Echo ist überwiegend positiv. Einige Hörer schicken sogar „Kartenneuigkeiten“, die sie aus Sendungen der Vorwoche zusammengestellt haben. FÜR EINE ÄNDERUNG DER DENKWEISE Staffel 7 läuft seit August 2021. Eine Staffel entspricht einem Hochschulsemester. Die Miete des Aufnahmestudios und die öffentliche Ausstrahlung wird von Organisationen wie der Wooyang Foundation, dem Cultural Center for Inter-Korean Integration und dem Institute for Higher Education Innovation der Yonsei Universität unterstützt. Früher hatten die Gäste kein Honorar erhalten, aber dank des Sponsoring ist es inzwischen möglich, ihnen einen kleinen Betrag anzubieten. Der Podcast, mit dem jetzt viele nordkoreanische Flüchtlinge vertraut sind, hat bis September 2021 mehr als 200.000 Aufrufe erzielt. Die Zuhörer geben Feedback durch Kommentare oder Instagram DMs. Dank des positiven Echos und Ansporns wachsen Motivation und Mut der ehrenamtlich engagierten Mitglieder. Bislang waren etwa 130 Personen bei Sabujak zu Gast. Im Februar 2021 erschien die Essaysammlung Ich will ein gewöhnliches, aber besonderes Leben führen mit zwölf Geschichten aus der ersten und zweiten Staffel, die die Motivation zur Flucht, den Prozess des Einlebens im Süden und die dabei erlebten Schwierigkeiten thematisiert. Anstelle von stereotypen Vorstellungen über Nordkorea kann man durch das Buch nicht nur Informationen über das Land, sondern auch die tatsächliche Denkweise der Nordkoreaner, ihre Kultur und ihr Essen, ihre Sorgen, ihre zahlreichen Erinnerungen und jahreszeitlichen Bräuche sowie die Ähnlichkeiten und Unterschiede zum Süden vertiefter kennenlernen. Das Produktionsteam von Sabujak sagt, es habe durch die Gespräche mit den Gästen entdeckt, dass die Südkoreaner zur Verallgemeinerungen in Bezug auf die nordkoreanischen Flüchtlinge neigen. Selbst die Teammitglieder dachten anfangs, dass alle Flüchtlinge ähnlich dächten und alle in eine Schublade gesteckt werden könnten. Umgekehrt haben die nordkoreanischen Gäste die südkoreanischen Teammitglieder als Individuen mit charakteristischen Eigenheiten und Besonderheiten betrachtet. Jede Begegnung führte zu allmählichen Änderungen der Einstellung und heute bemüht sich das Team, die Flüchtlinge nicht als eine Gruppe mit einem bestimmten Image zu zeichnen, sondern als Individuen. „Wenn im Unterricht über die Wiedervereinigung der Koreanischen Halbinsel diskutiert wird, sind die Meinungen stark gespalten. Am bedauerlichsten ist, wenn junge Menschen sich gegenseitig als Feinde bezeichnen“, sagt Teamleiter Ahn Seong-hyeok. „Wir möchten die Geschichten der nordkoreanischen Flüchtlinge noch lange weitererzählen, damit unser Podcast als eine gute Brücke zwischen den Menschen aus dem Süden und den Menschen aus dem Norden dienen kann.“ Die Essaysammlung Ich will ein gewöhnliches, aber besonderes Leben führen stellt spezielle nordkoreanische Gerichte anhand von illustrierten Geschichten vor. Zwölf Podcast-Gäste präsentieren das Essen ihres Heimatortes und erzählen über damit zusammenhängende Erfahrungen und Erinnerungen. © Project Jieum Kim Hak-soon Journalist, Gastprofessor, Fakultät für Medien und Kommunikation, Korea University

People

Produktionsdesign erweitert das Narrativ

Interview 2022 SPRING 577

Produktionsdesign erweitert das Narrativ In der Netflix-Hitserie Squid Game wurde die Brutalität des Überlebens um jeden Preis durch die märchenhafte Kulisse deutlich akzentuiert. Mit der Art-Direktorin Chae Kyoung-sun, die dieses einzigartige Raumdesign entwarf, trafen wir uns am Drehort für ihr nächstes Werk, im Goyang Aqua Studio in der Provinz Gyeonggi-do. Bei der 79. Verleihung der Golden Globe Awards im Januar 2022 wurde der südkoreanische Schauspieler O Yeong-su für seine Rolle als Spieler 001 bzw. „Gganbu (sehr enger Freund)“ in der Netflix-Serie Squid Game als bester Nebendarsteller ausgezeichnet. Seit ihrer Premiere im September 2021 wurde diese Serie von 142 Millionen Haushalten gesehen, stand 46 Tage in Folge auf Platz 1 der Netflix-Charts und wurde in wichtigen Kategorien für die Screen Actors Guild (SAG) Awards und Producers Guild of America (PGA) Awards nominiert. Es gibt verschiedene Analysen in Bezug auf das Geheimnis der weltweiten Popularität dieser Serie, aber es ist klar, dass das spektakuläre Set-Design mit seiner neuartigen und zum Teil surrealen Atmosphäre eine wichtige Rolle spielte.Im Gegensatz zu den Kulissen der meisten Filme und Fernsehserien fokussierte Squid Game nicht auf eine realistische Raumdarstellung. Ziel war, mit einer begrenzten, aber kühnen Auswahl an Farben Realität und Fantasie zu verschmelzen. Es ist sehr beeindruckend, wie sehr dieses Produktionsdesign mit Geschichte und Figuren harmoniert und dadurch den dramatischen Effekt erhöht.Chae Kyoung-sun, die Art-Direktorin der Serie, studierte Bühnenkunst an der Sangmyung University und debütierte 2010 mit dem Film Come, Closer von Regisseur Kim Jong-kwan, in dem es um Liebe und Trennung von fünf Paaren geht. In den Jahren darauf arbeitete sie mit Regisseur Hwang Dong-hyuk an einer Reihe von Filmen: Silenced (2011), Miss Granny (2014) und The Fortress (2017). Zu ihren weiteren Filmprojekten gehören Hwayi: A Monster Boy (2013; Regie: Jang Joon-hwan), The Royal Tailor (2014; Regie: Lee Won-suk) und EXIT (2019; Regie: Lee Sang-geun). Stoff, Genre und Regisseur sind zwar unterschiedlich, gemeinsam ist jedoch allen, dass Art-Direktorin Chae den jeweils passenden Raum zur Erweiterung des Narrativs schuf. Kunstdirektorin Chae Kyoung-sun posiert in einem Studio in Goyang, Provinz Gyeonggi-do, neben einem speziellen aquatischen Bühnenbild für ihr nächstes Projekt, die Disney Originalserie Moving. Kims Ansehen als Kunstdirektorin von Squid Game stieg enorm, als diese Netflix Megahitserie eine internationale Sensation wurde. Sie sagt, sie sei unglaublich glücklich über die finanzielle Unterstützung und kreative Freiheit, die sie genießen konnte. Die Serie Squid Game unterscheidet sich stark von den bisherigen Werken Hwangs, für die Sie realistische Räume geschaffen haben. Das wird auch für Sie eine große Herausforderung gewesen sein. Da die Räume nun mal nicht realistisch waren, hatte ich erwartet, dass die Zuschauermeinungen weit auseinandergehen würden. Ich hatte mich innerlich schon auf negative Bewertungen vorbereitet, aber glücklicherweise reagierten viele positiv. Als Art-Direktor hat man nur selten die Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren. Dank des großzügigen Budgets konnte ich die Designs in meinem Kopf umsetzen. Es war ein großes Glück, an diesem Projekt mitwirken zu können. Was war Ihre erste Reaktion auf das Drehbuch? Regisseur Hwang hatte mir schon vor Erhalt des Drehbuchs die Handlungsstränge grob erläutert. Er sagte, er wolle anhand von Spielen aus unserer Kindheit Survival-Szenarien entwickeln und dabei neue visuelle Experimente unternehmen. Und dann meinte er: „Mach, was auch immer du willst.“ Ich kannte zwar den groben Inhalt, aber nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, war ich erst einmal ratlos. Während ich mir dieses und jenes Konzept durch den Kopf gehen ließ, regte sich in mir der Kampfgeist, ein völlig neuartiges Design zu kreieren. Ich beschloss, ein grausames Märchen vor dem Hintergrund eines Raums zu schaffen, der Menschen mittleren Alters in ihre Kindheit zurückversetzt. Auf welches Produktionsdesign haben Sie sich mit Hwang geeinigt? Grob gesehen gab es drei Konzeptlinien. Erstens: Die Welt sollte nicht allzu düster dargestellt werden. Zweitens: Der Kulisse jedes Spiels sollte etwas Einzigartiges anhaften. Das war wichtig, um Verwirrung und Angst der Gamer zu erhöhen, die ja nicht wissen, was für ein Spiel sie in den einzelnen Räumen spielen werden. Außerdem wollten wir die Neugier der Zuschauer anstacheln: Wo wird was für ein Game als Nächstes gespielt? Drittens wollten wir Farben mutig einsetzen. Im Vergleich zu Hollywood-Filmen sind koreanische Filme etwas konservativ bei Farben. Wir wollten diese Einschränkungen abschütteln und Farben kühn verwenden. Allerdings muss man schon zugeben, dass die Farbpalette schon umfangreicher geworden ist, seitdem koreanische Filme in neue Genres wie Science-Fiction vorgestoßen sind. Was waren die Kriterien für die Farbauswahl?Am Anfang haben wir Mint und Pink als Hauptfarben erwogen, also Retrofarben, die für die 1970/80er Jahre stehen. Dazu sagte Kostümdirektorin Cho Sang-kyung: „Lasst uns aufs Ganze gehen und die Wächter in Pink kleiden.“ Für die Trainingsanzüge der Spieler haben wir uns für ein sattes Grün entschieden. In der Serie symbolisiert Pink Unterdrückung und Gewalt, Grün steht für Unterdrücktsein und Verlieren. Die Spieler mussten sich durch Konstruktionen mit pinkfarbenen Decken und Wänden bewegen; der Raum, durch den die Wächter in ihre Unterkünfte zurückkehrten, war in Grün gehalten. Mittels dieser Farben wurden Weltbild und Regeln der Geschichte definiert. Squid Game Spieler durchschreiten ein Treppenlabyrinth. Der Kontrast von brutalen Überlebenskämpfen, die sich vor einem kindhaft anmutenden, in Pastelltönen gehaltenem Hintergrund abspielen, fängt die Paradoxie der kapitalistischen Gesellschaft ein. Die ungewöhnliche Kulisse wurde von den Arbeiten des niederländischen Künstlers Maurits C. Escher inspiriert. © Netflix Wie war es beim ersten Spiel „Rotes Licht, Grünes Licht“? Das Konzept des ersten Spiels ist „echt vs. fake“. Der blaue Himmel im ersten Spiel und die Wand hinter der Younghee-Puppe (Younghee: koreanische Kinderbuchfigur) sind Fakes, aber wer das Spiel nicht besteht, stirbt in echt. Inspiriert von den Gemälden René Magrittes wollten wir einen Raum kreieren, der sowohl die Spielteilnehmer als auch die Zuschauer verwirren kann. Die Idee, dass die Wächter die Spieler überwachen, wurde von der Psychokomödie The Truman Show (1998) beeinflusst. Wie wurde die Younghee-Puppe angefertigt?Die Puppe wurde vom Studio Geppetto für Film-Props und Spezialmakeup hergestellt. Sie ist zehn Meter groß, weshalb Ober- und Unterkörper getrennt transportiert werden mussten. Eigentlich hatte Regisseur Hwang die Kunstabteilung gebeten, zehn Puppen anzufertigen, aber dafür reichte das Budget nicht. Laut des ursprünglichen Szenarios sollte die Puppe aus dem Untergrund auftauchen, was jedoch während der Dreharbeiten geändert wurde. Die Arena für den ersten Wettkampf „Rotes Licht, Grünes Licht“ machte Anlehnungen bei dem belgischen Surrealisten René Magritte. Die Kombination von Realität und Fantasy sorgt für Verwirrung. Die zehn Meter große Puppe Younghee, einer der Publikumslieblinge, wurde vom Spezialeffekte-Team Geppetto hergestellt.© Netflix Grün und Pink, die in allen Episoden von Squid Game zur Anwendung kommen, stehen jeweils für Unterdrücktsein/Verlieren Unterdrückung/Gewalt.© Netflix Der Bau der Murmelspiel-Gassen soll schwierig gewesen sein.Das Gassennetz war eins der kompliziertesten Sets. Auch hier koexistieren Echtes und Unechtes. Regisseur Hwang hatte uns gebeten, eine Sonnenuntergangsszenerie und einen Raum zu schaffen, in dem sogar der Kochgeruch zu riechen ist, den früher in den Gassen spielende Kinder schon erschnupperten, bevor ihre Mütter sie zum Abendessen nach Hause riefen. Mit Ausnahme des Hauses von Großvater Oh Il-nam waren alle anderen Häuser im Grunde als eine Reihe von Eingangstüren gestaltet. Wir wollten dem Raum eine Symbolik geben: Es gibt zwar viele Türen, aber du kannst da nicht durch, weil es nicht dein Haus ist. Wir haben die Eingangstür mit verschiedenen Requisiten wie Türschildern, verbrannten Yeontan-Kohlebriketts und Topfblumen echt wirken lassen, aber nach einem bestimmten Muster: Auf der Seite der Verlierer des Murmelspiels wurden ausgebrannte Kohlebriketts platziert, auf der Seite der Gewinner Blumentöpfe. Wie erzeugen Sie bei Ihren Projekten eine emotionale Wirkung? Für jeden Film verfolge ich einen anderen Ansatz. Ein Art-Direktor sollte grundsätzlich Themen und Charaktere, die der Regisseur behandeln möchte, noch gehaltvoller gestalten. Die Kunst sollte nicht zu sehr herausstechen. Sie muss sich natürlich anfühlen. Deshalb überlege ich mir immer, wie ich ein Drehbuch noch tiefgehender und umfassender analysieren kann als der Regisseur. Wie war es bei dem Film The Fortress, der auf einer wahren historischen Begebenheit beruht? Wir wollten einen bisher am gründlichsten recherchierten Historienfilm über die koreanische Geschichte schaffen, deshalb haben wir mit aller Kraft daran gearbeitet. Wir haben uns bemüht, die isolierte, von Schnee, Kälte und feindlichen Truppen eingeschlossene Festung in ihrer ganzen Erbärmlichkeit zum Leben zu erwecken. Der davor produzierte Film The Royal Tailor von Lee Won-suk ist ebenfalls ein Historienfilm. Hat er Ihre Arbeit an The Fortress beeinflusst?Da der Hauptschauplatz der Geschichte die für die Königsroben verantwortliche Behörde Sanguiwon ist, habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich diesen Raum visuell gestalten soll und die Figuren sich durch den Raum zum Ausdruck bringen lassen. Leider war der Film kommerziell ein Flop. The Fortress schildert die 47 Tage in der Bergfestung Namhansanseong, in der der König und seine Vasallen 1636 vor den Invasoren aus dem chinesischen Qing-Reich Zuflucht suchten. Dank umfangreicher historischer Recherchen gelang es dem Künstlerischen Leiter Chae Kyoung-sun, Schnee, Kälte und Härten der Winterbelagerung erfolgreich zu kombinieren. © CJ ENM Wie war es mit Silenced, der in einer Gehörlosenschule spielt, in der finstere Dinge vor sich gehen?Da es ein Low-Budget-Film war, gab es nur bedingt Spielraum zum Experimentieren. Die einzig neu gebauten Kulissen waren das Schulleiterbüro und der Gerichtssaal. Bei diesem Film war der Nebel wichtig, deshalb wurden die wichtigsten Räume und sogar Korridore und Requisiten in Grautönen gehalten. Im Laufe der ganzen Geschichte war es wichtig, Farben zu unterdrücken statt hervorzuheben. Einzige Ausnahme bildete das Menschenrechtszentrum, wo die von Jung Yu-mi gespielte Protagonistin ihr Büro hatte. Dort haben wir einige Olivtöne zugesetzt, um die Wärme des Raums zu akzentuieren. Als Art-Direktorin musste ich meinen Ehrgeiz zügeln und mich möglichst auf das Narrativ konzentrieren. Die Kulisse von EXIT war distinktiv koreanisch. Am Anfang dachte ich, dass es sich um einen klassischen Katastrophenfilm im Hollywood-Stil handeln würde. Als ich mich dann näher mit Regisseur Lee Sang-geun unterhielt, wurde mir klar, dass es darauf ankommt, einen typisch koreanischen Raum zu schaffen. Deshalb stieg ich auf zahlreiche Flachdächer im ganzen Land und untersuchte ihre Kernmerkmale. Es gibt speziell eine Szene in der zweiten Hälfte des Films, in der die Hauptdarstellerin und der Hauptdarsteller unter Aufbietung all ihrer Kräfte über eine Fußgängerbrücke rennen, um das nächste Gebäude zu erreichen. Hier sind die Gebäude rechts und links von den beiden Schauspielern entscheidend. Die Szene ist zwar nur für einen Moment auf der Leinwand zu sehen, aber ich glaube, sie kommt so rüber, wie ich es mir vorgestellt habe. Regisseur Lee hat die Ideen der Kunstabteilung bereitwillig aufgenommen, und die Kunstabteilung hat sich umgekehrt viele Ideen von Regisseur Lee zunutze gemacht. Es ist ein Film, bei dem der Ideenaustausch bei der Arbeit Spaß gemacht hat. In dieser Szene überquert der für die Hofritualien zuständige Minister Kim Sang-heon (gespielt von Kim Yun-seok) auf seinem Weg zur Festung einen zugefrorenen Fluss.© CJ ENM Zwei der Hauptfiguren in The Fortress sind ideologisch gesehen polare Gegensätze, ein Kontrast, der sich in ihren Kostümen widerspiegelt. Personalminister Minister Myung-gil (gespielt von Lee Byung-hun) plädiert für Kapitulation, um das Königreich und seine Untertanen zu schützen, während Kim Sang-heon argumentiert, man solle sich den Invasoren in einem Entscheidungskampf stellen.© CJ ENM Worum geht es bei Moving, Ihrem aktuellen Projekt?Es ist eine Disney Plus-Originalserie von Regisseur Park In-jae. Vor der Veröffentlichung darf ich keine Details preisgeben, ich kann nur verraten, dass die gleichnamige Webtoon-Serie des beliebten Autors Kang Full zum ersten Mal verfilmt wird. Für mich ist es eine große Herausforderung, den Wandel der Zeiten von den 1980er Jahren bis 2018 in einem Werk darzustellen. Der geborene Fashionist Lee Gong-jin (gespielt von Go Soo) betrachtet die Näharbeit von Cho Dol-seok (gespielt von Han Seok-kyu), der rund 30 Jahre lang königlicher Hofschneider war. Regisseur Lee Won-suks Film The Royal Tailor (2014), der im Joseon-Reich spielt, wartet mit prächtigen Palastroben und Innendekorationen auf.© WOWPLANET KOREA

