Der Cartoonist Kim Botong zog mit seinem Erstlingswerk Amanza, einem inPastelltönen gehaltenen Webtoon mit schlichten Zeichnungen, über Nacht internationaleAufmerksamkeit als Nachwuchstalent auf sich. Der letzte Satz der Hauptfigur, einesKranken mit Krebs im Endstadium, lautet: „Lebe, und zwar blendend!“ Diese kurzeBotschaft enthält wohl alles, was der Cartoonist der Welt sagen möchte.
Der Cartoonist Kim Botong posiert in einer Hundemaske in seinem Studio.
In einer TV-Serie brüllt die Hauptdarstellerin: „Ich bin eineKrebspatientin! (Amhwanja)!!“ Nach der Ausstrahlung postetejemand ihm Zuschauerforum: „Was bedeutet denn ‚Amanza’?“Die sich wie ein Lauffeuer verbreitende Frage sorgte für Lachstürme:Der Zuschauer hatte nicht „Amhwanja“, sondern „Amanza“,ein Unsinnswort, verstanden. Doch einige konnten nicht mitlachen:„Amhwanja“ und ihre Angehörigen. Kim Botong war einer vonihnen.
Kim Botong ist immer noch ein Newcomer in der Cartoon-Branche.2013 veröffentlichte er seine erste Cartoonserie im Internet,drei Monate vor seinem 34. Geburtstag. Sein Debüt-CartoonAmanza handelt von einem jungen Mann in den Zwanzigern mitKrebs im Endstadion. Obwohl Kim die Geschichte eines auf denTod wartenden Patienten erzählt, konnte er mit seinen heiteren, inPastellfarben gehaltenen Zeichnungen die Aufmerksamkeit vielerCartoonfans auf sich ziehen. 2014 erhielt Kim vom Ministerium fürKultur, Sport und Tourismus für dieses Werk den Preis „KoreanischeCartoons Heute“. Die Veröffentlichung in Japan und den USAmachte ihn über Nacht international berühmt.
Das Nachfolgewerk beschäftigte sich mit dem koreanischen Militär.Die unter dem Titel D.P. Dog Days in einer Tageszeitung veröffentlichteCartoonserie behandelt durch den Protagonisten, derfür die Fahndung nach Deserteuren zuständig ist, das Problem derMenschenrechtsverletzungen im koreanischen Militär. Die ziemlichdirekte Thematisierung eines gesellschaftlichen Problemsließ kaum auf Beliebtheit beim breiten Publikum hoffen. Doch alsdie Serie 2015 auf der Webtoon-Seite Lezhincomics veröffentlichtwurde, läuteten in der koreanischen Gesellschaft, die der Thematikbis dahin kaum Beachtung geschenkt hatte, die Alarmglocken.Parallel dazu veröffentlichte Kim auf derselben Webseite die interaktiveCartoonserie Beratungsservice – nach meiner Art.
Es warein Event-ähnlicher Service, bei dem die Leser durch soziale Medienwie Twitter mitteilten, was sie auf dem Herzen hatten, und Kimdann Ratschläge in Cartoon-Form gab. So wurde Kim vom erzählendenCartoonisten zu einem Cartoonisten, der dem Publikumsein Ohr leiht.
Vom Angestellten zum Cartoonisten
Die Waldszenen aus Amanza,Kim Botongs Erstlingswerk,hauchen dem traurigen Kampfdes jungen Krebspatientenetwas Kraft ein.
Kim Botong hatte als Teenager und in seinen Zwanzigern nichts mitCartoons zu tun. Als Teenager konzentrierte er sich aufs Paukenund in seinen Zwanzigern bekam er eine Stelle bei einem Großunternehmen,ganz so, wie sein Vater es sich gewünscht hatte. Seindrittes Lebensjahrzehnt begann er als Teil einer Riesen-Geschäftsorganisation.Seine Position war zwar das Ergebnis harter Arbeit,doch besonders stolz war er nicht darauf. Sein Geschäftsanzugbegann ihm die Luft abzuschnüren und der Stress, den sein Vorgesetzterihm bereitete, wog schwerer als die Freude über einengemeinsam mit den Kollegen erzielten Erfolg. Etwa zu der Zeit diagnostizierteman bei seinem Vater Magenkrebs.
