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2019 AUTUMN

SPEZIAL

BTS: Die Odyssey von sieben jungen KünstlernSPEZIAL 5Ein Sprung in Richtung globale Standards

Das BTS-Phänomen dürfte Ergebnis des Aufeinandertreffens von Koreas einzigartiger Kulturtopographie und der auf Globalisierung ausgerichteten Strömung unseres Zeitalters sein. Werfen wir einen Blick auf die Implikationen, die der phänomenale Erfolg dieser sieben jungen Künstler auf die Musikindustrie und darüber hinaus hat.

„K-Pop“ ist ein Musikgenre, das in den 1990er Jahren entstand, als koreanische Entertainmentagenturen damit begannen, „maßgefertigte“ Idolgruppen zu lancieren. Potenzielle Talente wurden über Auditions rekrutiert und in Gesang, Tanz und Fremdsprachen geschult, wobei die „Lehrlingszeit“ oft Jahre dauerte. Dieser Prozess des Schmiedens von Idolen, bei dem nur eine Handvoll Talentierter ihre Träume mittels harter Arbeit erfüllen können, ist geprägt von Elitarismus und Erfolgsmythen, die die koreanische Gesellschaft während der Phase der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beherrschten. Um im halsbrecherischen Wettbewerb überleben zu können, müssen auch die Idol-Azubis ein „komprimiertes Wachstum“ an den Tag legen. So wie das Wunder vom Han-Fluss zum Rollenmodell für andere Entwicklungsländer wurde, so sind heutzutage die K-Pop-Idole in anderen asiatischen Ländern beneidete Rollenmodelle für die Popkulturindustrie.

Dieser auf Blitzerfolg ausgerichtete „koreanische Standard“ war nicht etwas Natürliches und daher mit nicht wenigen Opfern verbunden. Nach der Demokratiebewegung, die Korea in den 1980er Jahren mit voller Gewalt erfasste, und der Asienkrise 1997 wurde eine Demokratisierung der Wirtschaft gefordert; auch die in jüngster Zeit lauter werdenden Rufe, das zunehmende Auseinanderklaffen der Einkommensschere und die Konflikte zwischen den sozialen Schichten zu beseitigen, sind Manifestationen der Kämpfe, die die koreanische Gesellschaft im Zuge ihrer sozioökonomischen Entwicklung auszufechten hat. K-Pop hat zwar ebenso bemerkenswerte Ergebnisse erzielt, aber auch diese hatten ihren Preis, der v.a. in der Brutalität des Idolschmiedesystems und der kurzen Lebensdauer erfolgreicher Idolgruppen zum Ausdruck kommt.

In dem Bestreben, sich von der Vergangenheit zu lösen, hat Korea gesellschaftliche Veränderungen auf den Weg gebracht, die einhergingen mit Forderungen nach den als universeller und rationaler erachteten „globalen Standards“, was letztendlich Risse in dem System, das die K-Pop-Industrie unterstützt hatte, hervorrief. BTS wurde aus diesen Rissen in der Musikszene geboren.

RM

Kim Nam-joon Geboren am 12. September 1994 in Ilsan, Provinz Gyeonggi-do. BTS-Leader und Rapper. Spitznamen: u.a. Meister von Preisverleihungsdankesreden und Vokalmonster. Stieß als erstes Mitglied zu Big Hit Entertainment und ist besonders begabt im Rappen, Texten und Komponieren.

JIN

Kim Seok-jin Geboren am 4. Dezember 1992 in Gwacheon, Provinz Gyeonggi-do. Vokalist. Spitznamen: u.a. Madnae (der Älteste (mat hyeong), der sich wie der Gruppen-Jüngste (mangnae) benimmt) und Worldwide Handsome. Talentierter Vokalist, der besonders für seine emotionale Sensibilität bekannt ist.

