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2020 SPRING

SPEZIAL

Unser Heim heute: Träume und BegierdenSPEZIAL 2Wohnhochhäuser und Aufkommender Mittelschicht

Die heute vielen Koreanern vom Hörensagen vertraute Wendung „Republik der Wohnhochhäuser“ ist der Titel eines 2007 erschienen Buches der französischen Geografin Valérie Gelézeau. Darin erklärt sie, dass die im allgemeinen koreanischen Sprachgebrauch als „Apartment“ bezeichneten Hochhauswohnungen bzw. Wohnhochhäuser ein Symbol der „komprimierten Modernisierung“ und eines „gegenseitig begünstigenden Dreiecksbündnisses von Regierung, Chaebol-Konglomeraten und Mittelschicht“ sei. Hier einige Einblicke in diese Standard-Wohnform, die ein Objekt der Kritik und des Neides zugleich ist.

Apgujeong-dong (1978) von Jun Min-cho Dieses Foto von 1978 zeigt einen Bauer beim Pflügen seines Feldes, einem der letzten Reste Agrarboden im südlich des Han-Flusses gelegenen Viertel Apgujeong-dong. Innerhalb von nur zehn Jahren verwandelte sich die einst von Reisfeldern, Obstgärten und bewaldeten Hügeln geprägte Landschaft in den heute hochpreisig-fürnehmen Stadtbezirk Gangnam.© Jun Min-cho

Das Konterfeit einer Familie, die glücklich lächelnd vor einem Wohnhochhaus mit 100m2 großen Apartments und einem Mittelklassewagen steht, prangte einst auf zahlreichen Werbeplakaten von Bauunternehmen. Wer aber waren die Menschen auf diesem Foto, das den durch das rasante Wirtschaftswachstum erreichten materiellen Wohlstand so deutlich zum Ausdruck brachte? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick auf das Seoul Mitte, Ende der 1970er Jahre werfen, und hier insbesondere auf den südlich des Flusses Han-gang gelegenen Stadtteil Gangnam.

Diese Gegend, die davor Ackerland war, wurde damals zu einem modernen, rasterförmig angelegten Stadtteil entwickelt und großflächig mit Wohnhochhausblöcken bebaut. In diese Apartments zogen Angehörige einer neu aufkommenden gesellschaftlichen Schicht ein: Menschen mit Hochschulabschluss und einem „White-Collar-Beruf“, die in den 1940ern kurz vor oder nach der Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialherrschaft geboren waren. Sie hatten in ihrer Kindheit und Jugend die Schrecken des Koreakrieges erlebt, studierten in den 1960ern und wurden in den 70ern zu wichtigen Akteuren der Industrialisierung Koreas.

Aufstieg der Mittelschicht
Interessant ist, dass diese Geburtenkohorte Mitte, Ende dreißig war, als in Gangnam der Bau von Apartmentkomplexen begann. Die meisten waren aus anderen Regionen des Landes in die Hauptstadt gezogen, hatten einen festen Beruf und Familie und schauten sich nach Wohneigentum um. Sie ließen sich die durch die Wohnungspolitik der Regierung gebotene Gelegenheit nicht entgehen und zogen in die Apartmentkomplexe in Gangnam ein, wo sie den neuen, modernen Lebensstil zu genießen begannen. Anfang der 1980er Jahre etikettierte man sie als „Mittelschicht“.

Das Preisdeckelungssystem für Apartments, das die Regierung 1977 einführte, spielte eine äußerst wichtige Rolle beim Aufstieg dieser neuen Bewohner von Gangnam in die Mittelschicht. Dieses System, das in den Folgejahren wiederholt abgeschafft und wieder eingeführt wurde, hatte damals das Ziel, zur Erhöhung der niedrigen Wohnungsversorgungsquote massenweise Apartments zu günstigen Preisen bereitzustellen. Diejenigen, die siegreich aus der harten Konkurrenz um das Bunyanggwon, das Recht auf den Kauf eines der neuen Apartments, erlangt hatten, konnten so unter dem Marktpreis zu Wohneigentum kommen und beim Verkauf einen netten Gewinn einstreichen, als die Immobilienpreise im Zuge der weiteren Stadtentwicklung rasant anstiegen. Der gemachte Profit erlaubte dann den Kauf eines größeren Apartments. Diese „Wachstumslegende der Mittelschicht“ war einer der Hauptstützpfeiler der koreanischen Gesellschaft im späten 20. Jahrhundert.

