Im modernen Kunsthandwerk Koreas bahnt sich derzeit ein Paradigmenwechsel an: Neue Möglichkeiten mit bisher unüblichen Materialien werden erprobt, einige Künstler brechen mit alten Konventionen und bedienen sich den Segnungen der neusten Technik. Das Umdenken entsprang dem Wunsch, das Kunsthandwerk von Grund auf zeitgemäßer zu gestalten.
(Im Uhrzeigersinn von links) AFF Collection von Youngmin Kang (1S1T), D-SABANG von Ryu Jong-dae, PaperBricks von Lee Woo-jai und Kunstschmuck von Han Eun-seok.
Mit freundlicher Genehmigung der Künstler
Heutzutage, wo soziale Netzwerke im Alltag verwurzelt sind, wird das zeitgenössische koreanische Kunsthandwerk zu einem populären Kulturphänomen. Junge Künstler posten ihre Werke auf Instagram oder Facebook und gewähren sogar Einblicke in den Entstehungsprozess. Auch öffentliche Einrichtungen sind um die Verbreitung des Kunsthandwerks bemüht, stellen Videos über traditionelle Meister zur Verfügung oder veranstalten Erlebnisprogramme für die Allgemeinheit.
Der Wandel hält hier jedoch nicht an. Dadurch, dass immer mehr Künstler immer häufiger auf so unübliches Material wie Kunststoffe, Industrieabfälle und Recyceltes zurückgreifen, erweitert sich das Konzept des Kunsthandwerks. Einteilungen in Normen und Gattungen wie Keramik-, Metall-, Holz- und Textilhandwerk werden dadurch erschwert.
Im Folgenden wird die Arbeit von vier derzeit viel beachteten Künstlern näher vorgestellt. Sie teilen die Gemeinsamkeit, international auf sozialen Netzwerken aktiv zu sein, Herstellungsmethoden zu erforschen und sich Gedanken über ein nachhaltiges Leben zu machen.
Neuinterpretation von Materialeigenschaften
Lee Woo-jai baut durch die Verwandlung von Zeitungspapier in Skulpturen Vorurteile über physikalische Eigenschaften des Papiers ab.
© Lee Woo-jai
Die quaderförmigen Säulen, die einem Menschen bis zur Hüfte reichen, wirken zunächst wie Zementklumpen. Aufgrund der unregelmäßigen Beschaffenheit ihrer Oberfläche geht von ihnen jedoch ein Gefühl der Wärme aus. Einige weisen einen schwarzen Farbton auf, und man fragt sich, woraus das Stück wohl bestehen möge. Es handelt sich um das Werk In Presence (2022) von Lee Woo-jai. Der Künstler richtete seine Aufmerksamkeit auf Zeitungspapier, ein gewöhnliches Alltagsmaterial. Er hauchte dem Papier, das normalerweise kaum gelesen schnell entsorgt wird, neues Leben ein. Der Betrachter kann jedoch in seinen Werken nichts Gedrucktes mehr sehen und auch keinen Bezug zum Zeitungspapier herstellen, da es zerstampft und zu Pappmaché verarbeitet wurde.
Papier kann weich oder steif sein. Auch kann es leicht oder schwer sein. Lee Woo-jai bricht mit gängigen Vorstellungen von Papier und fragt, welche Eigenschaft wirklich „echt“ ist. Um diese Frage sichtbar zu machen, war Handarbeit unumgänglich. Die Oberflächentextur variiert je nach Mischverhältnis von Wasser, Klebstoff und Pappmaché. Unzählige Experimente waren nötig, um die geeignete Formel für die gewünschte Wirkung zu entdecken. Mit der Erforschung der Eigenschaften des Universal-Materials Papier soll eine ästhetische Ordnung gefunden werden. Darüber hinaus experimentiert der Künstler weiter, um Seh- und Tastsinn zu verkoppeln und synästhetische Erfahrungen zu ermöglichen.
