Kim Hyun-jung ist eine für ihre Dreistigkeit und frechen Provokationen berühmte Künstlerin der jungen Generation. Die 28-Jährige träumt davon, als „Arttainerin“ (Art+Entertainerin) das Publikum zu unterhalten und eine Koreawelle der Kunst loszutreten.
Feign: Sweet Whispers (feat. Limit Excess). 2016, Tusche, leichte Farben und Collage auf Maulbeerbaumpapier, 120 x 176 cm.
Auf dem Schild, das an einem kleinen Gebäude an der Straße Nonhyeon-ro im Herzen des Seouler Südviertels Gangnam hängt, steht „KIM HYUN JUNG ART CREATIVE CENTER“. So taufte Kim Hyun-jung ihre zwei Etagen einnehmende „Fabrik“, in dem ein Büro für ihre rund zehn Mitarbeiter und ein Atelier untergebracht sind. Es ist quasi ein Kunst-Startup.
Kim hat ihre Bilder, die Frauen in der traditionellen koreanischen Tracht Hanbok in einer modernen Umgebung zeigen, als Marke eintragen lassen. 2015 gewann sie den Preis „Korea Creative Innovation“ in der Kategorie Kunst und das Wirtschaftsmagazin Forbes listete sie 2017 unter die 30 einflussreichsten Künstler unter 30 in Asien (30 Under 30 Asia 2017: The Arts). Sie ist derzeit dermaßen als Rednerin gefragt, dass sie jemanden zum Managen ihrer Vortragstermine und Inhalte einstellen musste.
Kim, die zu unserem Interviewtermin in einem eleganten Hanbok kommt, scheint gleichsam einem der Werke aus ihrer Naesung-Serie entsprungen zu sein. Sie erzählt:
„Der Hanbok ist mein Markenzeichen geworden. In westlicher Kleidung erkennt mich niemand. Ich habe etwa 30 Hanbok-Sets, deren Bolero und Röcke ich mit Hilfe einer Stylistin kombiniere. Je öfter ich Hanbok trage, desto stärker werden mir dessen Eleganz und Pracht bewusst.“
Kombination aus Eleganz und Frechheit
Im koreanischen Wörterbuch wird „Naesung“ beschrieben als Eigenschaft, „nach außen hin unschuldig zu erscheinen, aber innerlich abgefeimt zu sein“. Das Wort ist „so originär koreanisch“, das eine alle Nuancen umfassende Übersetzung des Begriffs im Englischen fehlt, weshalb die Übersetzung des Titels ihrer Bilderserie („Feign“ Series) einiges Kopfzerbrechen verlangte. An der Eigenart des Menschen, „sich anders zu geben, als man ist“, entdeckte die Künstlerin das Thema ihrer Werke.
Die „Naesung-Frauen“ in ihren Bildern sind quasi „personifizierte Brüche“: Da fährt z.B. eine Frau im Hanbok auf dem Moped, um eine McDonald-Bestellung auszuliefern. Eine andere sitzt im Hanbok auf dem Boden – ein Bein unflätig auf den Boden gestützt, das andere untergeschlagen – und verschlingt eine Pizza oder Ramen-Instantnudeln. Ihr durchsichtiger Rock enthüllt die Körperlinien, wobei die gleichsam „knarzende“ Textur des Stoffes mittels Collagetechnik zum Ausdruck gebracht wird. Die Kombination von traditionel lem Hanbok mit seinem Oberteil Dangui für adlige Frauen der Joseon-Zeit und modernem Großstadtleben wirkt wie ein unsanfter Zusammenstoß, strahlt gleichzeitig aber auch eine ausgelassene Überschwänglichkeit aus. Da es sich zudem um Darstellungen junger Frauen von mädchenhaften Schönheit handelt, ist die Begeisterung des Publikums keine große Überraschung.
„Inspiriert wurde ich vom klassischen und geheimnisvollen Stil des Hanbok“, erklärt Kim. „Ich überlegte, wie es wäre, in feine Hanbok gekleidete Frauen bei trivialen Alltagsaktivitäten darzustellen. In meiner Naesung-Serie wollte ich eine Art befreiendes Abweichen von der Norm zum Ausdruck bringen.“
Diese Strategie scheint erfolgreich zu sein: Zu den Solo-Ausstellungen von Kim, die durch ihre Kunst mit dem Publikum kommunizieren möchte, strömen abertausende Besucher. Die clevere Künstlerin nutzt auch die sozialen Netzwerke: Über 110.000 Fans verfolgen bereits ihre Aktivitäten im Netz.