Doch wo Gewinn ist, ist auch Verlust. Die Wohnungspolitik der Regierung führte dazu, dass die Bauunternehmen Grundriss und Designs der bestehenden Apartments bei Neubauten einfach ohne große Änderungen kopierten. Es gab keine Anreize für Modifikationen, da die neuen Wohnungen sowieso vor der Fertigstellung zu den von der Regierung vorgegebenen Preisen verkauft werden mussten, was auch immer problemlos der Fall war.

Struktur und Grundausstattung der Apartments in den großen Wohnkomplexen, die in den 80ern in den neuen Stadtteilen Seouls und in den 90ern in den aus dem Boden gestampften Satellitenstädten von Seoul wie Bundang, Ilsan und Pyeongchon gebaut wurden, waren abgesehen von kleineren Grundriss-Modifikationen lediglich „Abzüge“ der Apartments in Gangnam, die in den 70er Jahren von der Korea Land and Housing Corporation und privaten Bauunternehmen hochgezogen worden waren.

Wandel des Lebensstils
Das Leben in Apartments trug stark dazu bei, dass die Koreaner ihren Alltag nach westlicher Art mehr und mehr „in der Vertikalen“ verbrachten. Traditionell hatten sie statt in Betten auf Futons geschlafen, die abends auf dem warm beheizten Boden ausgebreitet und morgens wieder weggeräumt wurden. Selbst diejenigen, die in Einfamilienhäusern westlichen Stils mit Küche und Bad im Haus wohnten, nahmen ihre Mahlzeiten an einem niedrigen Esstisch auf dem Boden sitzend ein. Ferngeschaut wurde im Sitzen oder Liegen, bevorzugt an der heißesten Stelle des bodenbeheizten Zimmers. Das Anbang (Hauptzimmer), in dem die Familie gewöhnlich fernsah, wurde daher „Anbang-Kino“ genannt. Doch durch die Apartmentkomplexe, die überall in und um Seoul entstanden, konnte sich der neue Lebensstil so richtig verbreiten, und Sofas, Kaffee- und Esstische mit Stühlen sowie Betten verdrängten die traditionelle Einrichtung in Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer.

Mit dem neuen Lebensstil änderte sich natürlich auch die Inneneinrichtung. Für das Leben auf dem Boden hatten die Alltagsgegenstände möglichst in Reichweite zu sein. Daher waren kleine, tragbare Tische sehr nützlich, da man damit die Gegenstände, die man gerade benutzte, leicht zu seinem jeweiligen Sitzplatz mitnehmen konnte.

Aber in einem nach dem westlichen Lebensstil gestalteten Innenraum mussten diese Gegenstände nicht mehr unbedingt in greifbarer Nähe des Benutzers bereitliegen, da es nicht weiter beschwerlich war, sich von Sofa oder Stuhl zu erheben und ein paar Schritte zu machen, um sich das Gebrauchte zu holen. Das heißt Sichtweite war wichtiger als Reichweite. Entsprechend legten die Apartmentbewohner bei der Platzierung von Dingen mehr Wert auf die visuelle Ordnung. Früher, als man auf dem Boden saß und sich die meisten Gegenstände oberhalb der Augenhöhe befanden, musste man aufschauen. Als man dann auf Stuhl oder Sofa zu sitzen begann, hatten sie im Sichtfeld zu sein, wenn man vom jeweiligen SitzmÖbel aus seinen Blick auf sie richtete oder stehend auf sie herunterschaute.