Experimentieren mit Klängen und Bildern

In Love with Korea 2022 SPRING 582

Experimentieren mit Klängen und Bildern Es ist schwer zu erklären, was dieser junge Franzose macht und worum es bei seiner Kunst geht. Er sagt, er habe sich schon lange dafür interessiert, „alles, was mit Klängen und visueller Kunst zu tun hat, zu integrieren“. Er wählte Korea als sein Studio. Im Gegensatz zu den meisten, schon lange in Korea lebenden Expats begann die Reise von Rémi Klemensiewicz bereits in jungen Jahren. Aufgewachsen in Marseille, hörte er von seinem Vater, der als Professor an einer Kunsthochschule oft Ausstellungen in Asien abhielt, schon früh von Korea und seinen Nachbarländern.Als Klemensiewicz an der Kunsthochschule in Marseille (ESADMM) zu studieren begann, entwickelte er Interesse an Asien und der asiatischen Philosophie. An der Universität freundete er sich mit koreanischen Studenten an und auf Einladung eines dieser Kommilitonen besuchte er 2009, ausgerüstet mit im Selbststudium angeeigneten Koreanischkenntnissen, zum ersten Mal Korea.„Dieser Besuch hinterließ bei mir einen starken Eindruck. Es war eine völlig andere Welt“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, dass es hier Dinge gibt, die mir völlig stimmig erscheinen, sich aber total von allem mir Gewohnten unterscheiden. Und irgendwie passten diese unterschiedlichen Dinge sehr gut zu mir.“Danach verbrachte Klemensiewicz jahrelang die Semesterferien in Korea. Es ist schwer zu erklären, warum, aber für ihn waren diese Reisen völlig „selbstverständlich und natürlich“. Während er Koreanisch paukte und die koreanische Kultur in sich aufnahm, lernte er die experimentelle Kunstszene in Seoul kennen. Außerdem stellte er fest, dass die Koreaner seinen Kunstideen gegenüber sehr aufgeschlossen waren.Zu den Anforderungen seines Studiengangs zählte ein Auslandspraktikum, was ihn natürlicherweise wieder Richtung Seoul blicken ließ. Mithilfe eines koreanischen Freundes seines Vaters konnte er 2011 ein viermonatiges Praktikum bei einer Kunstberatungsfirma machen. Dieser bis dahin längste seiner Aufenthalte wurde zum Anlass, sich für Korea als neue Heimat zu entscheiden. Nach seinem Abschluss sagte er sich: „Ich muss nach Korea, ich muss dort Zeit verbringen und das tun, was ich tun möchte.“ 2013 kam und blieb er. KlangKlemensiewicz wird oft „Klangkünstler“ oder „Intermedia-Künstler“ genannt, aber er selbst bezeichnet sich einfach als „Künstler, der am Klang interessiert ist“. In Korea tief verwurzelt, wandert er zwischen zwei Bereichen hin und her: experimentelle Musik und mit Klang kombinierte visuelle Kunst. Er sagt: „Der Klang ist für mich das zentralste Element. Am meisten interessiert mich das Zusammenbringen dieser beiden Bereiche.“ Die Ergebnisse kommen auf verschiedene Weise zum Ausdruck. Die eine Woche führt er z. B. Musik auf, in der nächsten präsentiert er seine neuesten „Klangskulpturen“ oder Installationen. Dafür komponiert er und tritt in Kollaboration mit einem Choreographen auf.Paradoxerweise erzeugen einige von seinen Werken keinen hörbaren Klang. Viele zeigen einen zerbrochenen Lautsprecher wie z. B. Speaker flag, Korean flag, broken speaker, ein Exponat, bei dem sich in der Mitte der koreanischen Nationalflagge Taegeukgi ein Lautsprecher befindet. Das Werk For interpreters ist ein Video in Gebärdensprache, bei dem sich der Betrachter den Klang selbst vorstellen muss. Es spielt mit der Idee, „Klang ohne Klang auszudrücken“.In den letzten Jahren gab Klemensiewicz an wichtigen Lokalitäten wie dem Nam June Paik Art Center in Yongin, dem National Hangeul Museum und dem National Museum of Modern and Contemporary Art Ausstellungen und Aufführungen. Aber die meiste Zeit arbeitet er in einem kleinen Experimentierraum in der Nähe der Hongik Universität, wo er mit seiner Tätigkeit begann und immer noch lebt.Takeout drawing, eins seiner ersten Projekte in Korea, führte er 2014 im gleichnamigen Café im Stadtviertel Itaewon in Seoul durch. Zwei Monate lang gab er dort täglich improvisierte Solokonzerte und Aufführungen mit Gastkünstlern, manchmal auch nur Proben. Die Konzerte, denen ein fester Rahmen fehlte, verwirrten das Publikum. Sein Kommentar dazu: „Was ich interessant finde, ist das Spiel entlang der Grenzlinie zwischen einem echten Konzert und einer Probe. Das ist eine zweideutige Situation, wo niemand weiß, was los ist.“ Rémi Klemensiewicz, in Marseille geboren und seit 2013 in Seoul ansässig, ist als Klangkünstler oder Intermedia-Künstler bekannt. Er erforscht Möglichkeiten, die Welt der Klänge und die der Bilder zusammenzubringen und den Unterschied zwischen Dasein und Interpretation zu analysieren, wobei er sich frei zwischen Ausstellungen, Live-Performances und Bühnenmusik bewegt. EnigmaKlemensiewicz scheint eine besondere Vorliebe für Paradoxes und Vages zu haben, was nicht nur eine Erklärung für seine Werke liefert, sondern auch die koreanische Sprache und Kultur kennzeichnet, denen sein Interesse gilt. Beispielsweise wird das Honorativsystem des Koreanischen in der Regel als Mittel zur Wahrung einer angemessenen sozialen Distanz zwischen Individuen betrachtet. Doch Klemensiewicz spürt feine Nuancen, vor allem in den Beziehungen zwischen Lernenden und Lehrenden.„Wenn ich mit Schülern und Lehrern zusammen bin, sehe ich, dass die Schüler nicht nur durch die verwendete Sprachebene, sondern auch durch Körperbewegungen und andere subtile Dinge höflichen Respekt ausdrücken“, sagt er. „Trotz der strengen Regeln erscheint mir ihr Verhältnis fast familiär, ganz im Gegensatz zu dem, was ich in Frankreich empfunden habe. Dort sprechen die Schüler die Lehrer zwar mit ihren Vornamen an und reden mit ihnen wie mit Freunden, aber wirkliche Nähe ist dabei selten zu spüren.“Er findet auch bezüglich des äußerlichen Erscheinungsbildes seines Heimatlandes und Koreas ein Paradoxon: Wer Paris und andere Regionen Frankreichs besucht, bewundert die Schönheit, aber Klemensiewicz findet, dass dort Tradition und Spiritualität verloren gegangen sind. In Korea ist seiner Meinung nach das Gegenteil der Fall: „Als ich zum ersten Mal hierher kam, sah ich einen architektonischen Mischmasch. Aber trotz dieser visuellen Verwirrung hatte ich den Eindruck, dass im Geist der Menschen Ordnung herrschte. Wenn ich die beiden Länder vergleiche, herrscht in Frankreich äußere Ordnung, aber inneres Chaos, während Korea den Schein erweckt, dass hier äußeres Chaos herrscht, aber im Inneren Ordnung besteht; auch gibt es eine stärkere Verbindung mit Tradition und Vergangenheit.“Solche Entdeckungen wirkten stimulierend und brachten ihn schließlich dazu, sich in Korea niederzulassen. Aus Visumgründen musste er während der Corona-Pandemie jedoch lange Zeit in Frankreich verbringen. Als er kürzlich zurückkehrte, wurde ihm erneut bewusst, wie subtil sich in Korea Beton und Natur überlappen. Mit der U-Bahn erreicht man die Füße der umliegenden Berge, radelt man die Fahrradwege am Han-Fluss entlang, sieht man in nächster Nähe riesige Hochhauskomplexe. „Das ist toll“, sagt er und lacht. Klemensiewicz bei der Aufführung von Handmixer, eines Teils der Serie Contemporary Non-Music Vol. 11, am 19. November 2019 im Artspace Donquixote, einem Raum der Kunst in Suncheon, Provinz Jeollanam-do. © Artspace Donquixote Lebensunterhalt Während der Corona-Pandemie lebte Klemensiewicz einen Großteil seiner Zeit in Frankreich auf dem Lande und nutzte die Auszeit, um Online-Koreanischkurse für französische YouTube-Nutzer zu erstellen. Was auf Vorschlag eines Freundes zur Ablenkung begonnen hatte, wurde zu einem ernsthaften Unterfangen. Letztendlich verbrachte er mehrere Monate damit, Lektionen zu planen und zu verfassen, darunter eine detaillierte Einführung in das koreanische Alphabet Hangeul.Die Lektionen basieren auf seinen persönlichen Erfahrungen. Klemensiewicz wurde klar, dass für ihn als Klangkünstler ein Großteil seiner Werke finanziell nicht lukrativ ist. Seine Sprachkurse, die Französisch für Koreaner und Koreanisch für Franzosen anbieten, ermöglichten es ihm bislang, gut gemeinte Ratschläge, sich eine reguläre Arbeit zu suchen, zu ignorieren.Er sagt, das Unterrichten sei ein guter Ausgleich und letztendlich mache es ihm Spaß, mit Sprache zu experimentieren. Darüber hinaus schätzt er die visuellen Aspekte von Hangeul hoch und hat sie in seine Kunst einfließen lassen. Das 2018 im Nam June Paik Art Center ausgestellte Werk Sound Word Series präsentierte aus Lautsprechern und Kabeln zusammengesetzte Hangeul-Wörter. Im Rahmen dieser Ausstellung trat er mit Gastmusikern in einem Käfig auf: Sie gaben eine Spontanimprovisation auf dem Klavier, bei der sie nur die vier Töne C, A, G, E nutzten, alle anderen waren stummgeschaltet. Die Kunstkurse sichern Klemensiewic feste Einnahmen und eröffnen ihm gleichzeitig neue Möglichkeiten. Er begann mit Kunstworkshops für Mittelschüler im Nam June Paik Art Center und unterrichtet jetzt regelmäßig Kinder in Klangmaterialien und visuellen Materialien im Hello Museum im Seouler Stadtviertel Seongsu-dong. Daneben gibt er im Paju Typography Institute (PaTI) einen Sound Design-Kurs, was zu einem neuen Projekt führte: einer Kollaboration mit der Korea National Contemporary Dance Company. Interpreted Masks, von Klemensiewicz präsentiert in der Ausstellung Project Hope?, die vom 12.-28. Oktober 2017 im Seouler Kulturkomplex Post Territory Ujeongguk zu sehen war. Die Exponate bestehen aus Papiermasken, Lautsprechern, Kabeln und Klang.© Rémi Klemensiewicz Der Prozess ist wichtigKlemensiewiczs Arbeit ist schwer zu definieren, es gibt aber etwas Konstantes: Alles, was er sieht und hört, fließt in seine Kunst ein. Wenn man das weiß, lässt sich seine fast instinktive Passion für das sich stets im Wandel befindliche Korea etwas besser verstehen.Als er zum ersten Mal nach Korea kam, hatte er eine Schonfrist par excellence: „Ich war glücklich, wenn ich auf dem Boden schlief. Ich war glücklich, weil ich jeden Tag Jajangmyeon (Nudeln mit schwarzer Bohnenpastensoße) essen konnte. Ich war auch dann glücklich, wenn es jeden Tag regnete.“ Im Laufe der Zeit störte ihn aber das, was er „Arbeitsrhythmus“ nennt, d. h. der Umstand, dass Arbeit und Privatleben kaum noch trennbar waren, wenn z. B. abends ein Anruf kam, bis zum nächsten Tag zehn Seiten zu übersetzen. Allerdings gesteht er ein, dass er eh nicht gut darin ist, Arbeit und Freizeit zu trennen, da für ihn die Kunst mit allem zusammenhängt. „Außerdem betrachte ich es nicht als Arbeit, wenn ich Ausstellungen oder Aufführungen gebe, weil ich beides äußerst gerne mache.“Nach neun Jahren in Korea ähnelt Klemensiewiczs Leben dem Entstehungsprozess eines experimentellen Kunstwerks, denn ihm geht es genau wie den Fluxus-Künstlern, die ihn beeinflusst haben, um den Prozess an sich. Daher verwundert es nicht, dass er derzeit völlig vertieft in ein Austauschprojekt ist, das er mit der Choreographin Ro Kyung-ae und seiner Alma Mater durchführt. Seine Aufgabe ist, Musik für hörbehinderte Tänzer zu kreieren und aufzuführen.Mit Zweiunddreißig fragt sich Klemensiewicz: „Kann ich weiterhin so leben? Was ist, wenn keine Ausstellungsaufträge mehr eingehen?“ Er erinnert sich zwar an den Rat, sich eine „anständige“ Arbeitsstelle zu suchen, aber er weiß selbst gut genug, dass er in einem Büro nicht glücklich wäre. „Ich denke, das Risiko lohnt sich“, meint er gelassen.