Künstlerin mit BWL-Abschluss
Mit sieben hatte Kim ihre ersten Malstunden. Sie sagt: „Da ich mich ja von klein auf nur mit Kunst beschäftigt habe, gibt es nichts, was ich nicht malen könnte.“ Bei ihrem Eintritt in eine auf Kunst spezialisierte Mittelschule war sie später aber doch nicht ganz ohne Bedenken. Als sie später überlegte, die Malerei zu ihrem Beruf zu machen, brachte sie der Satz „Künstler sind Hungerleider“ zum Zögern. Aber in ihr wuchs die Entschlossenheit, dieses Vorurteil zu widerlegen. Wie tragisch wäre es doch, wenn alle Studierenden an Koreas Kunsthochschulen nur eine Zukunft in Armut erwartete?
Kim studierte an der Seoul National University Asiatische Malerei und wählte Betriebswirtschaftslehre als zweites Hauptfach. Voller Neugier und Eifer durchforstete sie den Kunstmarkt. Sie benchmarkte berühmte Künstler, die finanziell erfolgreich sind. Um nicht als hungerleidender Künstler zu enden, verfolgt sie ehrgeizige Projekte wie z.B.
KimHyun-jung, gekleidet in einen Hanbok, bei der Arbeit in ihrem Atelier in Nonhyeon-dong, Seoul. Wie die Figuren in ihren Gemälden, so kleidet sich auch Kim gerne in die koreanische Nationaltracht.
die Entwicklung einer breiten Produktpalette mit ihren Bildern als Thema und kollaborative Kunstmarketing-Partnerschaften mit verschiedenen Unternehmen, die ein Win-Win für beide Seiten anstreben.
„Ich habe ein großes Interesse an der Kommerzialisierung und Popularisierung der Kunst. Diesbezüglich willKunstmanagement ich keineswegs reines Künstlertum vortäuschen. Ich denke viel über die Beschränkungen auf dem koreanischen
Kunstmarkt und die Hürden für die jungen Künstler nach. Um den Eintritt in die Kunstwelt zu erleichtern, kommuniziere ich beständig mit dem Publikum. Ich habe sogar schon mal als Kunsthändlerin gearbeitet. Meine Kunstmanagement-Philosophie basiert auf einer das Publikum ansprechenden Kunst. Mit Werken, an denen jeder sich erfreuen und Vergnügen finden kann, möchte ich zur Popularisierung der Kunst beitragen.“
„Ich habe ein großes Interessean der Kommerzialisierung undPopularisierung der Kunst.Diesbezüglich will ichkeineswegs reines Künstlertum vortäuschen. Ich denke viel über die Beschränkungen auf demkoreanischen Kunstmarkt und die Hürden für die jungenKünstler nach. Um den Eintritt in die Kunstwelt zu erleichtern, kommuniziere ich beständigmit dem Publikum.“
Genremalerei des 21. Jhs anvisiert
Feign: Oops. 2012, Tusche, leichte Farben und Collage auf Maulbeerbaumpapier, 145 x 117 cm.
Kim unternimmt vielseitige Bemühungen, um das Vorurteil abzubauen, dass die traditionelle koreanische Malerei altbacken und verstaubt sei. Sie besteht zwar auf den traditionellen Mitteln wie Verwendung von Hanji-Maulbeerbaumpapier und Tuschemalerei-Lavurtechniken, scheut sich aber auch nicht vor gewagten Kombinationen mit Elementen der modernen Kunst. Beispielsweise wählte sie die Handlung von westlichen Märchen wie Aschenputtel als Thema für ihre Naesung-Werke oder erweiterte ihre Naesung-Serie um Foto-Arbeiten. Sie zögerte auch nicht, eine moderne Frau in ein Meisterwerk aus dem Joseon-Reich des 18. Jhs zu transplantieren.
„Kim Hong-do, der die Genremalerei der Joseon-Zeit zur Vollendung brachte, und Sin Yun-bok, dessen gewagte Genrebilder seiner Zeit voraus waren, haben mich inspiriert“, sagt Kim. „Offenheit und Humor, die sie in ihre Bilder fließen ließen, ihre gewagten Kompositionen und Pinseltechniken, all das sind Anregungen für mich. Mein Traum ist, in ihre Fußstapfen zu treten und die Genremalerei des 21. Jhs zu schaffen.“
Zurzeit arbeitet Kim an Bildern von Naesung-Frauen im Waschsalon, in der Sauna und im traditionellen koreanischen Badehaus Jjimjilbang mit seinen Saunen und Wasserbecken – einem Porträt unseres Zeitalters anhand des Lebens von Frauen in der koreanischen Gesellschaft von heute.
