Anders als die Aufzeichnungen von Flüchtlingen, in denen die grausame Lage in Nordkorea angeklagt wird,zieht derzeit der Erzählband eines noch in Nordkorea lebenden Dissidenten wegen seiner hervorragendenliterarischen Beschreibung der Alltagsrealität die Aufmerksamkeit auf sich. Der Erzählband DieDenunziation: Erzählungen aus Nordkorea, schaffte es über die Grenze des abgeschotteten Landes undwurde nach seiner Veröffentlichung in Seoul 2014 in viele Sprachen übersetzt.
In den Augen des Westens ist nordkoreanische Literatur nicht vielmehr als ein Instrument zur Verherrlichung und Idolisierung derdrei Generationen überspannenden Diktatur der Kim-Dynastie.Tatsächlich basiert die nordkoreanische Literatur immer noch aufder Herrschaftsideologie des Großen Führers, der in seiner Neujahrsansprachedie Richtung der nordkoreanischen Literatur undderen Inhalte vorgibt.
Lobpreis des Regimes und Kritik der Gesellschaft
Dennoch wäre es falsch, anzunehmen, dass es in der nordkoreanischenLiteratur nur um Lobpreisung des Regimes geht. DieDichterin Choi Jin-i (58), die einst zur Poesie-Abteilung des Zentralkomiteesder Chosun Schriftsteller-Vereinigung gehörte und1988 aus Nordkorea flüchtete, erklärte, dass diese gängige Annahmeso nicht der Realität entspreche: „Viele hier im Süden denken,dass nordkoreanische Schriftsteller nur das Regime verherrlichen,aber das stimmt nicht. In der autoritär regierten nordkoreanischenGesellschaft scheint es an der Oberfläche zwar hauptsächlichRegime-glorifizierende Werke zu geben, aber es gibt auch vieleBeispiele, die belegen, dass Autoren, die solche Werke produzieren,als extreme Kriecher gelten, denen die Grundbegriffe der Literaturfehlen.“
Choi sagte, dass selbst Mitglieder der Chosun Schriftsteller-Vereinigungim Beisammensein mit Kollegen, denen sie trauten, ihrerUnzufriedenheit mit dem Regime manchmal Luft gemacht hätten.Ein Dichter, der Staatsgründer Kim Il-sung und seinen Sohn KimJong-il in vielen Werken gepriesen hatte, wurde schwer getadelt:„Wie kannst gerade du, der privat immer so über die beiden Kimsherzieht, dermaßen viele Lobgedichte schreiben?“ Er antworteteausweichend: „Beim Schreiben habe ich an meinen Gott gedacht,nicht an die Kims. Na und?“ Es heißt, dass Kim Jong-il einmal einsder preisenden Gedichte der Schriftsteller-Vereinigung mit demKommentar „Da stehen einem ja die Haare zu Berge!“ abgelehnthaben soll.
Als gesellschaftskritische Darstellungen unter Voraussetzung derWahrung der intrinsischen Autonomie von Literatur und des sozialistischenSystems vorsichtig gebilligt wurden, interessierten sichdie nordkoreanischen Schriftsteller immer mehr für verschiedeneProbleme des realen Alltags wie Liebe, Berufswahl, Scheidung,Entwicklungsgefälle zwischen Stadt und Land oder Heterogenitätder Generationen.
Beispielsweise sind Hymne an die Jugend (1987) von Nam Daehyeonund Die Freunde (1988) von Baek Nam-Ryong derart fernabvon jeglichen ideologischen Untertönen, dass sie Ende der90er Jahre sogar in Südkorea veröffentlicht wurden. Hymne an dieJugend beschäftigt sich mit der sittlich-moralischen Grundhaltungder Liebe zwischen Mann und Frau, verkörpert durch das lobenswerteLeben junger Intellektueller, Wissenschaftler und Techniker.Die Freunde, ein Roman über Scheidung, der in Nordkorea auf derBestsellerliste stand, rief nach seiner Übersetzung ins FranzösischeDes Amis, 2011) großes Interesse bei ausländischen Lesernhervor. Es ist das allererste nordkoreanische Werk, das in Europaveröffentlicht wurde. Der historische Roman Hwang Jin-i des nordkoreanischenSchriftstellers Hong Seok-jung sorgte 2002 bei seinerVeröffentlichung in Pjöngjang für eine Sensation. Übrigens ist Hongder Enkel des südkoreanischen Schriftstellers Hong Myong-hui(1888-1968), Verfasser der historischen Saga Im Kkeokjeong, die inbeiden Koreas viel gepriesen und gelesen wird.