Lee Woo-jais Werke sind leise. Zeitungen aus verschiedenen Ländern werden unabhängig von der Brisanz der politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Ereignisse zu Papier, einem universellen und objektiven Material. Zu Kunst verarbeitet sind Unruhen und Katastrophen nicht mehr laut.
Umdenken
Die Ausstellung Reborn von 1S1T, die im Dezember 2020 stattfand, zeigte wie Youngmin Kang durch die Verwendung von PVC-Abfällen zur Herstellung von Möbeln Kunst und Industrie integriert. Das Konzept löste eine Flut von Bestellungen aus dem Ausland aus.
© 1S1T Youngmin Kang
Bunte Farben und wellige Formen lassen an Stoff oder Leder denken, doch sicher kann man sich bei dem Material nicht sein. Erstaunlich, wie dieser Haufen der Schwerkraft standhält ohne zusammenzustürzen. Als ich das Werk Platubo Collection AFF Chair von Youngmin Kang (1S1T) erblickte, war mein erster Gedanke: „Wie wird so etwas nur hergestellt?“ Der Künstler ist Mitglied der Gruppe 1S1T, die in ihren Arbeiten immer wieder die Grenzen von Architektur, Ingenieurwesen, Design, Fotografie und Fine Art überschreitet. Er verwendet hauptsächlich Kunststoffabfälle, die bei der Beschichtung von Stahlrohren zum Rostschutz mit Kunststoffen auf Basis von Polyvinylchlorid (PVC) oder Polypropylen (PP) während des Farbänderungsprozesses entstehen.
Eines Tages erhielt er von einer Produktionsstätte für Kunststoffrohre einen Kooperationsvorschlag und entdeckte bei einem Ortsbesuch Kunststoffabfälle in großen Müllsäcken. Es war ein Material, das bei etwa 200°C so hohe Plastizität wie Teig aufweist, sich bei Raumtemperatur aber in Feststoff verwandelt. Der Künstler sah die Möglichkeit, dieses Material, anstatt es wegzuwerfen, in eine Form zu gießen bzw. einzuschichten und es somit gestalten zu können. Ein Umdenken also, das den Prozess der Kunststoffentsorgung in ein Verfahren zur Schaffung von Kunstwerken verwandelte. Mit hitzebeständigen Handschuhen häufte er den heißen, weichen Kunststoff, der wie Softeis aus der Maschine trat, schichtweise in eine hölzerne Apfelkiste. Es entstand ein quaderförmiger Gegenstand, der – getrennt von der Kiste – kein Abfall mehr war. Als nächstes fertigte er Edelstahlformen an und begann Stühle herzustellen.
Die Tugend der Arbeit von Youngmin Kang (1S1T) liegt darin, das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu Umweltthemen zu wecken. Schätzungsweise dauert es bis zu 500 Jahre bis sich PVC auf natürliche Weise zersetzt, aber da Kunststoffe erst vor rund 100 Jahren erfunden wurden, ist dies lediglich eine Theorie. Die Produktionsstätte, die mit dem Künstler zusammenarbeitet, hatte zuvor 50 Tonnen PVC pro Jahr entsorgt. Der Künstler hat das Schicksal dieser Industrieabfälle geändert.
Zeitgemäßes Kunsthandwerk
Han Eun-seok fertigte lange Zeit Accessoires aus Gold und Silber, stieg dann 2020 in die Avantgarde-Kunst ein, indem sie Aluminiumdosen und Biokunststoffe verwendete, um zur Reduzierung von Abfällen beizutragen.
© Han Eun-seok
Schmuckdesign diente ursprünglich den Wohlhabenden zum Ausdruck ihrer Privilegien, und bis Mitte des 20. Jhs. waren Kreativität und Innovationsgeist keine geltenden Kriterien. Doch in letzter Zeit sind Ausbrüche aus der Tradition zu erkennen, Schmuckdesign wird vielseitiger, wobei Han Eun-seok noch einen Schritt weiter geht. Sie recycelt Aluminiumdosen und Biokunststoffe, und demonstriert, dass sich auch aus sonst kaum beachteten Materialien schöner Schmuck herstellen lässt.