Neue Art zu lernen

Lifestyle 2021 WINTER 877

Neue Art zu lernen Studycafés sind Orte, wo jeder nach Belieben lernen und sich der kostenlos angebotenen Snacks und Getränke bedienen kann. Gelernt wird allein oder in der Gruppe. Die vor etwa zehn Jahren aufgekommenen Lerncafés erfreuen sich aufgrund der COVID-19-Pandemie zunehmender Beliebtheit. Die ersten Studycafés erschienen vor rund einem Jahrzehnt in großen Städten, seither ist ihre Zahl stetig gewachsen. Die COVID-19-Pandemie führte schließlich zu einem enormen Anstieg, da im Zuge des Lockdowns Bildungseinrichtungen und Büros schlossen, sodass Schüler, Studenten und Erwachsene sichere Räume brauchten, in denen sie Einzel-oder Gruppenarbeiten erledigen konnten. Die Plätze sind mit durchsichtigen Plexiglas-Barrieren voneinander getrennt, um das Gefühl des Isoliertseins zu verringern. © TRISYS Park Jeong-eun studiert im vierten Jahr Politikwissenschaft und internationale Beziehungen an der Inha Universität in Incheon. Sie nutzte häufig die Lesesäle der Universitätsbibliothek, da sie dort leicht Materialien finden oder mit Kommilitonen zusammen lernen konnte, ohne weit gehen zu müssen. Infolge der Corona-Pandemie sind die Türen der Lesesäle jedoch seit 2020 geschlossen. Weil zudem alle Veranstaltungen online stattfanden, ging sie nur noch selten zur Uni. Sie verlegte ihren Lernort in sog. Studycafés in Wohnortnähe. Aber für sie, die an ruhige Lernsäle (sog. „Dokseosil“) oder Bibliotheken gewöhnt war, fühlten sich diese Lernorte recht fremd an. Die meisten Studycafés werden unbemannt betrieben und versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch besondere Angebote zu erhöhen. Viele verfügen über gute Snackbar-Dienste. Einige entwickeln sogar neue Snackbar-Angebote für jede Jahreszeit. © THENEWWAYS „Zuerst fand ich die kleinen Geräusche um mich herum etwas befremdlich. Die Generatoren, die weißes Rauschen erzeugen, oder die Leute, die Kaffee trinkend hin und her gingen, fand ich schon etwas wunderlich. Mit der Zeit habe ich mich aber an die Besonderheiten der Studycafés, in denen man sich freier bewegen und trotzdem gut lernen kann, gewöhnt. Da ich mich jetzt auch besser konzentrieren kann, gehe ich ganz bewusst dorthin. Natürlich wäre es schön, wenn die Bibliothekslesesäle bald wieder öffnen könnten, aber auch dann noch würde ich mit meinen Freunden in Studycafés gehen.“ Die 28-jährige Lee So-mi arbeitet als Content-Designerin für ein ausländisches Unternehmen im Seouler Stadtbezirk Mapo-gu. Seit der Corona-Pandemie verbrachte sie deutlich mehr Zeit im Home-Office, aber in den Räumen zu arbeiten, in denen sie mit ihrer Familie lebt, war nicht nur ungewohnt, sondern auch zu unbequem, um effektiv zu sein. Einige Monate lang ging sie in normale Cafés, aber dort nur ein Getränk zu bestellen und den Tisch lange zu besetzen war ihr manchmal peinlich. Zudem fand sie an Tagen, an denen eine Videokonferenz anstand, nur schwer ein geeignetes Café. Für Lee waren Studycafés daher eine neue Welt. Dort konnte sie in Ruhe arbeiten und Online-Besprechungen bedenkenlos in einem Einzelarbeitsraum führen. Der günstige Preis und die Möglichkeit, pro Nutzung zahlen zu können, war für die Designerin mit unregelmäßigen Arbeitszeiten ein großer Vorteil. SCHLAGARTIGE ZUNAHME In Korea gibt es in allen Stadtvierteln mit hohem Publikumsverkehr an jeder Ecke Convenience Stores, Cafés und Studycafés. Als die Studycafés aufkamen, wurden sie überwiegend von Teenagern ab dem Mittelschulalter bis hin zu Twens, die sich auf die Stellensuche vorbereiteten, frequentiert, aber heute, wo sie überall zu finden sind, ist die Altersgruppe breiter gestreut.Gewerbliche Einrichtungen einschließlich herkömmlicher Cafés wurden zwar hart von der Corona-Krise getroffen, aber durch die Schließung von öffentlichen und universitären Bibliotheken sowie den Anstieg der Home office-Arbeit florierten die Studycafés. Das führte im Zuge der Verschärfung der Maßnahmen zur sozialen Distanzierung dazu, dass die Menschen des sich in den immer in den selben Räumlichkeiten abspielenden Alltags müde wurden und in Studycafés nach Abwechslung suchten.Studycafés werden unbemannt betrieben, d. h., Betreten und Verlassen der Räume, Verwaltung der aufgeladenen Geldsumme bzw. der Punkte für Bezahlen, Platzwechsel usw. werden im Einklang mit der kontaktlosen Konsumkultur am Automaten erledigt. Nach Temperaturmessung und Zutrittskontrolle öffnet sich die Eingangstür automatisch. Der gewünschte Platz kann für die bezahlte Zeit genutzt werden, Snacks und Getränke stehen meist kostenlos zur Verfügung. Manchmal gibt es auch Multifunktionsgeräte zum Kopieren und Drucken sowie gemeinsame „Study-Rooms“ für Besprechungen mit mehreren Teilnehmern.Die meisten Plätze befinden sich an einem für jedermann zugänglichen Tisch mit niedrigen Abtrennungen. Es ist zwar schwierig, einen verstohlenen Blick auf das Buch des Nachbarn zu werfen, völlig abgeschnitten ist man aber auch nicht. Hier und da gibt es einzelne kleinere Tische zur Alleinnutzung, schmale, vor Caféfenstern übliche hohe Hocker oder Räume, wo man die Tür hinter sich zumachen und in Ruhe alleine lernen kann. Für Laptop-Nutzer gibt es eine sog. „Laptop-Zone“, wo man nach Herzenslust in die Tasten hauen kann. Praktisch ist auch, dass Nutzungszeit und -gebühr frei wählbar sind. Das Angebot reicht von zwei Stunden bis 150 Stunden, auch Monatspauschalen gibt es.Mit der Nachfrage stieg auch das Angebot. Kim Sin-ae eröffnete ihr Keep On Studycafé in der Provinz Gyeonggi-do im Februar 2021, als die Corona-Pandemie in vollem Gange war. Ihr Studycafé war damals das einzige in der Nachbarschaft. Innerhalb nur eines halben Jahres schossen dann jedoch in fünf Gehminuten Entfernung weitere Lerncafés wie Pilze aus dem Boden, sodass heute über zehn miteinander konkurrieren.„Pro Monat wird mindestens eins eröffnet. Ich denke, der Markt ist zwar schon gesättigt, aber der Trend wird vermutlich auch in naher Zukunft noch an halten. Selbst nach der Pandemie dürfte die hohe Nutzungsrate aufrechtzuerhalten sein. Es wird immer Studierende geben und die Studycafés sind attraktiv genug, um sie anzulocken. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, muss aber jedes Café seinen speziellen Charakter unterstreichen“, sagt Kim.Diese Prognose basiert auf Kims 16-jähriger Erfahrung mit der Führung eines Hagwon (privates Lerninstitut) im Seouler Stadtteil Mapo-gu. Als im Zuge der Corona-Pandemie der Umsatz ihres Hagwon dermaßen einbrach, dass sie schließen musste, beschloss sie, es mit einem Studycafé zu versuchen. Ein Studycafé hat einen ähnlichen Charakter wie ein Hagwon, da beide Orte zum Lernen anbieten.„Während der Betrieb eines Hagwon wegen des persönlichen Kontakts mental anstrengend ist, ist ein Studycafé körperlich belastender. Da die Interaktion mit der Kundschaft meist kontaktlos erfolgt, hat man viel weniger Stress. Bis zur Einführung der Sperrstunde ab 22.00 Uhr war rund um die Uhr geöffnet, sodass wir uns morgens und abends um Putzen, Auffüllen von Getränkeautomaten und Kaffeewagen usw. kümmern mussten. Jetzt, wo wir um 22.00 Uhr schließen, wird direkt danach aufgeräumt. Da Hygiene zurzeit ein heißes Thema ist, muss entsprechend stärker auf Sauberkeit geachtet werden. Ob die Besucher die persönlichen Schutzmaßnahmen in den Räumen einhalten, wird per Überwachungskamera ständig streng geprüft. Auch wenn es unbemannt betrieben wird, hängt die Qualität des Cafés davon ab, wie viel Mühe sich der Betreiber gibt.“ Mit dem Anstieg automatisierter Systeme erlebten die Studycafés mit ihren niedrigen Personalkosten und einfacher Verwaltung als neues Produkt auf dem Gründungsmarkt einen kometenhaften Aufstieg. „Die Studycafés, deren Zahl seit letztem Jahr stark zugenommen hat, gelten als gutes Geschäftskonzept, da die Arbeitsintensität gering, das Personalkosten-Sparpotential hoch und die Nachfrage stabil ist. Besonders die durch den Einsatz automatisierter Systeme vereinfachte Verwaltung macht sie bei den Geschäftsinhabern beliebt“, sagt Yoon Hyeong-joon, CEO von Trisys und Betreiber des Franchises der Keep On Studycafés. Tatsächlich bestätigt Filialleiterin Kim Sin-ae: „Der Umsatz ist zwar seit Einführung der 22.00 Uhr Sperrstunde stark zurückgegangen, aber als wir sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet hatten, lag der Umsatz über dem meines Hagwon. Ich glaube, es war die richtige Entscheidung, den Geschäftszweig zu wechseln.“ VERÄNDERUNG DER LERNKULTURDie Verbreitung von Studycafés ist gewiss nicht nur auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. Ein Blick auf die allmähliche Veränderung der koreanischen Lernkultur lässt den Boom besser verstehen.Ein Ort, an dem jeder Koreaner über Dreißig in seiner Schulzeit bestimmt schon mal gelernt hat, ist das sog. „Dokseosil“, ein Saal zum Lernen mit durch Trennwände abgeschotteten Plätzen. Während die in jedem Viertel vorhandenen Dokseosil privat betrieben werden, sind Bibliotheken öffentliche Lernorte. Wie in den Dokseosil herrscht auch in den Lesesälen der Bibliotheken absolute Ruhe, sodass sogar schon das Öffnen und Schließen der Tür als störend empfunden wird. Tatsächlich antworteten bei einer 2012 an der Chonnam Nationaluniversität durchgeführten Umfrage über Reaktionen auf Lärm in den Lesesälen der Universitätsbibliothek nur 1,7% der insgesamt 120 befragten Studierenden, er mache ihnen nichts aus. Mehr als ein Drittel gab an, er führe zu Blutdruckanstieg und sogar zu Verdauungs- und Schlafstörungen.Dies ist eine Hinterlassenschaft der lange von Auswendiglernen geprägten Lernkultur Koreas. Im Joseon-Reich (1392-1910) zogen sich junge konfuzianische Gelehrte in Einsiedeleien tief in den Bergen zurück, um für die staatliche Beamtenprüfung zu lernen. Heute schauen sich Studierende, Beamte und Arbeitssuchende nach für sie optimalen Orten zum Lernen um. Nicht wenige entscheiden sich sogar für ein „Gosichon“, ein Viertel mit kleinen Einzimmerwohnungen für Lernende, um sich aufs Pauken zu konzentrieren.Mit Beginn der 2010er Jahre änderten sich die Lehr- und Lernmethoden allmählich. An den Hochschulen sank der Stellenwert der Zwischen- und Abschlussklausuren zugunsten von mehr Gruppenarbeit. Statt auswendig gelernter Zahlen und Fakten gewann der Prozess der kritischen Problemauslegung und -lösung an Bedeutung, was neben Orten zum ruhigen Auswendiglernen auch Räume zum Austauschen und Diskutieren erforderte. So gesehen sind Studycafés mit ihrer Geräuschkulisse, die entspannteres, freieres Lernen ermöglicht, eine natürliche Entwicklung. Die Nutzer kaufen vor dem Betreten an einem Kiosk eine bestimmte Nutzungszeit. Sie können sich an einen freien Platz setzen oder die Zone mit Plexiglas-Abschirmungen zwischen den Plätzen nutzen. An den meisten Tischen gibt es Stromanschlüsse für die Geräte der Kunden. ©INGStroy Inc.   IDEALER ORT ZUM LERNEN Mit diesem Trend blühten auch herkömmliche Cafés auf. Es entstanden sogar Neologismen wie „Ca-Gong-Jok“ (Café + Gongbu + Jok, dt.: Café + Lernen + Volk) und „Coffice“ (Coffee + Office) für diejenigen, die in Cafés lernen oder arbeiten.Im Vergleich zu Cafés, in denen eine sehr offene Atmosphäre herrscht und der Getränkeverkauf die Hauptumsatz quelle ist, findet sich in Studycafés eine angemessene Balance zwischen herkömmlichen Cafés und Dokseosil. Repräsentativ für diese Besonderheit sind die Generatoren für weißes Rauschen, wobei die durch die Lautsprecher fließenden weißen Rauschtöne nicht nur konzentrationsfördernd, sondern auch Aushängeschild für die größere Ungezwungenheit der Studycafés sind.Die Studycafés werden aber nicht nur von jungen Leuten besucht, sondern von Menschen verschiedener Altersgruppen. Geschäftsführerin Kim sagt: „Natürlich sind die meisten Studierende und Angestellte, es kommen aber auch viele Ältere. Die Altersgruppen, die für die persönliche Weiterentwicklung oder den Erwerb von Qualifikationen lernen, sind bunter geworden. Durch das Betreiben des Studycafés hat sich meine veraltete Vorstellung, dass nur junge Leute lernen, geändert.“ Zur Ankurbelung des Essensverkaufs entwickeln manche Studycafés eigene Menüs, in Schulnähe gelegene bieten kostenfreie Snacks und Getränke an. ©TRISYS