SUGA

Min Yoon-gi Geboren am 9. März 1993 in Daegu. Rapper. Spitznamen: u.a. Minstradamus (Kombination aus dem Nachnamen „Min“ und „Nostradamus“) und Syubgiryeok (Kombination aus „Syub“ von „Suga“ und „mugiryeok“ („kraftlos“: eine Anspielung auf seine Vorliebe, sich hinzulegen und nichts zu tun). Allround-Talent als Rapper, Liedtexter und Komponist

Jenseits von „distinktiv koreanisch“
Koreas Popmusikindustrie, die aus einem komplizierten Geflecht von Managementagenturen, Rundfunkanstalten, digitalem Musikmarkt und den Medien besteht, erlaubte einem kleinen Unternehmen wie Big Hit Entertainment keinen Zutritt. Big Hit Entertainment musste also einen langen und beschwerlichen Umweg gehen, um BTS zu launchen und voranzubringen. Die Firma bildete eine Idolgruppe mit Hip-Hop-Elementen, was damals ein noch unerprobtes Konzept war, und nutzte fleißig die Social- Media-Plattformen, um mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Was eine unvermeidliche Entscheidung war, ebnete paradoxerweise den Weg für eine neue Ära im K-Pop.

An dieser Stelle ist ein bemerkenswerter Punkt zu beachten: Während die bereits existierenden Idolgrupppen als nicht in den Idolschmieden geformte „makellose Genies“ präsentiert wurden, demonstrierte BTS, dass das, was einen Künstler ausmacht, letztendlich nicht so sehr sein Talent, sondern vielmehr seine Einstellung ist, und dass ein Künstler nicht notwendigerweise „geboren“ wird, sondern „wächst und sich entwickelt“. BTS beschloss, das Unvollendete über das Vollendete und den Prozess über das Ergebnis zu stellen. Der Song Idol auf ihrem 2018 erschienenen Kompilationsalbum Love Yourself: Answer ist eine ehrliche Darstellung des Kampfes mit ihrer Identität als Idol bzw. Künstler, und verkündet, dass alles, was auch immer es sein mag, Teil ihrer Geschichte des Wachsens ist.

Im Wandel der BTS-Jungs von Idolen zu Künstlern verbergen sich die Ängste der jungen Menschen im Korea von heute. In einer Gesellschaft, die übermäßigen Wert auf Zeugnisse und Ergebnisse legt, versucht die jüngere Generation allmählich, den Weg unabhängig vom Ziel zu genießen. Die jungen Koreaner, die unter dem Druck stehen, ein erfolgsorientiertes „Idol-Leben“ zu führen, beginnen langsam von einem „Künstlerleben“ zu träumen, einem Leben, in das sie langsam hineinwachsen und sich allmählich entwickeln. Sie streben stärker nach globalen Standards, die über die Beschränkungen des „distinktiv Koreanischen“ hinausgehen. Selbst wenn sie „hinfallen, verwundet werden und es wehtut“, versuchen sie, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, statt die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ist das nicht der Traum, den junge Menschen auf der ganzen Welt träumen? Die Musik von BTS bringt diese Gefühle und Anteilnahme zum Ausdruck, was die über alle Grenzen hinausgehende Resonanz erklärt.

V

Kim Tae-hyung Geboren am 30. Dezember 1995 in Daegu. Vokalist. Spitznamen: u.a. CGV (computer graphics + V) und Vwimilbyeonggi (Wortspielerei mit der koreanischen Bezeichnung für „secret weapon“. Bezieht sich darauf, dass V vor dem Debüt von BTS ein geheim gehaltenes Mitglied der Gruppe war). Vielseitig begabt und bekannt für die charmante Art, mit der er sich auf der Bühne ausdrückt und bewegt.

J-HOPE

Jung Ho-seok Geboren am 18. Februar 1994 in Gwangju. Tänzer und Rapper. Spitznamen: u.a. Hobi und Sunshine (wegen seiner energiegeladenen Frohnatur). Choreographie-Teamleiter. Unbestritten der beste Tänzer der Gruppe, der in superschwierigen Sequenzen Glanzleistungen erbringt. Zudem Liedtexter, Komponist und Produzent.

JIMIN

Park Ji-min Geboren am 13. Oktober 1995 in Busan. Tänzer und Vokalist. Spitznamen: u.a. Manggaetteok (wegen seines niedlichen Gesichts mit den Pausbacken, die an Reiskuchen (Tteok) erinnern und Dancing Bean. Schaffte es mit Topnoten auf die Busan High School of Arts. Versiert in Hip Hop und zeitgenössischen Tanzstilen; berühmt für sein hervorragendes Tanztalent.