Das typische Wohnzimmer eines Apartmentbewohners der späten 1970er Jahre war ausgestattet mit Fernsehapparat, Tisch und Sofas sowie einem Bild an der Wand. Das Foto zeigt ein Wohnzimmer in den 1978 fertiggestellten Samho Apartments in Seocho-dong, Seoul.© Seoul Museum of History

Die Innenausstattung eines in jüngster Zeit gebauten Apartments mit modernem Einbaumobialiar. Die Deregulierung der Apartmentpreise spornte die Konkurrenz unter den Baufirmen an und veranlasste sie, luxuriösere Wohnimmobilien zu bauen.© imagetoday

Veränderte Einkaufsgewohnheiten
Während die Apartmentkomplexe in den neuen Stadtteilen Seouls in den 1970er und 80er Jahren durch die Verbreitung des westlichen Wohnstils innenarchitektonische Veränderungen mit sich brachten, führten die neuen Wohnhochhäuser in den Satellitenstädten der Metropolregion in den 90ern zu einem Wandel der Einkaufskultur. Früher gehörte es zum Alltag einer Hausfrau, einmal am Tag auszugehen und auf dem lokalen Markt oder in den Läden innerhalb des Wohnkomplexes fürs Abendessen einzukaufen. In den Satellitenstädten mit ihren Wohnhochhauswäldern entwickelte sich eine andere Art der Einkaufskultur: An den Wochenenden fuhr man mit der Familie zu einem Hypermarkt und kaufte große Warenvorräte preisgünstig ein.

Doch der Großeinkauf brachte neue Probleme mit sich. Zunächst war es praktisch unmöglich, ohne Auto all die Dinge, die einen Einkaufswagen mit einem Volumen von 120 Litern füllten, zu transportieren. Zuhause stellte sich dann ein weiteres Problem: Um die eingekauften Lebensmittel, Tiefkühlkost, Obst und Getränke aufzubewahren, war ein größerer Kühlschrank erforderlich. Um dem neuen Einkaufstrend zu folgen, benötigte man also unbedingt ein Auto und einen großen Kühlschrank, was wiederum zu einem Aufschwung in der Auto- und Haushaltsgeräteindustrie führte.

in Garten auf dem Gelände eines großen Wohnhochhaus-Komplexes in Ilsan New Town nördlich von Seoul. Grünanlagen mit Teichen, kleinen Hügeln mit Wasserfällen und hochpreisigen Skulpturen sind zu Kernmerkmalen von Luxusapartments geworden.© Cheonglam Landscape

Aufkommen von Luxusapartments
Auf die Verbreitung des modernen Lebensstils, die mit dem Bau von Apartmentkomplexen einherging, folgte nach der Asienkrise 1997 ein weiterer Wandel. Um die unter der Rezession leidende Bauindustrie zu retten, schaffte die Regierung das Preisdeckelungssystem für neue Apartments ab. Darauf reagierten die privaten Bauunternehmen mit dem Experiment „Noch größer, noch luxuriöser“. Dieser Versuch startete in den New Towns wie Yongin am Rande der Hauptstadtmetropole, setzte sich anschließend fort in Form von Wohnhochhaus- und Geschäftskomplexen im Viertel Daechi-dong in Seoul sowie in Jeongja-dong in Bundang, und erfasste dann die nach dem altersbedingten Abriss neu gebauten großen Wohnkomplexe in Gangnam, woraus sich schließlich der Trend der „Nach-Gangnam-Ära“ entwickelte.

Die Wohnungspreise, die im Zuge des strukturellen Wandels des Vermögensmarktes emporschnellten, katapultierten die Innenräumlichkeiten auf eine völlig neue Ebene. Wohnzimmer und Küche wurden geräumiger, Einbaumöbel wurden Standard und die Materialien für den Innenausbau hochwertiger. Dabei entwickelten sich zwar das durch Bauschadstoffe verursachte Sick-Buildung-Syndrom und atopische Dermatitis zu einem gesellschaftlichen Problem, aber auch das vermochte den Trend nicht umzukehren. Side-by-Side-Kühlschrank, Kimchi-Kühlschrank, Trommelwaschmaschine und Kochinsel füllten die viel geräumiger gewordene Küche. In einer Ecke des Wohnzimmers oder im Eingangsbereich der Wohnung beanspruchten Antikmöbel von unklarem europäischen Stil Platz oder auch Gemälde junger Künstler. Das größere Wohnzimmer verlangte nach einem größeren TV-Bildschirm, das Saubermachen übernahm der Staubsaugerroboter.