Das kontroverse Werk von Bandi, des Schriftstellers ohneGesicht
Dissidentenliteratur ist im Norden verboten. Jeder, der in einemliterarischen Werk explizite Kritik am Regime übt, riskiert Einkerkerungin ein Arbeitslager für politische Häftlinge. Unter solchenUmständen hat das Buch eines in Nordkorea lebenden Schriftstellers„ohne Gesicht“ es geschafft, in Südkorea und vielen anderenLändern die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: Der ErzählbandDie Denunziation stammt aus der Feder eines nordkoreanischenSchriftstellers, der den Künstlernamen Bandi (Glühwürmchen) verwendet.Als Bandi in Frankreich „Solschenizyn Nordkoreas“ tituliertwurde, wuchs seine Berühmtheit weiter. Hinter dem Pseudonym„Bandi“, das der Autor selbst wählte, steckt der Wille, wie ein „nurim Dunkeln leuchtendes Glühwürmchen“ die dunkle Realität inNordkorea ans Licht zu bringen.
Bandis Situation ähnelt sehr der des Literatur-NobelpreisträgersAlexander Solschenizyn in der einstigen Sowjetunion. Wie der regimekritischeRusse widersetzt sich auch Bandi dem politischenSystem seiner Heimat und musste die Manuskripte zur Publikationaußer Landes schmuggeln. Die Literatur der mittlerweile zerfallenenSowjetunion begann erst auf allgemeines Interesse inder Welt zu stoßen, als Solschenizyns Ein Tag im Leben des IwanDenissowitsch und Der Archipel Gulag die Gräueltaten der DiktaturStalins ans Licht brachten. Bei Bandi könnte man sagen, dass erstdurch die Veröffentlichung von Die Denunziation das internationaleInteresse an der nordkoreanischen Dissidenten-Literatur gewecktwurde.
Die sieben Erzählungen des Bandes beschreiben realitätsnah daselende Leben, das Nordkoreaner mit ganz unterschiedlichem Hintergrundunter der Kim-Diktatur führen. Die Erzählungen unterscheidensich zwar in Thema und Handlung, sie stehen jedochallesamt unter dem Großthema „Anklage der Herrschaft KimIl-sungs“.
Die Erzählung Die Flucht erzählt in Briefform von einem Mann,der seine Frau verdächtigt, heimlich mit der Pille zu verhüten. Erschreibt Briefe an einen Freund, in dem er seiner Frustration mitdem nordkoreanischen Erb-Kastensystem Luft macht und ihm amEnde seine Entscheidung, fliehen zu wollen, mitteilt. In Die Stadtder Gespenster geht es um eine Familie, die unter der Anklage der„Blasphemie“ von der Hauptstadt Pjöngjang in die hinterste Provinzverbannt wird: Sie hatten die Gardinen ihrer Hochhauswohnungzugezogen, weil der dreijährige Sohn immer einen Krampfanfallbekommen hatte, sobald er bei Militärparaden auf der Straße diePorträts von Kim Il-sung und Karl Marx erblickte. So nah und dochso fern erzählt die herzergreifende Geschichte eines Mannes, demes verwehrt ist, seine im Sterben liegende Mutter zu besuchen. Erkann sich zwar heimlich in einen Zug schleichen, wird aber schonbald bei einer Sicherheitskontrolle erwischt, da ihm die vorgeschriebeneReisegenehmigung fehlt.
Die letzte Erzählung ist Der rote Pilz. Darin ruft ein nordkoreanischerJournalist, der das Hauptquartier der KommunistischenArbeiterpartei als „giftigen roten Pilz“ beschreibt, zum Umsturzdes Kim-Regimes auf: „Rupft diesen giftigen Pilz aus diesem Land,nein, aus der Welt, ein für allemal!“ Die thematische Reihenfolgeder sieben Erzählungen in der koreanischen Originalversion spiegeltminutiös die vom Autor beabsichtigte Gradierung der Rebelliongegen das brutale Regime wider: vom zunächst passivem (DieFlucht) zu aktivem Widerstand, bei dem am Ende die Vernichtungdes Hauptquartiers der Kommunistischen Partei als Wiege derDiktatur des Proletariats verlangt wird.
Nordkoreas Solschenizyn
Die Umstände, unter denen das Manuskript 2013 nach Südkoreageschmuggelt wurde, erinnern an eine dramatische Spionagemission:Eine Verwandte des Autors, der die Flucht aus Nordkoreagelang, schaffte es bis nach Seoul. Einige Monate später erzähltesie Do Hee-yoon, dem Vorsitzenden der Bürgerkoalition für dieMenschenrechte von nach Nordkorea Entführten und nordkoreanischenFlüchtlingen, von Bandis Manuskript. Über einen engenchinesischen Freund ließ Do dem Schriftsteller brieflich die Bitteum Übergabe des Manuskripts übermitteln. Nach dem Lesen desBriefs, holte Bandi das Manuskript aus seinem geheimen Aufbewahrungsort,versteckte es in Propagandamaterial wie AusgewählteWerke von Kim Il-sung und Errungenschaften von KimJong-il und überreichte es seinem Helfer.