Ein Leben voller Wunder

In Love with Korea 2021 WINTER 846

Ein Leben voller Wunder Der katholische Priester Kim Ha-jong, 1957 als Vincenzo Bordo im italienischen Piansano geboren, kam 1990 nach Korea und widmet sich seitdem einem Leben im Dienste der Armen. In den letzten 30 Jahren war eine Schürze eine so gut wie tagtägliche Notwendigkeit für Pater Kim Ha-jong. Im spartanischen Büro der Suppenküche Anna’s House in Seongnam, Provinz Gyeonggi-do, hängt ein Bild von Kim Sou-hwan, dem einstigen Erzbischof von Seoul, der von den 1970er bis in die 1980er Jahre die koreanische Demokratiebewegung gegen die Militärdiktatur an vorderster Front anführte. Während die COVID-19-Pandemie die Welt weiterhin bedroht, verbreitet Pater Kim Ha-jong leise eine ganz andere Art von Virus.Er definiert „Teilen“ als ein „Virus“, das Menschen mit hochansteckenden viralen Glücksgefühlen infiziert. In Anna’s House, dem von ihm betriebenen Sozialzentrum in der Seouler Satellitenstadt Seongnam, hilft er seinen Nächsten auf verschiedene Art und Weise. Seit Anfang 2020, als die Pandemie in Korea ausbrach, ist eine der direktesten Hilfen die tägliche Zubereitung von Hunderten von Lunchboxen für Arme und Obdachlose.Seine erste Suppenküche eröffnete Pater Kim Jahre vor der Corona-Pandemie. Die meisten Suppenküchen schlossen mit Inkrafttreten der Beschränkungen hinsichtlich Essen in Innenräumen, aber Pater Kim machte unbeirrt weiter. „Eine Suppenküche kann man nicht einfach schließen, da Mägen keine Ferien machen. Siebzig Prozent derjenigen, die hierher kommen, essen nur eine Mahlzeit pro Tag. Wenn wir ihnen nichts geben, müssen sie hungern“, sagt er. KOSTENLOSE LUNCHBOXENDie Umstellung auf Lunchboxen war nicht leicht. Sie erforderte eine andere Betriebsweise und wegen der Verpackungen entstanden höhere Kosten, mal ganz abgesehen von den coronabedingten Gesundheitsrisiken für alle Beteiligten. Seit Januar 2020 jedoch packt Anna’s House mit Genehmigung der Stadtbehörden ohne größere Probleme täglich etwa 650 bis 750 Lunchpakete ab.Pater Kim empfindet es als Wunder, jeden Tag Bedürftige speisen zu können. Er erinnert sich daran, dass an einem Tag kaum noch Reis übrig war: „Wir verbrauchen tagtäglich 160 kg Reis. Damals gab es nur noch Reis für zwei Tage. Ich machte mir Sorgen, aber der Koch sagte: ,Jesus wird uns welchen schicken.‘ Am nächsten Tag standen hundert Sack Reis vor der Tür.“ Auf diese Weise spenden Menschen Lebensmittel, Geld, Kleidung, Masken und manches mehr. Viele opfern ihre Zeit, um beim Speisezubereiten, Verpacken, Putzen und Anweisen der für die Lunchboxen Schlange Stehenden zu helfen. Unter den Freiwilligen, die aus allen Gesellschaftsschichten kommen, sind nicht nur Katholiken, sondern auch buddhistische Mönche und Muslime, bekannte Persönlichkeiten, Büroangestellte und Studenten. Es gibt sogar einen Hund namens Louis Vuitton, der die Leute zum Lächeln bringt.Für die Lunchboxen, die um 15.00 Uhr verteilt werden, kommen die Hilfsbedürftigen aus allen Ecken von Seongnam und sogar aus Seoul. Bei der Übergabe wird jeder einzelne von Pater Kim und den Freiwilligen begrüßt: „Willkommen. Wir lieben dich.“ „Es stimmt, dass wir wegen der Pandemie eine schwere Zeit durchmachen. Aber hier bei uns ist es auch eine Zeit, um das Virus der Liebe und des Teilens zu verbreiten. Es ist eine andere Art, die Pandemie zu durchleben, eine wirklich schöne Art“, erklärt Pater Kim. ENGAGEMENT FÜR BEDÜRFTIGEBereits vor seinem Gymnasialabschluss hatte Vincenzo Bordo, der spätere Pater Kim, beschlossen, Priester zu werden. Nachdem er sein Studium der Orientalischen Philosophie und Religionswissenschaft abgeschlossen hatte, trat er in den Missionsorden Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria ein, dessen Schwerpunkt auf dem Dienst an den Armen liegt. Sein Interesse an Asien führte ihn nach Korea und kurz nach seiner Ankunft im Mai 1990 begann er, mit einer Nonne zusammenzuarbeiten, die sich um bedürftige Familien kümmerte.In seinem 2020 veröffentlichten Buch Ein Moment der Angst, Wunder jeden Tag erinnert sich Pater Kim an einen Wendepunkt im Jahr 1992. Er lernte einen halb gelähmten Mann in seinen Fünfzigern kennen, der allein in einer von Schimmel befallenen Tiefparterrewohnung lebte und darauf angewiesen war, dass ihm die Nachbarn Essen vorbeibrachten. Nachdem sich Pater Kim mit ihm unterhalten und das Zimmer sauber gemacht hatte, umarmte er den Mann mit dessen Erlaubnis, wobei ihm ein solch fauliger Gestank in die Nase stieg, dass er würgen musste. Gleichzeitig ergriff ihn aber ein Gefühl unbeschreiblichen Glücks und Friedens.Pater Kim wurde bewusst, dass viele Menschen vom Sozialhilfesystem ausgeschlossen waren, weshalb er im Jahr darauf eine Küche für Bedürftige einrichtete. Korea war damals noch ein anderes Land. Er erinnert sich: „Die Leute fragten mich, warum ich Obdachlosen helfe. Sie sagten mir, ich solle das lassen, da sie eh Alkoholiker seien, die nur Ärger machen. So ist das heute nicht mehr. Die koreanische Gesellschaft hat sich wirklich stark verändert.“ Infolge der Asienkriese 1997 verloren viele ihre Existenzgrundlage und wurden obdachlos. Im Folgejahr richtete Pater Kim mit Hilfe eines Wohltäters, dessen Mutter Anna hieß, eine Suppenküche ein, daher der Name „ Annas Haus“. Er begann, tagtäglich außer sonntags kostenlose Mahlzeiten anzubieten.Viele Jahre wurde die Suppenküche in Räumlichkeiten betrieben, die von der Seongnam Kirche zur Verfügung gestellt wurden. 2018 mussten sie jedoch geräumt werden. Als der Termin näher rückte, wuchs Pater Kims Beklommenheit. Die Beamten der Stadt Seongnam wiesen ihn darauf hin, dass die Baubeschränkungen für das Grüngürtelgebiet auf der Straßenseite gegenüber aufgehoben würden und er dort neue Räumlichkeiten bauen lassen könne. Das war aber keine machbare Lösung, da ihm das Geld für den Kauf des Grundstücks fehlte. „Ich fragte mich, ob das wirklich das Ende sei“, sagt er. „Ich dachte, ich müsste jetzt wirklich aufhören und in Rente gehen.“ EIN NEUES ZUHAUSEHilfe kam in Form einer Interviewanfrage. Nach einigem Zögern erklärte sich Pater Kim zu einem Gespräch mit einer – wie er glaubte – Lokalzeitung bereit. Das Interview war jedoch mit dem nationalen Fernsehsender KBS und zwar für dessen beliebte Sendung Ingan Geukjang (Theater der Menschen). Nach der Ausstrahlung des Beitrags über Pater Kim „geschah ein weiteres Wunder“: Es brach eine Spendenflut herein, die sich schnell auf 1,2 Mrd. Won belief – genug, um das Grundstück zu kaufen. Pater Kim sagt, dass es die Liebe ist, die ihm die Energie verleiht, den Armen in einem Land zu dienen, das ihm einst fremd war, aber jetzt zur Heimat geworden ist. Jedesmal, wenn er völlig am Ende war, erschien jemand, um Anna’s House vor dem Schließen zu retten. Diese Timing ist seiner Meinung nach der Kraft der Liebe zu verdanken. Anna’s House öffnete 2018 seine Türen in einem neuen Gebäude. Auch wenn die Suppenküche nach wie vor sein Hauptanliegen war, führten Pater Kims Bemühungen zu einer umfangreichen Liste weiterer, auf Wochenbasis angebotener Dienste wie z. B. medizinische Versorgung, Unterstützung für Wiedereingliederung in die Gesellschaft, Rechtsbeistand und geisteswissenschaftliche Kurse. Weitere Hilfsangebote sind ein Unterschlupf für Obdachlose, Senioren und jugendliche Ausreißer, eine Wohngemeinschaft für Jugendliche sowie ein Hilfsprogramm für Ausreißer und andere schutzbedürftige junge Menschen.Vor COVID-19 gab es im Rahmen des Outreach-Programms AJIT (Abkürzung für „Aideuleul jikineun Teureok“, wörtlich: Kinder schützender LKW) allabendlich Treffen mit zahlreichen auf den Straßen herumstreifenden Mädchen und Jungen. Die Pandemie brachte zwar viele Aktivitäten zum Erliegen, aber auch heute noch ist Pater Kim ab und zu auf AJIT-Tour, jetzt aber mit einem Bus. „Ajit“ (bzw. Ajiteu) bedeutet soviel wie „Treffpunkt“ oder „Unterschlupf“.„Wir wollen Hoffnung geben, wollen Samen der Hoffnung in die Herzen der Menschen pflanzen. Aus den Samen können große Bäume werden, es können aber auch taube Samen sein. Aber wir sind dazu berufen, alles in unserer Macht Stehende zu tun“, sagt er. „Eine Suppenküche kann man nicht schließen, da Mägen keine Ferien machen. Siebzig Prozent derjenigen, die hierherkommen, essen nur eine Mahlzeit pro Tag. Wenn wir ihnen nichts geben, müssen sie hungern.“ DIENER GOTTESSeit 30 Jahren bindet sich Pater Kim fast jeden Tag eine Kochschürze um. Aber sonntags tauscht er sie gegen Fahrradbekleidung aus, um an den Ufern des Han-Flusses entlang zu radeln und kostbare Momente der Entspannung zu genießen. Auch wenn immer wieder wunderbare Dinge passieren, so ist es doch psychisch anstrengend, sich Tag für Tag so intensiv um andere zu kümmern, ganz abgesehen von der körperlichen Erschöpfung. Als er eines Tages bemerkte, dass sein Herz schneller als normal schlug, ging er zum Arzt, der ihm erklärte, es sei stressbedingt. Für eine Weile musste er auf seinen morgendlichen Espresso, und damit auf sein einziges, noch beibehaltenes italienisches Ritual, verzichten.Was ist für ihn die Belohnung all seiner harten Mühen, seines Gebens? „Die Arbeit mit den Armen macht mich glücklich. Für mich ist das keine Arbeit. Meine Mission, mein Leben hier besteht darin, diese Menschen willkommen zu heißen, sie zu lieben und ihnen zu helfen“, sagt er. Diese Mission spiegelt sich in seinem koreanischen Namen Ha-jong wider, der „Gottes Diener“ bedeutet. Sein Nachname Kim ist eine Hommage an den Heiligen Andreas Kim Taegon (1821-1846), den ersten in Korea geborenen römisch-katholischen Priester, der während der Joseon-Zeit (1392-1910) wegen seines Glaubens hingerichtet und 1984 zusammen mit anderen koreanischen Märtyrern heiliggesprochen wurde. Die Bemühungen von Pater Kim blieben nicht unbeachtet. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den renommierten Ho-Am Preis im Jahr 2014. Auf die Frage, welche Ehrung ihm am meisten bedeutet, strahlt er und erzählt über eine Gruppe Kindergartenkinder, die ihm jüngst ein Bündel abgenutzter 1.000-Won Scheine überreichten, die sie gespart hatten. Eine andere Anerkennung, über die er sich besonders freute, ist die ihm 2015 per Präsidentenerlass verliehene koreanische Staatsbürgerschaft. Schon lange vor seiner Einbürgerung hatte er beschlossen, für immer in Korea zu bleiben; er unterschrieb sogar die Zustimmung zur postmortalen Organspende.„Ich bin Koreaner, kein Ausländer“, sagt er. „Wenn man sich verliebt, gibt es keinen Grund dafür.“ Täglich um 13.00 Uhr versammeln sich Freiwillige im Kellergeschoss von Anna’s House, um Lunchboxen vorzubereiten. Das Einpacken von Reis, Beilagen, Suppe, Brot, Konserven etc. muss schnell gehen. Pater Kim (ganz rechts) hilft stets mit. Ab 15.00 Uhr verteilen Pater Kim und seine Helfer die Lunchboxen an Obdachlose, die vor der Seongnam Kathedrale gegenüber von Anna’s House Schlange stehen. In zwei Stunden werden über 700 Esspakete ausgeteilt

