Nachdem sie sich 1999 in New York als 'Bottari-Künstlerin, die mit Stoffen das Leben zum Ausdruck bringt“, etablierte, ist Kim Soo-ja (geb. 1957, auch als Kimsooja bekannt) stets unterwegs gewesen. Titel der jüngsten Ausstellung, die die Künstlerin vier Jahre nach der letzten Ausstellung in ihrem Heimatland präsentiert, ist Kimsooja - Archive of Mind. Die neun Werke, die in der Seouler Niederlassung des Nationalmuseums für Moderne und Zeitgenössische Kunst (National Museum of Modern and Contemporary Art, Seoul; MMCA) zu sehen sind, zeigen, dass sich Kims Nadelarbeit ein weiteres Stück dem Ursprung der Menschheit genähert hat.
Archive of Mind (2016) von Kim Soo-ja, eine für Besucher-Teilnahme konzipierte Installation, besteht auseinem ovalen Tisch von 19 m Durchmesser. Die Besucherkneten Lehmkugeln und lauschen dabei Sich entfaltendeKugel, einer 16-Kanal Sound performance.
Egal wo sie erscheint, Kim Soo-jas Silhouette fällt auf: Mit ihren langen, schwarzen Gewändern, wie sie buddhistische Mönche oder Priester tragen, das Haar straff zurückgebunden, ähnelt sie einer tief in Meditation versunkenen Asketin. Dieser einfache Stil, dem die mittlerweile auf die 60 zugehende Künstlerin unverändert treu bleibt, spricht für die Konsistenz ihrer Kunstwelt. Auf einem Haufen 'Bottari“ sitzend, den zu ihrem Markenzeichen gewordenen Bündeln, streifte sie wie ein Zen-Mönch mehrmals den Globus umkreisend durch die wichtigsten Städte der Welt.
In ihrer diesmaligen Solo-Ausstellung, der ersten seit langem in Korea, hat Kim die Spuren ihrer 30-jährigen Wanderung zusammengefasst. Vor allem scheint sie sich viele Gedanken darüber gemacht zu haben, wie sie die Besucher auf natürliche Weise in ihre Werkwelt einbeziehen und mit ihnen kommunizieren kann. Einen Moment lang hat sie das Image der international renommierten Künstlerin, die nach einem mörderischen Terminplan durch die Welt reist, abgelegt und den Besuchern die Hand gereicht, um gemeinsam darüber nachzudenken, was 'sie dazu bewegt haben könnte, sich dermaßen ihrem Werk hinzugeben“.
Auf Bottari-Bündeln sitzend
Ihr erstes Werk, mit dem Kim Soo-ja ihren Namen in der internationalen Kunstszene verewigte, war Bottari-Lastwagen (Bottari Truck). Es war der koreanische Fotograf Joo Myung-duck (geb. 1940), der sie - mit dem Rücken zur Kamera auf einem Haufen blumengemusterter Bottari-Bündel sitzend - fotografierte und so international bekannt machte. Dieses Foto sublimierte die Experimente einer Künstlerin, Dinge in Einschlagtücher zu verpacken, auf die künstlerische Ebene des Verknüpfens von Menschen. Für Kim Soo-ja, die Menschen durch Stoffe darstellt, bedeutete die Nadel Verlängerung ihrer Hand und Erweiterung ihres Körpers, der Faden eine Verlängerung ihres Herzens. Kim erinnert sich an den Moment, in dem sie 'der Nadel begegnete“, wie folgt: 'Als ich mit meiner Mutter an einem Deckenbezug nähte, erkannte ich in den Bewegungen der Nadel, die durch den Stoff hin- und herzieht, das Prinzip von Leben und Tod, von Ein- und Ausatmen, von Yin und Yang.“
Schon während ihres Kunststudiums an der Hongik University machte sich Kim für ihr Alter ungewöhnlich tiefgründige Gedanken über das Leben: 'Ich entschied mich für die Kunst, da ein Leben als Künstlerin mir erlauben würde, über das Sein nachzusinnen.“ Für Kim, für die die Struktur der Welt aus Vertikalen und Horizontalen bestand und die sich Gedanken darüber machte, wie sie dies auf einer zweidimensionalen Fläche darstellen könnte, war das Nähen der Schlüssel zur sofortigen Lösung des Dilemmas. Das Bottari-Bündel mit seiner Aufnahmefähigkeit, Flexibilität und Veränderbarkeit - zweidimensional, wenn aufgefaltet, dreidimensional, wenn zusammengeschnürt - wurde zum maßgeschneiderten Instrument und Konzept für Kim Soo-ja, die alle Aspekte der Menschheit umfassen wollte.
Ihr Name 'Soo-ja“ klingt genau wie das Hindi-Wort für 'Sticknadel“. Ob das nicht eine schicksalhafte Wahl war? Sie betrachtete sich selbst als Nadel, als sie in einer Stadt der Konflikte und des Unfriedens durch die Menschenmenge zog. Die Werkreihen Eine Nadelfrau und Eine Spiegelfrau, die sich an die Bottari-Serie anschlossen, machten Kim zu einem der heute meistbeschäftigsten Künstler-Stars der internationalen Kunstszene.