„Bildung bedeutete meinem Vater alles. Er hielt mich immer zumLernen an und wollte mich auf einer Stelle bei einem angesehenenUnternehmen sehen. Schon in der Mittelschule merkte ich, dassich einiges Zeichentalent besaß und liebte Cartoons. Aber ich hättenicht einmal davon zu träumen gewagt, daraus einen Beruf zumachen.“
Selbst als sein Vater auf dem Sterbebett lag, musste Kim an denFirmenabendessen teilnehmen und anschließend im Karaoke fürStimmung sorgen. Er hasste die Situation, in die er sich gezwungenfühlte, auch wenn ihn niemand offen zwang, und er hasste sichselbst dafür, dass er das mit sich machen ließ. Doch er wagte nicht,seinem sterbenden Vater zu gestehen, dass er nicht länger zurArbeit gehen wollte. Erst nach dem Tod seines Vaters kündigte er,dann aber sofort, und machte sich auf die Suche nach einer neuenArbeit.
„Um ehrlich zu sein, bereute ich die Kündigung schon in demMoment, als ich sie eingereicht hatte. Ich war mir so sicher, denJob nicht länger ertragen zu können, doch als ich mich dann fragte,wovon ich denn jetzt leben sollte, schnürte mir Panik den Hals zu.Ich schaute mir alle möglichen Jobs an und erzählte meiner Familieauch mal, dass ich zur Law School gehen wolle.
Selbst als ichdann Glück hatte, mit dem Zeichnen von Cartoons etwas Geld zuverdienen, dachte ich nur daran, es für die Law School-Gebührenzu sparen.“
Als Kim auf der Suche nach einer neuen Arbeit war, griff er einesTages zu Druckbleistift und Notizblock, die gerade vor ihm lagen,und begann zu zeichnen. Die nächsten Monate verbrachte er mitnichts anderem als Zeichnen. Etwa zu der Zeit meldete er sich aufTwitter an und knüpfte Kontakte zu Menschen, die aus völlig anderenWelten als seiner bis dahin gewohnten kamen. Darunter einKomponist, der gute Texte vertonen wollte und für den er dannLiedtexte schrieb; und ein berühmter Comiczeichner, der auf Kimaufmerksam wurde, als der die Gesichter seiner Twitter-Followerzu zeichnen begann. Dieser Kontakt brachte ihm dann die Gelegenheit,seine eigenen Cartoons zu zeichnen.
Choi Gyu-seok, Vater der berühmten Webtoon-Serie Die Ahle,schlug Kim vor, Cartoons zu zeichnen und sie auf Twitter zu veröffentlichen.Kim machte sich mit dem Gedanken an die Arbeit, einfacheine als Smartphone-Lektüre geeignete Geschichte zu zeichnen,oder einen Brief an seinen verstorbenen Vater zu schreiben.Doch seine Geschichte, die er aus der Sicht eines fiktiven jungenKrebspatienten erzählte, war erfolgreicher als erwartet. Kaumhatte er die Tür hinter seiner alten Arbeitswelt zugeschlagen, öffnetesich ihm eine neue und Kim ist mittlerweile zu einem aufgehendenStern am Cartoon-Himmel aufgestiegen, doch fühlt er sichimmer noch wie jemand, der am Rand steht.