Nur per Hand gefertigt

Interview 2021 WINTER 847

Nur per Hand gefertigt In kompletter Handarbeit hergestellt, vermitteln die Arbeiten von Metallkunsthandwerker Sim Hyun-seok eine warme emotionale Note und die besonnene Ästhetik des Meisters. Mit dem Geanken, dass handgefertigte Waren das Leben bereichern, führt Sim Tag für Tag zu bestimmten Zeiten bestimmte Arbeitsschritte aus. Metallschmied Sim Hyun-seok in seinem Studio in Gapyeong, Provinz Gyeonggi-do. Die meisten seiner Arbeiten sind Variationen ganz gewöhnlicher. Er entwickelt zunächst Lösungen für seine eigenen Bedürfnisse und dann setzt das überzeugendste seiner Experimente in Kunst um. Metallkunsthandwerker Sim Hyunseok verlegte vor ein paar Jahren seine Werkstatt und sein Haus nach Gapyeong in der Provinz Gyeonggi-do. Diese Entscheidung spiegelt seinen langgehegten Wunsch wider, sein Leben mit dem Bestellen von Feldern und dem Kultivieren von Blumen verbringen zu wollen. Bis dahin verbrachte er die meiste Zeit in der Werkstatt seiner Lehrerin im Bezirk Hwagok-dong in Seoul. Er hat gute 26 Jahre Lehrzeit hinter sich. Für die junge Generation, die großes Gewicht auf Freizeit und Privatleben legt, mag das wohl nur schwer verständlich sein. Die Lehrjahre blieben in Sim, der jahrelang tagtäglich mit der Geisteshaltung eines „Lehrlings“ arbeitete, in Form einer Gewissenhaftigkeit und Geduld zurück, die ihn auch heute noch jeden Arbeitsschritt so akzeptieren lassen, wie er ist. Angefangen von der Pinhole Camera, für die er sogar die kleinsten Komponenten selbst herstellte, bis hin zu Schmuckstücken und Alltagsbedarf sind alle seine Werke Gegenstände, die die Menschen im Alltag gebrauchen.Nach seinem Kunsthandwerk-Studium an der Konkuk Universität absolvierte er am Nova Scotia College of Art and Design in Kanada ein Kunsthandwerk-Aufbaustudium und anschließend ein Masterstudium in Kunst. 2015 wurde er zum „Metallkunsthandwerker des Jahres“ gewählt. Diese Auszeichnung wird vom Yoolizzy Craft Museum organisiert, das von Yoo Lizzy (1945-2013), der Pionierin des modernen koreanischen Metallkunsthandwerks, gegründet wurde und von der Korea Zinc Co., Ltd. gesponsert wird. Es folgten eine Reihe weiterer Ausstellungen in prominenten Galerien und Einrichtungen im In- und Ausland, durch die Sim seinen Ruf als Künstler von großem handwerklichen Können und einer faszinierenden, originären Kunstwelt festigen konnte. Aus welchem Grund verwenden Sie v. a. Silber? Was macht es als Material so attraktiv?Im Joseon-Reich (1392-1910) wurden am Königshof Silberlöffel verwendet, um festzustellen, ob die servierten Speisen nicht vielleicht schädliche Giftstoffe enthielten. Denn Silber färbt sich schwarz, wenn es mit gifthaltigen Substanzen in Kontakt kommt. Das bedeutet, dass Silber schädliche Stoffe leicht aufnimmt. Daher lege ich Silberstücke in den Wasserbehälter. So bleibt das Wasser frisch und die Qualität verbessert sich. Weil Silber waren teuer sind, bewahren viele Leute sie in Vitrinenschränken auf, aber dann verfärben sie sich. Nur wenn man sie jeden Tag benutzt, behalten sie ihre Farbe.Silber wird aufgrund seiner weichen Beschaffenheit oft für ein schwer zu bearbeitendes Material gehalten, aber das ist nicht unbedingt der Fall. Zum Beispiel besteht das für Metallkunsthandwerk verwendete Sterlingsilber zu 92,5% aus Silber und 7,5% Kupfer, was es hochstabil macht. Es ist auch erschwinglicher. Woran arbeiten Sie derzeit? Ich fertige beständig Schmuckstücke wie Broschen in Hundeform und arbeite auch an geometrischen Werken. Nur wenn ich zwischendurch etwas tue, das mir Spaß macht, kann ich weiter an elaborierten Stücken von hoher künstlerischer Ästhetik arbeiten. Es geht ums Ausbalancieren.Zurzeit stelle ich Besteck aus Edelstahl her. Edelstahl ist ein hervorragendes Material für die Herstellung von Geschirr und Besteck. Dieser Werkstoff besitzt eine unvergleichbar hohe Härte und verfärbt sich im Gegensatz zu Silber, Messing oder Rotkupfer nicht. Dafür ist Edelstahl schwer zu handhaben. Er muss beispielsweise geschweißt statt gelötet werden und einige Teile verlangen industrielle Bearbeitungsprozesse, die eine private Werkstatt nicht ausführen kann. Daher zerbreche ich mir gerade den Kopf darüber, ob ich meine üblichen Methoden anwenden kann und wenn ja, wie. Geometrische Accessoires. Für gewöhnlich verwendet Sim Sterlingsilber, aber neuerdings gebraucht er auch Edelstahl. Mit freundlicher Genehmigung von Sim Hyun-seok Niedliche, verspielte Accessoires. Der Künstler ist bemüht, seine Tätigkeiten stärker auszubalancieren, weshalb er zwischen Akribie- und Ästhetikorientierten Projekten einerseits und lustigverspielteren Experimenten andererseits wechselt. Mit freundlicher Genehmigung von Sim Hyun-seok Sims repräsentativstes Werk ist eine voll funktionstüchtige silberne Lochkamera, deren Bestandteile alle handgefertigt sind, seien es Gehäuse oder Zahnräder. Für eine einzige Lochkamera brauchte er einige Monate. Mit freundlicher Genehmigung von Sim Hyun-seok Was meinen Sie mit „meine üblichen Methoden“? Damit meine ich, dass der gesamten Prozess von Anfang bis Ende mit meinen eigenen Händen ausgeführt wird. Mir ist der Umfang dessen, was mir möglich ist, durchaus bewusst, und ich bemühe mich immer, meinen Fähigkeiten und Grenzen gerechte Ergebnisse zu erbringen. In der Regel ist es überaus herausfordernd, Objekte herzustellen, die dermaßen klein sind, dass sie gerade mal in eine Handfläche passen, aber ich will in der Herstellung gerade solcher Werke gut sein und auch noch besser werden. Wie ist Pinhole Camera, eins Ihrer repräsentativsten Werke, zustande gekommen? Dank Pinhole Camera konnte ich mir in der Welt einen Namen machen, aber schon seit einigen Jahren stelle ich keine Lochkameras mehr her. Vor 20 Jahren konnte ich mir glücklicherweise zu einem erschwinglichen Preis eine Leica anschaffen, aber um damit meine Werke fotografieren zu können, brauchte ich eine andere Linse. Auf der Suche danach erfuhr ich, dass eine Linse 900 bis 1.000 Dollar kostet. Da dachte ich, ich sollte mir einfach selber eine bauen. Als ich meine Linse auf die Kamera aufsetzte, stellte ich fest, dass sich damit ordentliche Fotos schießen lassen. Dann kann ich ja auch gleich das Gehäuse machen, sagte ich mir. So kam es, dass ich eigenhändig eine richtige Kamera baute. Als ich dann Probeaufnahmen schoss und entwickelte, kamen recht anständige Fotos heraus. Und genau das ist meine Arbeitsweise: Ich stelle das her, was ich gerade brauche, und wenn dabei zufriedenstellende Ergebnisse herauskommen, beginne ich mit der Arbeit am eigentlichen Werk. Gibt es einen besonderen Grund für Ihre lange Lehrzeit?Während meines Studiums lernte ich zufällig meine Lehrerin Woo Jin-soon kennen. Sie hielt einen Vortrag an meiner Universität und aus dieser Begegnung entwickelte sich ganz natürlich eine besonderen Beziehung. Es gab vieles, was mich ansprach, so z. B. die Art, wie sie mit Silber umgeht, und ihr ästhetisches Empfinden. Mir gefiel auch, dass ich von ihr lernen konnte, was für Werke nordeuropäische Künstler mit welchen Methoden fertigten, da sie an der staatlichen Kunsthochschule Konstfack in Stockholm studiert hatte. Von 1992 bis 2018 arbeitete ich jeden Tag von fünf oder sechs in der Frühe bis drei oder vier Uhr nachmittags mit ihr zusammen und manchmal kam ich auch samstags ins Atelier. Als sie dann dort ausziehen musste, zog ich hierher.Derzeit arbeite ich täglich von neun bis sechs. Ich nehme mir jeden Tag vor, gut durch den Tag zu kommen. Statt darüber nachzudenken, wie ich bis zu welchem Punkt kommen will, versuche ich, wie ein auf dem Bach schwebendes Blatt quasi in geregeltem Fahrwasser zu fließen und nur den vor mir liegenden Weg gut hinter mich zu bringen. Ich plane auch nicht gern groß voraus. Dass ich so lange mit meiner Lehrerin zusammenarbeiten konnte, liegt wohl auch an diesem Charakterzug von mir. „In der Regel ist es überaus herausfordernd, Objekte herzustellen, die dermaßen klein sind, dass sie gerade mal in eine Handfläche passen, aber ich will in der Herstellung gerade solcher Werke gut sein und auch noch besser werden.“ Eine Arbeit von Sim Hyun-seok, ausgestellt auf der 2009 Craft Awon Gemeinschaftsausstellung Die Reisen der Hausierer. Viele von Sims bewegendsten Arbeiten sind winzig und verlangen entsprechend große Konzentration und Hingabe ans Detail. Mit freundlicher Genehmigung von Sim Hyun-seok Was haben Sie während Ihrer Lehrzeit gelernt? Ehrlich gesagt, bin ich ziemlich tollpatschig, und erst während meiner Lehrjahre bekam ich von den Leuten zu hören, dass ich sorgfältig arbeite. Ich ließ keinen Schritt, der unbedingt zu befolgen ist, aus, sodass mir die einzelnen Arbeitsprozesse in Fleisch und Blut übergingen und meine Arbeitshaltung bestimmten. Nehmen wir z. B. das Schleifen: Je höher die Körnung des Schleifpapiers, desto feiner wird die Metalloberfläche geschliffen. Beim Schleifen überspringe ich keinen einzigen Schritt und benutze das für das jeweilige Bearbeitungsstadium geeignete Schleifpapier. Ein paar Schritte zu überspringen hat letztendlich keinen so großen Einfluss auf das Endresultat, aber trotzdem halte ich daran fest.Vielleicht noch ein Beispiel: Um zwei Platten aneinander zu löten, muss dazwischen Borax aufgetragen werden. Borax befördert das Schmelzen des Lots und verhindert das Oxidieren. Aber anders als man vielleicht erwartet, ist es nicht einfach, beim Arbeiten mit diesen Materialien das Umfeld sauber zu halten. In der Werkstatt herrscht doch schnell Chaos. Aber meine Lehrerin und ich sind ordnungsliebende Menschen, weshalb wir unsere Umgebung immer sauber und ordentlich gehalten und uns erst nach sorgfältigem Händewaschen an die Arbeit gemacht machen. Viele finden meine Werke schlicht und präzise, was wohl das Ergebnis meines Schritt-für-Schritt-Arbeitsprozesses ist. Haben Sie bestimmte Arbeiten oder Projekte, die Sie in Zukunft unbedingt machen wollen?Ich werde meine Arbeit einfach so weiter machen wie bisher. Ich plane auch eine Ausstellung im Ausland, auf die ich mich vorbereiten muss. Wenn ich es recht bedenke, würde ich es gern mal mit einer „Reparaturwerkstatt für kunstgewerbliche Produkte“ versuchen. Als Metallhandwerker bin ich gut darin, Küchenutensilien durch Löten oder Anbringen von neuen Teilen zu reparieren. Das Beste an Handwerksprodukten aus Metall ist, dass sie nicht zerbrechen. Selbst wenn ein Stück stark eingedrückt ist, kann es bis zu einem gewissen Grad wieder in seine ursprüngliche Form gebracht werden, wenn man hinreichend Kraft von der Gegenseite ausübt. Man kann ja auch Risse an einem Ledersofa mit einer Nadel nähen. Es ist doch eine lohnenswerte Arbeit, auf diese Weise kaputten Gegenständen neues Leben einzuhauchen, sodass die Besitzer sie noch lange, lange weiter benutzen können.