Den Höhepunkt erreichte dieser Trend mit den Premium-Kühlschränken. Nach dem einschlagenden Erfolg von Kühlschränken dekoriert mit eleganten und romantischen Mustern des Modedesigners André Kim (1935-2010), zogen Elektronikunternehmen unter dem Motto „kunstvolle Haushaltsgeräte“ oder „modische Haushaltsgeräte“ mit ähnlichen Produkten nach. Dafür wurden z.B. Kristalle oder Kunstleder verwendet; es gab auch eine Kollaboration mit einem avantgardistischen Designer aus Italien. Die berühmte Maxime des modernen Designs „Die Form folgt der Funktion“ wurde also quasi durch „Die Form folgt dem Wohnungspreis“ ersetzt.

Prächtige grüne Räume
Mitte der 2000er Jahre kam es im Zuge von Abriss und Neubau von Apartmentkomplexen in Gangnam dazu, dass sich das Augenmerk vom Wohnungsinneren auf das Außengelände verlagerte. Die Parkplätze, die dort bis dahin den meisten Platz beansprucht hatten, wurden in den Untergeschossen untergebracht. Dort, wo einst Autos parkten, entstanden prachtvolle Gartenanlagen mit Ökoteichen, Fußgängerbrücken, künstlichen Hügeln und Bächlein, Rastplätzen, Kajakanlagen für Kinder und von Zierbäumen gesäumte Spazierwege. Die Bauunternehmer schufen inmitten des Wohnkomplexes einen Outdoor-Bereich mit Resort-Charakter, in dem die Bewohner dem Alltag entfliehen können.

Der Boom des Vermögensmarktes und die immer weiter auseinanderklaffende Einkommensschere in den ersten zehn Jahren des 21. Jhs waren die Schlüsselfaktoren, die diesen neuen, von der Deregelierung der Wohnimmobilienpreise verursachten Trend vorantrieben. Zu dieser Zeit erschienen zudem preiswerte ausländische Möbel- und Wohnkulturmarken auf dem koreanischen Markt, die schnell unter den jungen Leuten, die noch keine eigene Wohnung besaßen, an Beliebtheit gewannen.

Die koreanische Mittelschicht des 20. Jhs, für die der Besitz einer eigenen Wohnung und eines Autos charakteristisches Merkmal war, verschwand so allmählich in der Geschichte. Die im letzten Jahrhundert vorangetriebene Wohnungspolitik der Regierung hat aber mit Sicherheit reiche Früchte getragen, wenn man bedenkt, dass heute Apartments über 60% aller Wohn-immobilien in Korea ausmachen.

Die Wohnungspolitikder Regierungführte dazu, dass dieBauunternehmenGrundriss undDesigns derbestehendenApartmentsbei Neubauteneinfach ohnegroße Änderungenkopierten.Es gabkeine Anreize fürModifikationen, dadie neuen Wohnungenvor der Fertigstellungsowieso zu denvon der Regierungvorgegebenen Preisenverkauft werdenmussten, was auchimmer problemlos derFall war.

Ein Wohngebiet in Sejong, einer neuen, multifunktionalen Verwaltungsstadt in derProvinz Chungcheongnam-do, ist vollgepackt mit himmelwärts ragenden Apartmenttürmen. Nach dem Stand von 2018 sind über 60% aller Wohnimmobilien in Korea Hochhausapartments. Die Versorgung mit Wohnhochhäusern wächst weiterhin Jahr für Jahr.© imagetoday

Derselbe Raum, unterschiedliche Leben

Park Hae-cheon Professor, Fakultät für Design, Dongyang University

Evergreen Tower (2001), eine Serie von Familienporträts des koreanischen Künstlers Jung Yeon-doo, zeigt 32 Familien, die im selben Wohnhochhaus in Seoul wohnten. Wie unterscheidet sich das Leben, das diese verschiedenen Menschen in einheitlich strukturierten Räumen führen? Und was las der Künstler darin?