Beim Gestaltungprozess zerlegte die Künstlerin die Materialien einfach und ordnetet sie wieder neu an. Dabei wurden die Buchstaben, Markenzeichen und Farben der recycelten Dosen zu Designelementen. Die roten Schmuckstücke formen sich etwa aus Cola-Dosen, und an den goldenen Accessoires sind Bierdosen-Unterseiten zu erkennen. Durch die Verwendung von in Korea beliebten Getränken wird somit indirekt koreanische Popkultur ausgedrückt, fällt die Wahl auf Produkte aus den Vereinigten Staaten, die amerikanische.
Han Eun-seoks Schmuckstücke erinnern an Meereslebewesen wie Korallen, was ihre Beziehung zur Welt verdeutlicht. Mit ihrer Arbeit so richtig begonnen hatte sie 2020 während der COVID-19-Pandemie. Sie dachte, dass diese weltweite Krise keineswegs unabhängig vom Klimawandel und der Erwärmung der Weltmeere zu sehen sei. Sie spürte die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur, und wollte mit Schmuck aus recyceltem Material ihren Beitrag dazu leisten. Das Material von Han Eun-seoks Accessoires war nicht teuer, schön sind ihre Werke aber trotzdem – und zeitgemäß.
Einsatz von Spitzentechnologien
Ryu Jong-dae schafft durch die Kombination von digitaler Technologie und zeitgenössischen Materialien Werke wie Modern Modules aus Biokunststoff.
© Ryu Jong-dae
Die D-Soban-Serie von Ryu Jong-dae ist eine Interpretation traditioneller tragbarer Tische Koreas, die mit 3D-Drucker aus umweltfreundlichem Kunststoff hergestellt und mit traditionellem Lack nachbearbeitet wurden.
© Ryu Jong-dae
Seit 2000 kommt die 3D-Drucktechnologie im Kunsthandwerk und Möbeldesign versuchsweise zum Einsatz. Neuerdings hat ihre Anwendung rasant zugenommen, und die Werke von Ryu Jong-dae ragen besonders hervor. Repräsentativ für seine Arbeit ist die Serie D-Soban, die digitale Technologie mit der Schönheit eines alten Gegenstandes kombiniert. Die dünne Tischplatte aus Walnussholz ist Tischlerhandwerk, während das Bein aus dem 3D-Drucker wie ein zylindrisch geformtes Hanok-Ziegeldach wirkt.
Dieses Werk entspricht der modernen Wohnkultur Koreas, die das Sitzen auf dem Boden und auf Stühlen kombiniert. Die Höhe des Soban (kleiner tragbarer Tisch) kann bei der Herstellung durch das Ändern der Datenwerte variiert werden, so dass beide Sitzarten möglich sind. Mittels 3D-Drucktechnologie lassen sich verschiedene Farben auftragen, was wiederum zum Fokus des Möbeldesigns auf Individualität seit dem Anbruch der Postmoderne passt.
Montage und Nachbearbeitung sind wichtig bei Ryu Jong-dae. Denn 3D-Drucker reduzieren zwar den Arbeitsaufwand und die Kosten, aber sie sind kein Zauberwerkzeug. Er vereint sorgfältig den digital hergestellten Teil mit dem Teil, der präzise Nachbearbeitungen wie Lackierungen durchlaufen hat, und freut sich dabei fast wie ein Kind, das Bauklötze aufbaut. Für die Herstellung seiner Werke verwendet er umweltfreundlichen Kunststoff aus einem aus Maisstärke gewonnenen Rohstoff. Dieses Material hat den Vorteil, dass es als Geschirr auch bei heißen Speisen keine Sorgen wegen Austritt von Schadstoffen bereitet und biologisch abbaubar ist.
Ryu Jong-daes tatkräftiger Einsatz neuer Technologien zeigt, wie sehr das Kunsthandwerk ein Ort kreativer Experimentierfreudigkeit sein kann. Und immer mehr Künstler loten die Möglichkeiten ihres Handwerks aus, indem sie dem Zeitgeist entsprechend unkonventionelle Materialien und Hightech-Werkzeug verwenden.