Review

Auf der Suche nach einem verlorenen Namen

Art Review 2022 SPRING 585

Auf der Suche nach einem verlorenen Namen Choi Wook-kyung (1940-1985) ist eine repräsentative Künstlerin der abstrakten Kunst Koreas, die als Frau Grenzen überschritt und neue Trends der internationalen Kunstwelt auf ihre eigene Weise aufnahm. Die groß angelegte Retrospektive Wook-kyung Choi, Alice’s Cat, die vom 27. Oktober 2021 bis zum 13. Februar 2022 im National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA) in Gwacheon stattfand, erforschte ihren Standort innerhalb der modernen Kunst. Die Künstlerin und Dichterin Choi Wook-kyung ist der breiten Öffentlichkeit nicht besonders bekannt. Wie bei Park Re-hyun (1920-1976) der Fall, zu deren 100. Geburtstag das MMCA 2020 eine groß angelegte Retrospektive veranstaltet hatte, so schien auch Chois Name nach ihrem plötzlichen Tod fast in Vergessenheit geraten zu sein. Das liegt wohl daran, dass die Kunstgeschichte nicht nur zu ihren Lebzeiten, sondern auch noch danach meist aus männlicher Sicht geschrieben wurde. Der Rückblick auf Choi, die von den 1960ern bis in die 1980er zwischen Korea und den USA pendelnd die Grenzen zwischen Malerei und Literatur transzendierte und so ihre eigene künstlerische Identität aufbaute, trug dazu bei, die noch lückenhafte Geschichte der koreanischen Frauenkunst zu ergänzen und so die koreanische Kunstgeschichte neu zu schreiben. Seiltanz 1977. Acrylfarbe auf Leinwand. 225 × 195 cm. Leeum Museum of Art.Choi Wook-kyungs Malereien aus den mittleren und späten 1970er Jahren zeichnen sich durch eine Lebendigkeit aus, die sich durch die Mischung organischer, an Blumen, Berge, Vögel und Tiere erinnernder Formen ergibt.   Martha Graham 1976. Bleistift auf Papier. 102 × 255 cm. Privatsammlung.Eine großformatige, durch die Darbietung der zeitgenössischen amerikanischen Tänzerin Martha Graham inspirierte Bleistiftzeichnung. Der weißen Gestalt mit ihren Schwingen, die wie zum Tanz oder beim Fliegen ausgebreitet sind, haftet etwas erhaben Episches an. In eine größere Welt hinaus Die Ausstellung bestand aus drei chronologisch unterteilten Themen sowie einem Epilog, der Selbstporträts und Archivmaterialien umfasste. Die letzte Ausstellungssektion präsentierte Werke zur Vorbereitung auf die Reifeprüfung, die Choi an der Seoul Arts High School malte. Diese Frühwerke zeigen weniger ihren individuellen Kunststil, sondern eher die seit der Kolonialzeit überlieferten konventionellen Techniken. Selbst wenn sie während ihres Malereistudiums an der Seoul National University bei Wettbewerben einige Preise gewann und sich schon früh in der Kunstszene profilieren konnte, so sind ihre Arbeiten bis zu ihrem Studium in den USA doch meist Fortsetzungen des Kunststils, den sie sich für die Vorbereitung auf die Uniaufnahmeprüfung aneignete.Schon seit ihrer Mittelschulzeit erhielt Choi bei renommierten Künstlern Privatunterricht. Die damaligen Schulungsmethoden entsprachen in vielerlei Hinsicht der hierarchischen patriarchalischen Gepflogenheit, den Malstil des Lehrers nachzuahmen. In einem Interview mit der Tageszeitung The Korea Herald (1978) bemerkte sie einmal, dass der amerikanische Kunsterziehungsstil im Gegensatz zum koreanischen die Identität der Kunstwerke der einzelnen Künstler respektiere.Die Ausstellung stellte auch Chois Gedicht An Old Story that My Mother Told Me (1972) vor. In diesem Gedicht trifft sie im Wald einen Wolf, mit dem sie Hand in Hand dahinwandert, obwohl ihre Mutter sie ermahnt hatte, im Falle einer solchen Begegnung dem Wolf nicht zu antworten und sich nur ja nicht zu einem Spaziergang einladen zu lassen. Die Hand des Wolfes zu nehmen steht wohl für Chois Entschlossenheit, die Tabus der ihr vertrauten Welt zu brechen und sich in eine größere Welt hinauszubegeben. 1963, als sie sich in der Cranbrook Academy of Art einschrieb, begann ihr Leben im Ausland, was nicht nur große Veränderungen in ihrem Kunststil bewirkte, sondern ihr Dasein als solches umwandelte. Erforschung ihrer IdentitätDie erste Sektion To America as Wonderland (1963-1970) beleuchtet die Zeit, als die Künstlerin an der Cranbrook Academy of Art studierte und an der Franklin Pierce University in New Hampshire als Assistenzprofessorin tätig war. In den 1960ern befand sich die US-Kunstwelt in der Übergangsphase vom Abstrakten Expressionismus zur Nachmalerischen Abstraktion. Unterwiesen von Professor Donald Willett (1928-1985), dessen Werke diesen Trend widerspiegelten, entwickelte Choi ihre eigene, von starken Pinselstrichen und Farben geprägte künstlerische Form der Gestaltlosigkeit. Dass sie im Cranbrook Art Museum mit Arbeiten Abstrakter Expressionisten wie Willem de Kooning (1904-1997), Mark Rothko (1903-1970) und Jackson Pollock (1912-1956) in Berührung kam, vertiefte ihr Verständnis der zeitgenössischen Kunst.Nach dem Abschluss der Cranbrook Academy of Art im Jahr 1965 studierte sie ein Jahr an der Brooklyn Museum Art School und im Sommer 1966 nahm sie am Residenzprogramm der Skowhegan School of Painting & Sculpture im Bundesstaat Maine teil. Während dieser Zeit kam sie mit den facettenreichen Stilen und Medien im Osten der USA in Berührung, darunter figurative Kunst, Grafik, Druckgrafik und Pop Art. Davon beeinflusst, klebte sie zerrissene Zeitungsstücke auf Leinwand, um sie der farbigen Grundfläche gegenüberzustellen, oder übermalte Zeitschriftenfotos. Durch diese Experimente versuchte sie wohl, ihre Reaktion auf den Modernismus von Neo-Dada und Pop Art zum Ausdruck zu bringen.Wie Alice’s Cat, der Titel der Ausstellung, und Wonderland, der Untertitel der ersten Sektion, andeuten, hat Lewis Carrolls Alice im Wunderland (1865) einen entscheidenden Anteil an Chois Kunstwelt. 1965, als eine Reihe von entsprechenden Büchern zur Feier des 100. Jahrestags der Veröffentlichung dieses Kinderbuches in den USA erschien, malte Choi Alice, Fragment of Memory. Ihre 1972 herausgegebene Poesiesammlung Like Unfamiliar Faces enthielt ein Alice’s Cat betiteltes Gedicht. Jeon Yu-shin, die Organsatorin der Ausstellung, erklärte, dass Choi in einem Milieu, in dem sie als „Fremde aus Asien“ betrachtet wurde, eine kulturelle Identitätsverwirrung durchmachte und daher Alices Geschichte gut nachvollziehen konnte. Durch die Erforschung ihrer eigenen Identität anhand zahlreicher Werke wie Fate (1966), In Peace (1968) und Who Is the Winner in This Bloody Battle? (1968), in denen sie sich gegen Rassismus und Krieg aussprach, lebte sie sich allmählich in der amerikanischen Gesellschaft ein. Alice, Fragment of Memory 1965. Acrylfarbe auf Leinwand. 63 × 51 cm. Im Besitz der Familie der Künstlerin.Als asiatische Frau, die in den 1960ern in Amerika nach ihrer Identität als Künstlerin suchte, fand Choi in Lewis Carrolls Alice im Wunderland eine Quelle der Inspiration. Dieses Bild ist das erste zur Alice-Werkthematik. Ohne Titel 1966. Acrylfarbe auf Papier. 42,5 × 57,5 cm. Leeum Museum of Art.Während ihres Studiums in den USA fertigte Choi auf der Suche nach ihrem wahren Ich zahlreiche Selbstbildnisse an. Sie versuchte, die von ihr wahrgenommenen Beschränkungen als asiatische Frau zu überwinden. Ihre eigene KunstweltDie zweite Ausstellungssektion Korea and America, In between Dream and Reality (1971-1978) blickte auf die Zeit zurück, als Choi zwischen den USA und Korea hin- und herreiste und dabei ihre Arbeit fortsetzte. 1971 kehrte sie nach Korea zurück, wo sie bis zum Ende ihres Aufenthalts Anfang 1974 zwei Einzelausstellungen abhielt und drei dreidimesionale Installationsarbeiten einschließlich Curiosity (1972) für die Auswahl der im Rahmen der Pariser Biennale abgehaltenen Ausstellung im Salon des Indépendants einreichte. Mit diesen Werken scheint sie bewusst den Kunsttrends der Zeit gefolgt zu sein. Gleichzeitig interessierte sie sich für die traditionellen koreanischen Künste wie die fünffarbige Dekormalerei Dancheong, die Volksmalerei Minhwa und Kalligraphie und suchte unablässig nach Wegen, diese Stiltraditionen in ihre Arbeiten einfließen zu lassen.1976 und 1977 nahm sie am vom Roswell Museum & Art Center in New Mexico angebotenen Residenzprogramm teil. Diese Jahre beeinflussten ihr Schaffen stark und führten zu einer markanten Zäsur. Sie fokussierte sich meist auf großformatige Gemälde, wie Collaged Time (1976) und Joy (1977), in denen an Berge, Vögel und Tiere erinnernde organische Formen lebhaft dargestellt sind. Inspiriert von New Mexicos exotischer Landschaft, entwickelte Choi ihre eigene Rhetorik der Malerei, indem sie surrealistische Traumszenen aus Alice im Wunderland untermischte. Die Wanderausstellung Impressions of New Mexico (1978-1979), die Choi nach ihrer Rückkehr nach Korea abhielt, wurde hauptsächlich als „amerikanisch“ bewertet. Doch Choi hatte mit ihren Werken bereits einen unabhängigen Weg eingeschlagen, der sich solch simplen Definitionen entzog. Mt. Gyeongsan 1981. Acrylfarbe auf Leinwand. 80 × 177 cm. Privatsammlung. Mountains Floating Like Islands 1984. Acryl auf Leinwand. 73,5 × 99 cm. Privatsammlung.Choi kehrte 1979 nach Korea zurück und unterrichtete an der Yeungnam University in Daegu. Angezogen von der natürlichen Landschaft der Gyeongsang-Provinzen betrachtete sie eingehend die Formen der Berge und Inseln. Auf diesem in den frühen 1980ern aufgenommenen Foto posiert Choi in ihrem Studio. 1940 in Seoul geboren, studierte sie zunächst Malerei an der Seoul National University und danach an der Cranbrook Academy of Arts in den USA, wo sich die Kunst in der Übergangsphase vom Abstrakten Expressionismus zur Nachmalerischen Abstraktion befand. Sie erlebte den Wandel aus nächster Nähe und erforschte energisch ihre künstlerische Identität.Mit freundlicher Genehmigung des National Museum of Modern and Contemporary Art Die dritte Sektion To the Mountains and Islands of Korea and the Home of Choi’s Painting (1979-1985) zeigte Werke aus der Zeit nach ihrer endgültigen Rückkehr 1979, als sie an der Yeungnam Universität und der Duksung Frauenuniversität als Professorin tätig war. Insbesondere die Zeit an der Yeungnam Universität brachte weitere Veränderungen in ihre Kunstwelt. Die neutralen Farben und zurückhaltenden Linien und Kompositionen in Werken wie Mt. Gyeongsan (1981) und Mountains Floating Like Islands (1984), zu denen sie Berge und Meer in der Provinz Gyeongsang-do inspirierten, vermitteln den Eindruck, dass Choi nicht länger herumirrte, sondern im „Wunderland“ sesshaft wurde. Damals erforschte sie die Formativität von Bergen und Inseln. Ihr zunehmendes Interesse an Formen und Anordnung von Blütenblättern führte in Kombination mit intensiven Farben zu Werken wie Red Flower (1984).   Wook-kyung Choi, Alice’s Cat, eine großangelegte, vom 27. Oktober 2021 bis 13. Februar 2022 im National Museum of Modern and Contemporary Art in Gwacheon präsentierte Retrospektive, gab Aufschluss über Choi Wook-kyung, eine herausragende abstrakte Malerin, die von den 1960ern bis Mitte der 1980er aktiv war.© Gian Der verlorene Name In ihrem Gedicht My Name is beschrieb Choi sich selbst in ihren Lebensabschnitten: in der Kindheit ein verängstigtes Kleinkind mit großen Augen, in ihrer Studienzeit in den USA ein stummes Kind, das von fremden Gesichtern umgeben seine Sprache verloren hat, in der Zeit der Eingewöhnung in den USA ein Kind, das sich auf seiner Jagd nach Regenbogenträumen verirrte, und nach der Rückkehr nach Korea ein namenloses Kind, das sogar seinen eigenen Namen verloren hat.Sie schien ihr Ich beharrlich über Gedichte und Malereien geformt zu haben, um ihren eigenen Namen zu finden. Aber das war nicht einfach. In den 1970/80er Jahren, als Choi schöpferisch am aktivsten war, hatte sich in der koreanischen Kunstwelt bereits die monochrome Malerei etabliert, die formal Parallelen zur Nachmalerischen Abstraktion aufwies. Laut dem Kunsthistoriker Choi Yeol soll sich Choi Wook-kyung zwar den Abstrakten Expressionismus zu eigen gemacht und daraus ihren eigenen Stil kreiert haben, doch die koreanische Kunstszene soll ihn bereits als längst passé abgetan haben. Auch der damalige Chauvinismus in der Kunstwelt, die z. B. die abstrakte Expressionistin Lee Krasner (1908-1984) als „Mrs. Jackson Pollock“ titulierte, dürfte Choi bestürzt haben. Es ist nicht bekannt, was ihr am meisten zusetzte, doch sie verstarb bereits 1985 im jungen Alter von 45 Jahren. 2021 veranstaltete das Centre Pompidou in Paris die Ausstellung Women in Abstraction, auf der 500 Werke von 106 Künstlerinnen aus aller Welt, die sich um die abstrakte Kunst verdient gemacht haben, zu sehen waren, darunter drei von Chois Gemälden. Es dürfte schwierig gewesen sein, sich allein anhand ihrer Werke die Sprache, die sie zu finden und zu sprechen versuchte, vorzustellen. Darum sollte die Choi Wook-kyung Retrospektive als Anlass dienen, Chois eigene Geschichte und die Kunstgeschichte der Frauen neu zu schreiben.