 

Bühne dieser Fotoserie ist der Sangnok Tower (Evergreen Tower), ein Wohnhochhaus mit Mietwohnungen, das 1996 im Seouler Viertel Gwangjang-dong für Angestellte des koreanischen Konglomerats POSCO fertiggestellt wurde. Anders als bei den herkömmlichen, mit Stahlbeton gebauten Wohnhochhäusern wurde bei diesem Gebäude zum ersten Mal der Stahlskelettbau angewandt, was große Aufmerksamkeit auf sich zog. Das 25-geschossige Wohnhochhaus erregte mit einer Vorhangfassade aus Aluminium – einer damals noch neuen Konstruktionsweise in Korea – einiges Aufsehen. Doch die Wohnzimmerstruktur, die Jung in seiner Bilderreihe einfing, unterscheidet sich nicht besonders stark von anderen herkömmlichen Apartmentkomplexen der Zeit.

Evergreen Tower (2001) von Jung Yeon-doo. Sechs der 32 Fotos dieser Serie.© Jung Yeon-doo

Zweidimensionale Ordnung
Bei diesen Apartments springt als erstes ins Auge, dass das Innendesign der Wohnzimmer die typischen Merkmale einer Mietwohnung deutlich widerspiegelt: Alle 32 Wohnzimmer haben dieselbe Deckenbeleuchtung, dieselben Tapeten. Es scheint, dass die Bewohner die ursprünglichen, von der Baufirma angebrachten festen Ausstattungselemente nach der Fertigstellung des Wohnhochhauses einfach so gelassen haben. Unterschiede lassen sich nur bei den Menschen, den Möbeln und den Haushaltsartikeln feststellen.

Das heißt, dass das, was nicht bewegt werden konnte, in allen Wohnungen identisch ist, aber alles, was sich bewegen ließ, verschiedenartig. Hierin kommt das Kennzeichen eines Apartment-Mieters deutlich zum Ausdruck: Da die Wohnung kein Eigentum war, beschränkte sich die Freiheit der Mieter in puncto Einrichtung nur auf privates Mobiliar und Einrichtungsgegenstände. Gleichzeitig offenbart sich in den Wohnzimmern ein äußerst wichtiges Merkmal, das vielen koreanischen Apartments gemeinsam ist: die visuelle Ordnung des Wohnzimmers.

Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang einen Blick in den in den späten 1970er Jahren erschienen Essay-Band Die Literatur unseres Zeitalters: Das dicke und das dünne Leben des koreanischen Literaturkritikers Kim Hyeon (1942-1990) werfen. Darin beschreibt er auf Grundlage seiner eigenen Erfahrungen mit dem Wohnen in einem Wohnhochhauskomplex am Han-Fluss die Merkmale eines Apartment-Interieurs wie folgt:

„In einem Apartment verlieren die Gegenstände ihr Volumen und werden quasi zu Bildern, die in Form von Linien auf einer ebenen Fläche existieren. Alles ist auf dieser einen ebenen Fläche arrangiert, alles ist mit einem einzigen Blick zu erfassen. Weder für den Menschen noch für die Dinge gibt es einen Ort, an dem sie sich verstecken können. Alles ist offen. Doch diese Offenheit ist keine tiefe Offenheit, sondern nur eine oberflächliche.“

Im Inneren eines Apartments finden die Objekte also keinen Ort zum Verstecken, es bleibt ihnen nur die vollständige Offenbarung. Gerade dadurch erhält der Blick eine allwissend-allmächtige Kraft, die besonders im Wohnzimmer mit voller Stärke zum Ausdruck kommt. Nolens volens müssen sich die Objekte im Wohnzimmer widerstandslos vor den Blicken eines jeden, der durch die Eingangstür tritt, entblößen und ihre Identität preisgeben wie ein „Bild, das in Form von Linien auf einer zweidimensionalen Fläche existiert“.