Das Manuskriptpapier war von solch mangelhaftiger Qualität, dasses aus den 60er oder 70er Jahren zu stammen schien. Das vergilbtePapier verriet, dass der Autor beim Schreiben der Geschichtenfest mit einem Bleistift gedrückt hatte. Den Titel Die Denunziationwählte der Autor selbst und schrieb ihn auf das Manuskript. Auchdas Pseudonym „Bandi“ stammt von ihm. Laut Do Hee-yoon seiBandi 1950 geboren, männlich, und Mitglied der Chosun Schriftsteller-Vereinigung. Es wird jedoch spekuliert, dass Do mit diesenAngaben Bandis wahre Identität schützen möchte. Nach vielen Aufsund Abs gelang es dem NGO-Vorsitzenden, diese Erzählungen vonSeltenheitswert im Mai 2014 zu veröffentlichen.
In Südkorea interessierten sich zunächst nur wenige für BandisWerk. Was für Furore sorgte, waren lediglich die Tatsachen, dasses sich bei dem Autor nicht um einen Flüchtling, sondern um einenoch in Nordkorea lebende Person handelte, und die dramatischeArt und Weise, wie das Manuskript in den Süden geschmuggeltworden war. Einige vermuteten hinter Bandi sogar eine fiktive Person.Daher wurde der wahre Wert und die literarische Qualität desWerkes nicht richtig geschätzt.
Im Gegensatz zur kühlen Reaktion in Südkorea wurde der Erzählbandnach der Erstveröffentlichung der französischen Übersetzungim Jahr 2016 von Kritikern und Lesern mit Begeisterung aufgenommen.Als Pierre Rigoulot, Menschenrechtsaktivist und Direktordes Institut d'Histoire Social, in seinem Vorwort für die französischeAusgabe Bandi als „Solschenizyn Nordkoreas“ bezeichnete, folgtenviele seinem Beispiel. Rigoulot betitelte sein Vorwort mit „Klein istdas Glühwürmchen, groß ist seine Hoffnung“. Tageszeitungen wieLe Figaro und Le Libération, Rundfunkanstalten wie France Inter,France Info und RFI und Zeitschriften wie Marianne berichtetenüber das Buch. Lim Yeong-hee (57), die es ins Französische übersetzte,lobte die Erzählungen wie folgt: „Ich habe schon viele koreanischeWerke ins Französische übertragen, aber noch nie habe ichmich dermaßen intellektuell stimuliert gefühlt wie beim Übersetzenvon Bandis Erzählungen.“ Sie fügte hinzu, dass das Handlungsschemader Erzählungen hervorragend sei.
Die Denunziation wurde in insgesamt 19 Sprachen übersetzt undim Frühjahr 2017 in 21 Ländern wie den USA, Großbritannien, Italien,Kanada, Deutschland, Schweden und Portugal herausgegeben.Die Britin Deborah Smith, die 2016 für ihre englische Übersetzungvon Han Kangs Die Vegetarierin mit dem Man Booker InternationalPrize ausgezeichnet wurde, hat den Erzählband aus Nordkoreains Englische übertragen. Die englische Ausgabe mit dem TitelThe Accusation gehörte zu den zehn Gewinnern des im Herbst 2016vergebenen PEN Translation Prize. In New York riefen koreanischstämmigeAmerikaner eine Kampagne zur Nominierung von Bandials Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis ins Leben.
Der britische Guardian kommentierte: „Der Erzählband des unterdem Pseudonym Bandi schreibenden Autors [...] ist ein äußerstseltenes Beispiel für Prosaliteratur aus dem hermetisch abgeschlossenenDiktaturstaat, [...] und ist auf dem Weg, zu einer internationalenliterarischen Sensation zu werden.“ Das Online-LiteraturmagazinThe Millions setzte den Erzählband auf seine Liste derMost-Anticipated-Books 2017. Die amerikanische FachzeitschriftPublishers Weekly schrieb, dass Bandi „einen seltenen Einblick indas Leben in der wahrhaftig unergründlichen Dunkelheit Nordkoreasgewährt“, während die US-Online-Buchhandlung Amazon ihnfolgendermaßen präsentierte: „Die Denunziation ist eine lebendigeDarstellung der Gesellschaft eines hermetisch abgeschlossenenEinparteienstaates und gleichzeitig ein hoffnungsvolles Zeugnisvon Menschlichkeit und eines reichen Innenlebens, die selbst untersolch inhumanen Umständen fortbestehen.“
Der britische Guardian kommentierte: „Der Erzählband des unter dem Pseudonym Bandischreibenden Autors [...] ist ein äußerst seltenes Beispiel für Prosaliteratur aus dem hermetischabgeschlossenen Diktaturstaat, [...] und ist auf dem Weg, zu einer internationalen literarischenSensation zu werden.“
Verleger und Menschenrechtsaktivisten ausverschiedenen Ländern nahmen am 30. März2017 an einem Lese-Event von Die Denunziationteil, das an der Brücke der Freiheit in derNähe des Imjingak Pavillons südlich der DMZin Paju, Provinz Gyeonggi-do, stattfand.