Hinter einer Maske
„Botong“ ist Kims Künstlername.Das Wort bedeutet so viel wie „nichtsBesonderes“ oder „etwas Gewöhnliches“.Kim entschied sich für einPseudonym, weil er zwischen seinemjetzigen Künstlerleben und dem Angestelltenlebendavor einen Trennstrichziehen wollte. Da er aber sein Gesichtnicht ändern kann, versteckt er es beiöffentlichen Auftritten stets hinter einerMaske. Ein weiterer Grund dafür ist dasihm aufgedrückte Image, jemand zusein, der „wegen eines Traums seinenArbeitsplatz einfach aufgegeben hat“;irgendwie empfindet er seinen früherenArbeitskollegen gegenüber, die immernoch fleißig derselben Arbeit nachgehen,Schuldgefühle.
D.P. Dog Days, das auf Kimswahren Erlebnissen aus seinerWehrdienstzeit, als er in einerfür die Fahndung nach Deserteurenzuständigen Militärpolizei-Einheit diente, beruht, wurdenach der Veröffentlichung alsZeitungs- und Online-Serie invier Buchbänden herausgegeben.
„Letztes Jahr wurde ich in den #BlueRoom von Twitter Korea eingeladen. Das ist einStudio, in das Prominente eingeladen werden, um locker über Livestream und Chatsmit Twitter-Nutzern zu kommunizieren. Anfangs lehnte ich ab. Ich hatte Angst, dassLeute, die mich noch von früher kennen, mein jetziges Ich nach den Kriterien von früherbeurteilen würden. Ich dachte auch, dass diese Art der Kommunikation nicht dazu beitragenkönne, meine Cartoons verstehen und schätzen zu lernen. Die Organisatoren ließendann für mich eine Kopfmaske nach der Vorlage einer meiner Hundefiguren anfertigen.Seitdem trage ich bei Interviews immer eine Maske. Bei öffentlichen Auftritten inJapan fühle ich mich etwas freier und verzichte darauf, da mich dort keiner persönlichkennt.“
Kim Botong macht aber keineswegs den Eindruck eines exzentrischen Cartoonisten-Typs, der sich von der Außenwelt abschottet. Auffällig sind sein ordentlicher Haarschnitt,sein durchtrainierter Körper, das deutliche Maß an Rücksichtnahme und Respektanderen gegenüber – wohl während seiner Zeit als Angestellter trainierte Qualitäten– und seine Bescheidenheit.
„Es gibt immer noch mehr Leute, die meine Cartoons nicht kennen, als Leute, die siekennen, weshalb ich sie stark zu promoten versuche. In den sozialen Netzwerken bin ichauch sehr aktiv. Ich treibe viel Sport und achte auf meine Ernährung. Für Langzeit-Serienist eine gute geistige Verfassung wichtig, weshalb ich nicht so oft Leute treffe.“
Suche nach Glück á la Kim Botong
Nachdem 2015 in Japan die übersetzte Version von Amanza (jap.: Gankanja) online veröffentlichtwurde, ist Kim in Japan sogar bekannter als in Korea. Dank seiner Popularitätwurde die japanische Version auch als Buch veröffentlicht und Kim wurde zu demvon der The Japan Foundation und der japanischen Präfektur Okayama organisiertenArtist-In-Residence Programm eingeladen. Daher wird er eine Weile zwischen seinenAteliers in Korea und Japan pendeln und seine nächste Cartoonserie konzipieren.
Dieenglische Version von Amanza ist in den USA online erhältlich und wird vom Personalder Krebsabteilungen in Krankenhäusern als Hilfsmaterial genutzt.
