
Chuseok, das Erntedankfest nach Lunarkalender, ist einer der höchsten Feiertage in Korea. Der Name bedeutet „Herbst-abend, an dem der helle Vollmond hoch über den Hügel steigt“. In dieser Zeit besuchen viele Koreaner ihre Heimatorte und die Gräber der Vorfahren, sodass die Straßen und Autobahnen in der Umgebung von Seoul und anderen Städten des Landes verstaut sind. Der Besuch der Grabstätten an hohen Feiertagen wie Chuseok und Hansik („Fest der kalten Speisen“ im Frühjahr) zur Pflege der Hügelgräber und Abhaltung der Ahnenriten wird „Seongmyo“ genannt. Dieser Jahrhunderte alte Brauch ist bis heute erhalten geblieben, da die Grabstätten für die Nachfahren als letzte Ruhestätte und „Wohnort“ von Körper und Geist der Vorfahren wichtige Orte sind.
Normalerweise liegen koreanische Gräber auf einem gesäuberten Stück Land an einem Berghang. Der Leichnam wird in einen Holzsarg gelegt und tief im Boden begraben. Auf dem zugeschütteten Grab wird ein Erdhügel errichtet, der zur Befestigung mit Gras bepflanzt wird. Diese typischen koreanischen Grabstätten bedürfen regelmäßiger Pflege. An Hansik werden die zwischen Winter und Frühling entstandenen Schäden behoben und kahle Stellen im Gras instandgesetzt. Wenn um Cheoseo, das in den späten August fällt, die Sommerhitze nachlässt und das Gras zu wachsen aufhört, wird es geschnitten, Unkraut gejätet und die Umgebung gesäubert. Dieser Brauch heißt „Beolcho“, wörtlich „Gras schneiden“. Das muss vor Chuseok erledigt werden, damit die Familienmitglieder an diesem Festtag gemeinsam das Grab besuchen und die Ahnenriten abhalten können. Die Ahnenriten zu Chuseok sind besonders wichtig, da dann den Vorfahren das Getreide der neuen Ernte, die Frucht der harten Arbeit das ganze Jahr hindurch, als Dank für ihren Schutz dargebracht wird.
Mit dem Wandel der Zeiten haben jedoch viele den Besuch der Ahnengräber an den Festtagen ganz gestrichen oder die Friedhofsverwaltung mit der Grabpflege betraut, um unbesorgt in den Urlaub fahren zu können. Wir leben in einer Zeit, in der Einäscherung, Beinhäuser oder Naturbestattungen zunehmen und Bestattungs- und Friedhofsunternehmen sich um alles bis hin zur Grabpflege kümmern. Folgender, von einer Hausfrau im Internet geposteter Brief gibt Einblick in die Gedanken der Koreaner von heute:
„Es ist schon sechs Jahre her, dass mein Schwiegervater verstorben ist. Er wollte in seinem Heimatort begraben werden, aber da die in der Stadt lebenden Kinder meinten, Grabbesuche auf dem Land seien schwierig, haben wir uns nach einer guten Grabstätte auf einem Friedhof in Stadtnähe umgeschaut und ihn dazu überredet. Seit seinem Tod besuchen wir nur noch selten den Heimatort meines Mannes. Und wenn wir uns einmal dafür Zeit nehmen können, ist es nicht mehr so wie bei früheren Besuchen, da wir keine direkten Verbindungen mehr in dem Ort haben. Wie Drachen mit gekappter Leine schweben unsere Erinnerungen verloren am Himmel. Nur noch einmal im Jahr fahren wir um diese Zeit zusammen mit der Familie meines Schwagers zum Heimatort der Familie, um die Ahnengräber zu säubern. Da die Gräber gepflegt werden müssen, nutzen wir dafür die Zeit, in der wir weniger beschäftigt sind. Damit wir morgen vor Sonnenaufgang aufbrechen können, habe ich schon mal Trinkwasser und Wassermelone als Erfrischungen während der Grabreinigungsarbeiten vorbereitet. Und auch alles für den Kaffee, den ich in der Frühe von Hand aufbrühenwerde.“