Vom Schicksal zum Wandern bestimmt
Was ist heutzutage wohl der zuverlässigste Standard, an dem sich die internationale Bekanntheit eines Künstlers messen lässt? Einst waren es nur die Preise, zu denen seine Werke auf Auktionen oder Kunstmärkten gehandelt wurden. Heutzutage kommt ein weiteres Kriterium hinzu: Flugmeilen. Künstler, die zur Teilnahme an internationalen Biennalen oder auf Einladung von berühmten Galerien das ganze Jahr über durch die Welt jetten, lassen ihr Nomadenschicksal bis zu einem gewissen Grade in ihre Kunstwelt einfließen.
Kim Soo-ja vor ihrer Video-Arbeit Erde, Wasser, Feuer, Luft. Sechs Teile dieserSerie waren 2010 an der Ölrückhaltewand des Yeonggwang-Kernkraftwerks (späterumbenannt in Hanbit Kernkraftwerk) installiert.
Auch Kim Soo-ja hat einen straffen Zeitplan: Nachdem sie 1999 nach New York gezogen war, hielt sie sich fünf Monate im Jahr in New York und jeweils einen Monat in Seoul und Paris auf, den Rest des Jahres zog sie für Solo-Ausstellungen oder auf Einladung von Stadt zu Stadt. Fast jede Woche erhalten Kunstredakteure E-mails von Kims Studio, die über eine neue Ausstellung informieren.
Das Herzstück einer Kunstwelt, die auf Reisen aus neuen Ideen und zur Umsetzung dieser Ideen aus zwischendurch eingepackten Instrumenten entwickelt wird, bilden gewöhnlich die Menschen, die der Künstler vor Ort trifft. Kim hat sich ebenfalls anhand des Mediums 'Mensch“ weiterentwickelt. Auch wenn sie die Merkmale ihrer Kunstwelt mit 'Örtlichkeit, Geistigkeit und Identität“ zusammenfasst, sind die Menschen und die von ihnen auf den Weg gebrachte Zukunft ihre zentrale Antriebskraft.
Die Videoinstallation Erde-Wasser-Feuer-Luft, die im September 2010 am Kernkraftwerk Yeonggwang in der Provinz Jeollanam-do präsentiert wurde, thematisierte die Realität der koreanischen Halbinsel, die sich nicht von der Bedrohung durch Atomwaffen frei machen kann. Anhand dieses Kernkraftwerks, das für die doppelte Bedeutung der Kernkraft als Mittel der Zerstörung und als mögliche künftige Alternative zur Lösung des Problems der Energieknappheit steht, demonstrierte die Künstlerin die Sichtweise des Nomaden: Überlasse dich der Natur und dem Kreislauf von Erde, Wasser, Feuer und Luft.
Die Kanten des Herzens abrunden
Sobald die Besucher die Halle mit der Ausstellung Kimsooja - Archive of Mind (27. Jul. 2016 - 5. Feb. 2017) betreten, stoßen sie auf einen riesigen ovalen Tisch mit einem Durchmesser von 19 m. Der Tisch, der jeden normalen Innenraum sprengen würde, kann als mentales Bild oder auch als Galaxie verstanden werden. Der Besucher kann sich an den Tisch setzen, aus Lehm eine Kugel kneten und dabei - wohl nach langem zum ersten Mal - die stoffliche Beschaffenheit des Lehms erfühlen. Während er den Lehm durch Herumrollen in der Hand in Kugelform bringt, mag er sich fragen: 'Warum soll ich nur einen Ball daraus machen?“ In den Teilnahme-Instruktionen kommt die Absicht der Künstlerin zum Ausdruck.
Deduktives Objekt (2016). Stahl, Farbe, Spiegel. Skulptur 1,5m (D) x 2,45m (H).Spiegel 10 x10 m.
Kim formulierte es bei der Vorstellung ihres Werkes so: 'Es ist ein Ort, an dem man sein Herz leert und die Kanten seines Herzens abrundet.“ Wie viele spitze Kanten gibt es wohl in den menschlichen Angelegenheiten? Die Kanten von Konflikt und Spaltung führen zu Terror und Krieg. Die kreisenden Bewegungen, mit denen der Besucher den Lehm, den seine Hände umfassen, rollt, gewährt ihm einen Blick in sein Inneres und lässt ihn durch die Reibungskraft zwischen den beiden Handflächen etwas spüren. Den primitiven Urtastsinn wahrnehmend wiederholt er die die Leere umhüllende Bewegung der Hände und begegnet so unvermittelt der runden Illusion des Nichts. 'In Indien sagt man, dass man durch Schleifen und Polieren eines schwarzen Steins einen Spiegel macht“, fügt die Künstlerin hinzu.