„Als Amanza in Japan herauskam, habe ich als Künstlernamen „Futsu“, das japanischeWort für „botong“, verwendet, aber meine Nationalität verschwiegen. Das entfachtedann heiße Diskussionen unter den Netizens. Ich war überrascht,als jemand kommentierte, dass ich Koreaner sein müsse, da inder Szene, in der der Protagonist seiner Familie von der Krebserkrankungerzählt, ein koreanischer Jjigae-Eintopf auf dem Tischzu sehen ist. Da auch in Japan die Zahl der Krebs-Todesfälle hochist, konnten viele die Geschichte gut nachvollziehen. Auch D.P. DogDays soll in Japan veröffentlicht werden, aber da es hier um ein fürdas koreanische Militär spezifisches Problem geht, weiß ich nicht,wie es ankommen wird.“
„Bei Amanza war ich bemüht, eine schmerzhafte Geschichte auf doch irgendwie tröstliche Weise zuerzählen, doch bei D.P. Dog Days konnte ich keins der Probleme des Militärssystems in eine Richtungdrehen, die mit der Realität fertig werden hilft.“
In dem noch geteilten Korea muss jeder gesunde junge Mann inseinen Zwanzigern, einem der schönsten und zugleich verwirrendstenLebensabschnitte, eine gewisse Zeit beim Militär verbringen.Kim diente bei der Militärpolizei in einem Team, das nachDeserteuren fahndete, die nach dem Urlaub nicht zur Truppezurückkehrten. Anders als bei der Amanza-Serie über den Krebspatientenfußen diese Geschichten auf den eigenen Erlebnissen desZeichners.
„Ich wollte mehr über die Deserteure selbst, die sich zur Fahnenfluchtgezwungen sahen, als über die Fahndung nach ihnen erzählen.Ich wollte über die Menschenrechtsverletzungen, die damit imZusammenhang stehen, erzählen. Deshalb gibt es da einige Dinge,die die Zuschauer verstören könnten. Bei Amanza war ich bemüht,eine schmerzhafte Geschichte auf doch irgendwie tröstliche Weisezu erzählen, doch bei D.P. Dog Days konnte ich keins der Problemedes Militärssystems in eine Richtung drehen, die mit der Realitätfertig werden hilft. Viele denken, dass gewisse Dinge beim Militäreinfach unvermeidlich sind, aber gerade diese schweigende Akzeptanzführt zu Desertationen.“
Kim arbeitet mit seinen beidenAssistenten in einem kleinenStudio in Ilsan, Provinz Gyeonggi-do. Er überlegt sich die Anschaffungeines Cintiq-Grafiktabletts,um jederzeit zu Hausearbeiten zu können.
Kim thematisiert die Menschenrechtsverletzungen beim Militäraber nicht nur in seinen Cartoons, sondern befasst sich z.B. auchin öffenlichen Vorträgen damit. Auf die Frage, ob er nicht ein unlösbaresProblem aufs Tapet bringe, antwortete er: „Wenn ich meinenTeil tue und andere ihren – dann könnten sich die Dinge doch allmählichverändern, oder nicht?“
„In meiner nächsten Serie möchte ich mich mit dem koreanischenSchulsystem befassen. Immer mehr Schüler nehmen sichdas Leben. Deshalb möchte ich über Monster in der Schule erzählen.Das können Schüler, Lehrer, Eltern oder auch einfach nur dasUmfeld sein.“
In Amanza versetzt Kim die Hauptfigur, die unter der Behandlungleidet, während sich die Krebszellen ausbreiten, manchmal in eineandere Welt. In dieser Welt namens „Der Wald“ wird der Held, dernicht weiß, wer er ist, oder wie er dahin gekommen ist, Zeuge vonWaldzerstörungen. Die Geschichte pendelt zwischen der Realitätdes Patienten bei seinem schmerzhaften Kampf gegen die Krankheitund den Abenteuern des jungen Helden beim Kampf gegendie Verwüstung hin und her. Im langsam sterbenden Wald kämpfter, seine Krankheit völlig vergessend, für die Rettung des Waldes.Die Waldszenen, die dem traurigen Kampf im Krankenhaus etwasKraft einhauchen, sind Fantasy-Stil á la Kim Botong, der Amanzaso wertvoll macht. Wie wird wohl sein Held, der die Monster in denSchulen zurückschlägt, aussehen?