Beachten sollte man hierbei auch die Rolle des Balkonfensters, das als „gläserne Wand“ die vordere Seite des Wohnzimmers komplett einnimmt. Im Wohnzimmer fällt der Blick automatisch auf das Balkonfenster, weil es sich dem betrachtenden Blick gegenüber befindet und auch die Funktion ausübt, das Licht ins Wohzimmer zu lassen. Aber nicht nur das: Es dient dazu noch als eine Art „Fluchtebene“, die das Wohnzimmer sich den Augen des Betrachters sofort offenbaren lässt. Die Geraden, die sich von den vier Eckpunkten des Balkonfensters aus erstrecken, verlaufen den Wandkanten entlang und verleihen dem Blickfeld des Betrachters eine perspektivische Ordnung. Diese Ordnung hat jedoch keine Tiefe: Sie ist oberflächlich, da die Geraden nur bis auf die Fluchtfläche und nicht bis auf einen Fluchtpunkt zulaufen können.

Und doch: Jeder ein anderes Leben
Die visuelle Ordnung des so strukturierten Wohnzimmers erfuhr jedoch in den 1980er Jahren, als aus diesem Raum eine Art Heimkino wurde, eine grundlegende Veränderung. Bis dahin hatte der Fernsehapparat in freistehenden Einfamilienhäusern im Anbang (Hauptzimmer) gestanden. Doch als es üblicher wurde, auf Stühlen und Sofas statt auf dem Boden zu sitzen, wanderte der Fernseher ins Wohnzimmer. So war es nur natürlich, dass das TV-Gerät an eine Wand des Wohnzimmers gestellt wurde, und zwar im rechten Winkel zum Balkonfenster, und das Sofa an die Wand gegenüber.

Jung Yeon-doo hält die besondere Ordnung des Apartment-Wohnzimmers, die sich auf diese Weise weiterentwickelt hat, in seinen Fotografien fest. Auf einer identischen Hintergrundschicht aus Deckenleuchte und Tapete und einer zweiten aus in Form eines Heimkinos arrangierten Einrichtungsgegenständen, wird über jede Fotografie noch eine weitere Schicht mit in unterschiedlichen Stellungen posierenden Familienmitgliedern gelegt. Diese drei entfalten sich wie die Bilder in einem Aufklapp-Bilderbuch.

Auf diese Weise werden die drei Schichten, „ihres ursprünglichen Volumens beraubt“, platt aufeinander gedrückt. Kim Hyeon sagte einmal, dass die Wohnhochhäuser die Denkweise der koreanischen Mittelschicht verkörpern. Jung Yeon-doo setzt durch sein Werk noch eine weitere These hinzu: Apartments sind für die Koreaner die Bühne eines glücklichen Heims, auf der sie auf eine Weise, die sich anscheinend von den anderen unterscheidet, aber in Wirklichkeit nicht besonders unterschiedlich ist, ihre Identität inszenieren.

Erinnerungen aufzeichnen

Lee In-kyu Chefredakteurin, Hallo und Tschüss, Dunchon Jugong Apartments

Es war einmal ein „Apartment-Kind“, das im Dunchon Jugong Apartmentkomplex am südöstlichen Ende von Seoul geboren wurde und dort 17 Jahre lang wohnte. Damit die Erinnerungen an diese seine Heimat, die im Zuge des Neubaus bald verloren gehen sollte, nicht auch noch verloren gingen, begann es, sie niederzuschreiben.

 

Der 1980 fertiggestellte Dunchon Jugong Apartmentkomplex entstand ihm Rahmen der damaligen, auf großmaßstäbliche Wohnungsversorgung angelegten Politik der Regierung. Die über einhundert Wohnhochhäuser mit bis zu zehn Stockwerken, die auf einem Areal von ca. 595.000 m2 standen, wurden auch „Streichholzschachtel-Wohnhochhäuser“ genannt. Aber dort war es wirklich wunderschön.

Grünflächen, die sich über eine größere Fläche als die Wohngebäude selbst erstreckten, und kleine Hügel lagen zwischen den einzelnen Wohnhochhäusern. Schlenderte man die mäandrierenden Fußpfade entlang, kam man sich wie auf einem Waldspazierung vor. Auf den Stühlen vor den Wohngebäuden und den Bänken auf den Spielplätzen saßen die Großmütter und plauderten miteinander. Es war ein ruhiges, Gelassenheit ausstrahlendes Wohnviertel.