Kims neue Klangperformance Sich entfaltende Kugel (Unfolding Sphere), die zusammen mit dem Hauptexponat der Ausstellung präsentiert wird, steht mit dem Bild der Oberfläche des ovalen, mit Lehmkugeln besprenkelten Tisches im Einklang und umhüllt die Besucher mit einer kosmischen Plastizität.
Spuren des Körpers
Körperstudie (1981). Serie von Seidensiebdrucken mit Kims eigener Performance.Fotogröße jeweils: 54.5 x 55.5 cm.
Das Werk Geometrie des Körpers besteht aus einer an der Wand hängenden Yogamatte, auf der die Künstlerin die letzten zehn Jahre über ihre Yoga-Übungen gemacht hat. Es ist eine Art 'Körpermalerei“ mit den Spuren, die Hände und Füße sowie Schweiß und Tränen im Laufe der Zeit im Material hinterlassen haben. Die Matte ist in diesem Fall kein Ready-made, wie sie in der konventionellen Kunst lange Zeit eingesetzt wurde. Es ist vielmehr ein 'benutzter Gegenstand (used object)“, der die im Herzen reflektierten Spuren des Körpers zum Vorschein bringt. Die Spuren des Körpers haben ein neues Konzept der Malerei geschaffen.
Vom Moment ihrer Entscheidung, Künstlerin zu werden, bis heute hat sich Kim dem Problem des Vertikalen und Horizontalen gewidmet. Körperstudie aus dem Jahr 1981 ist ein visuelles Werk, das Kims frühe Einstellung dazu zeigt. Aus Fotoaufnahmen von ihren eigenen Performances produzierte sie 45 Seidensiebdrucke. Der Körper scheint der Startpunkt, an dem sie sich selbst und die Welt wahrgenommen hat, und gleichzeitig die Wurzel ihrer Kunstwelt zu sein.
Ein Atemzug ist eine digitale Stickarbeit, für die die Wellen des Ein- und Ausatmens aufgezeichnet wurden. Die Künstlerin hat Struktur und Form des für den Menschen überlebenswichtigen Atmens durch das Ziehen der Nadel durchs Gewebe dargestellt.
Betrachtet man den auf Satin gestickten Kreislauf des Atems, fragt man sich unwillkürlich, wo die Grenze zwischen Leben und Tod liegen mag. Grundlage für dieses Werk war die Wellenformgrafik der Klanginstallation Die Webfabrik aus dem Jahr 2004, für die Kim ihre Atemzüge aufnahm.
Deduktives Objekt,zwei Armabgüsse auf einem Holztisch, wirkt irgendwie einsam. Vielleicht, weil das Werk die Leere verkörpert? Daumen und Zeigefinger der Gipsabgüsse der Gliedmaße der Künstlerin berühren einander.
Kim Soo-ja ist als „Bottari-Künstlerin“ bekannt, da sie mit einer Performance berühmtwurde, bei der sie auf einer Lastwagenladung Bottari-Bündel sitzend durchdie Welt reiste.
Frauen, die etwas weben, es auseinanderriffeln und erneut weben, treten in ihrer den dicklichen Nähten gleichen 'Stofflichkeit“ hervor. Vielleicht ist das ja einfach der Weg, den der Mensch gekommen ist: eingenäht in die Natur, ein- und ausatmend in die Leere sickern.
Von Bottari zur Anthropologie
Pfade des Fadens V (2016) 16-mm-Dokumentarfilm-Serie mit Ton, 21Min. 48 Sek.
Highlight der Ausstellung ist die erste öffentliche Vorführung des neuen Kapitels (Kapitel V) der Videoinstallationsserie Pfade des Fadens. Seit 2010 arbeitet Kim an dieser 16-mm-Dokumentarfilm-Serie mit der ganzen Welt als Bühne. Das fünfte von sechs Kapiteln ist jetzt fertig. Kims Erforschung der Webkultur und des Gewebes, der sich die Künstlerin ihr ganzes Leben lang gewidmet hat, ist in diesem 21:48 Minuten langen Video enthalten. Gefilmt wurde in den Reservaten von New Mexico, wo Navajo- und Hopi-Indianer leben. Kritiker bezeichneten dieses Werk als 'Visuelles Gedicht ohne Worte“ und 'Visuelle Anthropologie“.
Weite Ebenen, die Vorstellungen über die Ursprünge der Menschheit heraufbeschwören, Ruinen, die an die Steinzeit erinnern, steil aufragende Felsformationen und der endlose Horizont kommen einer Leinwandgrundierung gleich zum Vorschein.
Frauen, die etwas weben, es auseinanderriffeln und erneut weben, treten in ihrer den dicklichen Nähten gleichen 'Stofflichkeit“ hervor. Vielleicht ist das ja einfach der Weg, den der Mensch gekommen ist: eingenäht in die Natur, ein- und ausatmend in die Leere sickern.
Die kleine Näherin, die Bottari nähte, ist eine große, an der Erde nähende Näherin geworden, die auch heute wieder durch die Galaxie reist.
Chung Jae-sukKulturredakteurin, Tageszeitung The JoongAng Ilbo