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2018 SUMMER

Wandel durch urbane Erneuerung

Verfallende Gebäude, verkommene Industrieanlagen und alte Wohngebiete nehmen in jüngster Zeit nicht durch Flächensanierung, sondern durch urbane Revitalisierung neue Gestalt an. Diese nur selten aufgesuchten, verlassenen und vergessenen Orte werden derzeit wiedergeboren und ziehen neue Bewohner an, was nicht nur den Raum an sich, sondern auch Leben und Arbeiten in diesen einst vernachlässigten Vierteln verändert.

Die Kulturstätte in Sangam-dong im nordwestlichen Randgebiet von Seoul wurde durch die Umfunktionierung von fünf in den 1970er Jahren gebauten Öltanks geschaffen. Das Gemeindezentrum in der Mitte des Komplexes wurde mit den Original-Stahlplatten der umgestalteten Tanks verkleidet. Im Zentrum befinden sich Räumlichkeiten für Vortragsveranstaltungen und Meetings.

Aus Schutt und Asche des Koreakrieges (1950-1953) wieder auferstanden, erlebte Korea im Zuge des rapiden Wirtschaftswachstums eine schnelle Industralisierung und Verstädterung. Doch jetzt sehen sich Seoul und andere Großstädte mit der schwierigen Frage konfrontiert, wie veraltete städtische Räume wiederbelebt werden können. In diesem Zusammenhang wächst jüngst das Interesse an Stadterneuerungsprojekten. Im Gegensatz zur Flächensanierung, die kostpielig ist und zeitaufwändige makropolitische Entscheidungen mit sich bringt, hat die urbane Revitalisierung den Vorteil, dass Geschichte und Schönheit der Stadt zum Teil erhalten bleiben und zudem Konfliktpotential begrenzt sowie neue Arbeitsplätzegeschaffen werden können.

Die Symbolik des Raumes erhalten

Im Fab Lab Seoul in Seun (Sewoon) Sangga, einem Wohnund Geschäftskomplex in der alten Seouler Innenstadt, können Besucher mit 3D-Druckern und verschiedenen Materialien ihre eigenen Produkte kreieren. Das etwas heruntergekommene Viertel, das dank des von der Stadt Seoul 2015 initiierten Again Sewoon Project der Planierraupe entging, erschafft sich derzeit neu als synkretistischer Raum der Kunst und Technologie.

Der Wandel der in der alten Seouler Innenstadt gelegenen Seun Sangga (Sewoon Shopping Mall) – einst DIE Adresse für Elektrobedarf aller Art – ist ein repräsentatives Beispiel dafür, wie heruntergekommene, vom Abriss bedrohte Gebäude auf bemerkenswerte Weise wiedergeboren werden können. Die 1968 fertiggestellte Seun Sangga bestand aus einer Flucht von Mehrzweckgebäuden, die sich einen Kilometer lang von Norden nach Süden erstreckte, und die Haupt-Durchfahrten der Seouler Innenstadt rund um die Straße Jong-ro und die Hauptstraße am Fluss Cheonggye-cheon, die west-östlich verlaufen, verbindet. Als Mekka der Elektronik war Seun Sangga ein Ort, von dem die Leute witzelten, dass „es nichts gibt, was es nicht gibt, sodass man dort sogar Satelliten zusammenbauen kann“. Zu der Zeit wurde die Gegend auch als Wohngebiet neuen Stils gehandelt. Die Stadtplaner stellten sich einen attraktiven Mehrzweck-Komplex aus Wohn- und Geschäftsgebäuden vor. Doch mit der regelrechten Entwicklung der Stadtteile Gangnam und Yongsan in den 1980er Jahren verblassten diese Hoffnungen. Außerdem verfiel die Gegend mehr und mehr und wurde schließlich in den 1990er Jahren zum Abriss- und Neubaugebiet erklärt.

Der stillgelegte Öltank hinter dem Gemeindezentrum der „Kulturlagerstätte“ wurde mithilfe von Komponenten der anderen Öltanks zu einem Vorführungsraum umgestaltet. Im unteren Teil befinden sich eine Bühne und ein Zuschauerraum mit 200 Sitzplätzen.

Glücklicherweise zogen sich die Abrisspläne so lange hin, bis ab 2015 die Bemühungen um die Revitalisierung von Seun Sangga deutlich wurden. Das überragende technische Know-how der Elektrotechniker, quasi die „Ureinwohner“ von Seun Sangga, wurde mit dem Talent junger Künstler und mit den Technologien der vierten Industriellen Revolution wie 3D-Druck und Drohnen zusammengeführt, was zu einer Wiedergeburt des Viertels zu einem neuen Raum der Kunst, Technologie und Kultur führte.