„Meine jüngsten Arbeiten sind äußerst figurativ. Ich versuche, sogar ein einzelnes Haar mit dünnen Pinselstrichen so realistisch wie möglich darzustellen. Später möchte ich meine Arbeit auf Installationskunst und Bildmedien erweitern. Wenn das Naesung-Konzept taktil erlebbarer ausgedrückt wird, ist die Idee für das Publikum einfacher verständlich als beim reinen Betrachten eines Bildes“, erklärt Kim.
Sie nennt den Installationskünstler Suh Do-ho als ihr Vorbild und möchte, was die internationale Kunstbühne angeht, seinem Beispiel folgen. „Für seine Installation Home within Home hat Suh ein traditionelles koreanisches Hanok-Haus maßstabgetreu aus traditionellem koreanischen Kleiderstoff gefertigt, so die originär koreanische Ästhetik neu interpretiert und ein Kunstwerk von globaler Anziehungskraft geschaffen“, so Kim.
„Auch ich möchte die Schönheit der koreanischen Tuschemalerei, des Hanbok, und des traditionellen Hanji-Maulbeerbaumpapiers der internationalen Kunstwelt vorstellen und Anerkennung gewinnen. Hier kann man von dem japanischen Künstler Takashi Murakami einiges lernen. Er hat durch Kollaborationen mit westlichen Luxusmarken bewiesen, wie Kunst in kommerzielle Produkte übersetzt werden und so in unseren Alltag Eingang finden kann. Einer meiner Träume ist, Kunst wie Musik in den Alltag einsickern zu lassen, daher möchte ich von seiner Expertise zur natürlichen Harmonisierung von Kunst und Kommerz lernen.“
Ich, Andere, Konvention
Feign: Where is your rainbow? 2016, Tusche, leichte Farben und Collage auf Maulbeerbaumpapier, 178 x 127 cm.
Kim ist eine Künstlerin mit enormem Potenzial. Für sie hat nicht die Zahl ihrer Ausstellungen, sondern die Qualität ihrer Exponate Vorrang. Seitdem sich ihre Wirkung als Publikumsmagnet herumgesprochen hat, bekommt sie nicht wenige Ausstellungsangebote, nimmt aber nicht unüberlegt alle an.
„Wenn ich mich morgens um neun an ein Bild setze, male ich bis abends um sieben. Wenn ich mich einmal auf einen Punkt konzentriere, male ich ohne einen einzigen Bissen bis abends durch. Und dann schlinge ich heißhungrig alles in mich hinein. Die Naesung-Frau, die vor dem offenen Kühlschrank eine Fressorgie feiert, ist quasi ein Selbstportrait. Um ein Bild fertigzustellen, muss die emotionale Wellenlänge stimmen. In den letzten Jahren habe ich über 300 Werke angefertigt und ich gebe mein Bestes, mit einer frischen Perspektive an die Arbeit zu gehen. Ich glaube, ich könnte mich selbst nicht ertragen, wenn ich selbstzufrieden immer nur dasselbe malen würde“, so Kim.
Kim Hyun-jungs Bilder sind von dermaßen kraftvoller Präsenz, dass sie die Inneneinrichtung leicht dominieren können, weshalb sie nicht überall aufgehängt werden können. Das dürfte auch ein Grund sein, warum sie sich nicht so gut verkaufen. Doch Kim beabsichtigt nicht, sie in Richtung hübsch und nett zu verwässern.
„Meine Werke sind meine Babys, da kenne ich keine Kompromisse. Darüber hinaus sind die meisten Selbstportraits, ich kann also schlecht leugnen, wer ich bin. Ich freue mich, wenn die Leute sich meine Arbeiten anschauen und über Thema und Titel erheitert lachen. Ich denke, dass sie dann meine Absicht, bestehende Konventionen herauszufordern, verstanden haben.“
Kim träumt von einer Koreawelle der Kunst. Ihr Ehrgeiz ist, das Ihre zu tun, damit der Tag, an dem die koreanische Kunst auf der internationalen Kunstbühne gefeiert und anerkannt wird, schneller naht.
„Ich überlege, die Themen ‚Identitiät des Ich‘, ‚Blicke der anderen‘ und ‚gesellschaftliche Konventionen‘ zu bündeln. Doch ich brauche nichts zu überstürzen, ich bin ja noch eine junge Künstlerin, die gerade mal an der Startlinie steht. Ich habe genügend Schneid, meinen Hanbok zu schürzen und fest entschlossen nach vorne zu schreiten. Ich kann alles schaffen, was ich will.“
Chung Jae-sukKulturredakteurin, Tageszeitung JoongAng Ilbo
Fotos Ahn Hong-beom