Hannah Westland vom britischen Verlag Serpent’s Tail, der die englischeVersion herausbrachte, sagte gegenüber dem Guardian, dasses sich bei Die Denunziation um „eine Sammlung perfekt geschriebenerErzählungen“ handele, „die, wie Alexander SolschenizynsWerke, im Angesicht der Macht mit Autorität und Direktheit dieWahrheit sagen“, deren „absurdistischer Satire-Ansatz an IonescosRhinozeros erinnert und deren bissige Scharfsinnigkeit an den großensowjetischen Dissidenten Michail Bulgakow.“
Kim Jong-hoi, Professor für Koreanische Sprache und Literaturan der Kyung Hee University, bemerkt: „In Hinblick auf technischeFinesse bestehen zwar große Unterschiede zwischen Bandi undden zeitgenössischen südkoreanischen Schriftstellern, doch wennman bedenkt, dass das offizielle Ziel der nordkoreanischen Literaturin der Glorifizierung der Kim-Dynastie besteht, darf das schriftstellerischeKönnen nicht allein an der Finesse gemessen werden.Das Gewicht sollte vielmehr auf den Geist des Widerstandes, deraus der direkten Anklage des Regimes spricht, gelegt werden.“
Inmitten der begeisterten Aufnahme des Werks im Ausland wurdedie südkoreanische Version von Die Denunziation drei Jahre nachder Ersterscheinung von einem anderen Verlag neu herausgegeben.Diese in neuem Einband erschienene Ausgabe ist zwecksBetonung des literarischen Werts dem Originalskript weitestgehendtreu geblieben. Der Verlag Dasan Books erklärt dazu: „DieNeuausgabe wird den Lesern ein völlig anderes Gefühl vermittelnals die ältere Version. Wir glauben an ihr Marktpotential.“
Nordkoreanische Literatur in den Augen der Südkoreaner
Es ist anzumerken, dass in vielen Fällen die Werke nordkoreanischerFlüchtlinge mehr Aufmerksamkeit im Ausland als in Südkoreafinden. 2012 gewann der nordkoreanische Flüchtling undDichter Jang Jin-sung mit seiner Gedichtsammlung I Am SellingMy Daughter for 100 Won, die das elende Leben der Nordkoreanerwahrheitsgetreu beschreibt, den Rex Warner Literary Prize. 2014veröffentlichte er die Essaysammlung Dear Leader, die es auf denzehnten Platz der britischen Bestsellerliste schaffte. Kim Yu-Gyong,die früher als Mitglied der nordkoreanischen Chosun Schriftsteller-Vereinigung schrieb und 2000 in den Süden flüchtete, veröffentlichte2016 den Roman Ingan Modokso (Camp for Defiling HumanBeings), dessen Publikationsrechte von dem französischen VerlagÉditions Philippe Picquier erworben wurden. Dass die Werkeder nordkoreanischen Flüchtlinge im Ausland geschätzt werden,scheint an dem lebendigen Realismus zu liegen, der sich aus denpersönlichen Erfahrungen der Autoren ergibt.
Das relativ geringe Interesse der südkoreanischen Leserschaft annordkoreanischer Literatur dürfte darin begründet sein, dass sieweniger neugierig in Bezug auf Leben und Gesellschaft in Nordkoreasind. Da Südkorea nur einen Katzensprung von Nordkorea aufder anderen Seite der DMZ entfernt liegt, erfahren die Südkoreaneralltäglich Neues über die tragische Realität im Norden, weshalbnordkoreanische Literatur mit ähnlichen Inhalten kaum ihr Interessezu wecken vermag. Ähnlich verhält es sich mit dem Phänomen,dass Amerikaner oder Europäer die atomare Bedrohung durchNordkoreas Atomprogramm oder den möglichenden Ausbrucheines zweiten Koreakrieges ernster nehmen als die Südkoreaner,die an diese „chronische Gefahr“ gewöhnt und entsprechend abgestumpftsind. Daher neigen auch viele Südkoreaner dazu, nordkoreanischeLiteratur hauptsächlich unter ideologischem Gesichtspunktzu betrachten, anstatt den Wert der literarischen Darstellungauthentischer Lebenserfahrungen zu würdigen.