JUNGKOOK

Jeon Jung-kook Geboren am 1. September 1997 in Busan. Vokalist, Tänzer, Sub-Rapper. Spitznamen: u.a. Golden Mangnae (auch „Maknae“ transkribiert, bedeutet „Jüngster/Kleinster“) und Muskelschweinchen. Hervorragende Live-Gesangsdarbietungen und extravagante Tanzbewegungen. Auch sehr geschickt im Fotografieren, Filmen und Edieren.

Wie die jungen Künstler mit ihren Fans in aller Welt interagieren und empathisieren könnte durchaus Hinweise darauf geben, in welche Richtung Korea seine globale Präsenz künftig ausbauen sollte.

Den Autoritarismus der Vergangenheit abstreifen
Die mit Internet und sozialen Medien einhergehende Verbreitung der Digitalkultur ist von nicht geringer Bedeutung für das verstärkte Aufkommen von Individualismus in der koreanischen Gesellschaft, die lange Zeit von Familismus und Nationalismus geprägt war. Das traditionelle patriarchalische Gesellschaftssystem und der Elitarismus der Entwicklungsjahre haben im heutigen, vom Internet geprägten öffentlichen Bewusstsein an Gültigkeit eingebüßt. Individuen, die zuvor nur Bestandteile der Masse waren, haben begonnen, ihre persönlichen Geschmacksvorlieben und Meinungen in den digitalen Netzwerken offenzulegen.

Dieser Bruch mit der autoritären Vergangenheit zeigt sich am deutlichsten in der Populärkultur. Die einst vertikale Beziehung zwischen Stars und Fans wurde gegenseitiger und interaktiver. Die Öffentlichkeit betrachtete Prominente zudem nicht länger als Objekte der Verehrung, sondern als Individuen, mit denen sie sich identifizieren konnte. In manchen Fällen gaben die Fans sogar Ratschläge für eine wünschenswerte Karriereausrichtung ihres Stars. Diese Art von Fandom-Kultur, die in den 1990er Jahren aufkam, könnte eine erste Andeutung der jetzigen Beziehung zwischen BTS und ihrem Fandom ARMY gewesen sein.

Das Fandom von BTS unterscheidet sich von dem anderer Idolgruppen darin, dass der soziale Medienraum, in dem die Fans interagieren, eine globale Bühne ist, deren Reichweite über Sprachen und Nationalitäten hinausgeht. Anders ausgedrückt: ARMY ist ein Ergebnis der Ausweitung der digitalen Demokratisierung und der dadurch hervorgerufenen Erstarkung des Bewusstseins der Masse, die in den letzten Jahrzehnten enorme Veränderungen in der koreanischen Gesellschaft bewirkt hatten, auf die globale Ebene.

Poster der Welttournee 2018 Love Yourself, zu der Stationen in den USA, Kanada, Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Japan gehörten. Von links: j-hope, V, RM, Jung Kook, Jimin, Jin und SUGA.

In die Welt hinein
Seine geopolitische Lage ließ Korea auf der Suche nach Wachstumsmöglichkeiten den Blick stets aufs Ausland richten. Während der Entwicklungsphase wurden fehlende Ressourcen importiert, verarbeitet und als Endprodukte exportiert, um neue Wachstumsimpulse zu schaffen. Doch der „koreanische Standard“, der in kurzer Zeit ein komprimiertes Wachstum ermöglichte, hat längst an Schubkraft verloren. In der globalisierten Welt von heute, in der die digitale Interkonnektivität immer weiter fortschreitet, sind die bestehenden Standards nicht länger unfehlbare Garanten für Prosperität. An diesem kritischen Punkt hat BTS Möglichkeiten für einen neuen Sprung nach vorn aufgezeigt.

Die globale Natur ihres Fandoms bedeutet letztendlich, dass BTS zur Schaffung von emotionaler Empathie mit seinen Fans nach Universalität streben muss. Wie die jungen Künstler mit ihren Fans in aller Welt interagieren und empathisieren, könnte durchaus Hinweise darauf geben, in welche Richtung Korea seine globale Präsenz künftig ausbauen sollte.

Das ganze Land ist hocherfreut über den internationalen Starruhm von BTS, und das nicht nur wegen seiner Beispiellosigkeit für koreanische Künstler, sondern auch, weil er darauf hindeutet, dass die koreanische Gesellschaft aus dem historisch bedingten engen Rahmen nationaler und regionaler Beschränkungen ausbricht und sich weiter in die Welt hinein bewegt.

Jung Duk-hyunPopulärkulturkritiker

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