Die 1980 fertiggestellten Dunchon Jugong Apartments umfassten 143 Blöcke mit insgesamt 5.930 Haushalten. Die Pläne für den Neubau wurden 2017 genehmigt, Ende 2019 waren die Abrissarbeiten beendet. Auf dem rund 0,5km2 großen Gelände entsteht eine „New Town im Miniformat” mit 10.032 Wohneinheiten, die bis 2022 fertiggestellt werden sollen.© Raya

Meine Heimat
Selbst als ich noch unsicher auf meinen Beinchen war, stieg ich mit plumpen Füßen die Apartmenttreppen hinauf und hinunter. Auf dem Spielplatz in der Nähe unserer Wohnung lernte ich, wie man Freundschaften schließt, und mit diesen Freunden wurde ich in die Grundschule unserer Apartmentsiedlung eingeschult. Auf dem Nachhauseweg von der Schule dachte ich nur daran, so schnell wie möglich meine Schultasche zu Hause abzustellen und wieder zum Spielen hinauszurennen. Ich flitzte auf den Grasflächen und dem Spielplatz in der Nähe unserer Wohnung hin und her, bis meine Mutter ihren Kopf aus dem Fenster unserer Wohnung im siebten Stock steckte und mich zum Abendessen rief.

Ab und zu besuchte ich auch Freunde, die in einem anderen Block etwas entfernt von mir wohnten, und die Aussicht, die man von ihrem Wohnzimmerfenster aus hatte, war jedes Mal eine andere. Dieser riesige Apartmentkomplex war für mich wie ein riesiger Spielplatz, wo es immer wieder neue Wege zu entdecken gab, mochte ich auch noch so oft darin herumgestreift sein.

Die Landschaft des Viertels präsentierte sich zu jeder Jahreszeit in neuem Gewand. Im Frühling blühten auf dem Hügel hinter unserem Haus als Erstes die gelben Asiatischen Kornelkirschen, gefolgt von der Pracht der schneeweißen Kobushi-Magnolien und den Kirschblüten. Es dauerte dann nicht lange, bis ich mit meiner Mutter im Gras hockte, um Beifuß zu sammeln, den wir zum Müller im Viertel brachten, um damit duftende Reiskuchen zu machen, die wir mit unseren Nachbarn teilten.

Wenn es warm genug war, um mit einer dünnen Jacke nach draußen zu gehen, erfüllten der Gemeine Flieder und die Gewöhnlichen Robinien die ganze Nachbarschaft mit ihrem verführerischen Blütenduft. Etwa um die Zeit war auch das Quaken der Frösche in der Ferne zu hören. Im Hochsommer veranstalteten die Singzikaden ihre Konzerte, die im Herbst von den Grillen mit ihrem zirpenden Gesang abgelöst wurden. Während ich heranwuchs und den Zyklus der Jahreszeiten lernte, wuchsen auch die Bäumchen mit ihren dünnen Ästen heran und markierten jedes Jahr, das ins Land ging, mit einem neuen Jahresring. Meine Familie zog dann aber während meiner Oberschulzeit um und als ich in meinen 30ern wieder einmal in das Viertel kam, waren diese Bäume so groß geworden, dass sie sogar die fünfstöckigen Apartmenthäuser um einiges überragten.

1. Ein zu Frühlingsbeginn in voller Blüte stehender Judasbaum in der Gartenanlage der Dunchon Jugong Apartments.© Ryu Jun-yeol
2,3,4. Die zahlreichen Bäume und nacheinander blühenden Sträucher und Blumen schmückten die Dunchon Jugong Apartments zu jeder Jahreszeit mit einem anderen Blütenkleid. Das Foto unten zeigt Lee In-kyu (in Rot), die Autorin dieses SPEZIAL-Beitrags, mit ihrem Bruder auf einem schneebedeckten Spielplatz. © Lee In-kyu

Bewohnbarkeit und Rentabilität
Während innerhalb des Dunchon Apartmentkomplexes der Wald wuchs, schossen außerhalb Gebäude wie Pilze aus dem Boden. Sobald Seoul mit Hochbauten gesättigt war, wurden um die Hauptstadt herum sog. New Towns (Satellitenstädte) angelegt. Aber diese Expansion ins Umfeld führte nur zu einem neuen Andrang in Richtung Metropolregion Seoul. Nach der Asienkrise 1997 machte sich in Korea der Neoliberalismus breit, was viele Veränderungen mit sich brachte. Die Leute suchten nach einer „Gans, die goldene Eier legt“. Die schnellste Methode, die Gans zum Eierlegen zu bringen, war abreißen und neu bauen. Wurden alte Wohnhäuser mit wenigen Stockwerken durch wesentlich höhere Apartmentgebäude ersetzt, bedeutete das höhere Profite für die Bauunternehmen, die auf gleichbleibender Fläche mehr Wohnungen unterbringen konnten.