Freimütigkeit und Humor eines Vater-Sohn-Duos

Art Review 2021 AUTUMN 1218

Freimütigkeit und Humor eines Vater-Sohn-Duos Die Kunstausstellung eines Vater-Sohn-Duos, als solche schon eine Seltenheit, erwies sich als angenehm unterhaltsam sowie ergreifend und aufschlussreich. Joo Jae-hwan (geb. 1941) war eine wichtige Persönlichkeit der Minjung-Kunstbewegung, die sich in den 1980er Jahren der Militärdiktatur widersetzte. Sein Sohn Joo Ho-min (geb. 1981), ein beliebter Webtoon-Künstler, hat zweifellos die Begabung seines Vaters für geistreiches und humorvolles Geschichtenerzählen geerbt. Porträt von Homin (links). Joo Jae-hwan. 2020. Acryl auf Leinwand, Plastikspielzeug. 53,2 × 45,5 cm. Porträt von Joo Jae-hwan. Joo Ho-min. 2021. Digitale Zeichnung.Der Maler Joo Jae-hwan und der Webtoon-Künstler Joo Ho-min, bei denen es sich um Vater und Sohn handelt, posieren vor ihren Porträts, die Seite an Seite im Seoul Museum of Art hängen. Joo Jae-hwan, der Vater, hat die wichtigen Begebenheiten in der modernen Geschichte mit scharfem Humor betrachtet, sein Sohn ist berühmt für den Webtoon Along with the Gods, eine geistreiche, auf koreanischen Mythen basierende Interpretation der Grenze zwischen Leben und Tod.© Park Hong-soon, Monthly Art Es gibt Kunstausstellungen, die man erst dann versteht, wenn man sich intensiv mit der Materie befasst hat. Aber manchmal möchte man Kunstwerke ohne großes Sinnieren darüber genießen. Die Ausstellung Homin und Jae-hwan, die vom 18. Mai bis 1. August 2021 im Seoul Museum of Art stattfand, bot genau eine solche Gelegenheit. Auf den ersten Blick hatte sie etwas Unbeschwertes, aber sie war keineswegs ohne Tiefe. Die scharfe Kritik an verschiedenen sozialen Themen schlug dem Betrachter nicht mit geballtem Ernst entgegen, da die künstlerische Welt von Vater und Sohn von unverblümter Offenheit und Humor durchdrungen ist.Joo Jae-hwan vermittelt seine Botschaften durch eine Kombination aus Bild und Text. Die Texte bestehen aus Metaphern, die die Vorstellungskraft des Betrachters erweitern. Im Gegensatz dazu wird der Text in den Webtoons von Joo Ho-min hauptsächlich als narrative Botschaft in Sprechblasen präsentiert, was dem Leser filmische Imagination anbietet. Es ist besonders interessant, auf dieser Ausstellung von Vater und Sohn die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit Bild und Text in den jeweiligen Genres herauszufinden. Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend. Joo Jae-hwan. 2010. Acryl auf Leinwand.193,7×130 cm.Diese Arbeit wurde erstmals 1980 auf der Antrittsausstellung der Kunstgruppe Reality and Utteranc e gezeigt. Marcel Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend parodierend, bringt es auf satirische Weise Absurditäten und Unterdrückung, unter denen die gesellschaftlich Marginalisierten zu leiden haben, zum Ausdruck. Während des folgenden Jahrzehnts führte Reality and Utterance die sozial engagierte Kunst durch die als „Minjung Misul“ bekannte Volkskunstbewegung an. VATER JOO JAE-HWANJoo Jae-hwan begann 1960 an der Hongik Universität Westliche Malerei zu studieren, musste sein Studium aber aufgrund familiärer Umstände abbrechen. Er versuchte sich in verschiedenen Berufen, bevor er mit fast 40 Jahren den Weg des Künstlers einschlug. „Ich begann meine Lauf bahn als Künstler meiner Veranlagung folgend, auf ganz natürliche Weise“, so seine Erklärung.Aus dem Schoß der Kunstgruppe Reality and Utterance, die 1980 gegründet und 1990 aufgelöst wurde, entstand die Minjung-Kunstbewegung (Volkskunstbewegung), die das soziale Engagement der Kunst förderte. Als eins der Gründungsmitglieder präsentierte Joo auf der ersten Ausstellung der Kunstgruppe das Gemälde Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend, das eindrucksvoll auf Nude descendant un escalier (Akt, eine Treppe herabsteigend) von Marcel Duchamp anspielte. Joo schuf danach weitere Variationen dieses Gemäldes. „Frühlingsregen“ im Titel meint eigentlich den Harnstrahl der Männer auf der Treppe. Dieser Frühlingsregen, der sich immer stärker werdend die Treppe hinunter ergießt, symbolisiert Absurdität und Unterdrückung, die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter ertragen müssen.Stoffe für seine Werke findet Joo überall im Alltag. Das zeigen vor allem seine Installationsarbeiten Wasser vs. die unehelichen Kinder des Wassers (2005) aus einem Wäscheständer mit vielen daran hängenden Getränkeflaschen – ein Fingerzeig auf die Umweltproblematik – sowie Gestohlenes Tuch (2012), das die Frage nach dem Mangel an Moral in der modernen Gesellschaft anhand eines in der Nachbarschaftssauna gestohlenen Handtuchs aufwirft. Joo recycelt weggeworfene Alltagsgegenstände, um eine soziale Botschaft mit einem Hauch von Humor und Satire zu vermitteln, was als charakteristisches Merkmal seiner Kunst gilt. In einem kürzlich geführten Interview sagte er, dass seine ungezwungene Schaffenswelt und sein Sinn für Humor wohl „intransitiv, und nicht transitiv“ seien, um es mit der Verbgrammatik zu vergleichen. Er fügte hinzu: „An meiner Überzeugung, dass man die Ausstellungsbesucher nicht zum Gähnen bringen darf, hat sich nichts geändert, aber mit der Zeit habe ich gelernt, dass jeder Künstler seine ganz eigene Welt hat.“ In seinen jungen Jahren rebellierte Joo gegen soziale Ungleichheit, Militärdiktatur und Koreas stereotype Dansaekhwa („Koreanische Monochrome Malerei“, auch „Koreanischer Minimalismus“ genannt). Aber jetzt, da sich die koreanische Gesellschaft demokratisiert hat und und Ruhe in sein Leben und Gemüt eingekehrt ist, denkt er oft darüber nach, dass „jeder seine eigenen Gründe hat“. Er erklärte: „Es gibt in der Gesellschaft immer zwei Wege: einen Weg der Hoffnung und einen Weg der Verzweiflung, die stets ineinander greifend verlaufen. Es ist das menschliche Schicksal, dass Positives und Negatives vermischt sind.“ Außerdem gestand er, dass er auch gelernt habe, wie hilf los ein Künstler sein kann.„In dem Moment, in dem sein Werk zum Präsentieren an die Wand gehängt wird, fühlt sich der Künstler machtlos. Die Bewertung wird dem Besucher überlassen. Wenn dann ein Ausstellungsbesucher etwas Neues entdeckt, an das man selbst noch nie gedacht hat, lernt man wieder etwas hinzu.“ Wasser vs. die unehlichen Kinder des Wassers. Joo Jae-hwan. 2005. Aluminum Trockenständer, verschiedene Getränke.Abmessungen variabel.Leere PET-Flaschen und Dosen hängen als Warnung vor Umweltproblemen an einem großen Trockenständer. Bei diesem visuellen Kommentar über die Begierden des modernen Menschen und seiner Doppelmoral im Konsumverhalten fokussierte sich Joo auf die Tatsache, dass man um so durstiger wird, je mehr kohlensäurehaltige Getränke man konsumiert. 8601 Diamonds vs. Stone Rice. Joo Jae-hwan. 2010. Topf, Steine, Kopie eines Fotos im Glasrahmen. 70,8 × 53,7 cm.Die Geschichte einer in einem brasilianischen Armenviertel lebenden Mutter, die ein hungriges Kind zum Einschlafen bringen muss, wird kontrastiert mit Damien Hirsts For the Love of God, einem mit Diamenten bedeckten Menschenschädel, um die Einkommensunterschiede in einer kapitalistischen Welt aufzuzeigen. Ein gestohlenes Handtuch. Joo Jae-hwan. 2012. Acryl auf Leinwand, Handtuch-Collage. 66 × 53 cm.Diese Arbeit satirisiert das mangelnde ethische Bewusstsein von Leuten, die Handtücher aus den öffentlichen Badehäusern in ihrer Nachbarschaft mitgehen lassen. Joo Jae-hwan wählt vertraute, alltägliche Gegenstände und Episoden als Motive für intuitiven Ausdruck. Happy Tears. Joo Jae-hwan. 2008. Acryl auf Leinwand, Marker Ink. 96,3 × 96,5 cm.Das Werk ist eine Parodie auf Roy Lichtensteins Happy Tears. Verwickelt in einen Fall illegaler Geldanhäufung eines koreanischen Konglomerats, der 2008 für Schlagzeilen sorgte, vermittelt es eine Botschaft über gesellschaftliche Polarisierung. Vater und Sohn, Malerei und Webtoons, analog und digital, Bilder und Texte nebeneinander platziert: Die Ausstellung Homin and Jaehwan war ein Festival für alle, die Spaß am Geschichtenerzählen haben.   What Are They Doing Down the Stairs? Joo Ho-min. 2021. Digitaler Flexdruck. 740 × 220 cm.Joo Ho-mins große Installation parodiert das wohlbekannte Werk seines Vater Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend. Es ist seine Reinterpretation des Humors und der Resistenz seines Vaters. DER SOHN JOO HO-MINGenau in diesem Punkt stimmt Joo Ho-min mit seinem Vater überein. Für ihn sind die Bewertungen seiner Leser von großer Bedeutung. Schon als Kind hat er seinem Künstlervater bei der Arbeit über die Schulter geschaut. Wohl beeinflusst von ihm, begann er als Mittelschüler, Cartoons zu zeichnen, und freute sich, wenn seine Freunde sie mit großem Spaß lasen. Seitdem ist er „süchtig“ nach sofortigem Leser-Feedback auf seine Arbeiten. Mit dem Anliegen, die Menschen mehr zum Lachen zu bringen, startete er seine Karriere im Jahr 2000 damit, seine Cartoons auf eine Internet-Community-Webseite hochzuladen.Joo Junior machte sich mit Jjam (2005), seinem offiziellen Debütwerk über das Militärleben, einen Namen, und wurde mit der Serie Along with the Gods (2010-2012), einer Fantasy-Action-Geschichte über Tod und Reinkarnation durch sieben Prozesse in der Hölle, zu einem der repräsentativsten Webtoonisten Koreas. Along with the Gods: The Two Worlds (2017), die Filmversion dieser Serie, zog über 14 Millionen Zuschauer an, die drittgrößte Zuschauerzahl in der Geschichte des koreanischen Kinos. Die Fortsetzung Along with the Gods: The Last 49 Days (2018) konnte über 12 Millionen Zuschauer mobilisieren.Dieser Star-Webtoonist und YouTuber mit 230.000 Abonnenten gestand, dass er bei den Vorbereitungen für die Ausstellung Homin und Jaehwan „weglaufen wollte“. Der Grund dafür: „Da Comics ja eigentlich nicht für Ausstellungen gezeichnet werden, war es mir etwas peinlich meine Zeichnungen an einer Galeriewand hängen zu sehen. Ich hatte auch große Bedenken, wie die Besucher meine Werke wohl annehmen würden.“ Diese Sorgen erwiesen sich allerdings als unbegründet.Die Gemälde und Installationen von Joo Jae-hwan, die die Ausstellungshalle im zweiten Stock des Museums füllten, boten visuell eine breite Vielfalt. Die Halle im dritten Stock, in der Digitaldrucke wichtiger Szenen aus Joo Ho-mins repräsentativsten Serien und seine Storyboard-Skizzenblöcke ausgestellt waren, wirkte verglichen damit etwas farblos. Nichtsdestotrotz betrachteten viele Besucher die Exponate sehr genau und verloren sich in den von ihm geschaffenen Geschichten. So wie Buchleser beim Lesen zwischen den Zeilen ihrer Fantasie freien Lauf lassen, so lud die Leere dieses Raums die Ausstellungsbesucher dazu ein, die einzelnen Szenen noch einmal auf leben zu lassen und die Geschichten richtig zu genießen. Die Bücher, die Joo Ho-min bei seiner Arbeit inspiriert hatten, wurden ebenfalls ausgestellt und zeigten, wie Alltägliches zu wertvollen Quellen der Vorstellungskraft werden kann. Besucher betrachten eine Szene aus Joo Ho-mins Webtoon Along with the Gods: The Two Worlds, die die Sicht der Koreaner auf das Leben nach dem Tod widerspiegelt. Das Exponat zeigt Elemente aus verschiedenen Mythen und Geschichten, die in Webtoons erscheinen. © Yonhap News KOLLABORATION Das Besondere an der Ausstellung war, dass es sich um eine Kollaboration von einem Vater und einem Sohn handelte, die in unterschiedlichen Genres arbeiten. Die Ausstellungsbesucher wurden als erstes von den Porträts der beiden Künstler, die nebeneinander im Galerieeingang hingen, begrüßt: Das Portrait of Homin (2020) von Joo Jae-hwan, eine Collage aus einem Eiscreme-Modell und einer Sonnenbrille, und Joo Ho-mins im Webtoon-Stil gehaltene digitale Zeichnung Portrait of Joo Jaehwan (2021). Sowohl Vater als auch Sohn haben die gegenseitige Darstellung des anderen recht nüchtern bewertet. Der Vater empfand sich beim Betrachten seines vom Sohn gefertigten Porträts als „gut gealtert“, während der Sohn meinte, die Arbeit seines Vaters sei „einfach total lustig“.Der Sohn hat als Anspielung auf das Gemälde seines Vaters Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend eine großformatige Installation präsentiert: Was machen sie auf der Treppe? (What Are They Doing Down the Stairs?) (2021). Während die Arbeit des Vaters das Absteigen von oben nach unten und die Bewegung von links nach rechts darstellt, zeigt das Werk des Sohnes mehrere Charaktere in Aufwärtsbewegung, die sich gegenseitig helfend nach oben ziehen und damit für Aufstieg und Kooperation stehen. Es ist seine eigene Neuinterpretation des Widerstandsgeistes und des Humors seines Vaters.Joo Ho-min, für den es als Kind etwas „Selbstverständliches“ war, seinen Vater an Kunstwerken arbeiten zu sehen, spürt nun selbst als Künstler, „wie schwierig und wundersam“ künstlerisches Schaffen ist. Auch erklärte er: „Ich finde es großartig, dass mein Vater mit 80 Jahren immer noch arbeitet. Ich selbst fühle mich in meinem Alter manchmal schon überfordert. Es ist wirklich fast unbegreiflich, wie er sich all die Jahre ununterbrochen dem Kunstschaffen gewidmet hat“, meinte er voller Repekt.Die Ausstellung endete mit einem Video des Streamer-Sohns und des Maler-Vaters. Im modifizierten Format des „Wähle deinen Favoriten“-Turniers zeigt im Video der Sohn seinem Vater mehrmals zwei seiner Werke und lässt ihn sein Lieblingswerk wählen. Vater Joo erzählt Geschichten über das jeweils von ihm gewählte Werk, erzählt über die Hoffnungen, die er zur Zeit der Herstellung hatte, und Erinnerungen an Dinge, die er mit seinem Sohn erlebte.Auf die Frage, ob er nicht enttäuscht sei, dass sein Name im Titel der Ausstellung nicht an erster Stelle erschien, antwortete Joo Jae-hwan: „Das gefällt mir sogar besser so.“ Und er fügte hinzu: „Es ist eine überholte Art des Denkens, Werke in Genres wie Malerei oder Cartoon einzuteilen oder haarspalterisch zu klären, wessen Name an erster Stelle kommt.“ Vater und Sohn, Malerei und Webtoons, analog und digital, Bilder und Texte nebeneinander platziert: Die Ausstellung Homin and Jaehwan war ein Festival für alle, die Spaß am Geschichtenerzählen haben.