Bei einem Projekt der urbanen Revitalisierung geht es nicht nur darum, den Verwendungszweck eines Raumes zu ändern und die Gebäude entsprechend zu renovieren. Ein Raum kann nur dann neu belebt werden, wenn sein ursprüngliches Image oder seine Symbolik beibehalten und maximiert werden. Dafür gibt es ein weiteres Beispiel.

Die Seouler Viertel Changsin-dong und Sungin-dong, in denen früher Nähfabriken als Zulieferer für den Modemarkt der Dongdaemun-Gegend dicht an dicht operierten, sind ebenfalls Schauplätze eines interessanten

Einer der alten Öltanks, der in seiner Originalform erhalten wurde, erlaubt Besuchern einen genaueren Blick auf die ursprüngliche Innenstruktur. Der Raum wird hauptsächlich für Medien-bezogene Ausstellungen genutzt.

Wandels. Als diese Gegend infolge der Rezession der Nähindustrie immer weiter verfiel, beschloss die Stadt Seoul, dort eine sog. „New Town“ anzulegen. Doch dieses Projekt wurde letztendlich nach langem Hin und Her gestrichen. Stattdessen wurde die Gegend vom Ministerium für Land, Infrastruktur und Transport zum „Pilotgebiet für urbane Revitalisierung“ bestimmt. Abriss war nicht mehr das Ziel. Die grundlegende Infrastruktur wie Straßen und kulturelle Einrichtungen wurde ausgebaut, wobei auch die Belebung der Nähfabrik-Straße vorangetrieben wurde. Im Rahmen dieses Projektes wurden seit 2014 verschiedene Kultureinrichtungen errichtet bzw. stehen kurz vor der Fertigstellung, darunter das Geschichtsmuseum der koreanischen Nähindustrie, die Werk- und Kommunikationsstätte Changsin, ein Raum für kreative Kunst im Alltag, und das Nam-June-Paik-Gedenkhaus, in dem der Pionier der Videokunst seine Kindheit verbrachte.

Bei einem Projekt der urbanen Revitalisierung geht es nicht nur darum, den Verwendungszweck eines Raumes zu ändern und die Gebäude entsprechend zu renovieren. Ein Raum kann nur dann neu belebt werden, wenn sein ursprüngliches Image oder seine Symbolik beibehalten und maximiert werden.

Vom Geheimbunker zur Kunstgalerie

Ein anderes interessantes Projekt ist die Wiederherstellung eines verlassenen Raumes in der Seouler Innenstadt, das einen Einblick in die moderne koreanische Geschichte gewährt: Es handelt sich um einen geheimen, nicht dokumentierten Raum in Yeouido, wo die Nationalversammlung ihren Sitz hat, der 2005 während des Baus einer Busumsteigestelle zufällig entdeckt wurde. Dieser unterirdische, in den 1970ern erbaute Bunker umfasst einen 80 m² großen VIP-Raum und einem 800 m² großen Warteraum für Begleitpersonal. Vermutlich sollte er als Schutzanlage für Präsident Park Chung-hee dienen, der das Land von 1963 bis 1979 mit eiserner Faust regierte und auf einer Tribüne über dem Bunker Militärparaden beizuwohnen pflegte.

Ursprünglich wollte die Stadt Seoul den Bunker zu einem unterirdischen Geschäftskomplex umbauen, gab den Plan dann aber auf, da das Fußgängeraufkommen dort mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens als zu gering eingeschätzt wurde. So wurde dieser verlassene Raum 2017 vom Kunstmuseum Seoul (Seoul Museum of Art; SeMA) in Form einer „Bunker-Kunstgalerie“ eröffnet, die sich mit ihren Ausstellungen über die Modernisierung Koreas und die Geschichte des Bunkers großer Beliebtheit erfreut.

Ein weiteres Beispiel für die Umfunktionierung eines geheimen Raums befindet sich am Fuße des Berges Maebong-san hinter dem World Cup Stadium im Seouler Viertel Sangam-dong: „Kulturlagerstätte“. Dort gab es eine Öllagerstätte, die 22 Jahre lang als Einrichtung mit Sicherheitsstufe 1 für die Öffentlichkeit gesperrt war. Nach der ersten Ölpreiskrise 1973 baute die Stadt Seoul von 1976 bis 1978 fünf Betontanks mit einem Durchmesser von 15-38 m und einer Höhe von 15 m, in denen ein Monatsvorrat an Öl für die gesamte Stadtbevölkerung gelagert werden konnte. Doch die Existenz dieses Öllagers blieb der Öffentlichkeit bis 2000 unbekannt.

Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft Korea/Japan 2002 wurde aus Sicherheitsgründen beschlossen, das Öl an einem anderen Ort zu lagern, aber aufgrund allgemeinen Desinteresses geschah 12 Jahre lang erst einmal nichts. Erst2013 schlossen sich Experten und Bürger zusammen, um den kompletten Standort in einen umweltfreundlichen Kulturkomplex umzuwandeln. Der Plan, für den man sich nach einer öffentlichen Ausschreibung, bei der 95 Entwürfe aus 16 Ländern eingereicht wurden, entschied, sah vor, einen der fünf Tanks in Originalform als Exponat zu erhalten und die übrigen vier für unterschiedliche Nutzungszwecke umzugestalten.

In der Mitte der Anlage wurde ein Gemeindezentrum in Erinnerung an die einstige Öllagerstätte errichtet. Die Außenseiten wurden mit den Original-Stahlplatten der alten Tanks verkleidet, sodass der Eindruck entsteht, dass das Zentrum aus der Bauzeit der Tanks stammt. Die ummodellierten Tanks dienen als Multiplex-Einrichtungen für Vorführungen, Ausstellungen usw. Der breite Platz davor dient als offener Bereich für verschiedene Kulturevents.

In der Umgebung wurden entlang des Maebongsan-Bergrückens von verschiedenen Pflanzenhabitaten gesäumte Wanderwege angelegt. Auf diese Weise wurde ein ehemaliges Öllager zu einem attraktiven „Kulturlager“. Seit der Eröffnung locken Vorführungen, Ausstellungen und Kulturprogramme aller Art, sodass sich dieser Ort rasch zu einem neuen Kulturstandort entwickelt.

Seongsu-dong, ein seit den 1960er Jahren für seine Druckerei-, Textil- und Logistiklager bekanntes Industrieviertel in der Seouler Innenstadt, verwandelt sich in einen kulturellen Hotspot. Das Daerim Warenlager, das einst für seine Reismühlen bekannt war, hat sich in ein bei jungen Leuten beliebtes Galerie-Café verwandelt.

Vom Steinbruch zur Kulturanlage

Das Kunstdorf Pocheon (Pocheon Art Valley) ist ein weiteres vorbildliches Beispiel, das zeigt, wie sich eine alte Industrieanlage durch urbane Revitalisierung verändern kann. In Pocheon, einer Kleinstadt nördlich von Seoul, befand sich ein bekannter Granitsteinbruch. Der hier gewonnene „Pocheon-seok“ (Pocheon-Stein) war aufgrund seiner Härte und schönen Maserung ein beliebtes Baumaterial. Seit Mitte der 1990er Jahre, als die vergleichsweise günstigeren Steinimporte aus China zunahmen, erlebte die Mine einen Niedergang und wurde schließlich geschlossen. Der Ort verwahrloste.Zur Wiederherstellung der zerstörten Natur und Belebung der Regionalwirtschaft setzte sich die Stadt Pocheon 2003 schließlich für die Umgestaltung zu einem Kulturkomplex ein. Der Steinbruch wurde mit Regenwasser zu einem künstlichen See umfunktioniert, in der Umgebung richtete man einen Skulpturenpark sowie eine kleine und eine große Freilichtbühne ein. Das Kunstdorf Pocheon, das im Oktober 2009 seine Türen öffnete, verzeichnet jetzt über 400.000 Besucher pro Jahr (2017) und gilt als Erfolgsbeispiel für von Lokalbehörden umgesetzte Projekte. 2017 wurde das Kunstdorf von der Gyeonggi Tourismusorganisation zu einer der „ Zehn Attraktionten der Provinz Gyeonggi-do“ bestimmt.Die Wiederbelebung veralteter bzw. verlassener Stadträume verbessert die Umwelt, stärkt geistiges Wohlbefinden und Zusammenhalt der Bürger durch soziokulturelle Aktionen und fördert den Aufschwung der Regionalwirtschaft. Dabei sollte stets berücksichtigt werden, dass die Pläne Identität und Besonderheiten der jeweiligen Örtlichkeit auf attraktive Weise widerspiegeln. Denn urbane Revitalisierung bedeutet, alte, nutzlose Stadträume zu heilen und gleichzeitig das Leben ihrer Bewohner zu verbessern.

Der Seoul Innovation Park, der 2015 im Eunpyeong-Viertel in West-Seoul eröffnet wurde, unterstützt von Bürgern vorgeschlagene Projekte in Bereichen wie Gesellschaft, Wirtschaft usw. Er befindet sich in dem Gebäude, in dem seit den 1960er Jahren das Nationale Gesundheitsinstitut und das Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten untergebracht waren. Das Foto zeigt den öffentlichen „Studierraum für Bürger“.

Gong, eine Indie-Kunsthalle, nutzt ein Fabrikgebäude als Ausstellungshalle. Munrae-dong, ein altes Industrieviertel am westlichen Stadtrand von Seoul, verwandelt sich mit dem Zustrom von Künstlern in dieses Niedrigmieten-Gebiet in einen Raum der Kultur.

Yoon Hee-cheol Professor, Fakultät für humane Architektur, Daejin University

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