Auch mein heimatliches Wohngebiet konnte diesem Lauf der Dinge nicht entkommen. Kurz nach der Millenniumwende, als unser Wohnkomplex etwas über zwanzig Jahre alt wurde, stand sein Neubau langsam zur Debatte und 2003 wurde ein Neubaukomitee ins Leben gerufen, das diesen Plan vorantreiben sollte. Aus der Perspektive der „Bewohnbarkeit“ war die weitläufige Dunchon-Wohnanlage mit ihren niedrigeren Wohnhausblöcken und großzügigen offenen Räumen dazwischen mehr als angenehm zum Wohnen. Doch aus der Sicht der Rentabilität wurden diese positiven Seiten anders interpretiert.

Als einer der letzten Apartmentkomplexe, in denen die Gebäude in großzügigen Abständen voneinander standen, winkten im Falle der Neubaus nämlich große Gewinne. Nach der Gründung des Neubaukomitees verfiel der Komplex dann recht schnell. Es dauerte nicht lange, bis die Bewohner nach und nach aufhörten, sich um das äußere Erscheinungsbild von Gebäuden und Nachbarschaft zu kümmern. Die Neubaupläne zogen sich zwar insgesamt stark in die Länge, wurden aber zielsicher Schrittchen für Schrittchen vorangetrieben.

Projektstart
Als ich hörte, dass das Neubauvorhaben allmählich konkrete Züge annahm, konnte ich einfach nicht glauben, dass meine Heimat, in der alle Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend bewahrt waren, spurlos verschwinden sollte. Und das würde nicht nur mir passieren. Es fühlte sich so an, als ob die ganze dort verbrachte Zeit mit all ihren wertvollen Erinnerungen und auch die menschlichen Beziehungen zwischen den Bewohnern sich in Nichts auflösen würden. Bevor es dazu kommen würde, wollte ich diese Erinnerungen aufzeichnen. 2013 gab ich im Eigenverlag ein Büchlein heraus und eröffnete eine begleitende Facebook-Seite. So begann mein Projekt Hallo und Tschüss, Dunchon Jugong Apartments.

Im Rahmen dieses Projekts erklärte ich zum ersten Mal laut, dass „dieser Apartmentkomplex meine Heimat ist, in der ich geboren und aufgewachsen bin“ und dass ich es „schade und traurig finde, dass ich mich von diesem geliebten Ort verabschieden muss“. Das Gleiche empfanden viele andere – sogar wesentlich mehr, als ich erwartet hatte. Auch wenn wir nie miteinander darüber gesprochen hatten, so fühlten doch alle im Stillen das gleiche Bedauern. Die Dokumentation der Nachbarschaft, die bald nicht mehr existieren sollte, wurde fortgesetzt und umfasst bislang vier Bücher und sogar einen Dokumentarfilm mit dem Titel Ein langer Abschied (A Long Farewell, 2017).Am Abend vor dem Abriss der Riesenrutsche, die eine Art Wahrzeichen des Dunchon Apartmenkomplexes war, kamen alle, die bei dem Projekt mitgemacht hatten, zusammen, um Feuerwerkskörper abzuschießen und einander Dankeschön zu sagen. Im Herbst 2017, als die meisten Bewohner ausgezogen waren und der Abriss unmittelbar bevorstand, kamen viele von ihnen noch einmal zurück, um ein letztes Mal Abschied zu nehmen. Zwei Jahre später war der riesige Apartmentkomplex verschwunden, ausgestorben wie einst die Dinosaurier.

Park Hae-cheonProfessor, Fakultät für Design, Dongyang University

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