Sterne, die in der Dunkelheit gemeinsam funkelten

Art Review 2021 SUMMER 820

Sterne, die in der Dunkelheit gemeinsam funkelten Von den 1930er bis in die 1950er Jahre herrschte Armut in Korea. Nichtsdestotrotz verfolgten Schriftsteller und Künstler beharrlich ihre Träume, wobei sie von Freunden und Kollegen unterstützt wurden. Eine seltene, vom National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA) kuratierte Ausstellung im Seouler Königspalast Deoksu-gung zeichnet nach, wie diese kreativen Köpfe durch Kameradschaft und Kooperation zahlreiche Hindernisse überwanden. Stillleben mit einer Puppe von Gu Bon-ung, 1937. Öl auf Leinwand. 71.4 × 89.4 cm. Leeum, Samsung Museum of Art. Als Impressionismus-zentrierter Akademismus in war, wurde Gu Bon-ung vom Fauvismus angezogen. Wie an dem französischen Kunstmagazin Cahiers d’Art im Gemälde zu erkennen, schätzten Gu und seine Freunde die zeitgenössischen Kunsttrends der westlichen Länder. Die 1930er Jahre, in denen die japanische Kolo¬nialherrschaft zunehmend brutaler wurde, waren zwar ein dunkler Abschnitt der Geschichte, aber zugleich auch eine Zeit, in der die koreanische Gesellschaft im Zuge der Modernisierung bis dahin ungeahnte Umbrü¬che erlebte. Vor allem veränderte sich vieles in der Haupt¬stadt Gyeongseong (heute: Seoul). Auf gepflasterten Stra¬ßen fuhren Straßenbahnen und Autos, prachtvolle Kaufhäu¬ser wurden errichtet. Die Straßen wimmelten von „modern girls“ mit hochhackigen Schuhen und „modern boys“ in schicken Anzügen.Gyeongseong, wo Verzweiflung angesichts der Reali¬tät und neuzeitliche Romantik ineinander flossen, war aber auch eine Stadt der Künstler und Schriftsteller. Sie versam¬melten sich damals in den als „Dabang“ bekannten Cafés. Die sich in den Gassen der Stadtmitte aneinander reihenden Dabang waren aber mehr als nur Kaffeestuben. Künstler und Schriftsteller diskutierten dort über die neuesten Trends der europäischen Kunstszene wie die Avantgarde, während sie in einem für die Zeit exotisch anmutenden Interieur von Kaf¬feeduft umgeben die Lieder von Enrico Caruso genossen. Caruso und Avantgarde-Kunst Selbst Armut und Verzweiflung im kolonialisierten Land konnten den Kunstgeist nicht brechen. Hinter der Leiden¬schaft für das künstlerische Schaffen, das inmitten des Lei¬dens aufblühte, standen Freundschaft und Kollaboration von Künstlern, die die Schmerzen des Zeitalters teilten und nach einem Weg zum gemeinsamen Überleben suchten.Encounters Between Korean Art and Literature in the Modern Age, eine Ausstellung in den Hallen des MMCA im Königspalast Deoksu-gung, die diese Zeiten der „paradoxen Romantik“ porträtierte, lockte trotz der Unbequemlichkeiten infolge der COVID-19-Pandemie zahlreiche Besucher an. Wie der Titel schon verrät, beleuchtete diese Ausstellung, auf der rund 50 repräsentative Künstler der Moderne vorge¬stellt wurden, wie sich Maler, Dichter und Novellisten über Genregrenzen hinweg austauschten, gegenseitig beeinfluss¬ten und ihre künstlerischen Ideale entfalteten.Die Ausstellung umfasste vier Themen. In Ausstellungs¬halle 1 wurden unter dem Thema „Zusammenfluss der Avantgarde“ die Beziehung zwischen der Dabang-Kaffee¬stube „Jebi (Schwalbe)“, die der Dichter, Novellist und Essayist Yi Sang (1910-1937) betrieb, und den Künstlern, die dort Stammgäste waren, beleuchtet. Yi Sang, der Archi¬tektur studiert hatte, arbeitete eine Weile als Bauzeichner im japanischen Generalgouvernement in Gyeongseong, gab diese Stelle aber wegen Lungentuberkulose auf und eröff¬nete die Kaffeestube. Weit bekannt für seine ausgeprägt sur¬realistischen Werke wie die Erzählung Flügel und das expe¬rimentelle Gedicht Krähenperspektive, gilt Lee als einer der Pioniere der modernen koreanischen Literatur der 1930er Jahre.Die nackten Wänden der Kaffeestube Jebi sollen nur ein Selbstporträt Yi Sangs und einige Malereien seines Kind¬heitsfreunds Gu Bon-ung (1906-1953) geschmückt haben. Dieser bescheidene Ort ohne optischen Reiz war der Treff¬punkt armer Künstler. Neben Gu gehörten zu den Stamm¬gästen auch Pak Tae-won (1910-1986), der eng mit Yi befreundet war, und der Dichter und Literaturkritiker Kim Gi-rim (1908-?). Sie trafen sich im Jebi und unterhiel¬ten sich nicht nur über Literatur und Kunst, sondern auch über die neuesten Trends in anderen Sparten wie Film und Musik. Für sie war das Jebi nicht nur ein sozialer Treff¬punkt, sondern ein Inkubator des Schaffens, wo sie die neu¬esten Geistesströmungen aufsaugen und Nährboden für ihre Kunst finden konnten. Auf besonderes Interesse stie¬ßen die Gedichte von Jean Cocteau und die avantgardisti¬schen Filme von René Clair. Yi Sang hängte Aphorismen von Cocteau an die Wand, während Pak Tae-won Conte, aus einem Film gewonnen: Der letzte Milliardär verfasste, eine Parodie auf Clairs Le Dernier milliardaire (Der letzte Mil¬liardär) (1934), in der er die Realität unter der Kolonialherr¬schaft satirisierte.Die Spuren, die sie jeweils im Leben der anderen hinter¬lassen haben, und die engen Beziehungen, die sich in ihren Werken widerspiegeln, sind äußerst fesselnd. Die Figur in Gu Bon-ungs Porträt eines Freundes (1935), die einen etwas „schrägen“ Eindruck hinterlässt, ist Yi Sang. Trotz des Altersunterschieds von vier Jahren waren die beiden schon als Schulkinder Busenfreunde. Kim Gi-rim sparte nicht mit Lob für den fauvistischen Stil außergewöhnlicher Art von Gu Bon-ung. Es war auch Kim, der um den mit nur 27 Jah¬ren verstorbenen Yi Sang am tiefsten trauerte, seine Werke sammelte und 1949 eine Auswahl davon veröffentlichte. Zuvor hatte Yi den Einband für Kim Gi-rims erste Gedicht¬sammlung Wetterkarte (1936) designt. Auch die Illustratio¬nen für Paks Novelle Ein Tag im Leben des Schriftstellers Kubo (1934), die in der Tageszeitung Joseon Jungang Ilbo als Serie erschien, stammen von ihm. Der originäre literari¬sche Stil Pak Tae-wons und Yi Sangs surrealistische Illustra¬tionen schufen Werke von einer originellen Eigenwilligkeit, die sich bei den Lesern großer Beliebtheit erfreuten. Selbstporträt von Hwang Sul-jo (1904-1939). 1939. Öl auf Leinwand. 31.5 × 23 cm. Privatsammlung. Hwang Sul-jo, der derselben Künstlergruppe wie Gu Bon-ung angehörte und einen einzigartigen Malstil kultivierte, war versiert in verschiedenen Stilen und Genres, darunter Stillleben, Landschaften und Porträts. Das Selbstporträt stammt aus dem Jahr, in dem er im Alter von 35 Jahren starb. Ausstellungshalle 2 zeigte Kunstdruckarbeiten aus den 1920ern bis in die 1940er. Zu sehen waren Bücher mit schönen Einbänden sowie meist von Zeitungsverlagen publizierte Magazine mit den Werken verschiedener Illustratoren. Cheongsaekji (Blaues Magazin), Ausgabe 5, Mai 1939 (links); Ausgabe 8, Februar 1940 (rechts) Cheongsaekji, erstmals im Juni 1938 veröffentlicht und mit der achten Ausgabe im Februar 1940 eingestellt, war ein umfassendes, von Gu Bon-ung ediertes und veröffentlichtes Kunstmagazin. Es deckte viele Bereiche ab, darunter Literatur, Theater, Film, Musik sowie die Schönen Künste, und brachte qualitativ hochwertige Beiträge berühmter Schriftsteller. Begegnung von Poesie und Malerei Das Illustrieren von serialisierten Erzählungen ermöglich¬te den Künstlern zumindest für eine gewisse Zeit ein regel¬mäßiges Einkommen und trug zudem dazu bei, das Image der Zeitung als eines Mediums, das populär und künstle¬risch zugleich ist, zu propagieren.In Ausstellungshalle 2, die an eine ruhige Bibliothek erinnerte, war eine Printmediensammlung aus Zeitungen, Magazinen und Büchern aus den 1920ern bis in die 1940er zu sehen. Unter dem Titel „Ein Museum aus Papier“ bot diese Sektion die seltene Gelegenheit, durch zwölf u. a. von Ahn Seok-ju (1901-1950) illustrierte, in Zeitungen veröf¬fentlichte Fortsetzungsromane zu blättern.Damals publizierten Zeitungsverlage auch Magazine, und durch sie entstand das neue Genre „Hwamun“, i. e. Gedich¬te mit Illustrationen. Repräsentativstes Beispiel dafür ist das berühmte, von Baek Seok (1912-1996) verfasste und von Jeong Hyeon-ung (1911-1976) illustrierte Gedicht Ich, Natascha und der weiße Esel, das wie folgt beginnt: „Heute Nacht schneit es dick und dick.“ Die Illustration mit ihren markanten orangefarbenen und weißen Leerstel¬len gibt quasi die „Klangfarbe“ des Gedichts wieder, dem ein seltsames mit Wärme eingefangenes Gefühl der Leere anhaftet. Das Werk erschien in Yeoseong (Frauen), dem von der Tageszeitung Chosun Ilbo herausgegebenen, von Baek und Jeong gemeinsam zusammengestellten und redigierten Magazin für Literatur und Kunst. Baek Seok, der lyrische Gedichte mit starkem Lokalkolorit schrieb, und Jeong Hyeon-ung, der sich als Illustrator einen Namen machte, lernten sich als Arbeitskollegen in einem Zeitungsverlag kennen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine besondere Freundschaft zwischen den beiden, die im 44 45 Büro nebeneinander saßen. Jeong warf öfters bewun¬dernde Blicke auf Baek. „Er ist so schön wie eine Statue“, heißt es in Jeongs kurzem Text Mr. Baek Seok (1939), der zusammen mit seiner Zeichnung von Baek im Magazin Munjang (Satz) veröffentlicht wurde. Ihre Freundschaft blieb bestehen, auch nach¬dem beide beim Yeseong-Verlag aufgehört hatten. 1940 zog Baek in die Mandschurei, von wo aus er seinem Freund das Gedicht An Jeong Hyeong-ung – aus dem Norden schickte. 1950, nach der Teilung Koreas, ging Jeong in den Norden, wo er Baek wie-dersah. Er kompilierte Baeks Gedichte und ver¬öffentlichte sie in einem Sammelband. Auf dem Rückendeckel ist auch ein Porträt von Baek Seok zu sehen, der älter und besonnener als der „Mr. Baek Seok“ von 1939 erscheint. Ich, Natascha und der weiße Esel von Baek Seok und Jeong Hyeon-ung. Adanmungo. Dieses von Jeong Hyeon-ung illustrierte Gedicht von Baek Seok erschien 1938 in der Märzausgabe von Yeoseong (Frauen), einer von der Zeitung Chosun Ilbo herausgegebenen Zeitschrift. Es veranschaulicht den häufigen Austausch zwischen Schriftstellern und Malern, der durch das neu aufgekommene Genre „Hwamun“ (illustrierte Schriften) entstand. Familie von Dichter Ku Sang von Lee Jung-seop (1916-1956). 1955. Bleistift und Öl auf Papier. 32 × 49.5 cm. Privatsammlung. Lee Jung-seop, der während des Koreakrieges im Hause des Dichters Ku Sang Zuflucht fand, porträtierte die glückliche Familie Kus, der seine Frau und seine beiden Söhne, die zu der Zeit in Japan waren, vermisste. Cover der Zeitschrift Hyeondae Munhak (Contemporary Literature), die im Januar 1955 gegründet wurde. Die Illustrationen stammen von bekannten Künstlern wie Kim Whanki, Chang Uc-chin und Chun Kyung-ja. Bilder und Schriften der Künstler Ausstellungshalle 3 war der Zeit zwischen den 1930er und 1950er Jahren gewidmet und legte unter dem Titel „Kameradschaft unter Künstlern und Schriftstellern der Moderne“ den Fokus auf die per¬sönlichen Bande zwischen Künstlern und Schrift¬stellern. Im Mittelpunkt des privaten Beziehungsge¬flechts stand Kim Gi-rim, der auch zu den Künstlern der nächsten Generation Kontakte pflegte. Er nutz¬te gezielt seinen Beruf als Zeitungsjournalist, um vielversprechende Künstler zu entdecken und ihre Werke durch seine Rezensionen der Öffentlichkeit vorzustellen. Eine solche Rolle spielte auch Kim Gwang-gyun (1914-1993), ein Dichter und gleichzeitig Geschäfts¬mann, der künstlerische Talente sponserte. Es ist daher kaum erstaunlich, dass nicht wenige Exponate in dieser Halle aus Kims Privatsammlung stammten. Das Bild, vor dem viele Besucher stehen blieben, war Die Familie von Dichter Ku Sang (1955) von Lee Jung-seop (1916-1956). In diesem Werk wirft Lee einen neidischen Blick auf die Familie von Ku Sang. Lee Jung-seop lebte damals nämlich alleine, weil er seine Frau während des Koreakrieges aufgrund der schwierigen Lebensumstände zu ihren Eltern nach Japan geschickt hatte. Er hatte gehofft, durch den Verkauf seiner Werke genügend Geld zu verdie¬nen, um die Familie wieder vereinen zu können, aber diese mit Mühe und Not zusammengestellte einzige Soloausstel¬lung brachte nicht genügend ein, was – wie unschwer an dem Werk zu erkennen ist – Lee in tiefe Verzweiflung stürz¬te. Die neben dem Werk ausgestellten Briefe seiner japa¬nischen Frau an Ku Sang, in denen sie sich besorgt nach seinem Befinden erkundigt, ließen noch einmal auf das tra-gische Schicksal der Familie zurückblicken und auf den frü¬hen, einsamen Tod eines von Armut und Krankheit gezeich¬neten Kunstgenies.In der letzten Halle wurden zum Thema „Schriften und Bilder von schreibenden Malern“ sechs Maler vorge¬stellt, die auch als Schriftsteller außergewöhnliches Niveau erreichten. Dazu gehören Chang Uc-chin (1918-1990), der die Schönheit einfacher und purer Dinge schätzte, Park Ko-suk (1917-2002), der sein Leben lang die Berge lieb¬te, und Chun Kyung-ja (1924-2015), die nicht nur wegen ihres originären, farbenfrohen Malstils beliebt war, sondern auch wegen ihrer Essays, die ihre innere Welt unumwunden offenbarten.Am Ende der Ausstellungshalle fesselten vier „Dot-Wer¬ke“ von Kim Whanki (1913-1974) die Aufmerksamkeit der Besucher. Ging man näher an diese Werke heran und betrach¬tete den Mikrokosmos aus unendlich vielen Minipunkten, zogen einem die Namen aller Schriftsteller und Maler, denen man auf dieser Ausstellung begegnet war, durch den Kopf. Es schien, als ob all diese Talente, die in einem dunklen Zeit¬alter wie Sterne am Himmel gefunkelt hatten, nun endlich an einem Ort zusammengerufen worden wären. 2. 18-II-72 #221 von Kim Whanki. 1972. Öl auf Leinwand. 49 × 145 cm. Privatsammlung. Kim Whanki, wohlbewandert in Literatur und mit vielen Dichtern befreundet, veröffentlichte in verschiedenen Zeitschriften Essays. Die lyrischen abstrakten Punktgemälde, die charakteristisch für die späte Periode von Kims Schaffen sind, erschienen Mitte der 1960er Jahre, als er in New York war. Frühe Hinweise auf diese Bilder finden sich in seinen Briefen an den Dichter Kim Gwang-seop (1906-1977).

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